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— Bist du fertig?

Die Stimme meiner Mutter war sehr nahe. Ich stapfte hinter dem Baum hervor, da stand sie, ungeduldig. Mein Vater wartete etwas abseits.

— Können wir? fragte sie.

Mein Vater setzte sich in Bewegung und ging auf das Gasthaus zu, in dem wir Walter und seine Eltern treffen würden.

Die Familie Zmal war wohlhabend, im Grunde genommen reich. Sie lebten außerhalb der Stadt in einem riesigen Haus, das von außen sehr verfallen aussah, innen jedoch mit altertümlicher Üppigkeit protzte, und in dem zu schlafen mir wie eine verbotene Jenseitsvorstellung erschien.

Walter und ich begrüßten einander, wie sich männliche Kinder gleichen Alters begrüßen: Wir stellten uns nebeneinander auf und setzten ein Gespräch über Fernsehserien oder Wrestling-Stars fort, das wir nie begonnen hatten.

Mein Vater hatte Walters Schwester Mirja ein Jahr lang unterrichtet und so den berühmten Architekten Zmal kennen gelernt. Er war einige Male in der Sprechstunde erschienen und hatte mit meinem Vater über Strukturen gesprochen, ohne dass man genau verstanden hätte, was er damit meinte. Er sprach gerne über abstrakte Dinge.

Auch an diesem Tag, als wir um den runden Holztisch saßen, Walter mir direkt gegenüber, seine Eltern neben mir. Als hätten die Familien beschlossen, ihre Kinder zu tauschen.

— Das ist ein Projekt, das ich schon so lange vorbereite, dass ich langsam das Gefühl bekomme, es wird mich überleben, sagte Herr Zmal mit einem unsentimentalen Seufzer. Diese großen, übergreifenden Ideen kommen mir immer ganz harmlos vor. So wie ein Teller, der einem aus der Hand fällt. Man erschreckt sich, denkt sich aber weiter nichts dabei. So etwas passiert eben, sagt man sich.

Aber mein Vater war heute leider nicht sehr gesprächig. Kein Wunder, er war schließlich unrasiert und das machte einen erwachsenen Mann bekanntlich schweigsam. Keine Plaudertasche der Welt trug einen Dreitagebart. Ich fragte mich, ob ein Gesicht mit Bart tatsächlich schwerer war.

— Mhm, sagte er.

— Genau, sagte Herr Zmal. Ich bin, weißt du, ich bin manchmal so zum Bersten voll mit Ideen, dass ich einen Kompromiss schließen muss, mit dem eigenen Gehirn. Auslese, sage ich dann, aussortieren, abwägen. Das ist unerhört schwierig, weil man die Tragweite seiner Einfälle natürlich nie abschätzen kann, es sei denn, man hat ein sorgenfreies Leben.

— Ja.

Meine Mutter las die Speisekarte, als wäre sie ein französischer Roman.

— Man hat mir gerade angeboten, ein Krankenhaus zu entwerfen, mit allem Drum und Dran. Dreihunderttausend sofort, im Voraus. Ohne Fragen. Hab ich abgelehnt. Abgelehnt.

Er präsentierte uns seine Hände, als würde er sich ergeben.

— Ja?

— Ich will nichts mit Krankenhäusern zu tun haben, sagte Herr Zmal. Da wird man sehr schnell in eine Ecke gedrängt. Ich meine, man muss Krankheit nicht noch durch erhöhten Komfort belohnen. Das ist irgendwie widernatürlich. Krankheit ist letztendlich ein Verrat an der Gesellschaft. Ein Verrat, der nicht bestraft werden sollte, aber ein Verrat, immerhin.

— Mhm, nickte mein Vater.

— Gerade letzten Monat ist einer meiner Zeichner verunglückt. Jetzt liegt er im Wachkoma, obwohl ich, ehrlich gesagt, nicht an so etwas glaube, für mich ist das ein Widerspruch. Entweder wach oder Koma. Beides auf einmal — aber egal, davon verstehe ich nichts. Er kann jedenfalls nicht mehr arbeiten. Manchmal hat er noch lichte Momente, hat man mir gesagt. Aber ich habe es trotzdem nicht geschafft, ihn zu besuchen. Meine Nase ist sehr empfindlich.

— Mhm.

— Einfach abgelehnt, wiederholte Herr Zmal, obwohl niemand mehr das Echo hörte. Ich weiß ja nicht, wie das bei dir ist, bei mir jedenfalls setzt der kreative Prozess immer eine Kettenreaktion in Gang, so wie diese …

Er wandte sich an seine Frau, die ihn ansah, als wäre er eine Zimmerecke.

