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»Es ist nicht der König, Kind.« Seine Stimme klang im Gespräch mit ihr viel sanfter. »Es ist Pedron Niall. Ailron macht gewöhnlich, was man ihm sagt, obwohl er und Niall so tun, als sei er ganz selbständig. Die meisten dieser Dörfer stehen seit dem Weißmantelkrieg leer. Die Kinder bezeichnen den immer als ›Auseinandersetzung‹. Niall war zu der Zeit der Oberkommandierende des Heeres, und ich bezweifle, daß er den Gedanken jemals aufgegeben hat, Altara zu erobern. Falls er beide Ufer des Eldar beherrscht, kann er den Flußhandel nach Ebou Dar abschnüren, und wenn er dann Ebou Dar erst in der Hand hat, fällt ihm der Rest Altaras zu wie eine reife Frucht.«

»Das ist ja alles schön und gut«, warf Nynaeve entschlossen ein, bevor er oder das Mädchen noch etwas sagen konnte. Irgend etwas an seinen Worten hatte in ihrem Gedächtnis eine Glocke läuten lassen, doch sie konnte nicht sagen, was oder warum. Jedenfalls hatten sie keine Zeit für Unterrichtsstunden über die Beziehungen zwischen Amadicia und Altara, wenn draußen Galad und Trom standen und den Eingang der Schenke beobachteten. Das sagte sie denn auch und fügte noch hinzu: »Wie steht es mit Euch, Juilin? Ihr bewegt Euch doch oft in der Unterwelt.« Der Diebfänger suchte sich immer die Taschendiebe und Einbrecher und Straßenräuber in einer Stadt als Gesellschaft aus, denn er behauptete, sie wüßten mehr von dem, was wirklich vorging, als alle Stadtbeamten. »Gibt es hier Schmuggler, die wir bestechen können, damit sie uns heimlich hinausbringen, oder... oder... Na ja, Ihr wißt doch genau, was wir jetzt brauchen, Mann.«

»Ich habe nur wenig herausbekommen. In Amadicia halten sich die Diebe gut versteckt, Nynaeve. Bei der ersten Verurteilung werden sie gebrandmarkt, bei der zweiten verlieren sie die rechte Hand und bei der dritten werden sie aufgehängt, gleich, ob sie die Königskrone gestohlen haben oder einen Laib Brot. In einem Ort von dieser Größe gibt es nicht viele Diebe, jedenfalls solche, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen« — er verachtete Amateurdiebe —, »und die wollten meistens nur über zwei Dinge sprechen: ob der Prophet tatsächlich nach Amadicia kommt, wie die Gerüchte besagen, und ob die Stadtväter klein beigeben und diese Reisemenagerie doch in den Ort lassen, um ihre Vorführung zu veranstalten. Sienda liegt zu weit von der Grenze entfernt, als daß Schmuggler...«

Sie unterbrach ihn höchst befriedigt: »Das ist es! Die Menagerie!« Sie blickten sie alle an, als sei sie verrückt geworden.

»Selbstverständlich«, sagte Thom in betont sanftem Tonfall. »Wir bringen Luca dazu, seine Keilerpferde hierherzuführen, und dann fliehen wir, während sie noch etwas mehr vom Ort zerstören. Ich weiß nicht, was Ihr ihm gegeben habt, Nynaeve, aber er hat uns einen Stein hinterhergeworfen, als wir wegfuhren.«

Ausnahmsweise einmal vergab ihm Nynaeve den Sarkasmus, so milde er auch gewesen war. Und auch seine Unfähigkeit, zu sehen, was sie sah. »Das mag ja alles sein, Thom Merrilin, aber Meister Luca braucht einen Geldgeber, und Elayne und ich werden seine Gönnerinnen. Wir müssen ja trotzdem die Kutsche und das Gespann zurücklassen und durch den Hinterausgang hinausschleichen.« Das tat weh, denn für den Preis der Kutsche und des Gespanns hätten sie zu Hause an den Zwei Flüssen ein gemütliches Haus bauen können. Sie klappte den Deckel des Koffers mit den blattförmigen Scharnieren auf und kramte zwischen Kleidern und Decken und Töpfen und all dem anderen herum, das sie nicht bei dem Wagen mit den Farbstoffen hatte zurücklassen wollen. Sie hatte dafür gesorgt, daß die Männer alles einpackten bis auf das Pferdegeschirr. Dann fand sie die vergoldeten Schatullen und die Geldbörsen. »Thom, Ihr geht mit Juilin zur Hintertür hinaus und sucht uns irgendeinen Wagen und ein Gespann. Kauft auch etwas Proviant und trefft uns dann an der Straße zurück zu Lucas Lager.« Mit bedauernder Miene füllte sie Thoms Hand mit Goldstücken und machte sich noch nicht einmal die Mühe, nachzuzählen. Sie hatte keine Ahnung, was das alles kosten würde, und sie wollte nicht, daß er ihre Zeit mit langem Feilschen verschwendete.

