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Kaum waren sie außer Sicht, da stand Elayne auf. »Nana, ich brauche dich oben.« Frau Jharen tauchte an ihrer Seite auf und fragte, ob ihnen das Frühstück geschmeckt habe, worauf Elayne lediglich sagte: »Ich benötige sofort meinen Kutscher und den Lakaien. Nana wird die Rechnung bezahlen.« Sie war bereits unterwegs zur Treppe, als sie noch nicht einmal ausgesprochen hatte.

Nynaeve blickte hinter ihr her, kramte dann ihre Geldbörse hervor und bezahlte die Frau. Sie versicherte ihr auch, daß ihre Herrin keinerlei Klagen habe. Bei dem Preis zuckte sie aber doch leicht zusammen. Sobald sie die Frau los war, eilte sie hinauf. Elayne stopfte bereits ihre Sachen in die Koffer, gleich, wo sie landeten. Sogar die schweißnassen Hemden, die sie zum Trocknen auf die Bettgestelle gehängt hatten, wanderten mit hinein.

»Elayne, was ist los?«

»Wir müssen sofort weg, Nynaeve. Sofort.« Sie blickte nicht auf, bevor nicht das letzte Gepäckstück verstaut war. »Genau in dieser Minute, wo er jetzt auch sein mag, knobelt Galad an einem Problem herum, wie es ihm noch nie untergekommen ist. Zwei Dinge, die beide rechtens sind, sich aber vollkommen widersprechen. Seinem Verständnis nach ist es richtig, mich notfalls auf ein Packpferd zu binden und zu Mutter zu schleppen, um sowohl ihre Sorgen zu lindern, wie auch mich davor zu bewahren, eine Aes Sedai zu werden, ob ich nun will oder nicht. Und es ist auch richtig, uns auszuliefern, entweder den Weißmänteln oder dem königlichen Heer oder beiden. Das ist Gesetz in Amadicia und auch Gesetz bei den Weißmänteln. Aes Sedai sind hier geächtet, genau wie jede Frau, die in der Burg ausgebildet wurde. Mutter ist einst mit Ailron zusammengetroffen, um einen Handelsvertrag zu unterzeichnen, und das mußten sie in Altara tun, weil Mutter Amadicia nicht betreten durfte. Ich habe nach Saidar gegriffen, sobald ich ihn erblickte, und ich werde nicht davon lassen, bis wir weit weg von ihm sind.«

»Du übertreibst doch sicher, Elayne. Er ist dein Bruder!«

»Er ist nicht mein Bruder!« Elayne holte tief Luft und atmete dann langsam wieder aus. »Wir hatten den gleichen Vater«, sagte sie mit ruhigerer Stimme, »aber er ist nicht mein Bruder. Ich erkenne ihn nicht an. Nynaeve, ich habe dir das immer wieder gesagt, doch du willst es nicht begreifen. Galad tut, was richtig und rechtens ist. Immer. Er lügt niemals. Hast du gehört, was er diesem Burschen Trom gesagt hat? Er hat nicht gesagt, er wisse nicht, wer wir sind. Jedes Wort, das er sprach, entsprach auch der Wahrheit. Er tut, was recht ist, gleich, wen er dabei verletzt, und wenn er selbst der betroffene ist. Oder ich. Er hat Gawyn und mich immer verpetzt, bei jeder Gelegenheit, und er hat sogar sich selbst verpetzt. Wenn er die falsche Entscheidung trifft, warten die Weißmäntel bereits auf uns, bevor wir den Rand des Dorfes erreicht haben.«

An der Tür ertönte ein Klopfen und Nynaeve hielt unwillkürlich die Luft an. Sicher würde doch Galad nicht... Elayne machte eine entschlossene, kampfbereite Miene.

Zögernd öffnete Nynaeve die Tür einen Spaltbreit. Es waren Thom und Juilin. Letzterer trug diesen närrischen Hut in der Hand. »Die Lady wünschte uns zu sehen?« fragte Thom mit einem Hauch jener Unterwürfigkeit, die jeder zufällige Zuhörer erwartet hätte.

Sie war wieder zu atmen in der Lage, und jetzt war ihr ganz gleich, wer lauschte. Sie riß die Tür vollends auf. »Herein mit Euch, Ihr beiden!« Sie hatte langsam genug davon, daß jeder erst einmal den anderen anblickte, wenn sie mit ihnen sprach.

Bevor sie die Tür auch nur geschlossen hatte, sagte Elayne: »Thom, wir müssen sofort abfahren.« Ihre Miene wirkte nun nicht mehr so entschlossen, sondern eher ängstlich. So klang auch ihre Stimme. »Galad ist hier. Ihr erinnert Euch bestimmt daran, welches Ungeheuer er schon als Kind war. Also, jetzt ist er keineswegs besser, und außerdem ist er nun ein Weißmantel geworden. Er könnte...« Die Worte schienen ihr im Hals steckenzubleiben. Sie blickte Thom an. Ihr Mund bewegte sich, doch es kam nichts heraus. Er blickte sie allerdings mit genauso weit aufgerissenen Augen an wie sie ihn.