— Wie sagt man … Du kennst das, solche Installationen, solche Dominospiele an der Wand.

Er deutete im Raum herum, auf die Wände, auf die Tischplatte.

— Also etwa … auf der Wand laufen irgendwelche Dinge entlang und setzen irgendwelche anderen Dinge in Gang und so weiter und eines geht in das andere über. Du weißt doch, was ich meine?

Seine Frau schaute auf die Wände der Gaststube, wo sich keinerlei Anhaltspunkte fanden. Niemand sagte ein Wort. Ihre großen, kirchenfensterförmigen Augen wanderten noch ein wenig herum, dann kehrten sie in ihre Ausdruckslosigkeit zurück.

— Ich habe keine Ahnung, sagte sie leise.

Beim Sprechen bewegte sie ausschließlich die Unterlippe.

— Doch, sicher, du weißt schon, du kennst das. Das gibt’s in Filmen immer, bei diesem Film zum Beispiel, dem mit dem Auto, das sprechen kann –

— Knight Rider?, fragte Walter.

— Nein, nein, nein, sagte sein Vater, ein Schwarzweiß-Film mit diesem Erfinder und einem Auto …

— Also jemand wie du? fragte mein Vater, und seine Stimme war auf eine eisige Art höflich.

— Es ist wie verhext, sagte Herr Zmal abgelenkt, ich komm einfach nicht drauf. Da gibt’s einen eigenen Namen dafür. Mein Gott, wie nennt man das, diese Dinger, die sich gegenseitig anstoßen und dann geht das –

Wieder musste die Wand mit ihrem traurigen Hirschgeweih herhalten.

Niemand ging darauf ein. Ich wusste, was gemeint war. Ich wusste es, weil mich das, was er meinte, so elektrisiert hatte, als ich es zum ersten Mal sah, dass ich mehrere aufeinander folgende Nächte davon träumte, als wäre es eine Vision meiner eigenen Zukunft. Weltmaschinen. RubeGoldberg-Installationen. Meist beginnt es ganz harmlos. Ein Metallstab kippt um, erschlägt ein Seil, das Seil reißt und ein kleiner Spiegel fällt um, und Splitter regnen zu Boden und ein Ballon bläst sich auf, wächst wie eine Kaugummiblase und stößt einen kleinen, melancholischen Duracell-Hasen vom Balkon, der ein Grammophon in Betrieb setzt, an dessen äußerem Ende eine Rasierklinge kreist, und diese Klinge schneidet die Sicherheitsleine eines mit Helium gefüllten Stoffgespenstes durch, und das Gespenst schwebt zur Zimmerdecke, verheddert sich mit dem Deckenventilator, der zum Stillstand kommt und dafür sorgt, dass eine Nuss, die bisher durch die Zentripetalkraft auf dem innersten Punkt eines Rotorblatts gefangen war, zu Boden fällt, wo sie ein Loch in ein Playmobil-Krankenhaus schlägt, in dessen Zentrum eine trotz Tod und Verdammnis versammelte Hochzeitsgesellschaft wild durcheinanderpurzelt, und eines der Männchen legt dabei einen Schalter um, der ein Matchboxauto losfahren lässt, mit Kurs auf den Auslöser eines Feuerzeugs, das eine Flamme produziert, die einen Nylonfaden durchbrennt, und endlich fällt das letzte Stück, langsam wie ein Vorhang im Theater oder ein Fallbeil — bloß damit etwas ganz Banales passiert, ein Frühstücksei wird skalpiert oder eine Zigarre angezündet. Ein großer Aufwand für ein winzig kleines Ergebnis.

— Mhm, sagte mein Vater. Ich muss kurz –

Er stand auf und verschwand.

Nach ein paar Minuten entdeckte ich ihn.

Er gestikulierte. Meine Mutter bemerkte, dass ich irgendetwas anstarrte, folgte meinem Blick, indem sie sich kurz umdrehte, und sah da hinten ihren Mann, der ihr eindringlich zuwinkte: Komm, komm her.

Ich stand auf und ging zu ihm. Meine Mutter entschuldigte sich und folgte mir, um mich zurückzuhalten.

— Ich gehe, sagte er.

— Was ist denn? fragte meine Mutter.

— Das fragst du noch? Diese Vorzeigefamilien, alles dieselben. Diese glücklichen, erfolgreichen, kreativen — ich gehe jetzt.

— Georg, sagte meine Mutter.