Nathan und ich glauben, daß Jagang derjenige ist, den man im Krieg der Vorzeit als ›Traumwandler‹ bezeichnet hat.
Verna spürte, wie ihr der Schweiß zwischen ihren Schulterblättern die Wirbelsäule hinunterrann. Sie rief sich ihre Unterhaltung mit Schwester Simona ins Gedächtnis, als die Frau bei der bloßen Erwähnung von Jagangs Namen unkontrollierbar geschrien hatte. Schwester Simona hatte erzählt, Jagang sei in ihren Träumen erschienen. Jeder hielt Schwester Simona für verrückt.
Auch Warren hatte von einem Traumwandler gesprochen, der im Krieg der Vorzeit eine Art Waffe gewesen sei. Ihr Besuch bei Schwester Simona hatte seine Vermutungen bestätigt.
»Denke vor allem an eins: Ganz gleich, was geschieht, in deiner Loyalität zu Richard liegt deine einzige Rettung. Ein Traumwandler kann so gut wie jedem den Verstand rauben und ihn seinem Willen unterwerfen — denen, die die Gabe besitzen, eher noch als anderen. Es gibt nur einen Schutz — Richard. Einer seiner Vorfahren schuf eine Magie, die sie und alle, die ihnen gegenüber treu ergeben und ihnen zum beiderseitigen Wohl verbunden sind, vor der Macht der Traumwandler schützt. Diese Magie wird an jeden Rahl weitergegeben, der mit der Gabe geboren wird. Natürlich verfügt Nathan über dasselbe schützende Element in seiner Gabe, aber er ist nicht derjenige, der uns führen kann. Er ist ein Prophet und kein Kriegszauberer.«
Zwischen den Zeilen las Verna, daß es Wahnsinn wäre, ein treu ergebener Gefolgsmann Nathans zu sein. Der Mann war die Personifizierung eines Gewitters in einem Halsring.
Dadurch, daß du am freien Stücken dem Gesetz des Palastes zuwidergehandelt und Richard zur Flucht verholfen hast, bist du mit ihm verbunden. Diese Bande schützen dich vor der Macht des Traumwandlers, nicht aber vor der Macht, die er im Wachzustand in Form von Waffen und Gefolgsleuten hat. Dies ist zum Teil der Grund dafür, daß ich dich an jenem Tag in meinem Arbeitszimmer täuschen mußte. Auf diese Weise warst du gezwungen, Richard in Mißachtung dessen, was man dir beigebracht und befohlen hat, aus freien Stücken zu helfen.
Verna bekam eine Gänsehaut. Hätte sie die Prälatin überredet, ihre Pläne offenzulegen und ihr zu sagen, daß sie Richard zur Flucht verhelfen sollte, wäre sie jetzt ebenso anfällig für den Traumwandler wie Schwester Simona.
Nathan ist natürlich geschützt, und ich bin mit Richard über die Bande verbunden … schon seit langer, langer Zeit. Ich habe mich ihm verpflichtet, als ich ihm das erste Mal begegnete. In gewisser Weise überließ ich es ihm, seine eigenen Regeln aufzustellen, wie er für unsere Seite kämpfen will. Manchmal, ich muß es gestehen, war das schwierig. Er macht zwar, was nötig ist, um die unschuldigen, freien Menschen zu beschützen, die auf seine Hilfe angewiesen sind, aber er hat seinen eigenen Kopf und tut Dinge, die er nicht tun würde, wenn ich das Sagen hätte. Manchmal ist er eine ebenso schwere Prüfung wie Nathan. So ist das Leben.
Ich bin jetzt am Ende meiner Eröffnungen angelangt. Ich sitze hier in einem Zimmer eines gemütlichen Gasthofes und warte darauf, daß du dies liest. Lies meine Nachricht, sooft du willst. Ich werde hier warten, für den Fall, daß du mich etwas fragen möchtest. Du mußt verstehen, daß ich Hunderte von Jahren der Arbeit an den Geschehnissen und Prophezeiungen hinter mir habe und daß ich dir unmöglich all dieses Wissen in einer einzigen Nacht mitteilen kann, und schon gar nicht mittels eines Reisebuches. Aber ich werde dir deine Fragen beantworten, so gut ich kann.
Außerdem mußt du verstehen, daß es gewisse Dinge gibt, die ich dir nicht erzählen kann, weil ich sonst befürchten müßte, Prophezeiung und Ereignis mit dem Makel zu behaften. Jedes Wort, das ich dir sage, birgt diese Gefahr, wenn auch einige mehr als andere. Trotzdem mußt du einiges davon erfahren.
Dies nicht aus den Augen verlierend, erwarte ich deine Fragen. Bitte frage.
