Выбрать главу

— Würden Sie von sich sagen, dass Sie diese Therapie wirklich brauchen?

— Na ja, sagte Walter, vielleicht nicht direkt brauchen, aber ich habe mir gedacht, dass es wichtig sein könnte, mit einer kompetenten Person über all diese Dinge zu sprechen.

Sein Gesichtsausdruck war so ernsthaft, dass er fast darauf ausglitt und in ein unsinniges Gelächter ausbrach. Er konnte sich dieses seltsame Schwellengefühl nicht erklären. Valeries Mund zog sich ein wenig zusammen, als sei sie kurz davor, ein spitz zulaufendes Wort wie Mönch auszusprechen. Sie blickte auf ihre professionell deformierte Handschrift und rollte ihren Bleistift mit dem Zeigefinger, auf dem ein rot lackierter Nagel hockte, hin und her, als müsste sie sich den nächsten Schritt wohl überlegen.

— Sie haben genau das gesagt, was ich hören wollte.

Walter war verblüfft. Es war die reine Wahrheit. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass es ihm inzwischen nicht einmal mehr auffiel. Wie eine böse Vorahnung überkam ihn der Verdacht, dass er vielleicht überhaupt keine Probleme hatte. Dass er mit Kanonen auf die Spatzen seiner Einbildungskraft schießen wollte.

— Ich muss mich entschuldigen, sagte Valerie. Das war möglicherweise –

— Nein, nein, sagte Walter etwas lauter als beabsichtigt.

Er hatte begonnen, mit den Fingern auf dem Holz der Sessellehne zu trommeln. Er bemerkte es und hörte auf. Valerie, die Therapeutin, bat ihn, ihr noch einmal alles von vorne zu erzählen. Diese Beziehung zu dem Musiker habe zumindest viel versprechend geklungen. Habe Walter sich schon einmal gefragt, ob er anderen Menschen genauso viel zu geben imstande sei, wie –

— Warten Sie, sagte Walter. Wie haben Sie das gewusst, ich meine …

— Ach, es tut mir leid, sagte Valerie.

— Nein, nein, sagte Walter. Sie haben ja Recht, Sie haben mit Sicherheit –

Er sah an ihrem Gesichtsausdruck, dass er auch jetzt wieder gesagt hatte, was Valerie erwartete. Ein komisches Gefühl. Er schüttelte den Kopf und blickte im Zimmer herum. Vasen. Helle Pflanzen. Kinderzeichnungen an den Wänden. Bücher.

Als Walter fünfzehn Minuten später aus seiner ersten und letzten Therapiesitzung kam, hatte ihm Valerie statt einer Problemlösungsstrategie oder einem strikten Diätplan einen Job angeboten. Er hatte ihr lang und breit von seinem Regiepraktikum und seinen Erfahrungen als Journalist erzählt. Sie hatte ihn gefragt, ob er mit dem großen Architekten Zmal verwandt sei, und er hatte gelogen und gesagt:

— Ein entfernter Onkel von mir.

Aber sie hatte sich an seinem Leben trotzdem sehr interessiert gezeigt, und ihm das Gefühl gegeben, dass er bei ihr gut aufgehoben sei; den Ausschlag hatte die Erwähnung seines Tagtraums vom Schauspielstudium gegeben, obwohl sich Walter gerade dabei nicht mehr sicher war, wer von ihnen diesen Satz im Gespräch vorausberechnet hatte. Für einen spontanen Einfall war er etwas zu schnell und perfekt aus seinem Mund gekommen. Und mit etwas zu viel Make-up. Schauspielerfahrung, hatte er gesagt.

Schau. Spiel. Erfahrung.

Dabei hatte er praktisch keine.

Sein Herz machte einen missglückten Salto.

Aber egal, Walter war glücklich und erzählte seinem Fahrrad auf der Heimfahrt von der ungewöhnlichen Wende, die sein Schicksal an diesem Morgen genommen hatte. Kraftvoll und zugleich sehr sanft trat er in die Pedale. Sein linker Arm streckte sich beim Abbiegen in einer großen visionären Siegesgeste — Mir nach, Kinder Israels!

