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»Muß das wirklich sein? Ich habe euch doch gesagt, nehmt euch, was ihr wollt. Wir werden euch nicht daran hindern. Aber ich muß euch sagen, ihr seid die dritte Bande Banditen, die uns in den letzten zwei Wochen überfallen hat, und wir besitzen nichts Wertvolles mehr.«

Nach dem Zittern der Hand des Jungen zu urteilen, schien er in seinem Handwerk nicht sehr erfahren zu sein. Und so wie ihm die Haut um die Knochen schlotterte, hatte er bisher auch nicht sehr viel Erfolg gehabt.

»Halt den Mund!« Er sah seinen Kumpel verstohlen an. »Hast du was gefunden?«

Der zweite junge Bandit, der zwischen dem Gepäck auf dem Boden hockte und ebenso dürr war wie der erste, warf immer wieder hektische Blicke in den dunkler werdenden Wald zu beiden Seiten der vielbenutzten Straße. Er blickte zurück zu der nicht weit entfernten Biegung, wo die Straße hinter einer Wand aus schneeverkrusteten Tannen verschwand. In der Mitte der Kurve, kurz bevor die Straße nicht mehr zu sehen war, führte eine Brücke über einen rauschenden Bach. »Nein. Nur Kleider und Plunder. Keinen Schinken, nicht einmal Brot.«

Der erste wippte auf den Fußballen vor und zurück, bereit, beim ersten Anzeichen von Gefahr davonzurennen. Er griff mit der zweiten Hand ans Heft, um das Gewicht des schlecht geschmiedeten Schwertes besser halten zu können. »Ihr seht gut genährt aus. Was eßt ihr zwei, Alte! Schnee?«

Sie faltete die Hände über ihrem Gürtel und seufzte. Die Sache langweilte sie allmählich. »Wir arbeiten unterwegs für unser Essen. Solltest du auch mal versuchen. Arbeiten, meine ich.«

»Ach ja? Wir haben Winter, Alte, falls du das noch nicht mitbekommen hast. Es gibt keine Arbeit. Letzten Herbst hat sich die Armee unsere Vorräte unter den Nagel gerissen. Meine Eltern haben nichts, um über den Winter zu kommen.«

»Das tut mir leid, mein Sohn. Vielleicht…«

»He! Was ist denn das, alter Mann?« Er hakte seinen Finger in den mattsilbernen Halsring und zerrte daran. »Wie kriegt man das ab? Los, antworte!«

»Ich sagte es dir bereits«, meinte sie, der stummen Wut in den blauen Augen des Zauberers ausweichend, »mein Bruder ist taubstumm. Er versteht nicht, was wir reden, und kann auch nicht antworten.«

»Taubstumm? Dann sag du mir, wie man dieses Ding abkriegt.«

»Das ist bloß ein Erinnerungsstück aus Eisen, das vor langer Zeit geschmiedet wurde. Es ist nichts wert.«

Eine Hand löste sich vom Schwert, als der Räuber sich vorsichtig zu ihr hinüberbeugte und das Cape mit einem Finger zur Seite schob. »Was ist das? Ein Geldbeutel! Ich hab ihren Geldbeutel gefunden!« Er riß ihr den schweren Beutel mit Goldmünzen vom Gürtel. »Er ist bestimmt voller Gold!«

Sie lachte vergnügt in sich hinein. »Ich fürchte, es ist bloß ein Beutel voller harter Kekse. Du kannst dir von mir aus einen nehmen, wenn du willst, aber versuche nicht, sie zu zerbeißen, sonst brichst du dir die Zähne aus. Lutsche sie erst ein Weilchen.«

Er fischte eine Goldmünze heraus und steckte sie sich zwischen die Zähne. Er zuckte zusammen und machte ein säuerliches Gesicht. »Wie könnt ihr diese Dinger essen? Ich hab schon schlechte Kekse gegessen, aber die hier sind nicht mal gut genug, um schlecht genannt zu werden.«

So einfach ist das bei einem jungen Verstand, dachte sie. Nur schade, daß es bei einem Erwachsenen nicht so simpel funktionierte.

Er spie zur Seite hin aus und schleuderte den Beutel mit dem Gold in den Schnee, dann tastete er ihr Cape nach anderen Dingen ab, die sie vielleicht noch versteckt hielt.

