Genau das hätte sie tun sollen. Aber sie hatte es nicht getan. Sie hatte das Buch noch immer in ihrem Gürtel stecken. Bei aller Gekränktheit, sie war noch immer eine Schwester. Sie mußte sichergehen. Die Prälatin hatte ihr noch immer nicht bewiesen, daß sie tatsächlich noch lebte und das zweite Buch besaß. Sobald sie sich Gewißheit verschafft hatte, würde Verna das Buch ins Feuer werfen.
Verna hörte auf, hin und her zu laufen und sah durch eines der Fenster in den Giebelwänden. Der Mond war aufgegangen. Diesmal würde es keine Gnade geben, wenn ihre Anweisungen nicht befolgt wurden. Sie schwor sich, entweder tat die Prälatin, was sie von ihr verlangte, und wies ihre Identität nach, oder Verna würde das Buch verbrennen. Dies war die letzte Chance für die Prälatin.
Verna nahm den mehrarmigen Kerzenhalter von dem kleinen Altar, über den das weiße, mit einem goldenen Faden verzierte Tuch drapiert war, und stellte ihn neben den kleinen Tisch. Die durchbrochene Schale, in der Verna das Buch überhaupt erst gefunden hatte, stand auf dem weißen Tuch auf dem Altar. Statt des Reisebuches brannte jetzt eine kleine Flamme darin. Wenn die Prälatin wieder nicht den Anweisungen folgte, würde das Buch in der Schale landen, in den Flammen.
Sie zog das kleine Buch aus der Tasche an ihrem Gürtel, legte es auf den kleinen Tisch und zog den dreibeinigen Schemel heran. Verna küßte den Ring der Prälatin an ihrem Ringfinger, holte tief Luft, sprach ein Gebet, in dem sie den Schöpfer um Unterweisung bat, und schlug das Buch auf.
Dort stand eine Nachricht. Seitenlang.
Meine liebste Verna, begann sie. Verna schürzte die Lippen. Liebste Verna, von wegen.
Meine liebste Verna, zuerst der einfache Teil. Ich bat dich, in das Heiligtum zu gehen, weil diese Angelegenheit gefährlich ist. Wir dürfen auf keinen Fall riskieren, daß andere meine Nachrichten lesen oder gar dahinterkommen, daß Nathan und ich noch leben. Das Heiligtum ist der einzige Ort, wo ich sicher sein kann, daß niemand sonst dies liest, und das ist auch der einzige Grund, wieso ich bis jetzt deine durchaus vernünftigen Vorsichtsmaßnahmen nicht befolgt habe. Natürlich erwartest du, daß ich meine Identität beweise, und jetzt, wo ich sicher sein kann, daß du allein bist und nicht entdeckt werden kannst, werde ich diesen Beweis liefern.
In Übereinstimmung mit der Vorsichtsmaßnahme, nur das Heiligtum für die Mitteilungen zu benutzen, mußt du sämtliche Nachrichten löschen, bevor du den Schutz des Heiligtums verläßt.
Bevor ich fortfahre — der Beweis. Deinem Wunsch gemäß nun also jene Worte, die ich zu dir bei unserem ersten Treffen nach deiner Rückkehr von der Reise anläßlich der Suche nach Richard gesagt habe:
»Ich habe Euch ausgewählt, Verna, weil Ihr ganz unten auf der Liste standet und weil Ihr, alles in allem, recht wenig bemerkenswert seid. Ich war nicht der Ansicht, daß Ihr eine von ihnen seid. Ihr seid ein Mensch, von dem man wenig Notiz nimmt. Ich bin überzeugt, die Schwestern Grace und Elizabeth haben es nur deshalb bis ganz oben auf die Liste geschafft, weil der, der die Schwestern der Finsternis befehligt, wer immer das ist, sie für verzichtbar hielt. Ich befehlige die Schwestern des Licht. Ich habe Euch aus demselben Grund ausgewählt.
Es gibt Schwestern, die für unsere Sache wertvoll sind. Für diese Aufgabe mußte ich eine Schwester aussuchen, deren Verlust uns nicht schmerzen würde. Der Junge erweist sich möglicherweise als wertvoll für uns, doch er ist nicht so wichtig wie andere Angelegenheiten im Palast. Möglicherweise ist er eine Hilfe. Es war schlicht eine Gelegenheit, die zu ergreifen ich für angebracht hielt.
Hätte es Schwierigkeiten gegeben und keine von Euch hätte es geschafft, zurückzukommen, nun, ich bin sicher, Ihr habt Verständnis dafür, daß ein General seine Truppen nicht bei einer Mission von geringer Dringlichkeit verlieren möchte.«
Verna klappte das Buch um und legte das Gesicht in ihre Hände. Es bestand kein Zweifel — es war Prälatin Annalina, die das andere Reisebuch besaß. Sie lebte, und Nathan wahrscheinlich auch.
Sie blickte die kleine Flamme in der Schale an. Die Worte brannten ihr in der Brust. Widerwillig, mit zitternden Fingern, drehte sie das Buch wieder herum und las weiter.
