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Sie bedauerte, nun doch so vieles zurücklassen zu müssen. Es ging ihr nicht nur darum, daß es teure Sachen gewesen waren. Das war nicht der einzige Grund. Man wußte schließlich nie, wann man etwas gebrauchen konnte. Beispielsweise die beiden Wollkleider, die Elayne auf ihrem Bett ausgebreitet hatte. Sie waren nicht fein genug für eine Lady, jedoch wieder zu gut für eine bloße Zofe. Hätten sie die beiden in Mardecin zurückgelassen, wie Elayne vorgehabt hatte, dann wären sie jetzt in Schwierigkeiten, was die Kleidung betraf.

Kniend durchwühlte Nynaeve einen anderen Koffer. Ein paar Unterhemden und zwei weitere Wollkleider zum Wechseln. Die beiden gußeisernen Bratpfannen in einem Segeltuchbeutel waren ausgezeichnet, aber zu schwer, und die Männer würden bestimmt daran denken, sie durch andere zu ersetzen. Das Nähzeug in dem ordentlichen Kästchen mit schöner Einlegearbeit mußte mit, denn sie würden niemals darauf kommen, auch nur eine Stecknadel zu kaufen. Doch nur mit einem Teil ihres Verstands traf sie diese Auswahl.

»Du hast Thom schon früher gekannt?« fragte sie so ganz nebensächlich. Sie hoffte jedenfalls, daß es so klinge. Dabei beobachtete sie Elayne aus dem Augenwinkel, während sie so tat, als konzentriere sie sich darauf, Strümpfe einzurollen.

Das Mädchen hatte damit begonnen, ihre eigenen Kleider herauszuholen. Sie seufzte, als sie die Seidenkleider beiseitelegte. Bei der Frage erstarrte sie mit den Händen tief in einer der Reisetruhen, sah aber Nynaeve nicht an. »Er war Hofbarde in Caemlyn, als ich noch klein war«, sagte sie ruhig.

»Aha.« Das sagte ihr nicht viel. Wie wurde aus einem Mann, einem Hofbarden, der die Königsfamilie zu unterhalten hatte und nicht weit von einem Adelstitel entfernt war, ein Gaukler, der von Dorf zu Dorf wanderte?

»Er war Mutters Liebhaber, nachdem Vater gestorben war.« Elayne war wieder mit Auswählen beschäftigt und sagte das so selbstverständlich, daß Nynaeve Augen und Mund aufriß.

»Deiner Mutter...«

Die andere blickte sie trotzdem noch immer nicht an. »Ich habe mich bis Tanchico nicht mehr an ihn erinnert. Ich war noch sehr klein. Es war sein Schnurrbart, als ich nahe genug vor ihm stand und zu seinem Gesicht aufblickte, während er Stücke aus der Großen Jagd nach dem Horn rezitierte. Er glaubte, ich hätte es wieder vergessen.« Ihr Gesicht lief ein wenig rot an. »Ich... trank zuviel Wein, und am nächsten Tag gab ich vor, ich könne mich an nichts mehr erinnern.«

Nynaeve konnte nur noch den Kopf schütteln. Sie erinnerte sich an den Abend, als dieses törichte Mädchen sich mit Wein hatte vollaufen lassen. Wenigstens hatte sie es dann nie wieder getan; der Zustand ihres Kopfes am nächsten Tag hatte sie wohl unwiderruflich davon geheilt. Nun war ihr klar, wieso sich das Mädchen Thom gegenüber so verhielt. Sie hatte zu Hause an den Zwei Flüssen ein paarmal Ähnliches beobachtet. Ein Mädchen, das gerade alt genug war, um sich selbst als Frau zu fühlen. An wem sonst konnte sie sich messen als an ihrer Mutter? Mit wem sonst konnte sie in Wettbewerb treten, um zu beweisen, daß sie eine Frau war? Gewöhnlich führte das höchstens dazu, daß sie versuchte, alles besser zu machen, vom Kochen bis zum Nähen, oder daß sie auf harmlose Art mit ihrem Vater flirtete, aber im Falle einer Witwe hatte Nynaeve zusehen müssen, wie sich die beinahe erwachsene Tochter zum Narren machte, als sie versuchte; sich den Mann zu angeln, den ihre Mutter heiraten wollte. Das Problem war, daß Nynaeve keine Ahnung hatte, was sie gegen Elaynes Torheit unternehmen solle. Trotz ernsthafter Mahnungen und noch mehr aus dem Frauenzirkel, hatte sich Sari Ayellin nicht beruhigt, bis schließlich ihre Mutter wieder verheiratet war und sie selbst ebenfalls einen Ehemann gefunden hatte.

»Ich schätze, er muß wie ein zweiter Vater für dich gewesen sein«, sagte Nynaeve rücksichtsvoll. Sie tat so, als konzentriere sie sich auf das Packen. So hatte jedenfalls Thom das Mädchen auch betrachtet. Und das erklärte soviel.