Er ließ sich auf eine der Reisekisten fallen, wandte aber den Blick nicht von Elayne. »Ich...« Er räusperte sich erst einmal laut und fuhr fort: »Ich glaubte, ihn gesehen zu haben, wie er die Schenke beobachtete. Ein Weißmantel. Doch er sah aus wie der Mann, der einst aus dem Jungen werden könnte. Ich denke, es sollte uns gar nicht wundern, daß er zu einem Weißmantel heranwuchs.«

Nynaeve ging zum Fenster. Elayne und Thom schienen kaum wahrzunehmen, daß sie zwischen ihnen hindurchging. Auf der Straße wurde der Verkehr langsam lebhaft. Bauern mit ihren Karren und Dorfbewohner vermischten sich mit Weißmänteln und Soldaten. Auf der gegenüberliegenden Seite saß ein Weißmantel auf einem umgekippten Faß. Das makellose Gesicht war unverkennbar.

»Hat er...?« Elayne schluckte. »Hat er Euch erkannt?«

»Nein. Fünfzehn Jahre verändern einen Mann stärker als einen Jungen. Elayne, ich glaubte, Ihr hättet es vergessen.«

»Ich habe mich in Tanchico wieder daran erinnert, Trom.« Mit unsicherem Lächeln streckte Elayne ihre Hand aus und zupfte ihn an einem Ende seines langen Schnurrbarts. Thom lächelte beinahe genauso unsicher zurück. Er wirkte, als überlege er, ob er sich aus dem Fenster stürzen solle.

Juilin kratzte sich am Kopf, und Nynaeve wünschte, sie hätte eine Ahnung, wovon die beiden eigentlich sprachen, doch es gab wirklich wichtigere Dinge im Moment. »Wir müssen trotzdem abreisen, bevor er uns die ganze Garnison auf den Hals hetzt. Es wird nicht leicht, wenn er die Schenke beobachtet. Ich habe keinen anderen Gast gesehen, der aussah, als besitze er eine Kutsche.«

»Unsere ist die einzige, die im Hof steht«, sagte Juilin.

Thom und Elayne blickten sich immer noch gegenseitig an und hörten offensichtlich kein Wort.

Mit geschlossenen Vorhängen abzufahren war also auch keine Lösung. Nynaeve hätte wetten können, daß Galad bereits genau erfahren hatte, wie sie nach Sienda gekommen waren. »Gibt es einen Hinterausgang vom Stallhof aus?«

»Eine Tür, die breit genug ist, daß immer gerade einer von uns durch kann«, sagte Juilin trocken. »Und auf der anderen Seite befindet sich sowieso auch nur eine Art von schmaler Gasse. Es gibt in diesem Dorf nicht mehr als zwei oder drei Straßen, die breit genug sind, um mit der Kutsche durchzukommen.« Er betrachtete diesen zylindrischen Hut, den er in den Händen hin und her drehte. »Ich könnte nahe genug an ihn herankommen, um ihm eins über den Schädel zu verpassen. Wenn Ihr bereit seid, könnt Ihr dann in der allgemeinen Verwirrung wegfahren. Ich kann Euch dann später auf der Straße wieder einholen.«

Nynaeve schnaubte laut. »Wie denn? Auf Schmoller hinterhergaloppieren? Selbst wenn Ihr nicht innerhalb einer Meile aus dem Sattel fallen würdet, glaubt Ihr doch nicht im Ernst, Ihr würdet überhaupt noch ein Pferd erreichen, nachdem Ihr einen Weißmantel auf offener Straße angegriffen habt?« Galad befand sich nach wie vor an seinem Platz dort drüben, und Thom hatte sich ihm angeschlossen. Das Paar plauderte anscheinend angeregt. Sie beugte sich vor und riß kräftig an Thoms Schnurrbart. »Habt Ihr irgend etwas hinzuzufügen? Einen brillanten Plan vielleicht? Ihr hört doch immer auf alle Gerüchte. Hat sich da etwas ergeben, was uns helfen könnte?«

Er schlug eine Hand vors Gesicht und warf ihr einen beleidigten Blick zu. »Nichts, außer Ihr haltet die Tatsache für hilfreich, daß Ailron Anspruch auf irgendein Grenzdorf in Altara erhebt. Einen Landstrich, der sich die ganze Grenze entlangzieht, von Salidar nach So Eban und bis Mosra. Kann das irgendwie helfen, Nynaeve? Tatsächlich? Versucht, einem Mann den Schnurrbart aus dem Gesicht zu reißen! Jemand sollte zur Abwechslung Euch einmal eins hinter die Ohren geben.«

»Warum will Ailron einen ganzen Landstreifen an der Grenze haben, Thom?« fragte Elayne. Vielleicht interessierte sie sich wirklich dafür, denn sie schien immer an jeder törichten Wendung in Politik und Diplomatie interessiert, vielleicht versuchte sie aber auch nur, einen Streit zu verhindern. Sie hatte die ganze Zeit über die Wogen geglättet, bis sie begann, mit Thom zu flirten.