Выбрать главу

Egwene öffnete die Augen in völliger Dunkelheit, nur durch ein wenig Mondschein unterbrochen, der durch den Rauchabzug hereinfiel. Sie war froh, unter einem ganzen Deckenstapel zu liegen, denn das Feuer war erloschen, und eisige Kälte erfüllte das Zelt. Ihr Atem stand als Nebelhauch vor ihrem Mund. Ohne den Kopf zu heben, suchte sie das Zeltinnere ab. Keine Weisen Frauen. Sie war noch allein.

Davor hatte sie bei ihren einsamen Ausflügen nach Tel'aran'rhiod am meisten Angst: daß sie bei ihrer Rückkehr Amys oder eine der anderen bereits im Zelt erwarten könnte. Nun, vielleicht war es nicht das Allerschlimmste; schließlich waren die Gefahren in der Welt der Träume wirklich so, wie sie sie Nynaeve geschildert hatte. Doch nicht die Strafe war es, vor der sie sich fürchtete, jedenfalls nicht die Art von Bestrafung, wie sie gewöhnlich durch Bair ausgesprochen wurde. Das hätte sie gern akzeptiert, wenn sie erwachen und eine der Weisen Frauen vorfinden würde, aber Amys hatte ihr gleich zu Beginn gesagt, falls sie ohne eine von ihnen als Begleitschutz Tel'aran'rhiod beträte, würde man sie wegschicken. Sie würden sich weigern, sie noch weiter zu unterrichten. Davor zitterte sie viel mehr als vor allen möglichen Strafen. Trotzdem mußte sie vorwärtskommen. So schnell die Weisen Frauen sie auch unterwiesen — es war nicht schnell genug. Sie wollte auf der Stelle alles wissen, alles.

Sie griff nach der Macht, entzündete ihre Lampe und ließ Flammen aus der Feuergrube hervorzüngeln. Es war wohl kein Brennstoff mehr vorhanden, aber sie verknotete das Gewebe und ließ es weiterbrennen. Dann lag sie da, beobachtete ihren Nebelatem und wartete darauf, daß es warm genug wurde, um sich anzuziehen. Es war wohl spät, aber vielleicht war Moiraine trotzdem noch wach.

Was mit Nynaeve geschehen war, verblüffte sie immer noch. Ich glaube, sie hätte das Zeug wirklich getrunken, wenn ich sie gezwungen hätte. Sie hatte solche Angst ausgestanden, Nynaeve könne herausbekommen, daß sie keineswegs die Erlaubnis der Weisen Frauen hatte, allein die Welt der Träume zu durchforschen. Sie war sicher gewesen, ihr Erröten habe sie verraten, und deshalb hatte sie Nynaeve einfach vom Sprechen abhalten müssen, damit sie keine peinlichen Fragen stellte und vielleicht die Wahrheit herausfand. Weil sie sich so lebhaft vorgestellt hatte, wie Nynaeve trotz allem die Wahrheit erfuhr — und die Frau war imstande, sie zu verraten und dann noch zu behaupten, es sei zu ihrem eigenen Besten —, hatte sie immer weiter geredet und nicht lockergelassen, über Nynaeves eigene Fehler zu sprechen, sie in die Enge zu treiben. Ganz gleich, wie sie sich auch über Nynaeve aufregte: sie hatte es nicht fertiggebracht, sie auch nur einmal anzuschreien. Und mit dieser Taktik hatte sie tatsächlich die Oberhand gewonnen!

Wenn sie es recht bedachte, dann erhob Moiraine nur selten ihre Stimme, und wenn sie es tat, war es nicht so wirkungsvoll, und sie erreichte meist nicht, was sie eigentlich wollte. Das war schon so gewesen, bevor sie sich Rand gegenüber so eigenartig zu benehmen begann. Die Weisen Frauen schrien auch niemals jemanden an —höchstens gelegentlich sich gegenseitig —, und trotz all ihrer Beschwerden, daß die Häuptlinge nicht mehr auf sie hörten, schienen sie doch zumeist zu bekommen, was sie wollten. Es gab da ein altes Sprichwort, das sie früher nie richtig verstanden hatte: ›Er bemüht sich, ein Flüstern zu hören, obwohl er sich weigert, einen Schrei wahrzunehmen. ‹ Sie würde Rand nicht mehr anschreien. Eine ruhige, feste, frauliche Stimme, das war das Richtige. Und was das betraf, würde sie auch Nynaeve künftig nicht mehr anschreien, denn sie war eine Frau und kein kleines Mädchen mehr, das noch Trotzanfälle bekam.

Sie ertappte sich beim Kichern. Gerade bei Nynaeve sollte sie die Stimme nicht mehr erheben, wenn doch die ruhige Art solche Resultate hervorbrachte.

