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Daß du Bretan entgegentreten wolltest, obwohl du dich nicht an den Kodex gebunden fühltest. Manchmal habe ich auch so gefühlt.«

Das Licht im Zimmer flackerte kurz, verdunkelte sich und leuchtete dann wieder mit voller Intensität auf. »Was ist los?« sagte Dirk. »Für die Bewohner besteht kein Grund zur Beunruhigung«, meldete sich die Stimme mit ihrem wohltönenden Baß. »Ein vorübergehender Stromausfall auf Ihrem Stockwerk wurde soeben behoben.« »Stromausfall!« Ein Bild blitzte durch Dirks Gehirn, ein Bild von Challenge, dem versiegelten, fensterlosen, ganz auf sich allein gestellten Challenge — ohne Strom. Kein angenehmer Gedanke. »Was ist geschehen?«

»Bitte seien Sie nicht beunruhigt«, wiederholte die Stimme, aber die Lichtquellen an der Decke straften die Worte Lügen. Sie erloschen. Gwen und Dirk standen eine Sekunde lang in schrecklicher, totaler Finsternis.

»Ich glaube, wir gehen besser«, sagte Gwen, als die Lichter wieder aufleuchteten. Sie drehte sich um, öffnete den Wandschrank und begann, ihre Taschen herauszuholen. Dirk half ihr.

»Bitte verlieren Sie nicht den Kopf«, sagte die Stimme.

»Zu ihrer eigenen Sicherheit möchte ich Sie bitten, auf Ihren Zimmern zu bleiben. Die Situation ist unter Kontrolle. In Challenge gibt es viele eingebaute Si-cherheitsvorkehrungen, außerdem Ersatzschaltungen für jedes wichtige System.«

Sie waren mit dem Packen fertig. »Bist du jetzt auf Notstrom geschaltet?« fragte Gwen.

»Die Stockwerke 1-50, 251-300, 351-450 und 501-550 arbeiten im Augenblick mit Notstrom«, gab die Stimme zu. »Es besteht jedoch kein Grund zur Besorgnis.

Robottechniker reparieren das Primärsystem so schnell wie möglich, und für den unwahrscheinlichen Fall, daß das Notstromsystem ebenfalls ausfällt, stehen weitere Systeme zur Unterstützung bereit.«

»Ich verstehe das nicht«, sagte Dirk. »Warum? Was verursacht diese Ausfälle?«

»Bitte seien Sie nicht beunruhigt«, wiederholte die Stimme abermals. »Dirk«, sagte Gwen leise. »Komm mit! Gehen wir!« Mit einer Tasche in der rechten Hand, ihren Sensorenkoffer über die linke Schulter gehängt, ging sie hinaus. Dirk nahm die beiden anderen Taschen und folgte ihr in das Reich der kobaltblauen Korridore.

Sie eilten zu den Aufzügen, Gwen immer zwei Schritte voraus. Die Teppiche schluckten das Geräusch ihrer Schritte.

»Bewohner, die den Kopf verlieren, schweben während dieser kleinen Unbequemlichkeit in größerer Gefahr als solche, die auf ihren Zimmern bleiben«, wurden sie von der Stimme getadelt.

»Sag uns, was wirklich los ist, dann überlegen wir es uns vielleicht noch«, gab Dirk zurück. Sie hielten weder an, noch verlangsamten sie ihr Tempo.

»Ab jetzt gelten Notverordnungen«, sagte die Stimme.

»Wärter wurden in Betrieb gesetzt, um Sie auf Ihr Zimmer zurückzubringen. Dies dient nur Ihrer eigenen Sicherheit. Ich wiederhole: Wärter wurden in Betrieb gesetzt, um Sie auf Ihr Zimmer zurückzubringen. Die Normen von pi-Emerel untersagen …« Die Worte begannen mit einem Mal undeutlich zu werden, die Baßstimme begann zu fisteln, quiekte und wurde schließlich zu einem kreischenden Geheul, das Ihnen schmerzhaft in die Ohren stach. Dann war urplötzlich alles still. Das Licht ging aus.

Dirk hielt einen Augenblick inne, machte dann zwei Schritte in die undurchdringliche Dunkelheit — und prallte auf Gwen. »Was … Entschuldigung«, stammelte er.

»Ruhig«, flüsterte Gwen. Sie begann, die Sekunden zu zählen. Bei dreizehn leuchteten die Hängekugeln an den Korridorkreuzungen wieder auf. Aber das blaue Licht war nur ein geisterhaft trüber Schein, bei dem man kaum etwas erkennen konnte.

»Komm«, sagte Gwen. Diesmal setzte sie im blauen Dämmerlicht vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Bis zu den Aufzügen war es nicht mehr weit.

Als die Wände erneut zu ihnen sprachen, war es nicht mehr die Stimme der Stimme.

