Ich erwarte nicht, daß du mir je verzeihst. Auch das ist eine der Bürden, die die Prälatin auf sich nehmen muß: den Haß eines Menschen, den sie liebt wie ihre eigene Tochter.
Als ich diese fürchterlichen Worte zu dir sagte, geschah auch dies in einer bestimmten Absicht. Ich mußte dich endgültig von den Lehren des Palastes befreien: immer zu tun, was man dir beigebracht hat, und blind alle Befehle zu befolgen. Ich mußte dich so wütend machen, daß du nur das tatest, was du für richtig hieltest. Seit deiner Kindheit war auf dein ungestümes Temperament Verlaß.
Ich konnte mich nicht darauf verlassen, daß du verstehen würdest, wenn ich dir die Gründe mitteilte, oder daß du das Erforderliche tun würdest. Manchmal hat ein Mensch nur dann gebührenden Einfluß auf die Geschehnisse, wenn er seinen eigenen moralischen Grundsätzen folgt, nicht aber, wenn er Befehle ausführt. So steht es in den Prophezeiungen. Ich verließ mich darauf, daß du, wenn du selbst die Entscheidung trägst, richtiges Handeln über deine Ausbildung stellen würdest.
Der andere Grund, weshalb ich dir diese Dinge gesagt habe, war der, daß ich eine meiner Verwalterinnen verdächtigte, eine Schwester der Finsternis zu sein. Ich wußte, mein Schild würde nicht verhindern, daß ihr meine Worte zu Ohren kommen. Ich ließ zu, daß meine Worte mich verrieten, damit sie mich angriff und sie unter Druck gerieten. Mir war bewußt, daß ich durchaus dabei hätte getötet werden können, doch zog ich dieses Schicksal der Möglichkeit vor, daß diese Welt in die Klauen des Hüters fiele. Manchmal muß sich die Prälatin sogar selbst benutzen.
Bis jetzt, Verna, bist du meinen Erwartungen vollends gerecht geworden. Du hast eine entscheidende Rolle dabei gespielt, die Welt vor dem Hüter zu retten. Dank deiner Hilfe haben wir — bis jetzt — gesiegt.
Als zum ersten Mal mein Blick auf dich fiel, mußte ich schmunzeln, denn du hast so ein böses Gesicht gemacht. Weißt du noch, weshalb? Wenn nicht, werde ich es dir erzählen. Jede Novizin, die in den Palast gebracht wird, wird einer Prüfung unterzogen. Früher oder später beschuldigen wir sie dann ungerechterweise eines kleinen Verstoßes, an dem sie keine Schuld trägt. Die meisten weinen. Einige schmollen. Andere ertragen ihr Schuldgefühl mit stoischer Gelassenheit. Nur du wurdest böse über diese Ungerechtigkeit. Damit hattest du dich bewiesen.
Nathan hatte eine Prophezeiung entdeckt, in der es hieß, die, die wir brauchten, würde nicht lächeln, keinen Schmollmund ziehen und kein tapferes Gesicht machen, wenn man sie zu uns bringt, sondern ein zorniges, wütendes Gesicht. Als ich diesen Ausdruck in deinem Gesicht sah und deine kleinen, trotzig verschränkten Ärmchen, hätte ich fast laut gelacht. Endlich warst du in unsere Hände übergeben worden. Von diesem Tag an habe ich dich für das wichtigste Werk des Schöpfers benutzt.
Ich habe dich nach der Vorspiegelung meines Todes als Prälatin ausgesucht, weil du noch immer diejenige Schwester bist, der ich vor allen anderen traue. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß ich auf meiner gegenwärtigen Reise mit Nathan getötet werde, und sollte ich soweit kommen, wirst du ganz richtig Prälatin sein. Das ist mein Wunsch.
Dein gerechtfertigter Haß lastet schwer auf meinem Herzen, doch was zählt, ist die Vergebung des Schöpfers, und wenigstens die ist mir sicher, das weiß ich. Ich werde deine Verachtung als meine Bürde durch dieses Leben tragen, so wie ich auch andere Bürden auf mich genommen habe, von denen es keine Erlösung gibt. Das ist der Preis dafür, Prälatin im Palast der Propheten zu sein.
Verna schob das Buch von sich, sie konnte nicht weiterlesen. Ihr Kopf sank auf die verschränkten Arme, und sie schluchzte. Sie erinnerte sich zwar nicht mehr an die Ungerechtigkeit, von der die Prälatin gesprochen hatte, aber sie wußte noch, wie tief der Stachel gesessen hatte und wie wütend sie gewesen war. Hauptsächlich jedoch erinnerte sie sich noch an das Lächeln der Prälatin, und wie sie damit die Welt wieder geradegerückt hatte.
