Seine Rolle war, wie es schien, sehr einfach. Valerie beschrieb sie ihm in kompakten, leicht fassbaren Begriffen. Walter sprang auf, rannte in die Küche und holte sich Erdnüsse. Er schälte und knabberte sie in atemberaubendem Tempo, während er mit den kleinen Fingern seiner Hände in Valeries Skript weiterblätterte, weil die anderen Finger voller Salzkörner waren. Er konnte sich vor Freude kaum konzentrieren. Er fuhr sich durchs Haar, bemerkte sein Versehen, lachte darüber und leckte sich die Finger.
Da er den ganzen Tag Zeit hatte, sich mit Valeries Brief zu beschäftigen, beschloss er, sich dieses Vergnügen aufzusparen. Er wollte ein wenig mit dem Rad durch die Gegend fahren.
Meine erste Rolle! dachte er. Danach mussten ihn eigentlich alle Bühnen nehmen, denn er hatte so etwas wie einen Versuch in Echtzeit vorzuweisen. Er bemerkte, dass er schon wieder vergessen hatte, was Valerie in dem Brief geschrieben hatte. Theorie der … Egal, er hatte den ganzen Tag Zeit, dann noch die Nacht, und so schwer würde es wohl nicht sein. Die Therapeutin hatte ihn als eine Art Hilfskraft (Immerhin verfügen Sie über Schauspielerfahrung!) eingestellt, und von außen betrachtet war das bestimmt nicht atemberaubend, aber von innen — da bedeutete es den wichtigsten Schritt in die Eigenverantwortung seit Erschaffung der Welt.
Walter hatte Schwierigkeiten, die Tür aufzusperren, weil seine Hand zitterte. Er schüttelte sie aus, wie Schauspieler das machen, wenn sie Lampenfieber haben.
Beim Verlassen der Wohnung vergaß er seine Frisur zu kontrollieren. Eine fettige Strähne, auf der winzige Salzkörner glitzerten, stand schräg von seinem Kopf ab. Der Wind spielte mit ihr, Walter bemerkte es nicht. Er hatte das Gefühl, der angenehme Sommerwind fahre durch ihn hindurch und blähe ihn auf wie einen Ballon.
Er fuhr mit dem Rad durch den Park. Ein alter Mann auf einer Bank fütterte mit kleinen, feuchten Brotkrumen die ersten Sonnenstrahlen. Vögel gab es keine.
Als er durch die Annenstraße fuhr, schneller als es ratsam war, wusste er, dass er die wunderbare Neuigkeit unbedingt jemandem erzählen musste. Der Fahrtwind kühlte ihn ein wenig ab. Wem? Wem?
Mit dem Vorderrad geriet er in eine Straßenbahnschiene, und fast wäre Walter hingefallen — Slalom fahrend fand er sein Gleichgewicht wieder. Vielleicht sollte er es Joachim erzählen. Mit Joachim hatte er lange nicht mehr telefoniert. Walter wurde etwas langsamer. Auch war er ein wenig außer Atem.
Walter kam an einer Buchhandlung vorbei, die vor etwa einem Jahr geschlossen worden war. In den sonst völlig leeren Schaufenstern hingen die immer gleichen Plakate. Sommerdiebe von Truman Capote. Darunter der mitten im Sprung erstarrte Schriftsteller, den sonderbar quadratischen Mund aufgesperrt, ein Rachen, in dem die flamboyante Lebensfreude eines ganzen Zeitalters verschwunden war.
Schade um die alte Buchhandlung, dachte Walter. Es war die einzige in der Stadt gewesen, in der man unwillkürlich in ein konspiratives Flüstern verfiel, wenn man durch die Reihen der Bücher ging (die nach keinem allzu offensichtlichen System geordnet schienen). Und die Angestellten behandelten jede noch so alberne Frage mit fast kondolenzartiger Ernsthaftigkeit. Wenn sich ein Buch als nicht lieferbar erwies, entschuldigten sie sich dafür. Auch kompromisslos schwierigen Fragen begegneten sie mit derselben zinnsoldatenen Standhaftigkeit.
Joachim:
— Ich suche ein Buch von Bataille, aber ich weiß den Titel leider nicht. Also vor allem die frühen Schriften über die Sprache der Blumen und den großen Zeh.
Und die Angestellte brauchte nicht einmal einen Computer, um zu wissen, worum es ging.
Hinterher hatte er es Walter erklärt:
— Bei Bataille gibt es dieses Dreigestirn, eine Trias des Denkens gewissermaßen. Drei Dinge, die man nicht direkt ansehen kann und die deshalb im Grunde dasselbe sind. Erstens: die Sonne. Aus offensichtlichen physiologischen Gründen, die Netzhaut würde verbrennen. Zweitens: das Auge. Weil es als einziges zurückblicken kann und dadurch unkontrollierbare soziale Uhrwerke in Gang setzt. Und drittens: der Anus.
