Er wischte sich die Hand an seiner zerlumpten Jacke ab. »Also dann, auf Wiedersehen. Und seid vorsichtig.«
Er machte kehrt und wollte gehen. »Vergiß das nicht.« Er drehte sich vorsichtig wieder um. »Dein Vater wäre fürchterlich böse, wenn du sein Schwert vergessen würdest.«
Er hob es vorsichtig auf. Nathan, der nicht bereit war, ganz auf ein wenig Theatralik zu verzichten, ließ das Messer um seine Finger kreisend über seinen Handrücken wandern. Er schleuderte das Messer in die Luft, fing es hinter seinem Rücken wieder auf, dann wirbelte es unter seinem Arm hindurch in seine andere Hand. Ann verdrehte die Augen, als er gegen die Klinge schlug und die Drehrichtung wechselte. Er fing das Messer an der Klinge auf und reichte es, mit dem Griff voran, dem anderen jungen Mann.
»Wo hast du denn das gelernt, alter Mann?« wollte der Sergeant wissen.
Nathan zog ein finsteres Gesicht. Wenn es irgend etwas gab, was Nathan nicht mochte, dann war dies, ›alter Mann‹ genannt zu werden. Er war ein Zauberer, ein Prophet von beispiellosen Fähigkeiten, und fand, man müsse ihm Bewunderung, wenn nicht gar großen Respekt zollen. Ann hielt seine Gabe mit Hilfe des Rada’Han im Zaum, sonst hätte der Sattel des Sergeanten mittlerweile zweifellos in Flammen gestanden. Sie hinderte ihn auch daran, etwas zu sagen. Nathans Zunge war mindestens ebenso gefährlich wie seine Kraft.
»Mein Bruder ist leider taubstumm.« Sie scheuchte die beiden Banditen mit einer Handbewegung fort. Sie winkten und verschwanden, den Schnee mit den Füßen hochschleudernd, fluchtartig im Wald. »Mein Bruder hat sich schon immer mit kleinen Taschenspielereien die Zeit vertrieben.«
»Meine Dame, haben die beiden Euch auch ganz bestimmt keinen Ärger gemacht?«
»Ach was«, meinte sie spöttisch.
Der Sergeant nahm seine Zügel auf. Die zwanzig Mann hinter ihm taten es ihm nach, bereit, ihm zu folgen. »Ich denke, wir werden uns trotzdem ein wenig mit ihnen unterhalten. Und zwar über das Stehlen.«
»Wenn Ihr das tut, dann laßt Euch auch von ihnen erzählen, wie die d’Haranischen Truppen ihren Eltern die Vorräte gestohlen haben und wie sie deswegen hungern müssen.«
Der Soldat mit dem kantigen Kinn ließ die Zügel sinken. »Was früher geschah, davon weiß ich nichts. Aber der neue Lord Rahl hat ausdrücklich jegliche Plünderungen seitens der Armee verboten.«
»Der neue Lord Rahl?«
Er nickte. »Richard Rahl, der Herrscher von D’Hara.«
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie ein Lächeln in Nathans Mundwinkeln zuckte. Ein Lächeln für die richtig gewählte Gabelung in einer Prophezeiung. Obwohl es nicht anders hätte sein dürfen, wenn sie Erfolg haben wollten, rief es bei ihr kein Lächeln hervor. Statt dessen versetzte es ihr innerlich einen schmerzhaften Stich, als sich bestätigte, welcher Weg vor ihnen lag. Nur die Alternative dazu war schlimmer. »Ja, ich glaube, den Namen habe ich schon gehört, jetzt, wo Ihr ihn erwähnt.«
Der Sergeant stand in den Steigbügeln und drehte sich zu seinen Männern um. »Ogden, Spaulding!« Den Schnee hochschleudernd, sprangen ihre Pferde nach vorn. »Reitet diesen Jungen hinterher, und bringt sie zu ihren Eltern. Findet heraus, ob es stimmt, was sie erzählen, daß Truppen ihnen ihre Vorräte gestohlen haben. Wenn ja, stellt fest, aus wieviel Personen ihre Familien bestehen und ob es noch andere in der Gegend gibt, die in derselben Lage sind. Bringt einen Bericht zurück nach Aydindril, und sorgt dafür, daß sie bekommen, was sie an Lebensmitteln brauchen, um den Winter zu überstehen.«
Die beiden Soldaten salutierten mit einem Faustschlag auf das dunkle Leder und den Kettenpanzer über ihrem Herzen, dann ließen sie ihre Pferde die Spuren entlang galoppieren, die in den Wald hineinführten. Der Sergeant drehte sich wieder zu ihr um. »Befehl von Lord Rahl«, erklärte er. »Seid Ihr auf dem Weg nach Aydindril?«
»Ja. Wir hoffen, dort Schutz zu finden. Wie all die anderen, die nach Norden reisen.«
»Ihr werdet ihn finden, aber das kostet seinen Preis. Ich erzähle Euch, was ich auch all den anderen sage. Was immer früher Eure Heimat war, jetzt seid Ihr Untertanen D’Haras. Wenn Ihr in ein Gebiet wollt, das unter dem Einfluß D’Haras steht, wird man Eure Ergebenheit verlangen, zusammen mit einem kleinen Teil dessen, was Ihr durch Eure Arbeit verdient.«
Sie zog eine Braue hoch. »Wie es scheint, raubt die Armee das Volk noch immer aus?«
»Das mag Euch so erscheinen, nicht aber Lord Rahl, und sein Wort ist Gesetz. Alle zahlen das gleiche, um die Truppen zu finanzieren, die unsere Freiheit beschützen sollen. Wenn Ihr nicht zahlen wollt, steht es Euch frei, auf Schutz und Freiheit zu verzichten.«
»Wie es scheint, hat Lord Rahl die Dinge fest in der Hand.«
Der Sergeant nickte. »Er ist ein mächtiger Zauberer.«
Nathans Schultern zuckten in stummer Amüsiertheit.