»Oh, geliebter Schöpfer«, klagte Verna laut, »du hast wirklich eine Närrin als Dienerin.«
Hatte sie sich zuvor gegrämt, weil sie geglaubt hatte, die Prälatin hätte sie benutzt, so litt sie jetzt Höllenqualen wegen der Seelenpein, die die Prälatin durchgemacht hatte. Als sie endlich den Strom ihrer Tränen zum Stillstand bringen konnte, zog sie das kleine Buch wieder heran und las weiter.
Doch vorbei ist vorbei, und jetzt müssen wir fortfahren in unserem Tun. In den Prophezeiungen heißt es, daß uns jetzt die größte Gefahr bevorsteht. Die vorigen Prüfungen hätten in einem endgültigen, fürchterlichen Schlag das Ende der Welt herbeigeführt. In einem einzigen Augenblick wäre alles unwiederbringlich verloren gewesen. Richard hat diese Prüfungen bestanden und uns vor diesem Schicksal bewahrt.
Jetzt steht uns eine größere Prüfung bevor. Sie entstammt nicht irgendeiner anderen Welt, sondern unserer eigenen. In diesem Kampf geht es um die Zukunft unserer Welt, die Zukunft der Menschheit und die Zukunft der Magie. Diesmal, in diesem Kampf um den Geist und das Herz der Menschen, wird es keinen endgültigen Schlag geben, kein plötzliches Ende, sondern die unerbittliche, zermürbende Mühsal eines Krieges, während der Schatten der Versklavung langsam über die Welt hinwegkriecht und den Lebensfunken der Magie auslöscht, durch den das Licht des Schöpfers entsteht.
Jener Krieg aus alter Zeit, der vor Tausenden von Jahren begonnen wurde, ist erneut aufgeflammt. Wir haben ihn unvermeidlich heraufbeschworen, indem wir diese Welt beschützten. Diesmal werden die Bemühungen Hunderter Zauberer kein Ende des Krieges bewirken. Diesmal haben wir nur einen Kriegszauberer, der uns führen wird. Richard.
Ich kann dir jetzt unmöglich alles erzählen. Manches weiß ich ganz einfach nicht, und sosehr es mich schmerzt, dich über einige Dinge, die ich weiß, im unklaren lassen zu müssen, versuche bitte zu verstehen, daß es wegen der Gabelungen in den Prophezeiungen, die richtig gewählt werden müssen, erforderlich ist, daß einige der Beteiligten instinktiv handeln und nicht auf Anweisung. Jedes andere Vorgehen würde die korrekten Gabelungen unpassierbar machen. Ein Teil unserer Aufgabe besteht darin, darauf zu hoffen, daß wir den Menschen beibringen können, richtig zu handeln, so daß sie, wenn die Prüfung kommt, das tun, was getan werden muß. Verzeih mir, Verna, aber wieder einmal bin ich gezwungen, einiges dem Schicksal zu überlassen.
Ich hoffe, du begreifst. Als Prälatin kann man nicht immer alles erklären, sondern muß den Menschen manchmal einfach eine Aufgabe stellen, in der Erwartung, daß sie sie erfüllen.
Verna seufzte. Sie wußte, wie wahr dies alles war. Sie selbst hatte längst den Versuch aufgegeben, alles jederzeit zu erklären, und war dazu übergegangen, einfach zu bitten, daß man ihre Anweisungen genauestens ausführte.
Einige Dinge jedoch kann und muß ich dir erklären, damit du uns helfen kannst. Nathan und ich befinden uns auf einer Mission von entscheidender Wichtigkeit. Im Augenblick dürfen nur er und ich wissen, worum es dabei geht.
Sollte ich überleben, habe ich die Absicht, in den Palast zurückzukehren. Bis dahin mußt du herausgefunden haben, wer von den Schwestern des Lichts, den Novizinnen und den jungen Burschen treu ergeben ist. Darüber hinaus mußt du alle herausfinden, die ihre Seele dem Hüter verschrieben haben.
»Was!« hörte Verna sich laut sagen. »Wie soll ich das schaffen!«
Ich überlasse es dir, einen Weg zu finden. Viel Zeit hast du nicht. Dies ist wichtig, Verna. Es muß geschehen, bevor Kaiser Jagang eintrifft.