»Ich betrachte ihn aber nicht als solchen.« Elayne schien zu überlegen, wie viele Seidenhemden sie mitnehmen solle, doch sie blickte traurig drein. »Ich kann mich an meinen Vater wirklich nicht mehr erinnern. Ich war nur ein Baby, als er starb. Gawyn sagt, daß er sich die ganze Zeit mit Galad beschäftigte. Lini versuchte, das Beste daraus zu machen, aber ich weiß, daß er niemals ins Kinderzimmer kam, um Gawyn und mich zu besuchen. Ich weiß, er hätte das getan, wenn wir alt genug gewesen wären, daß er uns hätte unterrichten können, so wie Galad. Aber er starb, bevor das der Fall war.«

Nynaeve probierte es noch einmaclass="underline" »Zumindest ist Thom für einen Mann in seinem Alter körperlich sehr gut beieinander. Wir wären ganz schön in der Klemme, wenn er bereits unter steifen Gelenken litte. Das ist doch oft bei alten Männern der Fall.«

»Er könnte immer noch einen Überschlag rückwärts machen, wenn nicht sein Hinken wäre. Und mir ist es gleich, ob er hinkt oder nicht. Er ist intelligent und weltgewandt und kennt sich überall gut aus. Er ist auch sanftmütig, und ich fühle mich ziemlich sicher bei ihm. Ich glaube aber nicht, daß ich ihm das sagen sollte. Er versucht auch so schon genug, mich zu beschützen.«

Seufzend gab Nynaeve auf. Jedenfalls für den Augenblick. Thom mochte ja Elayne als Tochter betrachten, aber wenn das Mädchen so weitermachte, würde er sich vielleicht irgendwann daran erinnern, daß sie das nicht war, und dann saß Elayne im Einmachglas. »Thom mag dich sehr gern, Elayne.« Zeit, das Thema zu wechseln. »Bist du sicher in bezug auf Galad? Elayne? Bist du sicher, daß uns Galad vielleicht ausliefert?«

Die andere fuhr zusammen, und die Falten auf ihrer Stirn verschwanden. »Was? Galad? Ich bin ganz sicher, Nynaeve. Und wenn er erfährt, daß wir nicht vorhaben, uns von ihm nach Caemlyn bringen zu lassen, wird ihm das diese Entscheidung nur noch erleichtern.«

Nynaeve knurrte etwas in sich hinein und zog ein seidenes Reitkleid aus ihrem Koffer. Manchmal glaubte sie, der Schöpfer habe die Männer nur erschaffen, um den Frauen Schwierigkeiten zu bereiten.

17

Nach Westen

Als das Stubenmädchen mit den Hüten kam, lag Elayne ausgestreckt auf einem der Betten, nur mit einem weißen Seidenhemd angetan, und hatte sich ein feuchtes Tuch über die Augen gelegt. Nynaeve tat so, als nähe sie etwas am Saum des hellgrünen Kleides, das Elayne getragen hatte. Sie stach sich beinahe bei jedem zweiten Stich in den Daumen. Sie hätte das anderen gegenüber niemals zugegeben, aber sie hatte kein Geschick für Handarbeiten. Sie trug natürlich ihr Kleid, denn Zofen lümmelten sich nicht so herum wie Ladies, aber ihr Haar hing lose herunter. Offensichtlich hatte sie nicht die Absicht, das Zimmer in nächster Zeit zu verlassen. Sie dankte dem Mädchen im Flüsterton, um ihre Lady nicht aufzuwecken, und drückte ihr einen weiteren Silberpfennig in die Hand. Dazu gab sie ihr die Anweisung, die Lady dürfe auf gar keinen Fall gestört werden.

Sobald die Tür hinter ihr ins Schloß gefallen war, sprang Elayne auf und begann, ihre Bündel unter dem Bett hervorzuziehen. Nynaeve warf das Seidenkleid zur Seite und langte sich auf den Rücken, um ihr Kleid aufzuknöpfen. Im Handumdrehen waren sie fertig, Nynaeve in grüne Wolle gekleidet und Elayne in blaue. Die Bündel trugen sie auf dem Rücken. Nynaeve hatte sich die Tasche mit den Kräutern und dem Geld umgehängt, und Elayne schleppte die in die Decke gehüllten Schatullen. Die breiten, am äußeren Rand nach unten gezogenen Hutkrempen verbargen ihre Gesichter so gut, daß Nynaeve glaubte, sie könnten geradewegs an Galad vorbeilaufen, ohne daß er sie erkannte. Dazu trug sie das Haar offen, und er erinnerte sich bestimmt an ihren Zopf. Frau Jharen allerdings würde möglicherweise zwei fremde Frauen aufhalten, die mit dicken Bündeln ihre Treppe herunterkamen.