Выбрать главу

Ann schob die Schale mit Eintopf zur Seite und legte das Reisebuch auf den Tisch und starrte eine Weile auf den schwarzen Ledereinband, bevor sie es schließlich aufschlug und sich der Schrift zuwandte.

Zuerst müßt Ihr mir den Grund nennen, weshalb Ihr mich beim letzten Mal auserwählt habt. Ich weiß noch jedes Wort. Ein Fehler, und dieses Reisebuch wird zum Opfer der Flammen.

»Oh, oh, oh«, murmelte sie. »Sie ist sehr vorsichtig. Gut.« Nathan sah Ann über die Schulter, als sie auf das Buch zeigte. »Sieh dir die Linienführung an, wie fest sie aufgedrückt hat. Verna scheint sehr verärgert zu sein.«

Ann starrte auf die Worte. Sie wußte, was Verna meinte.

»Sie muß mich wirklich hassen«, sagte Ann leise, als die Worte unter ihrem verschwimmenden Blick zu schwanken begann.

Nathan richtete sich auf. »Na und? Ich hasse dich auch, trotzdem macht es dir offenbar niemals etwas aus.«

»Wirklich, Nathan? Haßt du mich wirklich?«

Ein abfälliges Brummen war seine einzige Antwort. »Habe ich dir schon gesagt, daß dein Plan völliger Irrsinn ist?«

»Schon seit dem Frühstück nicht mehr.«

»Nun, das ist er aber.«

Ann starrte auf die Worte im Reisebuch. »Du hast schon einmal dafür gekämpft, darauf Einfluß zu nehmen, welche Gabelung in einer Prophezeiung genommen wird, Nathan. Denn du weißt, was entlang des falschen Pfades geschehen kann, und du weißt auch, wie anfällig Prophezeiungen für verderbliche Einflüsse sind.«

»Welchen Nutzen hätte jemand davon, wenn du mit diesem tollkühnen Plan dein Leben aufs Spiel setztest und getötet würdest. Und meines obendrein! Ich würde gerne die tausend Jahre noch vollmachen, weißt du. Du wirst uns beide umbringen.«

Ann erhob sich von ihrem Stuhl. Sie legte ihm sanft die Hand auf seinen muskulösen Arm. »Dann verrate mir, Nathan, was du tun würdest. Du kennst die Prophezeiungen, du kennst die Gefahr. Du selbst hast mich gewarnt. Sag mir, was du tun würdest, wenn die Entscheidung bei dir läge.«

Die beiden sahen sich eine ganze Weile an. Als er seine große Hand auf ihre legte, wich das Feuer aus seinen Augen. »Dasselbe wie du, Ann. Es ist unsere einzige Chance. Aber ich fühle mich nicht besser, nur weil ich die Gefahr für dich kenne.«

»Ich weiß, Nathan. Sind sie dort? Sind sie in Aydindril?«

»Einer von ihnen«, sagte er leise und drückte ihre Hand, »und die andere wird etwa um dieselbe Zeit dort sein, wenn wir eintreffen. Das habe ich in einer Prophezeiung gesehen.

Ann, das Zeitalter, das uns bevorsteht, ist verstrickt in ein Labyrinth aus Prophezeiungen. Krieg zieht die Prophezeiungen an wie Mist die Fliegen. Die Äste verzweigen sich in alle Richtungen. Jeder einzelne von ihnen muß sorgfältig in Betracht gezogen werden. Wenn wir bei einer von ihnen den falschen Pfad wählen, geraten wir in Vergessenheit. Schlimmer noch, es gibt Lücken, an denen ich nicht weiß, was getan werden muß. Noch schlimmer, es sind andere daran beteiligt, die ebenfalls die richtige Gabelung nehmen müssen. Und über die haben wir keinerlei Kontrolle.«

Ann fand keine Worte, daher nickte sie. Sie setzte sich wieder an den Tisch und schob ihren Stuhl ganz dicht heran. Nathan setzte sich rittlings auf den anderen Stuhl, brach sich ein Stück Brot ab und kaute, während er zusah, wie sie den Stift aus dem Rücken des Reisebuches zog.

Ann schrieb: Gehe morgen Abend, wenn der Mond aufgegangen ist, zu der Stelle, wo du dies gefunden hast. Sie schloß das Buch und steckte es in eine Tasche ihres grauen Kleides zurück.

Nathan sprach, den Mund voll Brot. »Hoffentlich ist sie klug genug und rechtfertigt dein Vertrauen.«

»Wir haben sie ausgebildet, so gut wir konnten, Nathan. Wir haben sie für zwanzig Jahre vom Palast fortgeschickt, damit sie lernt, ihren Verstand zu gebrauchen. Wir haben getan, was wir konnten. Jetzt müssen wir ihr vertrauen.« Ann küßte den Finger, an dem all die Jahre der Ring der Prälatin gesteckt hatte. »Geliebter Schöpfer, gib auch Du mir die Kraft.«

Nathan blies auf einen Löffel mit Eintopf. »Ich will ein Schwert«, verkündete er.

