Die Hintertreppe führte außen an der Schenke hinab. Die schmalen Steinstufen schmiegten sich an die Mauer. Nynaeve empfand einen Augenblick lang Mitgefühl mit Thom und Juilin, die solch schwere Koffer und Kisten diese Treppe hinaufgeschleppt hatten, aber vor allem achtete sie auf den Hof und den schiefergedeckten Steinbau des Stalls. Ein gelber Hund lag im Schatten unter der Kutsche, vor der bereits stärker werdenden Hitze geschützt, doch alle Stallburschen befanden sich drinnen. Von Zeit zu Zeit konnte sie hinter der geöffneten Stalltür Bewegung wahrnehmen, doch niemand trat heraus. Schließlich war es drinnen ja auch schattig.
Sie liefen rasch über den Hof zu der kleinen Gasse zwischen dem Stall und einer hohen Steinmauer. Ein vollbeladener Mistkarren, fast genauso breit wie die Gasse und von einem Schwarm Fliegen begleitet, rumpelte vorbei. Nynaeve vermutete, daß Elayne vom Glühen Saidars umgeben sei, obwohl sie es nicht wahrnehmen konnte. Was sie betraf, hoffte sie vor allem, der Hund werde nicht zu bellen anfangen und niemand käme aus Küche oder Stall heraus. Wenn Elayne die Macht benützen mußte, konnten sie sich nicht mehr unauffällig davonschleichen, und auch wenn sie nur in Gespräche verwickelt wurden, hinterließ so etwas eine deutliche Spur für Galad.
Das grobgezimmerte Holztor am Ende der Gasse wies nur einen Kippriegel auf, und die enge Straße dahinter war bis auf eine Handvoll Jungen leer. Die Jungen spielten zwischen den einfachen Steinhäusern mit meist strohgedeckten Dächern ein Spiel, bei dem sie sich offensichtlich mit einem ausgestopften Bohnensack schlagen mußten. Der einzige Erwachsene, den sie erblickten, war ein Mann, der auf einem gegenüberliegenden Dach mit Kopf und Schultern aus einer Luke ragte und die Tauben in einem Schlag fütterte. Weder er noch die Jungen beachteten sie weiter, als sie das Tor schlossen und die gewundene Straße entlangschlenderten, als gehörten sie hierher.
Sie waren schon gut fünf Meilen von Sienda aus nach Westen die staubige Straße entlangmarschiert, als Thom und Juilin sie einholten. Thom fuhr etwas, das aussah wie der Wagen einer Kesselflickerfamilie, nur war er einfarbig in einem tristen Grün gestrichen, und die Farbe blätterte überall in großen Flecken ab. Nynaeve war froh, als sie ihre Bündel unter den Kutschbock schieben und neben Thom auf den Sitz klettern konnte. Weniger gefiel ihr, daß Juilin wieder Schmoller ritt. »Ich sagte Euch doch, Ihr solltet nicht wieder zur Schenke zurückkehren«, rief sie ihm zu und schwor innerlich, sie werde ihm den nächstbesten Gegenstand über den Schädel schlagen, falls er wieder zuerst Thom anblickte, bevor er antwortete.
»Ich bin nicht zurückgegangen«, sagte er, ohne sich darüber im klaren zu sein, daß er sich soeben eine dicke Beule erspart hatte. »Ich habe dem Stallmeister erklärt, meine Lady wolle ganz frische Beeren vom Land haben und Thom und ich sollten sie holen. Das ist doch der übliche Unsinn, den die Adli... « Er brach ab und räusperte sich, als Elayne ihm einen kühlen und ausdruckslosen Blick von Thoms anderer Seite her zuwarf. Manchmal vergaß er, daß sie ja auch dem Hochadel angehörte.
»Wir mußten doch irgendeinen Grund nennen, warum wir die Schenke und den Stall verließen«, sagte Thom und ließ die Peitsche knallen, um die Pferde anzutreiben. »Ich glaubte zu hören, daß Ihr beiden sagtet, Ihr wolltet Euch oben in Eurem Zimmer etwas hinlegen, oder zumindest Lady Morelin erleide öfters Ohnmachtsanfälle, aber die Stallburschen hätten sich trotzdem gewundert, wieso wir bei dieser Hitze im Ort umherspazieren, anstatt uns faul und bequem in den schön kühlen Heustadel zu legen, vielleicht noch mit einem Krug Bier dazu. So werden wir hoffentlich kein Gerede auslösen.«
Elayne warf Thom einen kritischen Blick zu, vermutlich wegen der Ohnmachtsanfälle, den er nicht zu bemerken vorgab. Vielleicht bemerkte er ihn auch tatsächlich nicht. Männer waren oftmals blind, wenn es ihnen gerade paßte. Nynaeve schnaubte vernehmlich; das konnte er nicht überhören. Daraufhin ließ er die Peitsche noch etwas lauter knallen, um die Führpferde anzutreiben. Das war doch alles nur eine Ausrede, damit sie wechselweise reiten konnten. Das war auch typisch an den Männern: Sie gebrauchten Ausreden, um genau das tun zu können, was sie wollten. Wenigstens zog Elayne diesmal kritisch die Augenbrauen hoch und himmelte ihn nicht wieder an.