Der Sergeant kniff die Augen zusammen. »Worüber lacht er, wenn er doch angeblich taubstumm ist?«
»Oh, das ist er. Aber er ist auch ein Schwachkopf.« Ann schlenderte hinüber zu den Pferden. Als sie vor dem breitschultrigen Zauberer herging, rammte sie ihm einen spitzen Ellenbogen in den Leib. »Manchmal lacht er bei den seltsamsten Gelegenheiten so.« Sie hob finster dreinblickend den Kopf, und Nathan hüstelte. »Wenn er so weitermacht, fängt er womöglich jeden Augenblick noch an zu sabbern.«
Mit sanfter Hand streichelte Ann über Bellas geschmeidige, kräftige, goldene Flanken. Bella tänzelte vor Freude über die Liebkosung. Die große Stute streckte erwartungsvoll die Zunge raus. Nichts mochte sie lieber, als wenn ihr jemand daran zog. Ann tat ihr den Gefallen, dann kraulte sie die Stute hinterm Ohr. Bella wieherte vor Freude und streckte die Zunge erneut aus, in der Hoffnung, das Spiel würde weitergehen.
»Ihr spracht gerade davon, Sergeant, der neue Lord Rahl sei ein mächtiger Zauberer?«
»Ganz recht. Er hat die Wesen erschlagen, die Ihr vor dem Palast auf Lanzen aufgespießt sehen werdet.«
»Wesen?«
»Er nennt sie Mriswiths. Häßliche, schuppige, echsenartige Bestien. Sie haben mehrere Menschen getötet, aber Lord Rahl hat sie eigenhändig in Stücke geschlagen.«
Mriswiths. Das waren wahrlich keine guten Neuigkeiten.
»Gibt es eine Ortschaft in der Nähe, wo wir etwas zu essen und eine Unterkunft für die Nacht finden können?«
»Ten Oaks liegt gleich hinter der nächsten Anhöhe, vielleicht zwei Meilen entfernt. Dort gibt es einen kleinen Gasthof.«
»Und wie weit ist es bis nach Aydindril?«
Er betrachtete abschätzend ihre vier Pferde, während sie Bellas Ohr kraulte. »Bei so prächtigen Tieren glaube ich kaum, daß Ihr mehr als sieben oder acht Tage brauchen werdet.«
»Vielen Dank, Sergeant. Es ist gut, Soldaten in der Nähe zu wissen, für den Fall, daß sich Banditen in der Gegend herumtreiben.«
Er sah zu Nathan hinüber, betrachtete genau seine hoch aufragende Gestalt, sein langes, weißes Haar, das bis auf seine Schultern reichte, sein kräftiges, sauber rasiertes Kinn und seine durchdringenden dunkelblauen, zusammengekniffenen Augen. Nathan war ein auf derbe Weise gutaussehender Mann voller Lebensenergie, trotz seiner fast eintausend Jahre.
Der Sergeant wandte sich ihr zu. Es war ihm sichtlich lieber, Blicke mit einer zierlichen alten Frau zu wechseln als mit Nathan. Obwohl er seiner Kraft beraubt war, hatte Nathan etwas Furchteinflößendes an sich. »Wir suchen jemanden vom Lebensborn aus dem Schoß der Kirche.«
»Lebensborn aus dem Schoß der Kirche? Ihr meint diese überheblichen Narren aus Nicobarese in den roten Capes?«
Der Sergeant faßte die Zügel seines Pferdes knapper, als es zur Seite trippeln wollte. Andere aus der Gruppe der zwanzig Pferde scharrten im Schnee und suchten nach Gras oder knabberten hoffnungsvoll an den trockenen Ästen neben der Straße, während sie die Schwänze träge in der kühlen Abendluft schwirren ließen. »Genau die. Zwei Männer, einer von ihnen der Lord General des Lebensborns, dazu ein Offizier und eine Frau. Sie sind aus Aydindril geflohen, und Lord Rahl hat angeordnet, sie zurückzubringen. Überall durchkämmen unsere Leute das Land nach ihnen.«