Ihre Stirn legte sich in Falten. »Du bist ein Zauberer, der seine Gabe vollkommen beherrscht. Warum, im Namen der Schöpfung, willst du ein Schwert?«

Er sah sie an, als hätte sie den Verstand verloren. »Weil ich glaube, daß ich mit einem Schwert an meiner Seite fesch aussehen würde.«

29

»Bitte«, hauchte Cathryn.

Richard blickte in ihre sanften, braunen Augen und strich ihr sanft eine schwarze Locke aus dem strahlenden Gesicht. Sie sahen sich an, und er hätte kaum den Blick abwenden können, es sei denn, sie hätte dies zuerst getan. So weit war es mit ihm gekommen. Ihre Hand auf seiner Hüfte sandte wohlige, sehnsüchtige Schauder durch seinen Körper. Verzweifelt bemühte er sich, ein Bild von Kahlan hervorzurufen, um dem Zwang zu widerstehen, Cathryn in die Arme zu schließen und ›ja‹ zu sagen. Sein Körper brannte darauf.

»Ich bin müde«, log er. Schlafen war das letzte, was er wollte. »Der Tag war lang. Morgen werden wir wieder Zusammensein.«

»Aber ich will —«

Er berührte ihre Lippen, um sie zum Schweigen zu bringen. Er wußte, wenn er diese Worte noch ein einziges Mal aus ihrem Mund hörte, wäre dies einmal zuviel. Dem vielsagenden Angebot ihrer Lippen, die mit einem feuchten Kuß an seiner Fingerspitze nuckelten, konnte er fast ebensowenig widerstehen wie der unverhohlenen Aufforderung, die in ihren Worten lag. Sein umnebelter Verstand bekam kaum mehr zusammenhängende Gedanken zustande.

Einen aber doch: Geliebte Seelen. Gebt mir Kraft. Mein Herz gehört Kahlan.

»Morgen«, brachte er hervor.

»Das habt Ihr gestern schon gesagt, und ich habe Stunden gebraucht, um Euch zu finden«, hauchte sie und gab ihm einen Kuß aufs Ohr.

Richard hatte sich mit dem Mriswithcape unsichtbar gemacht. Es war ein klein wenig einfacher, ihr zu widerstehen, wenn sie sich nicht unmittelbar an ihn wenden konnte, doch damit wurde das Unausweichliche nur aufgeschoben. Sobald er bemerkte, wie verzweifelt sie ihn suchte, wurden die Qualen für ihn unerträglich, und am Ende mußte er zu ihr.

Als sie ihm die Hand an den Hals legen wollte, ergriff er sie und küßte sie rasch. »Schlaft gut, Cathryn. Ich sehe Euch morgen früh.«

Richard sah zu Egan hinüber, der drei Meter weiter mit dem Rücken zur Wand und mit verschränkten Armen dastand und geradeaus starrte, als hätte er nichts gesehen. Hinter ihm, im Schatten des schlecht beleuchteten Ganges, stand Berdine ebenfalls Wache. Sie versuchte erst gar nicht, den Eindruck zu erwecken, als sähe sie ihn nicht vor der Tür stehen, während Cathryn sich an ihn schmiegte. Seine anderen Bewacher, Ulic, Cara und Raina, hatten sich ein wenig hingelegt.

Richard brachte eine Hand hinter seinen Rücken und drehte den Türknauf. Sein Gewicht drückte gegen die Tür und ließ sie aufspringen, dabei trat er zur Seite, und Cathryn stolperte in ihr Zimmer. Gerade noch konnte sie sich an seiner Hand festhalten. Sie sah ihm in die Augen und küßte ihm die Hand. Fast hätten die Knie unter ihm nachgegeben.

Richard wußte, er würde ihr nicht länger widerstehen können, wenn er ihr nicht aus den Augen ging, und zog die Hand zurück. In Gedanken legte er sich Ausflüchte zurecht, warum es in Ordnung wäre, nachzugeben. Was konnte es schaden? Was war daran so schlimm? Wieso glaubte er, es wäre so falsch?

Es fühlte sich an, als hätte jemand eine dicke Decke über seine Gedanken gelegt und sie damit erstickt, bevor sie an die Oberfläche kamen.

Stimmen in seinem Kopf versuchten, vernünftige Gründe dafür vorzubringen, seinen törichten Widerstand aufzugeben und sich einfach den Reizen dieses wundervollen Geschöpfs hinzugeben, das ihm mehr als überdeutlich zu verstehen gab, daß es ihn wollte, das ihn geradezu anflehte. Er verzehrte sich so sehr nach ihr, daß ihm ein Kloß im Hals saß. Er war den Tränen nahe, aus Verzweiflung, weil er immer noch versuchte, Gründe zu finden, sich zurückzuhalten.