»Diese Stadt ist groß«, erscholl es, »und doch ist sie nicht groß genug, um dich zu verstecken, t’Larien. Ich warte im untersten Emerelikeller, dem 52. Tiefgeschoß.

Die Stadt gehört mir. Komm jetzt zu mir herunter ! Sonst wird alle Energie abgeschaltet, und mein teyn und ich werden dich in der Dunkelheit jagen.«

Dirk erkannte den Sprecher. Die Stimme war unverkennbar. Ob auf Worlorn oder sonstwo im Universum — es würde jedem schwerfallen, die verzerrte, krächzende Stimme Bretan Braith Lantrys nachzuahmen.

8

Wie versteinert standen sie in dem düsteren Korridor.

Gwen war eine verschwommen blaue Silhouette, ihre Augen glichen schwarzen Höhlen. Ihre Mundwinkel zuckten, was Dirk schrecklich an Bretan und sein Zucken erinnerte. »Sie haben uns gefunden«, sagte sie. »Ja«, erwiderte Dirk. Beide flüsterten, aus Furcht, Bretan Braith könnte sie — wie es die abgestellte Stimme von Challenge vermocht hatte -hören, falls sie sich laut unterhalten würden. Dirk war sich schmerzhaft bewußt, daß ihn Lautsprecher, Ohren und vielleicht auch Augen umgaben. »Wie?« hauchte Gwen. »Ich verstehe das nicht. Es ist unmöglich, die Stadt abzuschalten!«

»Doch, es muß möglich sein. Aber was machen wir jetzt? Soll ich zu ihnen gehen? Was befindet sich überhaupt im 52. Tiefgeschoß?« Gwen runzelte die Stirn.

»Ich weiß nicht. Ich habe niemals zuvor in Challenge gewohnt. Die unterirdischen Stockwerke gehörten aber nicht zum Wohnbereich, soviel mir bekannt ist.«

»Maschinen«, schlug Dirk vor. »Energieerzeugung. Versorgungsanlagen.«

»Computer«, fügte Gwen mit dünnem Flüsterstimmchen hinzu. Dirk setzte die Taschen ab. In dieser Situation schien es absurd zu sein, sich an Kleidung und Besitz festhalten zu wollen. »Sie haben die Stimme zum Schweigen gebracht«, sagte er.

»Vielleicht. Falls man sie wirklich abstellen kann. Ich dachte, sie sei Bestandteil eines riesigen Computernetzes, das den ganzen Turm durchzieht. Ich habe keine Ahnung.

Möglicherweise war die Stimme auch nur eine einzelne große Apparatur.«

»In jedem Fall haben sie das Zentralgehirn erwischt, das Nervenzentrum, was auch immer. Jetzt kommt kein freundlicher Rat mehr aus den Wänden. Und Bretan kann uns wahrscheinlich in diesem Augenblick sehen.«

»Nein«, sagte Gwen. »Warum nicht? Die Stimme konnte es.«

»Ja, vielleicht, obwohl ich andererseits nicht glaube, daß in den Wahrnehmungsvorrichtungen der Stimme Fernsehsensoren enthalten sind. Ich meine, sie hatte so etwas nicht nötig. Sie verfügte über andere Sinne, Sensoren, die Eindrücke aufnahmen, die Menschen nicht spüren und verwerten können. Die Stimme ist ein Supercomputer, der Milliarden Einzelinformationen gleichzeitig verarbeitet. Bretan kann das nicht. Kein Mensch kann es. Abgesehen davon, dürfte er aus den Schaltungen nicht schlau werden, ebensowenig wie du oder ich. Nur die Stimme kann alles überblicken. Selbst wenn Bretan dort steht, wo er Zugang zu allen Daten hat, welche die Stimme bekommt, wird ihm ein Großteil davon als sinnloses Kauderwelsch erscheinen oder so schnell vorbeiflitzen, daß er nichts damit anfangen kann.

Möglicherweise könnte ein geschulter Kybernetiker sich einen Reim darauf machen, obgleich ich auch das bezweifle. Bretan jedoch ist dazu nicht in der Lage. Es sei denn, er kennt ein Geheimnis, von dem wir keine Ahnung haben.« »Er hat uns gefunden«, sagte Dirk.

»Und er wußte, wo sich das Gehirn von Challenge befand und wie man es kurzschließt.« »Ich weiß nicht, wie er uns gefunden hat«, erwiderte Gwen, »aber es war keine Kunst, die Stimme zu finden. Das unterste Tiefgeschoß, Dirk! Er hat einfach geraten, so muß es gewesen sein. Kavalaren bauen ihre Festhalte tief in den Berg hinein, und der unterste Schacht ist immer der sicherste. Dort quartieren sie die Frauen ein und verstecken die Schätze des Festhalts.«