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Dulcinia richtete sich empört auf. »Wir haben die Berichte bereits gelesen — jeden einzelnen — und uns vergewissert, daß sie alle in Ordnung sind. Wir kennen uns besser damit aus als jeder andere. Der Schöpfer weiß, die Berichte verfolgen mich bis in den Schlaf! Wir wüßten, wenn etwas nicht in Ordnung wäre, und würden es für Euch notieren. Oder stimmt das vielleicht nicht? Die beiden haben kein Recht, von Euch zu verlangen, daß Ihr dies eigenhändig tut.«

Verna schlenderte zu einem Bücherregal und tat, als suche sie ein bestimmtes Buch. »Gewiß liegt ihnen nur das Wohl des Palastes am Herzen, Schwester. Wo ihr doch so neu in dieser Stellung seid. Ich glaube, ihr lest zuviel in ihren Ratschlag hinein.«

»Ich bin genauso alt wie Philippa! Ich verfüge über ebensoviel Erfahrung wie sie!«

»Schwester, sie hat niemandem einen Vorwurf machen wollen«, sagte Verna in ihrem demütigsten Tonfall und warf einen kurzen Blick über die Schulter.

»Hat sie Euch geraten, die Berichte persönlich zu bearbeiten, oder etwa nicht?«

»Nun, ja, das schon, aber…«

»Sie täuscht sich. Sie täuschen sich beide.«

»Tatsächlich?« Dulcinia sah Phoebe an. »Wir könnten diese Berichte, und zwar alle, in ein, zwei Wochen bearbeitet, geordnet, beurteilt und entschieden haben, nicht wahr, Schwester Phoebe?«

Phoebe reckte die Nase in die Höhe. »Ich denke, wir könnten es in weniger als einer Woche schaffen. Wir wissen mehr über die Bearbeitung dieser Berichte als jeder andere.« Sie wurde rot im Gesicht und sah zu Verna hinüber. »Abgesehen von Euch natürlich, Prälatin.«

»Wirklich? Das ist eine gewaltige Verantwortung. Ich möchte nicht, daß euch die Sache über den Kopf wächst. Ihr seid erst seit kurzer Zeit mit dieser Arbeit betraut. Glaubt ihr, ihr seid schon reif dafür?«

Dulcinia war eingeschnappt. »Das will ich wohl meinen.« Sie marschierte zum Schreibtisch und schnappte sich einen riesigen Stapel. »Wir werden uns darum kümmern. Kommt nur und prüft jeden Bericht, den wir abgeschlossen haben, und Ihr werdet feststellen, daß Ihr die Angelegenheit auf die gleiche Weise bearbeitet hättet wie wir. Wir wissen, was wir tun. Ihr werdet schon sehen.« Sie zog ein böses Gesicht. »Und diese beiden werden es ebenfalls sehen.«

»Nun, wenn ihr wirklich der Meinung seid, daß ihr es schaffen könnt, bin ich bereit, euch eine Chance zu geben. Schließlich seid ihr meine Verwalterinnen.«

»Das will ich meinen.« Dulcinia deutete mit dem Kopf auf den Schreibtisch. »Phoebe, nimm dir einen Stapel.«

Phoebe ergriff einen gewaltigen Haufen Berichte und taumelte einen Schritt zurück, um ihn nicht fallen zu lassen. »Die Prälatin hat sicher Wichtigeres zu tun, als Arbeiten zu erledigen, die ihre Verwalterinnen ebensogut machen können.«

Verna faltete die Hände über ihrem Gürtel. »Nun, schließlich habe ich euch ernannt, weil ich von euren Fähigkeiten überzeugt war. Ich denke, es ist nur recht und billig, daß ich euch Gelegenheit gebe, sie unter Beweis zu stellen. Schließlich sind die Verwalterinnen der Prälatin von entscheidender Wichtigkeit für die Leitung des Palastes.«

Ein listiges Lächeln erschien auf Dulcinias Lippen. »Ihr werdet schon sehen, wie lebenswichtig unsere Hilfe für Euch ist, Prälatin. Und Eure Beraterinnen ebenfalls.«

Verna runzelte die Stirn. »Ich bin bereits jetzt beeindruckt, Schwestern. Nun, es gibt tatsächlich ein paar Angelegenheiten, um die ich mich kümmern müßte. Ich war so mit den Berichten beschäftigt, daß ich noch keine Gelegenheit hatte, nach meinen Beraterinnen zu sehen und mich zu vergewissern, ob sie ihre Pflichten auch angemessen erledigen. Ich denke, es wird allmählich Zeit dafür.«

»Ja«, meinte Dulcinia, als sie Phoebe durch die Tür hinaus folgte. »Ich glaube, das wäre klug.«

Verna stieß einen gewaltigen Seufzer aus, als die Tür sich schloß. Sie hatte geglaubt, sie würde bei diesen Berichten nie ein Ende finden. Im Stillen bedankte sie sich bei Prälatin Annalina. Sie merkte, wie sie schmunzelte, und setzte wieder eine ernste Miene auf.