Er fühlte sich befreit und bereichert. Er ließ die prall aufgepumpten Reifen seines Fahrrads wild über die Gehsteigkanten hüpfen. Wie schön, dachte er, wie selten und kostbar die Einsicht, dass man nichts Besonderes ist und sich alles bereits durch eine kleine Parallelverschiebung der Verhältnisse lösen lässt.

Die Maturarede von Prof. Georg Kerfuchs

(Schwarzweißfoto von Prof. K.

vor einer Tafel, auf der zwei

Züge gezeichnet sind, die sich mit Lichtgeschwindigkeit

voneinander fortbewegen)

OFFENER BRIEF

An das Komitee für Zukunft / Geheimabteilung B Geehrte Herren!

Sie haben mich, wie jeden Lehrbeauftragten des Landes, vor einigen Jahren mit Ihrem vertraulichen Dokument Drei Goldene Regeln zur Eindämmung der Zukunft versorgt und mir unter Androhung des Entzugs meiner Lehrbefugnis geraten, diesen Richtlinien im Unterricht zu folgen. Nun muss ich Ihnen leider mitteilen, dass ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Ich werde mein Versagen und die Gründe dafür im Folgenden erläutern.

Zu Punkt 1

Der Schüler oder die Schülerin soll über sein/ihr Leben, über sein/ihr Schicksal und über die Welt, in der er/sie lebt, nicht anders nachdenken können als in religiösen oder anderen entmündigenden Kategorien. Dem Schüler oder der Schülerin muss ein Reflex ankonditioniert werden, welcher bewirkt, dass er oder sie bei moralischen Fragestellungen einzig und allein das Wort GOTT vor Augen sieht und nicht die reale Situation.

Kurz gesagt: Ich habe diesen ersten Punkt niemals befolgt. Ja, ich habe meine Schüler sogar dazu erzogen, dass bei ihnen ein kleines Warnsignal im Kopf losgeht, wenn sie dieses folgenschwere Wort aus dem Mund eines politischen Entscheidungsträgers oder einer anderen Autoritätsperson hören.

Zu Punkt 2

Der Schüler soll allem Fremden gegenüber Angst empfinden. Jedes Mal, wenn er Angst vor einem fremden Menschen, einem fremden Gedanken oder einer fremden Kultur empfindet, sollte er mit einem Geschenk belohnt werden. Ausmaß und Art dieses Geschenks darf der Lehrer selbst bestimmen.

Diese Regel habe ich, formal gesehen, befolgt. Allerdings habe ich das Ausmaß und die Art dieser Geschenke auf Null gesetzt. Es gab freilich nicht wenige Fälle, wo ich die Geduld mit dem fünfhundertsten dumm grinsenden, jugendlichen Hakenkreuzzeichner verloren habe.

Zu Punkt 3

Der Schüler soll genauso dumm bleiben, wie er vor dem Schuleintritt war. Bloß mit einem größeren Vokabular und einem Gefühl für das Ergebnis komplizierter Rechenaufgaben.

Um es kurz zu sagen: Ich habe in allen Punkten versagt.

Ich wage es, den Schülern, denen ich die Drei Goldenen Regeln vorsätzlich vorenthalten habe, eine großartige Zukunft zu wünschen, voller Gesundheit, Beweglichkeit und breiten Horizonten.

Ich erwarte meine Kündigung in den nächsten Tagen — oder, falls sich mein Unterricht als erfolgreich erweisen sollte, IHRE Kündigung, geehrte Herren vom Komitee, in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren — hier auf meinem Schreibtisch.

gez.

Dr. Georg Kerfuchs

(abgedruckt in: Die Maultrommel, Maturazeitung des Jahrgangs 1993)

Das Konzept

Zuerst waren da drei Seiten in kompliziertem Psychologenjargon über etwas, das sich Theorie seelischer Gleichgewichtssteuerung nannte. Es ging darin irgendwie um Verlust und Ausgleich, um Spannungszustände und Öffnung, Halt und Lösung. Die Begriffe waren so abstrakt gebraucht, dass Walter allein vom Lesen einen trockenen Mund bekam.

Er versuchte sich zu konzentrieren, aber seine Beine wollten nicht zur Ruhe kommen. Er war so aufgeregt, dass er den ganzen theoretischen Unfug schon nach wenigen Zeilen übersprang. Endlich kamen die interessanten Stellen, das Fleisch sozusagen. Unwillkürlich leckte er sich die Lippen.