Das Zelt erschien ihr endlich warm genug, und so kroch sie unter den Decken hervor, um sich anzukleiden. Nachdem sie sich mit fast zu Eis gefrorenem Wasser den Schlaf aus dem Gesicht gewaschen hatte, legte sie sich den dunklen Wollumhang um und löste die Stränge aus Feuer, denn Feuer war zu gefährlich, wenn man es unbeaufsichtigt gebunden zurückließ. Als die Flammen verschwanden, duckte sie sich und trat aus dem Zelt. Die Kälte umschloß sie wie eine eisige Hand, während sie durch das Lager eilte.

Nur die nächstgelegenen Zelte waren zu sehen. Die schattenhaften Umrisse hätten auch ein Teil der hügeligen Landschaft sein können, doch das Lager erstreckte sich meilenweit nach allen Seiten in das Bergland hinein. Die hohen, zerklüfteten Gipfel waren jedoch noch nicht das Rückgrat der Welt; das war viel höher und lag noch Tage weit entfernt im Westen.

Zögernd näherte sie sich Rands Zelt. Die Klappe stand ein klein wenig offen, und Licht fiel heraus. Als sie näher kam, schien eine Tochter des Speers aus dem Boden hervorzuwachsen. Auf ihrem Rücken hing ein Hornbogen, der Köcher an der Hüfte, und in den Händen hielt sie Schild und Speere. Egwene konnte keine weiteren mehr in der Dunkelheit ausmachen, aber sie wußte, daß noch mehr Wächterinnen das Zelt umstanden, selbst hier in einem Lager von sechs Clans, die alle dem Car'a'carn Treue geschworen hatten. Die Miagoma befanden sich irgendwo im Norden und marschierten parallel zu ihnen. Timolan sagte noch nicht, was er beabsichtigte. Rand schien es gleich zu sein, wo sich die übrigen Clans aufhielten. Seine ganze Aufmerksamkeit galt dem Wettlauf zum Jangai-Paß.

»Ist er wach, Enaila?« fragte sie.

Mondschatten schoben sich über das Gesicht der Tochter, als sie nickte. »Er schläft nicht genug. Auch ein Mann kann doch nicht ohne Schlaf auskommen.« Ausgerechnet sie klang wie eine Mutter, die sich Sorgen um den Sohn macht.

Ein Schatten neben dem Zelt rührte sich und wurde zu Aviendha. Sie hatte sich den Schal umgewickelt. Die Kälte schien ihr nichts auszumachen, wohl aber die späte Stunde. »Ich würde ihm ein Schlaflied singen, wenn ich glauben könnte, daß es wirkte. Ich habe davon gehört, daß Frauen eines Kindes wegen die ganze Nacht durchwachen müssen, aber ein erwachsener Mann sollte eigentlich wissen, daß andere lieber schlafen möchten.« Sie und Enaila lachten leise.

Egwene schüttelte den Kopf über das seltsame Aiel-Gebaren und bückte sich, um durch den Spalt zu spähen. Mehrere Lampen beleuchteten das Innere. Er war nicht allein. Nataels dunkle Augen wirkten abgespannt, und er unterdrückte ein Gähnen. Er zumindest sehnte sich nach Schlaf. Rand lag ausgestreckt neben einem der vergoldeten Lampenständer und las in einem zerfleddert wirkenden ledergebundenen Buch. Die eine oder andere Übersetzung der Prophezeiungen des Drachen, falls sie ihn noch gut genug kannte. Mit einemmal blätterte er zurück, las und lachte lauthals. Sie versuchte, sich einzureden, daß an diesem Lachen nichts Wahnsinniges festzustellen sei, höchstens Bitterkeit. »Ein schöner Witz«, sagte er zu Natael, klappte das Buch zu und warf es dem Gaukler hinüber. »Lest einmal Seite zweihundertsiebenundachtzig und dann Seite vierhundert und sagt mir, ob Ihr der gleichen Meinung seid.«

Egwene verzog den Mund, als er sich aufrichtete. Er sollte wirklich etwas schonender mit einem Buch umgehen. Sie konnte jetzt nicht mit ihm sprechen; nicht vor dem Gaukler. Es war eine Schande, daß er einen Mann brauchte, den er kaum kannte, um ihm Gesellschaft zu leisten. Nein. Er hatte doch Aviendha und oft genug die Häuptlinge, und jeden Tag Lan und manchmal auch Mat. »Warum gehst du nicht zu ihnen hinein, Aviendha? Wenn du drinnen wärst, würde er vielleicht auch einmal über etwas anderes reden als über dieses Buch.«

»Er wollte aber mit dem Gaukler reden, Egwene, und das tut er nur selten vor mir oder anderen. Wenn ich nicht gegangen wäre, dann hätte er mit Natael das Zelt verlassen.«

»Kinder machen einem große Sorgen, habe ich gehört«, lachte Enaila. »Und Söhne sind am schlimmsten. Du findest möglicherweise die Wahrheit dessen auch für mich mit heraus, ja, nachdem du nun den Speer aufgegeben hast.« Auf Aviendhas mondbeleuchteter Stirn zeigte sich ein kritisches Runzeln, und sie stolzierte wie eine beleidigte Katze zurück an ihren Platz an der Seite des Zelts. Enaila hielt das wohl auch wieder für lustig. Sie hielt sich vor Lachen die Seiten.