Sein ganzes Denken trat auf der Stelle. Ein Teil von ihm, der größere, bemühte sich verzweifelt darum, den Widerstand aufzugeben. Ein kleiner, schwacher Teil jedoch kämpfte wie besessen um Zurückhaltung, versuchte ihn zu warnen, daß irgend etwas nicht stimmte. Es ergab keinen Sinn. Was sollte denn nicht stimmen? Was war daran falsch? Was war es, das versuchte, ihn zu stoppen?
Geliebte Seelen, helft mir.
Ein Bild von Kahlan erschien vor seinem inneren Auge. Er sah, wie sie lächelte, ein Lächeln, das sie keinem anderen schenkte als ihm. Er sah, wie ihre Lippen sich bewegten. Sie sagte, daß sie ihn liebte.
»Ich muß unbedingt mit Euch alleine sein, Richard«, sagte Cathryn. »Ich halte es nicht länger aus.«
»Gute Nacht, Cathryn. Schlaft gut. Ich sehe Euch morgen früh.« Er zog die Tür zu.
Vor Erschöpfung keuchend trat er in sein Zimmer und schloß hinter sich die Tür. Sein Hemd war schweißdurchtränkt. Kraftlos hob er den Arm und schob den Türriegel an seinen Platz. Er zerbrach, als er ihn kraftvoll vorschob. Richard starrte auf die baumelnde, an einer Schraube hängende Halterung. Im schwachen Schein des Kaminfeuers konnte er die anderen Schrauben auf den kunstvollen Teppichen nicht sehen.
Ihm war so heiß, daß er kaum atmen konnte. Richard zog den Waffengurt über seinen Kopf und ließ das Schwert auf dem Weg zum Fenster zu Boden fallen. Mit der letzten Kraft eines Ertrinkenden drehte er den Fenstergriff und drückte japsend das Fenster auf, als könnte er nicht mehr atmen. Kalte Luft füllte seine Lungen, verschaffte ihm aber kaum Linderung.
Sein Zimmer lag im Erdgeschoß, und einen kurzen Augenblick spielte er mit dem Gedanken, über das Fensterbrett zu steigen und sich im Schnee zu wälzen. Er verwarf die Idee und begnügte sich damit, die kalte Luft über sich hinwegstreichen zu lassen, während er hinaus in die Nacht starrte, in den vom Mond beschienenen, abgeschiedenen Garten.
Irgend etwas stimmte nicht, aber er konnte sich nicht überwinden, es zu begreifen. Er wollte bei Cathryn sein, doch etwas in seinem Inneren kämpfte dagegen an. Warum? Er verstand nicht, wieso er den Wunsch verspürte, gegen das Verlangen nach ihr anzukämpfen.
Er mußte wieder an Kahlan denken. Deshalb also.
Aber wenn er Kahlan liebte, wieso empfand er dann ein so intensives Verlangen nach Cathryn? Er konnte fast an nichts anderes mehr denken. Er hatte Mühe, die Erinnerung an Kahlan in seinem Gedächtnis zu bewahren.
Richard schleppte sich zum Bett. Instinktiv wußte er, daß er am Ende war, daß er seinem leidenschaftlichen Verlangen nach Cathryn nicht länger widerstehen würde. Wie benommen hockte er auf der Bettkante, während sich ihm der Kopf drehte.
Die Tür ging auf. Richard sah auf. Sie trug ein so hauchdünnes Etwas, daß sich im schwachen Licht des Korridors ihr Körper darunter abzeichnete. Sie kam durch das Zimmer auf ihn zu.
»Richard, bitte«, flehte sie mit jener sanften Stimme, die ihn lähmte, »schickt mich diesmal nicht fort. Bitte. Ich sterbe, wenn ich nicht bei Euch sein kann.«
Sterben? Geliebte Seelen, er wollte doch nicht, daß sie starb. Schon bei dem Gedanken wäre Richard fast in Tränen ausgebrochen.
Sie schwebte näher, in den Schein des Feuers. Das sanft plissierte Nachthemd reichte bis zum Boden, verhüllte jedoch kaum, was sich darunter befand, sondern formte ihren Körper zu einer Vision von Schönheit, die alles übertraf, was er sich je hätte vorstellen können. Der Anblick entflammte ihn. Er konnte an nichts anderes denken als an das, was er sah und wie sehr es ihn nach ihr verlangte. Wenn er sie nicht bekam, würde er an unerfüllter Sehnsucht sterben.
Sie stand über ihm, eine Hand hinter dem Rücken, und streichelte ihm lächelnd mit der anderen über das Gesicht. Er spürte die Wärme ihrer Haut. Sie beugte sich vor und streifte seine Lippen mit ihren. Er glaubte, vor Wonne zu sterben. Ihre Hand wanderte zu seiner Brust.
»Legt Euch hin, mein Geliebter«, hauchte Cathryn und stieß ihn sanft zurück.
Er ließ sich rücklings aufs Bett fallen und starrte sie an, benommen von der Qual seines Verlangens.