Verna, ich weiß, es hat dir bestimmt das Herz gebrochen, als du diese Worte gehört hast. Ich weiß, daß es mir das Herz gebrochen hat, sie auszusprechen, denn sie entsprachen nicht der Wahrheit. Dir muß es so vorkommen, als seist du auf gemeine Weise ausgenutzt worden. Es ist falsch, zu lügen, aber schlimmer ist es, das Böse triumphieren zu lassen, nur weil man auf Kosten des gesunden Menschenverstandes an der Wahrheit festhält. Würden mich die Schwestern der Finsternis nach meinen Plänen fragen, ich würde lügen. Alles andere hieße, dem Bösen zum Triumph zu verhelfen.
Ich werde dir jetzt die Wahrheit sagen, wohl wissend, daß du keinerlei Grund hast anzunehmen, daß meine Worte diesmal der Wahrheit entsprechen. Aber ich vertraue auf deine Intelligenz und weiß, wenn du meine Worte abwägst, wirst du die Wahrheit in ihnen erkennen.
Der eigentliche Grund, weshalb ich dich auf die Suche nach Richard geschickt habe, war der, daß du von allen Schwestern die einzige warst, der ich das Schicksal der Welt anvertrauen konnte. Jetzt weißt du, welche Schlacht Richard gegen den Hüter gewonnen hat. Ohne ihn wären wir alle an die Welt der Toten verlorengegangen. Das war keine Mission von geringer Dringlichkeit. Es war die wichtigste Mission, mit der je eine Schwester betraut wurde. Dir allein konnte ich sie anvertrauen.
Mehr als dreihundert Jahre vor deiner Geburt warnte Nathan mich vor dieser Gefahr für die Welt alles Lebendigen. Fünfhundert Jahre vor Richards Geburt wußten Nathan und ich, daß ein Kriegszauberer auf die Welt kommen würde. Die Prophezeiungen verrieten uns einiges von dem, was bis dahin geleistet werden mußte. Die Herausforderung war anders als alle anderen, denen wir uns je gegenübergesehen hatten.
Als Richard geboren wurde, reisten Nathan und ich mit dem Schiff rings um die große Barriere in die Neue Welt. Wir holten ein Buch der Magie aus der Burg der Zauberer, um zu verhindern, daß es Darken Rahl in die Hände fiel, und gaben es Richards Stiefvater, nachdem wir uns seines Versprechens versichert hatten, daß er Richard zwingen werde, es auswendig zu lernen. Nur durch solche Prüfungen und Ereignisse während seines Lebens in der Heimat konnte dieser junge Mann zu jener Sorte Mensch geschmiedet werden, die die geistigen Voraussetzungen besitzt, die erste Bedrohung, Darken Rahl, seinen wirklichen Vater, zu erkennen und später das Gleichgewicht in der Welt alles Lebendigen wiederherzustellen. Vielleicht ist er der wichtigste Mensch, der in den letzten dreitausend Jahren geboren wurde.
Richard ist der Kriegszauberer, der uns in die entscheidende Schlacht führen wird. Das sagen uns die Prophezeiungen, nicht aber, ob wir obsiegen werden. Diese Art von Kampf ist für die Menschheit neu. Unsere einzige Chance bestand vor allem darin, sicherzustellen, daß er in seiner Ausbildung als Mann nicht mit dem Makel behaftet wurde. In dieser Schlacht ist Magie vonnöten, aber das Herz muß sie bestimmen.
Ich habe dich ausgesandt, um ihn in den Palast zu holen, weil du die einzige warst, der ich die Erfüllung dieser Aufgabe anvertrauen konnte. Ich kannte deinen Mut und deine Seele, und ich wußte, daß du keine Schwester der Finsternis bist.
Bestimmt fragst du dich jetzt, wie ich zulassen konnte, daß du mehr als zwanzig Jahre nach ihm suchtest, wo ich doch die ganze Zeit seinen Aufenthaltsort kannte. Ich hätte auch warten und dich erst losschicken können, als er erwachsen war, und hätte dir schließlich seinen Aufenthaltsort verraten können, als er seine Gabe auslöste. Ich schäme mich, zugeben zu müssen, daß ich dich ebenso benutzt habe wie Richard.
Wegen der bevorstehenden Herausforderungen mußte ich dir Dinge beibringen, die du im Palast der Propheten nicht hättest lernen können. Gleichzeitig wuchs Richard heran und lernte einige der wesentlichen Dinge, die er benötigte. Für mich war wichtig, daß du in der Lage warst, deinen Verstand zu gebrauchen und nicht bloß all die zahllosen Regeln des Palastes. Ich mußte dafür sorgen, daß du deine angeborenen Fähigkeiten in der wirklichen Welt entwickelst. Die bevorstehende Schlacht spielt sich in der wirklichen Welt ab, und die abgeschiedene Welt des Palastes ist nicht der Ort, an dem man etwas über das Leben lernt.