Sie legte ihm eine Hand auf die Brust und stieß sich von ihm ab. »Ich kann es nicht.« Richard glaubte nicht, daß er jemals einen Menschen in solchem Elend gesehen hatte. »Bitte, Lord Rahl — tötet mich. Ich kann die Schmerzen nicht ertragen. Ich flehe Euch an, bitte tötet mich.«
Richard, voll des quälenden Mitleids für die Leiden, zog sie wieder an seine Brust und umarmte sie, strich ihr über den Kopf, versuchte sie zu trösten. Es nützte nichts, sie weinte nur noch heftiger.
Er lehnte sich an das Bett, während sie sich unter Tränen schüttelte. Ohne darüber nachzudenken, was er tat, oder auch nur das Warum zu begreifen, legte er ihr die Hand über die linke Brust.
Richard suchte das ruhige Zentrum, den Ort bar aller Gedanken, den Quell des Friedens in seinem Innern, und hüllte sich in seine Instinkte. Er spürte, wie der sengende Schmerz seinen Körper durchdrang. Ihr Schmerz. Er spürte, was man ihr angetan hatte und wie die verbliebene Magie ihr jetzt, in diesem Augenblick, Qualen zufügte. Er ließ es über sich ergehen, wie zuvor den Schmerz des Strafers.
Dank seiner Fähigkeit, sich in sie hineinzuversetzen, spürte er die Marter ihres Lebens, die Marter, was es hieß, eine Mord-Sith zu werden, die Angst vor dem Verlust ihres früheren Selbst. Er schloß die Augen und nahm das alles auf sich. Auch wenn er die daran beteiligten Ereignisse nicht kannte, so begriff er doch, welche Spuren und Narben sie auf ihrer Seele hinterlassen hatten. Er festigte seinen Willen, um all das Leid ertragen zu können. Er stand wie ein Fels im Sturzbach der Schmerzen, der seine eigene Seele umflutete.
Dieser Fels war er für sie. Er ließ den liebevollen Respekt, den er für dieses unschuldige Wesen, für diese Leidensgenossin empfand, in sie hineinströmen. Ohne die Gefühle, die er dabei empfand, vollkommen zu verstehen, ließ er sich von seinen Instinkten leiten. Er spürte, wie er ihr Leid aufsog, so daß sie es nicht länger zu erdulden brauchte und er ihr helfen konnte. Und gleichzeitig spürte er eine innere Wärme, die durch seine Hand, die auf ihrem Körper lag, nach außen strömte. Über diese Hand, so schien es, war er mit ihrem Lebenslicht verbunden, mit ihrer Seele.
Berdines Weinen ließ nach, ihr Atem beruhigte sich, ihre Muskeln erschlafften, und sie sank nach hinten an das Bett.
Richard spürte, wie der Schmerz, der von ihr auf ihn übergegangen war, nachließ. Erst jetzt merkte er, daß er unter den unerträglichen Qualen den Atem angehalten hatte, und erschöpft holte er tief Luft.
Auch die Wärme, die aus seinem Inneren hervorströmte, ließ nach und verebbte schließlich ganz. Richard zog seine Hand zurück und strich ihr das wellige Haar aus dem Gesicht. Sie öffnete die Augen, und ihr benommener, blauäugiger Blick traf seinen.
Sie sahen beide nach unten. Sie war wieder unversehrt.
»Ich bin wieder ich selbst«, sagte sie leise. »Ich fühle mich, als wäre ich gerade aus einem Alptraum aufgewacht.«
Richard zog das rote Leder über ihre Brüste und bedeckte sie. »Ich auch.«
»Einen Lord Rahl wie Euch hat es noch nie zuvor gegeben«, meinte sie verwundert.
»Ein wahreres Wort wurde noch nie gesprochen«, sagte eine Stimme hinter ihnen.
Richard drehte sich um und erblickte die tränenverschmierten Gesichter der beiden anderen Frauen, die hinter ihm knieten.
»Geht es dir gut, Berdine?« erkundigte sich Cara.
Berdine, immer noch ein wenig überwältigt, nickte. »Ich bin wieder ich selbst.«
Doch keiner von ihnen war so ergriffen wie Richard.
»Ihr hättet sie umbringen können«, meinte Cara. »Hättet Ihr versucht, Euer Schwert zu gebrauchen, hätte sie Eure Magie bekommen, aber Ihr hättet Euer Messer benutzen können. Für Euch wäre es ein leichtes gewesen. Ihr hättet ihren Strafer nicht zu erdulden brauchen. Ihr hättet sie einfach töten können.«
Richard nickte. »Ich weiß. Aber dieser Schmerz wäre noch schlimmer gewesen.«
Berdine warf ihren Strafer neben ihm auf den Boden. »Ich übergebe Euch dies, Lord Rahl.«
Die beiden anderen streiften die goldenen Kettchen über ihre Hände und ließen ihre Strafer neben den von Berdine zu Boden fallen.
