Sie warf die Arme in die Luft und brach kreischend auf dem Boden zusammen. Christabel drosch wie wahnsinnig auf den Fußboden ein und schrie dabei so laut, daß Ulicia die Ohren schmerzten. Die sechs Frauen, die am Rande des Bärenfells über ihr standen, verfolgten die Szene mit großen Augen und hielten den Atem an. Jagang nagte an seinem Fasanenschenkel. Die Schreie, die einem das Blut gefrieren ließen, gingen ohne Unterlaß weiter, während Christabels Kopf von einer Seite auf die andere peitschte und ihr Körper unter heftigen Zuckungen hin- und hergeworfen wurde.
Jagang befaßte sich mit seinem Fasanenschenkel und ließ sich den Weinkrug nachfüllen. Niemand sprach, als er den Schenkel verspeist hatte und sich umdrehte, um sich ein paar Trauben zu nehmen.
Ulicia ertrug es nicht länger. »Wie lange dauert es, bis sie stirbt?« fragte sie mit heiserer Stimme.
Jagang zog die Augenbrauen hoch. »Bis sie stirbt?« Er warf seinen Kopf in den Nacken und brüllte vor Lachen. Er hämmerte mit den von goldenen Ringen strotzenden Fäusten auf den Tisch. Niemand sonst im Raum lächelte auch nur. Sein stämmiger Körper schüttelte sich. Das dünne Kettchen zwischen seiner Nase und seinem Ohr sprang hin und her, während sein Gelächter sporadisch aufflackerte und dann ganz verstummte.
»Sie war tot, bevor sie auf den Boden aufschlug.«
»Was? Aber … sie schreit noch immer.«
Auf einmal verstummte Christabel, ihre Brust war so reglos wie Stein.
»Sie war vom ersten Augenblick an tot«, beharrte Jagang. Ein Lächeln breitete sich langsam auf seinen Lippen aus, während er seinen schwarzen, vollkommen leeren Blick auf Ulicia richtete. »Dieser Keil, von dem ich dir erzählt habe. Er gleicht genau dem, den ich in eure Gehirne getrieben habe. Was du hier siehst, ist ihre schreiende Seele. Du siehst, wie sie in der Welt der Toten gepeinigt wird. Offenbar ist der Hüter mit seiner Schwester der Finsternis nicht recht zufrieden.«
Jagang hob einen Finger, und Christabel setzte ihr Umsichschlagen und Kreischen fort.
Ulicia mußte schlucken. »Wie lange … dauert es, bis sie … damit aufhört?«
Er leckte sich die Lippen. »Bis sie verfault.«
Ulicia spürte, wie ihre Knie nachgeben wollten, und durch die Verbindung fühlte sie, daß die anderen kurz davor waren, genau wie Christabel in wilder Panik loszuschreien. Das waren also die Qualen, mit denen der Hüter sie bestrafen würde, wenn es ihnen nicht gelang, ihm seinen Einfluß in dieser Welt zurückzugeben.
Jagang schnippte mit den Fingern. »Slith! Eeris!«
Licht schimmerte vor einer Wand. Ulicia stockte der Atem, als zwei Gestalten in Kapuzen aus dem dunklen Stein zu treten schienen.
Die beiden schuppigen Wesen glitten lautlos um den Tisch herum und verbeugten sich. »Ja, Traumwandler?«
Jagang fuchtelte mit seinem dicken Finger und deutete auf die kreischende Frau auf dem Boden. »Werft sie in die Sickergrube.«
Die Mriswiths schwangen ihre Capes über die Schulter und bückten sich, hoben den um sich schlagenden, kreischenden Leichnam einer Frau in die Höhe, die Ulicia über einhundert Jahre gekannt hatte, einer Frau, die ihr geholfen hatte und die eine gehorsame Sklavin des Hüters gewesen war. Ihr war eine Belohnung für ihre Dienste versprochen worden.
Ulicia betrachtete Jagang, während die beiden Mriswiths den Saal mit ihrer Last verließen. »Was verlangt Ihr von uns?«
Jagang hob eine Hand und winkte mit zwei fettverschmierten Fingern einen Soldaten heran, der an der Seite des Raumes stand. »Diese sechs gehören mir. Beringe sie.«
Der stämmige, mit Fellen bekleidete und mit Waffen behangene Mann verbeugte sich. Er ging zu der Frau, die am nächsten stand, zu Nicci, riß mit seinen schmutzigen Fingern grob an ihrer Unterlippe und zog sie lächerlich weit vor. In ihre großen blauen Augen trat ein panischer Blick. Ulicia versagte gemeinsam mit Nicci vor Schreck der Atem. Durch die Verbindung spürte sie ihre überwältigenden Schmerzen und das Entsetzen, als sich der stumpfe, rostige Eisendorn mit einer Drehung durch den Rand ihrer Lippe bohrte. Der Soldat steckte den mit einem Holzgriff versehenen Dorn in seinen Gürtel zurück, nahm einen goldenen Ring aus seiner Tasche und zerrte ihre Unterlippe vor. Unter Zuhilfenahme seiner Zähne weitete er die Kerbe im Ring, dann steckte er ihn durch die blutende Wunde. Er drehte den Ring herum und schloß die Lücke mit den Zähnen.