— Ach, komm, du verarschst mich, sagte Walter.
— Nein, lies nach. Es steht alles hier drin. Der Anus, weil er mit Tabu und Ekelgefühlen belegt ist. Deshalb schaut ihn niemand an.
Walter dachte daran, dass er alle diese Schranken schon einmal überschritten hatte. Bei der Sonnenfinsternis im Jahr Neunundneunzig. Natürlich nur durch eine Schutzbrille, und dann, als die nicht mehr nötig war, auch mit freiem Auge. Und in fremde Augen schaute er sowieso die ganze Zeit. Wenn man genau hinsah, spiegelte man sich darin, ein winziges Männchen, das in einem fremden Augapfel gefangen war. Und der Anus, na ja, er konnte nicht anders, wenn er Sex hatte, egal, ob mit Männern oder Frauen. Es war eine unschuldige und niedliche Stelle, fand er. Wenn man sich aus ihr zurückzog, nachdem man sie unter Zuhilfenahme von Gleitmitteln penetriert hatte, konnte sie sogar blinzeln. Ringförmig und nicht so elegant wie ein Auge, aber immerhin.
Bis zum späten Nachmittag fuhr Walter durch die Stadt. Er aß bei einem Imbissstand am Hauptplatz und erbrach sich hinterher in einen Mistkübel, der gerade noch rechtzeitig aufgetaucht war. Er fuhr nach Hause und legte sich hin. Er nahm den Brief von Valerie wieder zur Hand und las an der Stelle weiter, wo er aufgehört hatte. Zu seiner Überraschung ging es plötzlich auch um andere Patienten. Natürlich, schon klar. Es war schließlich eine Gruppentherapie, in der er als Strohmann mitwirken sollte. Die meisten Namen waren abgekürzt.
Das Problemkind in der Gruppe ist G., schrieb Valerie. Sie wird nach jeder Sitzung von ihrem Mann W. abgeholt. Er hat sie verlassen, als G. schwanger war und …
Interessant, interessant. Er fragte sich, ob das überhaupt erlaubt war. Aber Valerie schien sich nicht an konventionelle Vorgehensweisen zu halten. Es wäre interessant zu wissen, dachte Walter, ob sie überhaupt studiert hatte.
Er veränderte seine Liegeposition, aber diese minimale Verschiebung seiner inneren Wasserwaage ließ die Übelkeit neuerlich in ihm hochsteigen. Er stürzte zur Toilette. Als sein Kopf wieder aus der Klomuschel auftauchte, bemerkte er, dass er die zusammengehefteten Blätter des Briefes immer noch in der Hand hielt. In der Eile hatte er vergessen, sie vor sich selbst in Sicherheit zu bringen.
Die Blätter waren besudelt.
Walter legte sie zum Trocknen auf den Heizkörper neben der Kloschüssel. Er wischte sich den Mund mit Klopapier ab, dann riskierte er einen Blick auf sein Erbrochenes. Eine kleine, ja, tatsächlich, eine tote Wespe schwamm inmitten der halbverdauten Essensreste. Eine Weile erwog er, sie herauszufischen und zu untersuchen. Wie war sie überhaupt in seinen Magen gelangt? Aber dann konnte er den Anblick nicht länger ertragen und zog die Spülung. Der scharfe Geschmack der Magensäure hatte sich in seinem Mund zu etwas Hartem, Metallischem verändert. Wie die Vorahnung einer Katastrophe.
Er klappte den Klodeckel herunter und setzte sich hin. Dabei stieß er sich den Kopf am Spülkasten. Verdammte Scheiße. Er betrachtete den besudelten Rollenentwurf. Immer musste er alles in letzter Sekunde versauen.
Dinge, die man nicht direkt ansehen kann, dachte er ironisch. Ja, der eigene Hinterkopf.
Die Panne, zweiter Akt
Es ist unmöglich, seinen Namen in den Schnee zu pinkeln, außer in Schreibschrift, die eine stetige Linienführung erlaubt. Die dampfende Spur erschien aus unerfindlichen Gründen um eine Sekunde zeitversetzt, ein torkelndes, geisterhaftes A. Dann ging ich dazu über, eine kleine, dunkelgelbe Mulde zu befüllen. Es war eine sehr dunkle Schattierung von Gelb, eine kränkliche Farbe, die einem beim bloßen Hinschauen Übelkeit bereitete. Ein paar Tropfen landeten auf meinen Schuhen, drei kleine Punkte wie für ein Blindenzeichen. Ich bohrte die Schuhspitze in den Schnee, dachte Zschschsch, gleichzeitig machte ich den Hosenschlitz wieder zu.