Sie seufzte ungeduldig. »Würdet ihr Jungs jetzt endlich voranmachen mit dem Überfall? Wir würden gern noch vor Einbruch der Dunkelheit die nächste Ortschaft erreichen.«

»Nichts«, meinte der zweite. »Sie haben nichts, was sich lohnt.«

»Sie haben Pferde«, meinte der erste, während er mit den Händen in ihr schweres Cape griff und darin herumtastete. »Wenigstens die Pferde könnten wir mitnehmen. Sie werden etwas einbringen.«

»Bitte«, meinte sie. »Ich bin es leid, diese alten Mähren herumführen zu müssen. Sie halten einen bloß auf. Ihr würdet mir einen Gefallen tun. Alle vier lahmen, und ich bringe es nicht übers Herz, sie von ihrem Elend zu erlösen.«

»Die Alte hat recht«, meinte der zweite, als er eines der hinkenden Pferde probeweise ein Stück am Zügel führte. »Alle vier. Zu Fuß sind wir schneller. Wenn wir diese ausgemergelten Tiere mitnehmen, werden wir bestimmt geschnappt.«

Der erste strich immer noch mit der Hand über ihr Cape. Auf ihrer Tasche hielt er inne. »Was ist das?«

Ihre Stimme bekam einen scharfen Unterton. »Nichts, was für dich irgendwie von Interesse wäre.«

»Ach, nein?« Er fischte das Reisebuch aus ihrer Tasche.

Als er die leeren Seiten durchblätterte, fiel ihr eine Nachricht ins Auge. Endlich.

»Was ist das?«

»Nur ein Reisebuch. Kannst du lesen, mein Sohn?«

»Nein. Gibt doch eh kaum was, das sich zu lesen lohnt.«

»Nimm’s trotzdem mit«, meinte der zweite. »Vielleicht ist es etwas wert, wenn noch nichts drinsteht.«

Sie sah wieder den jungen Mann an, der sie mit dem Schwert bedrohte. »Jetzt reicht es mir allmählich. Betrachtet den Überfall als beendet.«

»Der ist vorbei, wenn ich sage, daß er vorbei ist.«

»Gib es zurück«, sagte Ann in gleichgültigem Ton und streckte die Hand aus. »Und dann verschwindet, bevor ich euch an den Ohren in den Ort schleife und eure Eltern kommen lasse, damit sie euch abholen.«

Er sprang einen Schritt zurück und fuchtelte mit dem Schwert herum. »Hör zu, werd nicht frech, sonst bekommst du meinen Stahl zu spüren. Ich weiß, wie man mit diesem Ding umgeht!«

Plötzlich war die stille Abendluft erfüllt vom Schlag donnernder Hufe. Sie hatte beobachtet, wie sich die Soldaten hinter der Kurve auf der anderen Seite der kleinen Brücke und wegen des rauschenden Wassers von den beiden jungen Männern unbemerkt — angeschlichen hatten, bis sie schließlich im letzten Augenblick losgaloppierten. Als sich ihr Angreifer erschrocken umdrehte, riß Ann ihm das Schwert aus der Hand. Nathan entriß dem anderen sein Messer.

Berittene d’Haranische Soldaten ragten plötzlich turmhoch über ihnen auf. »Was ist hier los?« fragte der Sergeant mit einer ruhigen, tiefen Stimme.

Die beiden jungen Männer waren starr vor Schreck. »Nun«, meinte Ann, »wir haben diese beiden hier zufällig getroffen, und sie haben uns erzählt, daß wir uns vor Banditen in acht nehmen sollen. Sie stammen hier aus der Gegend. Sie wollten uns gerade zeigen, wie wir uns schützen können, und haben uns ihre Schwertkünste vorgeführt.«

Der Sergeant faltete die Hände über dem Sattelknauf. »Stimmt das, Junge?«

»Ich … wir…« Er sah sie flehend an. »Stimmt. Wir wohnen ganz in der Nähe und haben diesen beiden Reisenden gesagt, sie sollen vorsichtig sein. Wir haben nämlich gehört, daß es Banditen in der Gegend gibt.«

»Und das war eine beachtliche Vorführung der Schwertkampfkunst. Wie versprochen, junger Mann, bekommst du einen Keks für die Demonstration. Reich mir den Beutel mit den Keksen, dort drüben.«

Er bückte sich, hob den schweren Beutel mit dem Gold auf und gab ihn ihr. Ann nahm zwei Münzen heraus und drückte jedem der jungen Männer eine in die Hand.

»Wie versprochen, einen Keks für jeden. Und jetzt macht ihr euch besser nach Hause auf, Jungs, sonst sorgen sich eure Eltern. Gebt ihnen meinen Keks als Dank dafür, daß sie euch hergeschickt haben, um uns zu warnen.«

Er nickte sprachlos. »Also gut. Gute Nacht. Paßt auf euch auf.«

Ann streckte die Hand aus. Sie fixierte den jungen Mann mit einem gefährlichen Seitenblick. »Wenn du dir mein Reisebuch lange genug angesehen hast, hätte ich es jetzt gerne zurück.«

Als er ihren Blick bemerkte, riß er die Augen auf. Dann drückte er ihr das Reisebuch in die Hand, als würde es ihm die Finger verbrennen. Was es auch tat.

Ann lächelte. »Danke, mein Sohn.«