Sie wartete einen Augenblick in der Stille des Heiligtums, dann setzte die Schrift schließlich wieder ein.
So wie wir unsere Bemühungen dadurch zu unterstützen versuchen, daß wir die Gefahren entlang verschiedener Gabelungen der Prophezeiungen kennen, so können auch jene, die die Menschheit unterjochen wollen, dieses Wissen dazu benutzen, die Ereignisse entlang bestimmter Gabelungen herbeizuführen, deren Eintreten sie sich wünschen. Auf diese Weise angewendet, können sich die Prophezeiungen gegen uns wenden. Wenn diese Leute über einen Propheten verfügen, könnten sie zu einem besseren Verständnis der Prophezeiungen sowie der Möglichkeiten gelangen, wie sie die Geschehnisse zu ihrem Vorteil lenken können.
Das Beeinflussen der Gabelungen kann ein Chaos heraufbeschwören, mit dem sie nicht einmal selbst rechnen und das sie nicht kontrollieren können. Das ist extrem gefährlich. Sie könnten uns alle unwiederbringlich über eine Klippe springen lassen.
Ann, soll das heißen, Jagang versucht, den Palast der Propheten an sich zu reißen? Und auch die Prophezeiungen in den Gewölbekellern?
Zögern. Ja.
Verna zögerte ebenfalls. Als ihr klar wurde, welcher Art der bevorstehende Kampf sein würde, bekam sie eine eiskalte Gänsehaut.
Wie können wir ihn aufhalten?
Der Palast der Propheten wird nicht so leicht fallen, wie Jagang glaubt. Er ist zwar der Traumwandler, aber wir haben die Kontrolle über unser Han. Diese Kraft ist auch eine Waffe. Auch wenn wir unsere Gabe immer dazu benutzt haben, das Leben zu bewahren und dabei zu helfen, das Licht des Schöpfers in diese Welt zu bringen, so mag dennoch eine Zeit kommen, in der wir unsere Gabe benutzen müssen, um zu kämpfen. Zu diesem Zweck müssen wir wissen, wer loyal zu uns steht. Du mußt herausfinden, wer nicht mit dem Makel behaftet ist.
Verna dachte sorgfältig nach, bevor sie zu schreiben begann. Ann, wollt Ihr uns etwa auffordern, Krieger zu werden, unsere Gabe dazu zu benutzen, die Kinder des Schöpfers niederzustrecken?
Ich sage dir, Verna, du wirst all deine Fähigkeiten einsetzen müssen, um zu verhindern, daß diese Welt für immer in die Finsternis der Tyrannei gerissen wird. Wir kämpfen zwar darum, den Kindern des Schöpfers zu helfen, aber wir tragen auch einen Dacra, oder nicht? Wenn wir tot sind, können wir den Menschen nicht helfen.
Verna strich sich über die Schenkel, als sie merkte, daß sie zitterten. Sie hatte Menschen getötet, und die Prälatin wußte das. Sie hatte Jedidiah getötet. Sie wünschte, sie hätte etwas zu trinken mitgebracht. Ihre Kehle fühlte sich staubtrocken an.
Ich verstehe, schrieb sie schließlich. Ich werde tun, was ich tun muß.
Ich wünschte, ich könnte dich besser unterweisen, Verna, doch im Augenblick weiß ich nicht genug. Die Ereignisse rasen bereits dahin wie in einem Sturzbach. Richard hat bereits ohne Anleitung und wahrscheinlich aus reinem Instinkt übereilte Schritte unternommen. Wir wissen nicht genau, was er im Schilde führt, aber nach dem, was ich mir zusammengereimt habe, hat er die Midlands bereits in Aufruhr versetzt. Der Junge gibt keinen Augenblick Ruhe. Er scheint dabei seine eigenen Regeln aufzustellen.
Was hat er getan? fragte Verna. Sie hatte Angst vor der Antwort.
Irgendwie hat er das Kommando über D’Hara übernommen und Aydindril erobert. Er hat den Bund der Midlands für aufgelöst erklärt und die Kapitulation aller Länder verlangt.
Verna stockte der Atem. Aber die Midlands müssen doch die Imperiale Ordnung bekämpfen! Hat er den Verstand verloren? Wir können es uns nicht leisten, daß er D’Hara gegen die Midlands in den Krieg führt!
Er hat es bereits getan.
Die Midlands werden sich ihm nicht ergeben.
Nach meinen Informationen sind Galea und Kelton bereits in seiner Hand.
Man muß ihn aufhalten! Die Imperiale Ordnung ist die Bedrohung. Sie ist es, die bekämpft werden muß. Wir dürfen nicht zulassen, daß er einen Krieg in der Neuen Welt anfängt — diese Spaltung könnte fatale Folgen haben.
