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— Wenn du hier bleiben willst, bitte.

Für einen Augenblick sah es so aus, als würde meine Mutter gerade das tun, dann aber straffte sich das unsichtbare Seil, das zwischen ihr und dem Rücken meines davoneilenden Vaters gespannt war, und sie eilte ihm nach.

— Jetzt bleib doch stehen, was ist denn passiert?

Er schritt rasch voran, durch eine Tür, die aus dem Nichts aufgetaucht war, die sich einfach zu unseren Zwecken in der Wand geöffnet hatte. Dahinter überraschte mich blendendes Weiß. Ein Hühnerhof, schmutzig und verschneit, natürlich ohne Hühner, nur ein leerer, niedriger Zaun stand da, der ein verschneites Rechteck bewachte. Mein Vater drängte sich zwischen zwei leeren Regentonnen durch. Sie polterten. Ich war schmal genug, dass ich lautlos durchpasste.

— Glaubt, er ist was Besseres. Dieser … dieser Architekt! Diese überglücklichen Überfamilien aus dem Bilderbuch, alles dieselben!

Mein Vater ging, während er vor sich hinfluchte, immer schneller. Er bog um eine Ecke, wir holten ihn ein, dann blieb er plötzlich stehen. Fenster.

— Duckt euch, sagte er.

Das war der Punkt, an dem es meiner Mutter zu viel wurde. Sie protestierte. Was sollte dieses alberne Versteckspiel? Man könne die Zmals doch nicht einfach so sitzen lassen. Wenn er nach Hause fahren wolle, bitte, nur zu, aber sie würde ganz bestimmt nicht durch den Schnee robben.

Der Blick meines Vaters war unerhört bitter. Was konnte einen solchen Blick verdienen?

— Wie du willst, sagte er und duckte sich.

Er ging mit langen Ganovenschritten unter dem Fenster durch. Er versuchte sich zu bücken, aber irgendetwas hielt ihn zurück, vielleicht hatte er seinen Gürtel zu eng geschnallt. Er ächzte, als trage er eine zentnerschwere Last auf dem Rücken. Ich tat es ihm gleich. Meine Mutter ging aufrecht am Fenster vorbei. Sollte die ganze Welt sehen, dass sie sich nicht versteckte.

— Warum tust du das? fragte sie. Ist er nicht so was wie dein Freund?

— Gewesen, sagte mein Vater.

Wir waren schon beim Auto, da wurde die Haustür plötzlich aufgestoßen, und mein Vater setzte sich in seiner Angst hinter dem Wagen fast in den Schnee, damit man ihn nicht sah. Aber es war nur ein alter Mann mit Steirerhut, der mit seinem Gehstock die rutschigen Stufen hinunterbalancierte.

Im Auto schaltete mein Vater sofort das Radio ein. Die Endmelodie der Nachrichten, dann Verkehrsfunk. Er startete den Motor.

Es dauerte ungewöhnlich lange, bis er den Sicherheitsgurt angelegt hatte.

Wir fuhren dahin, es hatte leicht zu schneien begonnen, und ich ließ mich von den Scheibenwischern hypnotisieren: Nach einer halben Stunde nahmen sie die Gestalt von Trickfilm-Arbeitern an, die sich nach Ziegeln bückten und sie an den Nachbarn weitergaben, immer im gleichen Takt, die Ziegel an den jeweiligen Nachbarn, nachdem sie sich gebückt hatten, von links, in einem immergleichen Takt, nach rechts, an den jeweiligen Nachbarn, Ziegel für Ziegel.

Die Landschaft, durch die wir fuhren, kam mir längst nicht mehr bekannt vor. Es war zweifelhaft, ob hier überhaupt jemand leben konnte, so weit entfernt von jeder Zivilisation. Als wir schließlich an einem winterlichen Wasserfall vorbeikamen, für den die Zeit stehen geblieben war, fragte ich, wann wir endlich da wären.

Niemand antwortete.