Als sie fertig war mit Lesen, richtete Verna sich auf. Fragen? Es würde hundert Jahre dauern, alles zu erfragen, was sie wissen wollte. Wo sollte sie anfangen? Geliebter Schöpfer, was waren überhaupt die wichtigen Fragen?
Sie las die gesamte Nachricht noch einmal durch, um sicherzugehen, daß sie nichts übersehen hatte, dann setzte sie sich hin und starrte auf die leere Seite vor sich. Schließlich griff sie zum Stift.
Liebste Mutter, bitte verzeiht, was ich über Euch gedacht habe.
Eure Stärke erfüllt mich mit Demut, mein törichter Stolz mit Scham. Bitte gebt acht, daß Ihr nicht getötet werdet. Ich bin nicht würdig, Prälatin zu sein. Ich bin ein Ochse, von dem Ihr verlangt, er solle durch die Lüfte kreisen wie ein Vogel.
Verna saß da, beobachtete das Buch und harrte der Antwort, falls die Prälatin tatsächlich wartete.
Danke, mein Kind. Du hast mir das Herz leichter gemacht. Frage, was du wissen mußt, und wenn ich kann, werde ich es dir beantworten. Ich werde die ganze Nacht hier sitzen, wenn ich dir bei deiner Bürde helfen kann.
Zum ersten Mal seit Tagen lächelte Verna. Diesmal waren ihre Tränen süß und nicht bitter.
Prälatin, seid Ihr auch wirklich in Sicherheit? Ist alles in Ordnung bei Euch und Nathan?
Verna, vielleicht freut es dich, wenn deine Freunde dich Prälatin nennen, mich jedoch nicht. Bitte nenne mich bei meinem Namen, wie es alle meine wirklichen Freunde tun.
Verna mußte laut lachen. Auch sie verdroß es, daß die Menschen darauf bestanden, sie ›Prälatin‹ zu nennen. Weitere Worte erschienen. Anns Nachricht ging weiter.
Und weiter: Ja, es geht mir gut, wie auch Nathan, der zur Zeit beschäftigt ist. Heute hat er sich ein Schwert gekauft und ficht jetzt in unserem Zimmer gegen die Luft. Er findet, daß er mit einem Schwert ›fesch‹ aussieht. Er ist ein tausend Jahre altes Kind, und wie ein Kind strahlt er in diesem Augenblick auch, während er unsichtbaren Feinden den Kopf abschlägt.
Verna las die Nachricht noch einmal, nur um sicher zu sein, daß sie richtig gelesen hatte. Nathan mit einem Schwert? Der Mann war doch gefährlicher, als sie geglaubt hatte. Die Prälatin hatte sicher alle Hände voll zu tun.
Ann, Ihr sagtet, ich müsse herausfinden, wer sich dem Hüter verschrieben hat. Ich habe keine Ahnung, wie mir das gelingen soll. Könnt Ihr mir helfen?
Wenn ich wüßte, wie man es macht, Verna, würde ich es dir sagen. Einige wenige haben meinen Verdacht erregt, die meisten aber nicht. Ich habe nie einen Weg finden können, zu unterscheiden, wer des Hüters war und wer nicht. Es gibt andere Dinge, um die ich mich kümmern muß, deshalb überlasse ich diese Angelegenheit dir. Denk immer daran, daß sie genauso verschlagen sein können wie der Hüter selbst. Einige, bei denen ich wegen ihrer unliebenswürdigen Art sicher war, daß sie gegen uns waren, standen loyal zu uns. Anderen, die sich offenbart haben und mit dem Schiff geflohen sind, hätte ich mein Lehen anvertraut. Glücklicherweise habe ich es nicht getan, sonst wäre ich jetzt tot.
Ann, ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll! Was, wenn ich versage?
Du darfst nicht versagen.
Verna wischte ihre schweißnassen Handflächen am Kleid ab.
Aber selbst wenn ich einen Weg finde, sie zu entlarven, was fange ich dann mit diesem Wissen an? Ich kann die Schwestern nicht bekämpfen, nicht bei der Kraft, über die sie verfügen.
Sobald du den ersten Teil vollbracht hast, Verna, werde ich es dir sagen. Du mußt wissen, daß die Prophezeiungen für Fälschungen anfällig sind. Und auch bei Gefahr. Genau wie Nathan und ich sie benutzen, um mit ihrer Hilfe die Geschehnisse zu beeinflussen, damit sie die rechte Gabelung einschlagen, können auch unsere Feinde sie benutzen.
Verna stieß einen verzweifelten Seufzer aus.
Wie kann ich unsere Feinde identifizieren, wenn ich schon als Prälatin so viel zu tun habe? Ich tue nichts anderes, als Berichte zu lesen, und doch gerate ich immer weiter ins Hintertreffen. Alle verlassen sich auf mich und arbeiten mir zu. Wie habt Ihr nur die Zeit gefunden, irgend etwas zu schaffen — hei all den Berichten?