Zu Ulicia kam der unrasierte, dreckige, stinkende Soldat zuletzt.
Mittlerweile zitterte sie unkontrollierbar, denn sie hatte mitgefühlt, wie man dasselbe den anderen angetan hatte. Als er an ihrer Unterlippe riß, versuchte sie verzweifelt, an einen Ausweg zu denken. Es war, als holte man einen Eimer aus einem trockenen Brunnen. Vor Schmerz kamen ihr die Tränen, während der Ring durchgestochen wurde.
Jagang wischte sich mit dem Handrücken das Fett vom Mund, während er amüsiert verfolgte, wie ihnen allen das Blut übers Kinn rann. »Ihr sechs seid jetzt meine Sklaven. Wenn ihr mir keinen Grund gebt, euch zu töten, dann habe ich im Palast der Propheten noch Verwendung für euch. Wenn ich mit Richard Rahl fertig bin, kann es vielleicht sogar sein, daß ihr ihn umbringen dürft.«
Er blickte ihnen wieder in die Augen. Die trüben Partikel darin bewegten sich auf eine Weise, die ihr den Atem raubte. Alle Anzeichen von Heiterkeit verschwanden, und zurück blieb etwas unverhohlen Drohendes. »Aber noch bin ich mit euren Lektionen nicht fertig.«
»Uns sind die Alternativen durchaus klar«, sagte Ulicia hastig. »Bitte — Ihr braucht nicht fürchten, daß wir Euch nicht ergeben wären.«
»Oh, das weiß ich«, sagte Jagang leise. »Trotzdem, ich bin mit euren Lektionen noch nicht fertig. Die erste war nur ein Anfang. Die übrigen werden längst nicht so schnell vorüber sein.«
Ulicia konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Seit Jagang begonnen hatte, in ihre Träume einzudringen, war ihr Leben im Wachzustand der reinste Alptraum geworden. Es mußte einen Weg geben, dem ein Ende zu machen, aber ihr fiel beim besten Willen keiner ein. Sie sah sich schon als eine von Jagangs Sklavinnen in den Palast der Propheten zurücckehren, in einem dieser Kleider.
Jagang blickte an ihr vorbei. »Habt ihr zugehört, Jungs?«
Ulicia hörte, wie Captain Blake dies bejahte. Sie erschrak. Die dreißig Seeleute, die hinter ihr am Rand des Saales standen, hatte sie völlig vergessen.
Jagang winkte sie mit zwei Fingern näher heran. »Morgen früh dürft ihr gehen. Ich dachte allerdings, daß ihr euch für heute noch gern mit den Damen vergnügen würdet.«
Die sechs erstarrten, jede einzelne von ihnen.
»Aber —«
Die Art, wie die treibenden Partikel in seinen trüben Augen plötzlich ihre Lage änderten, ließ sie sofort verstummen. »Wenn ihr eure Magie gegen meinen Willen einsetzt, und sei es nur, um nicht zu niesen, werdet ihr Christabels Schicksal teilen. Das gilt ab sofort. In euren Träumen habe ich euch einen kleinen Vorgeschmack darauf gegeben, was ich mit euch machen kann, solange ihr noch lebt, und jetzt habt ihr einen kleinen Einblick bekommen, was der Hüter mit euch machen wird, wenn ihr sterbt. Ihr bewegt euch von nun an auf einem schmalen Grat. An eurer Stelle würde ich keinen Fuß daneben setzen.«
Jagang richtete den Blick wieder auf die Seeleute hinter ihnen. »Für heute nacht gehören sie euch. Ich kenne die sechs aus ihren Träumen und weiß, daß ihr noch Rechnungen offen habt. Macht mit ihnen, was immer euch beliebt.«
Die Seeleute wurden laut und fluchten ausgelassen.
Durch die Verbindung spürte Ulicia, wie eine Hand nach Arminas Brust griff, eine andere Niccis Kopf an den Haaren nach hinten riß, während die Spitzen an ihrem Mieder abgerissen wurden, und eine dritte an der Innenseite ihrer eigenen Schenkel hinaufglitt. Sie unterdrückte einen Schrei.
»Es gibt ein paar kleine Regeln«, sagte Jagang, und die Hände auf ihren Körpern hielten inne. »Haltet ihr die nicht ein, so nehme ich euch aus wie einen Sack Fische.«