»Es gibt noch etwas, das ich gestern abend in Erfahrung bringen konnte«, fuhr Thom nach einer kurzen Pause fort. »Pedron Niall versucht, die Länder gegen Rand zu vereinigen.«
»Nicht, daß ich Euch nicht glaubte, Thom«, sagte Nynaeve, »aber wie konntet Ihr das erfahren? Ich kann nicht glauben, daß irgendein Weißmantel Euch das so einfach anvertraute.«
»Zu viele Leute sagten genau das gleiche, Nynaeve. In Tear halte sich ein falscher Drache auf. Ein falscher Drache wohlbemerkt, aber kein Wort von der Eroberung des Steins von Tear und von Callandor. Dieser Bursche sei gefährlich, und die Länder sollten sich zusammenschließen, genauso wie im Aielkrieg. Und wer könnte sie wohl besser gegen diesen falschen Drachen führen als Pedron Niall? Wenn so viele das gleiche sagen, dann stammt dieser Gedanke von weiter oben, und in Amadicia äußert noch nicht einmal Ailron eine Idee, ohne vorher Niall um Erlaubnis zu bitten.«
Der alte Gaukler schien immer alles zusammenzuwerfen — Gerüchte, was die Leute sich hinter vorgehaltener Hand zuflüsterten —, und in mehr als der Hälfte aller Fälle zog er daraus die richtigen Schlüsse. Nein, eigentlich war er ja kein Gaukler; das mußte sie im Kopf behalten. Was er auch behaupten mochte, er war jedenfalls Hofbarde gewesen und hatte möglicherweise die üblichen Hofintrigen immer vor Augen gehabt und hautnah erlebt. Vielleicht hatte er selbst manchmal seine Finger im Spiel gehabt, wenn er schon Morgases Liebhaber gewesen war. Sie beobachtete ihn von der Seite her: das ledrige Gesicht mit den buschigen, weißen Augenbrauen und dem langen Schnurrbart, der genauso schneeweiß war wie das Haar auf seinem Kopf. Über den Geschmack mancher Frauen konnte sie sich nur wundern.
»So etwas hätten wir ja schon lange erwarten müssen.«
Sie hatte es nicht erwartet. Aber sie hätte es erwarten sollen.
»Mutter wird Rand unterstützen«, sagte Elayne. »Das weiß ich gewiß. Sie kennt die Prophezeiungen. Und sie hat genausoviel Einfluß wie Pedron Niall.«
Thoms leichtes Kopfschütteln galt wohl zumindest dem Letzteren. Morgase regierte ein reiches Land, doch die Weißmäntel gab es in jedem Land, und sie kamen ja auch aus aller Herren Länder. Nynaeve wurde klar, daß sie künftig Thom mehr Aufmerksamkeit schenken mußte. Vielleicht wußte er wirklich so viel, wie er vorgab. »Denkt Ihr also jetzt, wir hätten uns doch von Galad nach Caemlyn begleiten lassen sollen?«
Elayne beugte sich vor, um ihr an Thom vorbei einen entschlossenen Blick zuzuwerfen. »Ganz gewiß nicht. Zum einen gibt es keine Garantie dafür, daß er sich tatsächlich gerade so entscheiden würde. Und zum anderen...« Sie richtete sich auf und wurde dadurch von dem Mann verdeckt. Nun schien sie mit sich selbst zu sprechen, sich etwas ins Gedächtnis zurückzurufen: »Falls sich zum anderen meine Mutter wirklich nun gegen die Burg stellt, will ich mit ihr für den Augenblick nur brieflich verkehren. Sie ist dazu fähig, uns beide zu unserem Besten, wie sie meint, im Palast festzuhalten. Sie ist wohl nicht in der Lage, die Macht zu lenken, aber ich will mich auch nicht gegen sie stellen, solange ich keine volle Aes Sedai bin. Wenn überhaupt.«
»Eine starke Frau«, sagte Thom im Plauderton. »Morgase würde Euch sehr schnell Manieren beibringen, Nynaeve.« Sie gab ihm ein weiteres lautes Schnauben zur Antwort. Dieses ganze lose Haar, das ihr über die Schultern hing, konnte man einfach nicht richtig packen. Doch der alte Narr grinste sie nur an.
Die Sonne stand hoch am Himmel, als sie die Menagerie erreichten, die immer noch am gleichen Platz lagerte, wo sie sie verlassen hatten — auf der Lichtung an der Straße. In der stehenden Luft und der Gluthitze wirkten selbst die Eichen ein wenig welk. Außer den Pferden und den großen, grauen Keilerpferden befanden sich alle Tiere wieder in den Käfigen, und auch die Menschen waren nirgends zu entdecken. Zweifellos hatten sie sich vor der Hitze in ihren Wohnwagen verkrochen, die dem ihren recht ähnlich sahen. Nynaeve und die anderen waren bereits herabgeklettert, als schließlich Valan Luca erschien, noch immer in dieses lächerliche rotseidene Cape gehüllt.