Wir fuhren an den immergleichen Telegraphenmasten vorbei, die kleine weiße Hauben aufhatten und so still waren, als bewachten sie eine Krippe. Kein anderes Auto war zu sehen, keines kam uns entgegen, keines parkte entlang der Straße. Ich musste daran denken, wie wir im Urlaub einmal an einer Unfallstelle vorbeigekommen waren. Ein räumliches Stillleben am Straßenrand. Ein kleiner Körper oder der Teil eines Körpers lag unter einer Decke, die wie Alufolie aussah. Menschen gingen herum, als trügen sie schwere Lasten, Rettungskräfte und Verirrte, mit unterschiedlichen Farbmarkierungen. Wie es sich gehörte, wurde unser Wagen langsamer, denn ein Auto kann weder pietätvoll das Haupt zur Seite neigen noch mitleidig die Lider seiner Scheinwerfer senken. Aber auch die Zeit innerhalb der Unfallszene, jenes Bezugssystems, für das die Naturgesetze längst nicht mehr gelten, hatte sich verlangsamt: ein Mann, eingewickelt in einen Teppich, nahm in Zeitlupe einen Schluck von einem Kaffeebecher, sein Adamsapfel tauchte ab und wieder auf. In den paar Sekunden, die es dauerte, sah man in den stillen Trümmern die ganze Szene noch einmal, wie in Eis konserviert. Ein großer, dunkler Laster stand etwas abseits, das schuldige Fahrzeug, und sein Kopf hing traurig in den Straßengraben. Daneben der umgekippte Kleinwagen in stabiler Seitenlage. Uns blieb nichts anderes übrig, als vorüberzugleiten, verschont und begünstigt, so gut wie unsichtbar, begleitet von dem respektvollen Knirschen Tausender winziger Glassplitter unter unseren Reifen, ein maßvolles und intimes Solidaritätsgeräusch, wie der Applaus von Zellengenossen.

In der Ferne erhob sich aus dem Schnee ein altes Getreidesilo, der Aussichtsturm eines riesenhaften U-Boots, das an dieser Stelle durchgebrochen war, um einen fremden Eiskontinent zu erforschen. Aus kahlen Baumkronen, die mitten in der Explosion erstarrt waren, erhob sich nebelhaft ein Vogelschwarm, schrumpfte plötzlich zusammen und war nicht mehr zu sehen.

Wir waren etwa eine halbe Stunde gefahren, wortlos und konzentriert. Dann war diese große verschneite Wiese aufgetaucht, im Hintergrund ein Waldstück, daneben das grobkörnige Gehöft mit dem Silo und dem sonderbaren schmalen Nebengebäude, das aussah wie eine Kirche ohne Glockenturm. Am Rand des Waldes stand in der winterlichen Einöde ein Schild, das einen Sommerwanderweg markierte, für Menschen, die wissen wollten, wie weit sie gegangen waren, eine Erinnerung an frohere Zeiten: 0,5 km.

Wir gingen schweigend durch die erfrorene Landschaft und hinterließen unsere Fußspuren, in denen der Schnee nicht mehr weiß war, sondern blau. Ich hielt Daumen und Zeigefinger ganz nah vor mein Auge, bis die Finger riesenhaft erschienen, die Kiefer eines Dinosauriers. Ob Walter mit seinen Eltern immer noch im Gasthaus hockte und auf unsere Rückkehr wartete? Mein Vater und meine Mutter wackelten in einigem Abstand voneinander vor mir durch den Schnee. Meine Mutter sah manchmal zu mir zurück. Was sah sie in diesem Augenblick, als ihr Kopf zwischen meinen Fingern zerplatzte — einfach so, zp! Dachte sie vielleicht: Merkwürdig, was macht er da bloß? Hat er was im Auge? Spielt er Fotografieren? Auch der Kopf meines Vaters musste dran glauben, mehrere Male. Aber bei ihm machte es keinen rechten Spaß, denn er sah heute nicht aus wie sonst. Mir war aufgefallen, dass er sich am Morgen nicht rasiert hatte. Ich hob meinen Finger wieder vors Auge. Diesmal war er der schwarze Lauf einer Pistole. Ich schoss auf in der Ferne winkende Baumwipfel. Sie zerklirrten wie Fensterscheiben, Schnee rieselte zu Boden. Vielleicht traf ich dabei auch ein Vogelnest. Ich schoss das halbe Magazin leer. Der Waldboden, übersät mit schreienden Vogelküken. Und die Eltern kommen heruntergeflattert, raufen sich die Haare und schreien vergeblich um Hilfe.

Um die unangenehme Vorstellung loszuwerden, biss ich mir in den Finger.

Zuletzt wurden nur wenige Worte gewechselt. Der Wagen sprang nicht an. Dann sprang er an, aber die Reifen drehten durch und wir schlitterten seitwärts von der Straße. Mein Vater stieg aus, begutachtete die Bodenverhältnisse.

Er erklärte meiner Mutter, die nicht Auto fahren konnte, was sie zu tun hatte. Er würde anschieben.

Sein Gesicht erschien in der Heckscheibe. Meine Mutter tat, was immer sie tat. Nichts geschah. Ich drehte mich um. Mein Vater war verschwunden. Dann tauchte er wieder auf, mit schmerzverzerrtem Gesicht, beide Hände an der Hüfte. Dann ging er ein paar Schritte ins Leere, den Blick zum Himmel gedreht. Eine Hand tastete nervös auf seinem Rücken herum. Er atmete so, dass man es sehen konnte.

— Okay, ich fahre. Ihr beide versucht anzuschieben, sagte er.

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