Warren antwortete nicht auf ihr Klopfen, und als sie einen Blick in sein Zimmer warf, stellte sie fest, daß sein Bett unbenutzt aussah. Verna erschrak; sie hatte ihm selbst befohlen, in den Gewölbekeller zu gehen und die Prophezeiungen miteinander zu verknüpfen. Der arme Warren hatte wahrscheinlich bei seinen Büchern geschlafen, wie sie es angeordnet hatte. Voller Scham erinnerte sie sich an ihr Gespräch, als sie nach ihrem Besuch beim Totengräber so wütend gewesen war. Jetzt war sie erleichtert und überglücklich, daß die Prälatin und Nathan noch lebten, damals jedoch war sie fuchsteufelwild gewesen und hatte dies an Warren ausgelassen.

Statt großes Aufhebens darum zu machen, stieg sie ohne eine Eskorte, die die Gewölbe für sie geräumt hätte, über Treppen und durch Korridore hinunter. Sie hielt es für sicherer, nur für einen kurzen, prüfenden Blick in den Gewölbekellern vorbeizuschauen und Warren zu sagen, er solle sie an ihrem Treffpunkt am Fluß aufsuchen. Was sie ihm mitzuteilen hatte, war selbst in der Sicherheit der leeren Gewölbekeller nicht ohne Gefahr weiterzugeben.

Vielleicht fiel Warren etwas ein, wie sie die Schwestern der Finsternis entlarven konnten. Manchmal war Warren überraschend gescheit. Dann fiel ihr ein, daß es ihre Pflicht war, ihn fortzuschicken, und sie küßte den Ring und versuchte, ihrer Seelenqualen Herr zu werden. Er mußte augenblicklich fliehen.

Mit einem versonnenen Lächeln im Gesicht überlegte sie, daß er dann vielleicht ein paar Fältchen auf seinem ärgerlich glatten Gesicht bekommen und sie altersmäßig einholen würde, während sie unter dem Bann des Palastes blieb.

Schwester Becky, deren Schwangerschaft nicht mehr zu übersehen war, unterrichtete eine Gruppe älterer Novizinnen in den Feinheiten der Prophezeiungen. Sie wies auf die Gefahren einer falschen Prophezeiung aufgrund von in der Vergangenheit eingeschlagener Verzweigungen hin. Hatte ein Ereignis aus einer Prophezeiung, das eine ›entweder-oder‹-Gabelung enthielt, erst einmal stattgefunden, dann galt die Prophezeiung als durch die Ereignisse entschieden. Ein Ast der Gabelung hatte sich als richtig herausgestellt, und der andere wurde dann zu einer falschen Prophezeiung.

Die Schwierigkeit bestand darin, daß mit jedem Ast noch andere Prophezeiungen gekoppelt waren und daß zum Zeitpunkt ihrer Abgabe noch nicht entschieden war, welche Gabelung Wirklichkeit werden würde. Einmal entschieden, wurde jede mit dem falschen Ast gekoppelte Prophezeiung ebenfalls falsch. Weil es aber oft unmöglich war zu entscheiden, mit welcher Gabelung welche der Prophezeiungen gekoppelt waren, waren die Gewölbekeller mit diesem toten Holz verstopft.

Verna trat an die hintere Wand und hörte eine Weile zu, während die Novizinnen Fragen stellten. Für sie war es frustrierend, von der Bandbreite der Schwierigkeiten zu erfahren, denen man sich gegenübersah, wenn man mit Prophezeiungen zu arbeiten versuchte, und auf wie viele der Dinge, die sie wissen wollten, es keine Antwort gab. Nach allem, was Warren ihr erzählt hatte, begriffen die Schwestern noch weniger, als sie glaubten.

Eigentlich sollte eine Prophezeiung von einem Zauberer gedeutet werden, dessen Gabe ihm eben diese Fähigkeit schenkte. In den letzten eintausend Jahren war Nathan der einzige Zauberer im Palast gewesen, der in der Lage war, Prophezeiungen abzugeben. Mittlerweile wußte sie, daß er sie auf eine Weise verstand, wie keine Schwester sie je verstanden hatte — außer vielleicht Prälatin Annalina. Mittlerweile wußte sie außerdem, daß auch Warren ein verborgenes Talent zur Abgabe von Prophezeiungen besaß.

Während Schwester Becky mit ihrer Erklärung über die Verknüpfung durch Schlüsselereignisse und Zeittafeln fortfuhr, machte Verna sich leise in Richtung der hinteren Räume davon, wo Warren gewöhnlich arbeitete. Sie fand sie jedoch alle leer vor, und die Bücher darin waren in die Regale zurückgestellt worden. Verna überlegte, was sie als nächstes tun sollte. Es war nie schwer gewesen, Warren aufzutreiben, weil er sich fast immer in den Gewölbekellern aufgehalten hatte.