»Ich übergebe Euch meinen ebenfalls, Lord Rahl«, sagte Cara.
»Ich auch, Lord Rahl.«
Richard starrte auf die roten Stäbe, die neben ihm auf dem Fußboden lagen. Er mußte an sein Schwert denken, und wie sehr er die Dinge haßte, die er damit tat, wie er all das Töten haßte, das er damit bereits angerichtet hatte, und das Töten, das noch vor ihm lag. Aber noch konnte er das Schwert nicht aufgeben.
»Ihr könnt gar nicht wissen, wieviel mir das bedeutet«, sagte er, unfähig, ihnen in die Augen zu sehen. »Was zählt, ist Euer Wille. Er beweist Euren Mut und Eure Bande. Verzeiht mir, Ihr alle, aber ich muß Euch bitten, sie im Augenblick zu behalten.« Er gab ihnen ihre Strafer zurück. »Wenn das hier vorbei ist, wenn wir uns von der Bedrohung befreit haben, dann können wir alle die Alpträume ablegen, die uns verfolgen. Im Augenblick aber müssen wir für diejenigen kämpfen, die auf uns zählen. Es sind unsere Waffen, so fürchterlich sie sein mögen, die es uns erlauben, den Kampf fortzusetzen.«
Cara legte ihm sanft die Hand auf die Schulter. »Das verstehen wir, Lord Rahl. Es soll sein, wie Ihr sagt. Wenn dies vorüber ist, können wir uns nicht nur von den äußeren Feinden befreien, sondern auch von den inneren.«
Richard nickte. »Bis dahin müssen wir stark sein. Wir müssen sein wie der Hauch des Todes.«
In der Stille fragte sich Richard, was Mriswiths in Aydindril verloren hatten. Er mußte an den einen denken, der Cathryn getötet hatte. Er beschütze ihn, hatte er behauptet. Ihn beschützen? Ausgeschlossen.
Wenn er jedoch darüber nachdachte, konnte er sich nicht erinnern, daß ein Mriswith ihn je persönlich angegriffen hatte. Er mußte an den ersten Angriff denken, draußen vor dem Palast der Konfessoren. Gratch hatten sie attackiert, und Richard war seinem Freund zu Hilfe gekommen. Ihr Ziel war es gewesen, ›Grünauge‹, wie sie den Gar nannten, zu töten. Ihn hatten sie eigentlich nie angegriffen.
Der, der heute abend gekommen war, hatte die beste Gelegenheit von allen gehabt — Richard war ohne sein Schwert gewesen —, trotzdem hatte er ihn nicht angegriffen, sondern war statt dessen kampflos geflohen. Er hatte ihn als ›Hautbruder‹ bezeichnet. Allein bei der Vorstellung, was das bedeuten konnte, bekam er eine Gänsehaut.
Richard kratzte sich gedankenverloren den Hals.
Cara rieb mit einem Finger über die Stelle hinten in seinem Nacken, wo er sich gerade gekratzt hatte. »Was ist das?«
»Ich weiß nicht. Eine Stelle, die schon seit langem juckt.«
30
Verna lief empört in dem kleinen Heiligtum auf und ab. Wie konnte Prälatin Annalina es wagen? Verna hatte ihr gesagt, sie solle ihr den genauen Wortlaut mitteilen, um zu beweisen, daß sie es wirklich war, und noch einmal erklären, daß sie Verna als unauffällige Schwester betrachtete, von der man wenig Notiz nahm. Verna wollte die Prälatin diese grausamen Worte wiederholen lassen, damit sie erfuhr, daß Verna wußte, daß sie benutzt wurde und in den Augen der Prälatin nur von geringem Nutzen war.
Wenn sie schon benutzt wurde und die Anweisungen der Prälatin befolgte, wie es gezwungenermaßen die Pflicht einer jeden Schwester war, dann sollte es diesmal wissentlich geschehen.
Verna hatte genug geweint. Sie hatte nicht die Absicht zu springen, wann immer diese Frau arroganterweise mit den Fingern schnippte. Verna hatte nicht ihr ganzes Leben dem Dasein als Schwester gewidmet, so viele Jahre so hart gearbeitet, um dermaßen respektlos behandelt zu werden.
Was sie am meisten ärgerte, war, daß sie es wieder getan hatte. Verna hatte der Prälatin erklärt, daß sie die Worte erst genau wiederholen mußte, um ihre Identität zu beweisen, sonst würde Verna das Buch den Flammen übergeben. Statt dessen hatte die Prälatin mit den Fingern geschnippt, und Verna war gesprungen.
Sie sollte das Buch einfach ins Feuer werfen, es vernichten. Sollte die Prälatin doch versuchen, sie dann noch zu benutzen. Sie sollte merken, wie leid Verna es war, zum Narren gehalten zu werden. Mal sehen, wie es ihr gefiel, wenn ihre Wünsche mißachtet wurden. Es geschähe ihr recht.