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»Tut mir leid, aber wir haben keine Spur von ihnen gesehen. Wohnt Lord Rahl in der Burg der Zauberer?«

»Nein, im Palast der Konfessoren.«

Ann seufzte. »Wenigstens etwas Gutes.«

Er runzelte die Stirn. »Warum ist das gut?«

Sie hatte gar nicht mitbekommen, daß sie ihrer Erleichterung laut Ausdruck verliehen hatte. »Oh. Na ja. Es ist nur so, ich hoffe, diesen großen Mann zu sehen, und wenn er in der Burg wohnt, wäre das nicht möglich. Sie ist durch Magie abgeschirmt, wie ich gehört habe. Wenn er im Palast auf den Balkon hinaustritt, um den Menschen zuzuwinken, bekomme ich ihn vielleicht zu sehen.

Nun, vielen Dank für Eure Hilfe, Sergeant. Ich denke, es wäre das beste, wenn wir in Ten Oaks eintreffen, bevor es stockfinster ist. Ich möchte nicht, daß eines meiner Pferde in ein Loch tritt und sich ein Bein bricht.«

Der Sergeant wünschte ihr eine gute Nacht und führte seinen Trupp Soldaten die Straße hoch, fort von Aydindril. Erst als sie ein gutes Stück außer Hörweite waren, nahm sie die Sperre von Nathans Stimme zurück. Es war schwierig, eine solche Kontrolle über einen längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Ann machte sich gedanklich auf den unvermeidlichen Wutausbruch gefaßt und ging daran, ihr Gepäck aus dem Schnee aufzusammeln.

»Wir sollten jetzt am besten aufbrechen«, meinte sie zu ihm.

Nathan richtete sich auf und setzte eine herrisch finstere Miene auf. »Du verschenkst Gold an Räuber? Du hättest —«

»Es waren doch nur junge Burschen, Nathan. Sie hatten Hunger.«

»Und haben versucht, uns auszurauben.«

Lächelnd warf Ann ein Bündel über Bellas Rücken. »Du weißt ebensogut wie ich, daß es dazu nicht gekommen wäre. Aber ich habe ihnen mehr als Gold gegeben. Ich glaube, sie werden das nicht noch einmal versuchen.«

Er brummte etwas. »Hoffentlich verbrennt ihnen der Bann, mit dem du das Gold belegt hast, die Finger bis auf die Knochen.«

»Hilf mir mit unserem Gepäck. Ich will zum Gasthaus. Im Reisebuch stand eine Nachricht.«

Nathan verschlug es nur für einen Augenblick die Sprache. »Lange genug gebraucht hat sie ja. Wir haben ihr so viele Hinweise hinterlassen, daß ein Kind längst dahintergekommen wäre. Hätte bloß noch gefehlt, daß wir ihr einen Zettel ans Kleid heften, auf dem steht: ›Übrigens, die Prälatin und der Prophet sind gar nicht wirklich tot, du Tölpel.‹«

Ann zog Bellas Bauchgurt fest. »Für sie war es bestimmt nicht so einfach, wie du es jetzt hinstellst. Uns kommt es nur deshalb so offensichtlich vor, weil wir davon wußten. Sie hatte keinen Grund, Verdacht zu schöpfen. Verna hat es bemerkt, das allein zählt.«

Nathans Antwort war hochmütiges Schnauben, dann ging er schließlich daran, ihr beim Einsammeln der restlichen Bündel zu helfen. »Und, was schreibt sie?«

»Das weiß ich noch nicht. Wir werden uns darum kümmern, sobald wir eine Bleibe für die Nacht gefunden haben.«

Nathan hob drohend einen Finger. »Wenn du mir noch einmal mit diesem Taubstummentrick kommst, wirst du das dein Leben lang bedauern.«

Sie sah ihn böse und verärgert an. »Und wenn wir noch einmal Leuten begegnen und du anfängst herumzukrakelen, du seist von einer verrückten Hexe entführt worden und würdest mit einem magischen Halsring gefangengehalten, werde ich dich wirklich taubstumm machen!«

Als sie das Gasthaus gefunden und ihre Pferde bei einem Burschen im dahinterliegenden Stall gelassen hatten, waren die Sterne herausgekommen, und über einem fernen Gebirgshang war der kleine winterliche Mond zu sehen. Der Rauch des Holzfeuers, der dicht über dem Boden stand, trug auch den Geruch von Eintopf heran. Sie gab dem Stalljungen einen Penny, damit er ihre Sachen ins Haus trug.

Ten Oaks war eine kleine Gemeinde, und im Gasthaus saßen nur ein Dutzend Einheimische an ein paar Tischen. Die meisten tranken und rauchten Pfeifen zu den Geschichten, die sie von Soldaten gehört hatten, zu den Gerüchten über die von Lord Rahl erzwungenen Bündnisse, von dessen angeblicher Herrschaft über Aydindril nicht alle überzeugt waren. Andere wollten wissen, wie sie sich dann erklärten, daß die d’Haranischen Truppen plötzlich so diszipliniert waren, wenn sie nicht endlich jemand ins Gebet genommen hatte.