Richard dachte an Kahlan. Er war machtlos. Richard erinnerte sich schwach an einige der Dinge, die Nathan ihm über die Anwendung seiner Gabe erklärt hatte: Sie befand sich in seinem Innern, und Wut konnte sie hervorbringen. Aber er verspürte keinen Zorn. Instinktiv, so benutzte ein Kriegszauberer seine Gabe, hatte Nathan ihm erklärt. Er erinnerte sich, wie er sich diesem Instinkt hingegeben hatte, als er durch Lilianas Hände hatte sterben sollen, einer Schwester der Finsternis. Er hatte seine innere Kraft akzeptiert. Er hatte zugelassen, daß sein instinktiver Einsatz des Verlangens die Kraft zum Leben erweckte.
Cathryn stützte ein Knie auf das Bett. »Endlich, mein Geliebter.«
Mit hingebungsvoller Hilflosigkeit überließ Richard sich seinem ruhigen Zentrum, dem Instinkt hinter dem Schleier in seinem Kopf. Er ließ sich in die dunkle Leere fallen. Er gab alle Kontrolle über sein Tun auf, überließ sich dem, was kommen würde. Er war in jedem Fall verloren.
Plötzlich entflammte Klarheit und verbrannte den Nebel in kochenden Wellen.
Er hob den Kopf und sah eine Frau, für die er nichts empfand. Kalt und klar begriff Richard. Er war bereits von Magie berührt worden, er wußte, wie sie sich anfühlte. Der Schleier war zerrissen. Diese Frau war von Magie umgeben. Nachdem der Nebel abgezogen war, konnte er ihre Finger in seinem Verstand spüren. Aber warum?
Dann sah er das Messer.
Die Klinge blinkte im Schein des Feuers, als sie sie über den Kopf hob. In einem wilden Kraftausbruch warf er sich zu Boden, als Cathryn das Messer im Bettzeug versenkte. Sie zog es wieder heraus und stürzte sich auf ihn.
Jetzt war es für sie zu spät. Er zog die Beine an, um sie zurückzustoßen, doch inmitten des Chaos aus Empfinden und Erkenntnis spürte Richard die Gegenwart eines Mriswiths, und fast zur gleichen Zeit sah er, wie dieser Gestalt annahm und aus der Luft über ihm herabstürzte.
Und dann färbte die Welt sich rot. Er spürte, wie warmes Blut auf sein Gesicht klatschte, und sah, wie das hauchzarte Nachthemd aufgeschlitzt wurde. Mehrere Fetzen durchscheinenden Stoffes flatterten wie in einem Windstoß. Die drei Klingen rissen Cathryn nahezu entzwei. Der Mriswith landete krachend auf dem Boden hinter ihr.
Richard wand sich unter ihr hervor und sprang auf die Beine, während sie zurücktaumelte und schockiert sah, wie ihre blutverschmierten Eingeweide klatschend auf den Teppich schwappten. Ihr entsetztes Japsen ging in würgendes Keuchen über und erstarb.
Richard ging in die Hocke, Füße und Hände ausgebreitet, und wandte sich dem Mriswith auf der anderen Seite von ihr zu. Der Mriswith hatte in jeder Kralle ein dreiklingiges Messer. Zwischen ihnen wand sich Cathryn in Todesqualen.
Der Mriswith machte einen Schritt zurück in Richtung Fenster. Seine Knopfaugen blieben auf Richard geheftet. Er machte noch einen Schritt und zog dabei sein schwarzes Cape über seinen schuppigen Arm, während sein Blick durch das Zimmer wanderte.
Richard hechtete zu seinem Schwert. Er blieb rutschend liegen, als der Mriswith einen krallenbewehrten Fuß auf die Scheide setzte und es auf den Boden drückte.
»Nein«, zischelte er. »Ssssie wollte dich töten.«
»Genau wie du!«
»Nein. Ich beschützzzze dich, Hautbruder.«
Richard starrte die dunkle Gestalt sprachlos an. Der Mriswith schlang das Cape um seinen Körper, warf sich durch das Fenster hinaus in die Nacht, sprang und war verschwunden. Richard war mit einem Satz am Fenster, um ihn zu fassen zu bekommen. Seine Hände griffen ins Leere, als er, halb hinaus in der Nacht hängend, auf der Fensterbank landete. Der Mriswith war fort. Er spürte seine Gegenwart nicht mehr.
Die Leere, die das Verschwinden des Mriswith hinterließ, füllten Richards Gedanken mit dem Bild von Cathryn, die sich in der Masse ihrer Eingeweide wälzte. Er erbrach sich aus dem Fenster.
Als sein Würgen zu Ende war, als er wieder Luft bekam und sein Kopf aufgehört hatte, sich zu drehen, taumelte er zu der Stelle zurück, wo sie lag, und kniete neben ihr nieder. Er dankte den Seelen, daß sie tot war und nicht länger litt. Auch wenn sie versucht hatte, ihn umzubringen, er ertrug es nicht länger, sie in den Klauen des Todes leiden zu sehen.