Egwene knurrte etwas vom typischen Humor der Aiel in sich hinein, den sie sowieso nicht verstand, und machte sich zu Moiraines Zelt auf, das unweit von dem Rands aufgeschlagen worden war. Auch hier entdeckte sie einen schmalen Lichtstreifen an der Öffnung und wußte, daß die Aes Sedai noch wach war. Moiraine benutzte gerade die Macht, wohl nur in winzigen Mengen, doch es reichte, um für Egwene spürbar zu sein. Lan lag schlafend neben dem Zelt. Er war in seinen Behüterumhang gehüllt, und abgesehen von seinem Kopf und den Stiefeln verschmolz sein Körper mit der Nacht, war ein Teil von ihr. Sie raffte ihren Umhang enger zusammen, hob den Rock und ging auf Zehenspitzen vorbei, um ihn nicht zu wecken.
Seine Atmung änderte den Rhythmus nicht, aber irgend etwas ließ sie noch einmal auf ihn herabblicken. Der Mondschein glitzerte in seinen geöffneten Augen, mit denen er sie beobachtete. Als sie sich wieder abwandte, bemerkte sie noch, wie sich seine Augen wie der schlossen. Kein Muskel regte sich ansonsten bei ihm, als sei er überhaupt nicht aufgewacht. Manchmal machte der Mann sie einfach nervös. Was Nynaeve in ihm sah, konnte sie nicht nachvollziehen.
Sie kniete sich neben den Zelteingang und spähte hinein. Moiraine saß da, von der glühenden Aura Saidars umgeben. Der kleine blaue Edelstein, der normalerweise auf ihrer Stirn hing, baumelte direkt vor ihrem Gesicht an seiner Kette in ihrer erhobenen Hand. Auch er glühte und fügte sein kleines Licht dem der einzigen Lampe im Zelt hinzu. In der Feuergrube lag nur Asche, und selbst der Geruch des Feuers war verflogen.
»Darf ich hereinkommen?«
Sie mußte die Frage wiederholen, bis Moiraine antwortete: »Natürlich.« Das Glühen Saidars verflog, und die Aes Sedai befestigte die dünne Goldkette mit dem Stein wieder in ihrem Haar.
»Habt Ihr Rand wieder belauscht?« Egwene setzte sich neben die andere. Hier im Zelt war es genauso kalt wie draußen. Sie entzündete mit Hilfe der Macht Flammen über der Asche in der Feuergrube und verknotete den Strang. »Ihr habt doch versprochen, daß Ihr es nicht wieder tut.«
»Ich sagte, da die Weisen Frauen ja seine Träume überwachen können, sollten wir ihm etwas mehr Privatleben gönnen. Sie haben mich nicht mehr um meine Hilfe gebeten, seit er sie abgeblockt hat, und ich habe sie ihnen nicht angeboten. Denkt daran, daß sie ihre eigenen Ziele haben, die nicht unbedingt mit denen der Burg übereinstimmen müssen.«
So schnell waren sie also zu dem richtigen Thema gekommen. Egwene war sich noch unsicher, wie sie berichten konnte, was sie erfahren hatte, ohne sich den Weisen Frauen gegenüber zu verraten. Wahrscheinlich war die einzige Möglichkeit, alles zu erzählen und dann nach Gefühl zu handeln. »Elaida ist jetzt Amyrlin, Moiraine. Ich weiß nicht, was mit Siuan passiert ist.«
»Woher wißt Ihr das?« fragte Moiraine leise. »Habt Ihr beim Traumwandeln etwas in Erfahrung gebracht? Oder ist Euer Talent als Träumer endlich durchgebrochen?«
Das war ihr Ausweg. Einige der Aes Sedai in der Burg glaubten, sie könne ein Träumer werden, eine Frau, deren Träume die Zukunft vorhersagten. Sie hatte auch tatsächlich Träume, bei denen sie wußte, daß sie bedeutsam waren, aber sie auslegen zu lernen war eine ganz andere Sache. Die Weisen Frauen sagten einfach, die notwendigen Kenntnisse müßten aus ihr selbst heraus erwachsen, und keine der Aes Sedai war ihr eine Hilfe gewesen. Rand, der auf einem Stuhl saß, und irgendwie wußte sie, daß die Besitzerin des Stuhls unglaublich zornig war, weil er ihren Stuhl genommen hatte. Doch ansonsten war die Tatsache, daß die Eigentümerin des Stuhls eben eine Frau war, das einzige, was sie aus dem Traum ablesen konnte. Mehr wußte sie nicht darüber. Manchmal waren die Träume recht komplex: Perrin, der mit Faile auf dem Schoß dasaß und sie küßte, während sie mit dem kurzgeschnittenen Bart spielte, den er in ihrem Traum trug. Hinter ihnen flatterten zwei Flaggen: ein roter Wolfskopf und ein karmesinfarbener Adler. Ein Mann in einem leuchtend gelben Kurzmantel stand gleich neben Perrins Schulter. Er hatte ein Schwert auf den Rücken geschnallt, aber trotzdem wußte sie, daß er ein Kesselflicker war. Doch kein Kesselflicker würde je ein Schwert berühren. Und jede Einzelheit an diesem Traum bis auf den Bart erschien ihr wichtig. Die Flaggen, daß Faile Perrin küßte, sogar der Kesselflicker. Jedesmal, wenn er etwas näher an Perrin heranrückte, war es, als durchdringe eine eisige Weltuntergangsahnung alles. Ein anderer Traum: Mat warf die Würfel mit blutüberströmtem Gesicht. Er hatte die breite Hutkrempe tief heruntergezogen, so daß sie seine Wunde nicht sehen konnte. Daneben steckte Thom Merrilin seine Hand in ein Feuer, um daraus den kleinen blauen Stein hervorzuziehen, der nun auf Moiraines Stirn hing. Oder sie träumte von einem Gewitter: Mächtige dunkle Wolken türmten sich ganz ohne Wind oder Regen, während gezackte Blitze — alle identisch — die Erde aufwarfen. Sie hatte die richtigen Träume, doch bisher war sie als Träumer eine Versagerin gewesen.