Nathan, der hohe Stiefel trug, braune Hosen, ein weißes Rüschenhemd, das über seinen Rada’Han geknöpft war, eine offene, dunkle Weste und ein schweres braunes Cape, das bis fast auf den Boden reichte, schlenderte zu der kurzen Theke, die man vor ein paar Flaschen und Krügen errichtet hatte. Mit noblem Gehabe warf er sein Cape über die Schulter nach hinten und stellte einen Stiefel auf die Fußstütze. Nathan genoß es, andere Kleider anzuhaben als die schwarze Robe, die er immer im Palast getragen hatte. Er bezeichnete dies als ›Bescheidenheit‹.

Der humorlose Gastwirt lächelte erst, als Nathan ihm eine Silbermünze zugeschoben und ihm drohend klargemacht hatte, angesichts des hohen Preises für die Übernachtung sollte darin besser auch eine Mahlzeit enthalten sein. Der Wirt willigte achselzuckend ein.

Fast augenblicklich begann Nathan ein Garn zu spinnen, er sei ein Kaufmann, der mit seiner Mätresse reise, während seine Ehefrau zu Hause seine zwölf strammen Söhne großzog. Der Mann wollte wissen, mit welcher Art Waren Nathan Handel treibe. Nathan beugte sich zu ihm hinüber, mäßigte seinen herrischen Ton und erklärte dem Mann augenzwinkernd, es sei besser, wenn er dies nicht wisse.

Der Wirt war beeindruckt, richtete sich auf und reichte Nathan einen Krug auf Kosten des Hauses. Nathan brachte einen Trinkspruch auf das Gasthaus, den Wirt und alle Gäste aus, bevor er sich auf den Weg zur Treppe machte und dem Wirt befahl, seinem ›Weib‹ mit dem Eintopf ebenfalls einen Krug zu servieren. Sämtliche Augen im Gasthaus waren voller Bewunderung auf den eindrucksvollen Fremden gerichtet.

Ann schwor sich mit zusammengepreßten Lippen, sich nicht noch einmal ablenken zu lassen, und ließ Nathan genügend Zeit, sich eine Ausrede für ihre Anwesenheit hier zurechtzulegen. Ihre Gedanken kreisten um das Reisebuch. Sie wollte wissen, was darin stand, aber sie war auch besorgt. Leicht konnte etwas schiefgegangen sein. Womöglich war eine der Schwestern der Finsternis in den Besitz des Buches gelangt und hatte herausgefunden, daß die beiden noch lebten. Das konnten sie sich nicht leisten. Sie legte die Hand auf den schmerzenden Magen. Soweit sie wußte, befand sich der Palast bereits in Feindeshand.

Das Zimmer war klein, jedoch sauber, mit zwei schmalen Pritschen, einem weißen Gestell, auf dem eine Waschschüssel aus Blech und ein zerbeulter Wasserkrug standen, sowie einem quadratischen Tisch, auf den Nathan eine Öllampe stellte, die er von der Halterung gleich neben der Tür mit hereingebracht hatte. Dicht hinter ihnen kam der Wirt mit Schüsseln voller Eintopf und braunem Brot, gefolgt von dem Stallburschen mit ihrem Gepäck. Nachdem die beiden gegangen waren und die Tür geschlossen hatten, setzte Ann sich hin und rückte ihren Stuhl an den Tisch heran.

»Und«, meinte Nathan, »willst du mir keine Vorhaltungen machen?«

»Nein, Nathan. Ich bin müde.«

Er wedelte mit der Hand. »Ich hielt das nur für fair, in Anbetracht dieser Taubstummengeschichte.« Seine Miene verfinsterte sich. »Mein ganzes Leben, von den ersten vier Jahren abgesehen, trage ich diesen Halsring. Wie würdest du dich fühlen, wenn du dein ganzes Leben lang eine Gefangene gewesen wärst?«

Ann überlegte bei sich, daß sie, als seine Bewacherin, fast ebenso gefangen war wie er. Sie sah ihm in die wütend funkelnden Augen. »Auch wenn du es mir nicht abnimmst, wenn ich das sage, Nathan, so erkläre ich dir dennoch, ich wünschte, es wäre nicht so. Es bereitet mit keine Freude, ein Kind des Schöpfers in Gefangenschaft zu halten, und das aus keinem anderen Grund als dem, daß es geboren wurde.«

Er sagte eine ganze Weile nichts, dann wandte er seinen funkelnden Blick ab. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, wanderte Nathan durch das Zimmer und unterzog es einer gründlichen Begutachtung. Seine Stiefel stapften über den Dielenboden. »Das bin ich nicht gewöhnt«, meinte er, an niemanden besonderes gerichtet.