»Das ist eine tolle Idee«, sagte Elayne grinsend. »Galad wird nach zwei Frauen Ausschau halten und nicht nach einer Truppe von Jongleuren und Tieren. Und er würde niemals glauben, daß wir nach Ghealdan ziehen.«

Daran hatte Nynaeve noch gar nicht gedacht. Sie hatte vorgehabt, Luca geradewegs nach Tear ziehen zu lassen. Eine Menagerie, wie er sie zusammengestellt hatte, mit Akrobaten und Jongleuren und außerdem sowieso den Tieren, konnte überall gut verdienen, da war sie sicher. Doch falls Galad nach ihnen suchte oder jemanden hinter ihnen herschickte, würde er sich bestimmt nach Osten wenden. Und er war vielleicht wirklich schlau genug, um auch in einer Menagerie nach ihnen zu suchen. Männer zeigten manchmal tatsächlich Gehirn, gewöhnlich dann, wenn man es am wenigsten erwartete. »Daran habe ich natürlich gleich gedacht, Elayne.« Sie ignorierte den plötzlich auftauchenden schwachen Geschmack in ihrem Mund, eine ätzende Erinnerung an gekochten Katzenfarn mit zerstoßenen Asblättern.

Thom und Juilin protestierten heftig. Die Idee an sich war ihnen recht, aber sie schienen zu glauben, wenn einer von ihnen zurückblieb, könne er sie und Elayne vor Galad und jeder möglichen Anzahl Weißmäntel beschützen. Ihnen schien überhaupt nicht der Gedanke zu kommen, daß sie mit Hilfe der Macht zehnmal soviel wie sie beide vollbringen konnten. Sie ließen sich auch kaum überzeugen, doch schließlich brachte sie es fertig, beide mit strenger Stimme hinauszuschicken: »Und wagt es nicht, hierher zurückzukehren. Wir treffen Euch an der Straße.«

»Wenn es dazu kommt, daß wir die Macht anwenden müssen«, sagte Elayne leise, als die Tür wieder geschlossen war, »werden wir uns sehr bald der gesamten Garnison von Weißmänteln gegenüberfinden und möglicherweise auch noch sämtlichen regulären Soldaten hier. Die Macht läßt uns nicht unbesiegbar werden. Alles, was nötig ist, sind zwei Pfeile.«

»Darüber machen wir uns Gedanken, wenn es soweit ist«, entgegnete ihr Nynaeve. Sie hoffte, die Männer hätten daran nicht gedacht. Falls doch, würde sich höchstwahrscheinlich einer in der Nähe herumtreiben und Galads Verdacht auf sich ziehen, wenn er nicht sehr vorsichtig war. Sie würde ihre Hilfe natürlich annehmen, wenn sie gebraucht wurde, das hatte sie durch Ronde Macura gelernt, auch wenn es ihr immer noch sauer aufstieß, daß man sie wie die Kätzchen aus dem Brunnen herausgeholt hatte, aber ob es notwendig war oder nicht, das bestimmte sie und nicht die Männer.

Nynaeve ging schnell hinunter und spürte Frau Jharen auf. Ihre Lady habe sich nun doch anders entschieden. Sie wolle nicht so schnell wieder Hitze und Staub der Reise ertragen und statt dessen lieber ein Nickerchen machen. Sie wolle nicht gestört werden, bis sie ein spätes Abendessen bestellte. Hier sei die Bezahlung für eine weitere Nacht. Die Wirtin hatte großes Verständnis für die zarte Natur einer adligen Lady und die Wankelmütigkeit ihrer Bedürfnisse. Nynaeve hatte das Gefühl, Frau Jharen würde für alles Verständnis haben, was nicht gerade nach Mord aussah, solange man dafür bezahlte.

Nynaeve verließ die mollige Frau und schnappte sich ganz kurz eine der Bedienungen. Ein paar Silberpfennige wechselten die Besitzerin, und das Mädchen eilte mit ihrer Schürze angetan weg, um ihnen zwei der breitrandigen Hüte zu besorgen, von denen Nynaeve behauptete, sie wirkten so schattenspendend und kühl. Natürlich sei so etwas nichts für eine Lady, aber ihr würde es gut stehen.

Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, hatte Elayne die vergoldeten Schatullen zusammen mit dem dunklen, glänzenden Kästchen, in dem der wiedergewonnene Ter'Angreal lag, und den Waschlederbeutel mit dem Siegel auf eine Decke gelegt. Auf dem anderen Bett lagen die dicken Geldbörsen neben Nynaeves Kräutertasche. Elayne faltete die Decke und schnürte das Bündel mit einem kräftigen Strick aus einem ihrer Koffer zu. Nynaeve hatte wirklich alles aufgehoben.