»Ich sah einen Steckbrief, in dem Ihr gesucht wurdet, Moiraine, unterzeichnet von Elaida als Amyrlin. Und es war kein gewöhnlicher Traum.« Das stimmte ja auch. Es war nur nicht die ganze Wahrheit. Sie war mit einemmal froh, daß sich Nynaeve nicht hier befand. Wenn sie hier wäre, dann würde diesmal ich in die Tasse blicken.
»Das Rad webt, wie das Rad es eben wünscht. Vielleicht spielt es nun doch keine so große Rolle mehr, ob Rand die Aiel über die Drachenmauer führt. Ich bezweifle, daß Elaida deshalb mit den einzelnen Herrschern verhandelt, selbst wenn sie weiß, daß Siuan es getan hat.«
»Ist das alles, was Ihr zu sagen habt? Ich glaubte, Siuan sei einst Eure Freundin gewesen, Moiraine. Könnt Ihr um sie keine Träne vergießen?«
Die Aes Sedai blickte sie an, und dieser kühle, würdevolle Blick sagte ihr, wie weit sie selbst noch kommen müsse, um diesen Titel ebenfalls verdient zu haben. Im Sitzen war Egwene beinahe um einen Kopf größer, und sie war um einiges stärker, was den Gebrauch der Macht betraf, doch es war mehr an einer Aes Sedai als nur die Kraft. »Ich habe keine Zeit für Tränen, Egwene. Die Drachenmauer liegt nun nur noch wenige Tagesreisen entfernt, und die Alguenya... Siuan und ich waren einst Freundinnen. In ein paar Monaten werden es insgesamt einundzwanzig Jahre, seit wir unsere Suche nach dem Wiedergeborenen Drachen begannen. Nur wir beide waren es damals, zwei, die gerade erst zu Aes Sedai erhoben worden waren. Kurz danach wurde Sierin Vayu zur Amyrlin erwählt, eine Graue, die mehr als nur ein bißchen von den Roten beeinflußt war. Hätte sie erfahren, was wir vorhatten, dann hätten wir den Rest unseres Lebens damit verbracht, Strafdienst zu leisten, während uns Rote Schwestern selbst noch im Schlaf bewachten. Es gibt ein Sprichwort in Cairhien, das ich allerdings auch schon weit entfernt in Tarabon und Saldaea gehört habe: ›Nimm, was du willst, und zahle dafür.‹ Siuan und ich schlugen den Pfad ein, den wir nehmen wollten, und es war uns klar, daß wir irgendwann dafür bezahlen müßten.«
»Ich verstehe trotzdem nicht, wie Ihr so ruhig sein könnt. Siuan könnte tot sein oder vielleicht sogar einer Dämpfung unterzogen. Elaida wird entweder Rand ganz und gar feindlich gegenüberstehen oder versuchen, ihn bis Tarmon Gai'don irgendwo festzusetzen. Ihr wißt, sie wird niemals einen Mann frei herumlaufen lassen, der die Macht lenken kann. Wenigstens stehen nicht alle hinter Elaida. Einige der Blauen Ajah versammeln sich irgendwo — ich weiß noch nicht, an welchem Ort —, und ich glaube, auch andere haben die Burg verlassen. Nynaeve berichtet, sie habe eine Botschaft erhalten, daß alle Schwestern gebeten werden, zur Burg zurückzukehren. Eine der Augen-und-Ohren der Gelben sagte ihr das. Wenn die Blauen und Gelben beide weg sind, sind bestimmt auch noch andere geflohen. Und wenn sie sich gegen Elaida stellen, werden sie möglicherweise Rand unterstützen.«