Verna, die Midlands sind von Magie durchzogen wie ein saftiges Stück Fleisch. Die Imperiale Ordnung wird sich diesen Braten scheibchenweise holen, so wie sie es mit der Alten Welt getan hat. Ein zauderndes Bündnis wird davor zurückschrecken, wegen einer einzigen Scheibe einen Großbrand auszulösen, und sie statt dessen aufgeben. Die nächste Scheibe wird im Namen von Beschwichtigung und Frieden geraubt werden. Und dann die nächste. Währenddessen werden die Midlands immer mehr geschwächt und die Imperiale Ordnung immer stärker. Als du unterwegs auf deiner Reise warst, hat die Imperiale Ordnung in weniger als zwanzig Jahren die gesamte Alte Welt an sich gerissen.
Richard ist ein Kriegszauberer. Seine Instinkte sind es, die ihn leiten, und alles, was er gelernt hat und schützt, bestimmt sein Handeln. Wir haben keine andere Wahl, als ihm zu vertrauen.
In der Vergangenheit bestand die Bedrohung immer aus einer einzelnen Person wie Darken Rahl. Diesmal handelt es sich um eine Bedrohung wie aus einem Guß. Selbst wenn es uns gelänge, Jagang auf irgendeine Weise auszuschalten, würde ein anderer seinen Platz einnehmen. In diesem Kampf geht es um die Überzeugungen, Ängste und Ziele aller Menschen, nicht um einen einzelnen Führer.
Es gleicht in vielerlei Hinsicht der Angst, die die Menschen vor dem Palast empfinden. Angenommen, ein Führer täte sich hervor, so könnten wir diese Bedrohung nicht beseitigen, indem wir diesen Führer beseitigen. Die Angst säße noch immer in den Köpfen der Menschen, und ihnen den Führer zu nehmen hieße nichts weiter, als sie in ihrem Glauben zu bestärken, daß ihre Angst berechtigt war.
Geliebter Schöpfer, schrieb Verna zurück, was sollen wir denn bloß tun?
Eine Zeitlang geschah nichts. Wie ich schon sagte, Kind, ich kenne nicht alle Antworten. Aber eins kann ich dir verraten: In dieser Sache, in der letzten Prüfung, spielen wir alle eine Rolle, Richard aber ist der Schlüssel. Richard ist unser Führer. Ich bin nicht mit allem einverstanden, was er tut, aber er ist der einzige, der uns zum Sieg führen kann. Wenn wir obsiegen wollen, müssen wir ihm folgen. Ich sage nicht, daß wir nicht versuchen können, ihn mit dem, was wir wissen, zu beraten und zu lenken. Aber er ist ein Kriegszauberer, und dies ist der Krieg, den zu führen er geboren wurde.
Nathan hat darauf aufmerksam gemacht, daß es in den Prophezeiungen einen Ort mit dem Namen die Große Leere gibt. Enden wir auf diesem Ast, dann ist er der Ansicht, daß es dahinter keinen Raum mehr für Magie gibt und daher keine Prophezeiung, die sie erklärt. Die Menschheit wird auf ewig ohne Magie in dieses Unbekannte treten. Jagang will die Welt in diese Leere hineinführen.
Bedenke vor allem eins: Ganz gleich, was geschieht, du mußt Richard gegenüber loyal bleiben. Du kannst mit ihm sprechen, ihn beraten, ihm gut zureden, aber du darfst nicht gegen ihn kämpfen. Loyalität Richard gegenüber ist das einzige, was Jagang daran hindert, in deinen Verstand einzudringen. Hat sich ein Traumwandler erst deines Verstandes bemächtigt, bist du für unsere Sache verloren.
Verna mußte schlucken. Ihr zitterte der Stift in der Hand. Ich verstehe. Gibt es irgend etwas, womit ich helfen kann?
Zur Zeit nur das, was ich dir bereits gesagt habe. Du mußt schnell handeln. Der Krieg ist uns bereits davongeeilt. Wie ich gehört habe, gibt es Mriswiths in Aydindril.
Beim letzten Teil der Nachricht riß Verna erschrocken die Augen auf. »Geliebter Schöpfer«, sagte sie laut, »gib Richard Kraft.«
31
Verna blinzelte ins Licht. Die Sonne war eben erst aufgegangen. Stöhnend erhob sie sich aus dem dick gepolsterten Sessel und reckte die verkrampften Muskeln. Sie hatte bis spät in die Nacht mit der Prälatin korrespondiert und hatte sich dann, zu müde, in ihr Bett zu gehen, im Sessel zusammengerollt und war eingeschlafen. Nachdem Verna von Richard und den Mriswiths in Aydindril erfahren hatte, hatten die beiden sich über Palastgeschäfte ausgetauscht.