Schwester Leoma begegnete ihr auf dem Weg zurück durch die langen Regalreihen. Die Beraterin grüßte sie lächelnd und verneigte den Kopf mit den langen, glatten weißen Haaren, die hinten mit einem goldenen Band zusammengebunden waren. Verna sah die Sorgenfalten auf ihrem Gesicht.
»Guten Morgen, Prälatin. Der Schöpfer möge diesen neuen Tag segnen.«
Verna erwiderte das herzliche Lächeln. »Danke, Schwester. Es ist wirklich ein wundervoller Tag. Wie kommen die Novizinnen voran?«
Leoma sah zu den Tischen hinüber, an denen die jungen Frauen in voller Konzentration arbeiteten. »Sie werden wunderbare Schwestern werden. Ich beobachte den Unterricht schon seit einer Weile, und in der ganzen Gruppe gibt es nicht eine, die unaufmerksam wäre.« Ohne den Blick wieder auf Verna zu richten, fragte sie: »Seid Ihr gekommen, um Warren zu besuchen?«
Verna drehte den Ring an ihrem Finger. »Ja. Es gibt da ein paar Dinge, die ich ihn bitten wollte, für mich nachzuprüfen. Hast du ihn gesehen?«
Als Leoma sich schließlich wieder zu ihr umdrehte, waren die Sorgenfalten noch tiefer geworden. »Verna, ich fürchte, Warren ist nicht hier.«
»Verstehe. Weißt du, wo ich ihn finden kann?«
Sie seufzte tief. »Was ich meinte, Verna, war: Warren ist verschwunden.«
»Verschwunden? Was willst du damit sagen, verschwunden?«
Schwester Leomas Blick wanderte zu den Schatten zwischen den Regalen. »Ich will damit sagen, daß er den Palast verlassen hat. Für immer.«
Vernas Mund klappte auf. »Bist du sicher? Du mußt dich irren. Vielleicht hast du…«
Leoma strich eine Strähne ihres weißen Haars zurück. »Verna, vorgestern Abend kam er zu mir und meinte, er verlasse den Palast.«
Verna fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Warum hat er sich nicht bei mir gemeldet? Warum wollte er der Prälatin nicht verraten, daß er den Palast verläßt?«
Leoma raffte ihr Tuch fester um ihren Körper. »Verna, es tut mir leid, daß ich es bin, die Euch dies sagt. Er meinte aber, Ihr hättet Euch mit ihm gestritten und er denke, es sei das beste, wenn er den Palast verläßt. Fürs erste wenigstens. Ich mußte ihm versprechen, Euch erst nach ein paar Tagen Bescheid zu sagen, damit er einen Vorsprung bekommt. Er wollte nicht, daß Ihr ihm folgt.«
»Ihm folgen!« Verna ballte die Fäuste. »Wie kommt er bloß darauf…« Verna drehte sich der Kopf. Sie versuchte zu begreifen, wollte plötzlich Worte zurücknehmen, die Tage vorher gefallen waren. »Aber … hat er gesagt, wann er zurück sein will? Der Palast braucht ihn. Er kennt sich mit den Büchern hier unten aus. Er kann nicht einfach aufstehen und verschwinden!«
Leoma wandte den Blick erneut ab. »Tut mir leid, Verna, aber er ist fort. Er meinte, er wisse nicht, wann oder ob er wiederkommen würde. Er sagte, er halte es für das Beste und daß Ihr Eure Meinung ändern und dies ebenfalls erkennen würdet.«
»Hat er sonst noch etwas gesagt?« fragte sie leise, voller Hoffnung.
Sie schüttelte den Kopf.
»Und du hast ihn einfach gehen lassen? Hast du nicht versucht, ihn aufzuhalten?«
»Verna«, meinte Leoma sanft, »Warren trug seinen Halsring nicht mehr. Ihr selbst habt ihn von seinem Rada’Han befreit. Wir können keinen Zauberer gegen seinen Willen zwingen, im Palast zu bleiben, wenn Ihr ihn erst einmal befreit habt. Er ist ein freier Mann. Die Entscheidung liegt bei ihm, nicht bei uns.«
Das alles traf sie mit einer eisigen Welle brennend kalter Angst. Sie hatte ihn befreit. Wie konnte sie annehmen, er werde bleiben und ihr helfen, wenn sie ihn so demütigte? Er war ihr Freund, und sie hatte ihn heruntergeputzt wie einen jungen Burschen im ersten Jahr. Er war kein Junge mehr. Er war ein Mann. Sein eigener Herr.
Und jetzt war er fort.
Verna mußte sich zum Sprechen zwingen. »Danke, Leoma, daß du es mir gesagt hast.«
Leoma nickte, und nachdem sie Verna zum Trost die Schulter gedrückt hatte, ging sie wieder zum Unterricht weiter hinten.
Warren war fort.
Die Vernunft sagte ihr, daß sich vielleicht die Schwestern der Finsternis seiner bemächtigt hatten, aber in ihrem Herzen konnte sie sich nur selbst die Schuld geben.
Zögernden Schritts erreichte Verna eine der kleinen Kammern, und nachdem die steinerne Tür sich geschlossen hatte, sank sie kraftlos auf einen Stuhl. Ihr Kopf fiel auf ihre Arme, und sie begann zu weinen, weil sie erst in diesem Augenblick begriff, wieviel Warren ihr bedeutet hatte.
32
Kahlan sprang von der Ladefläche herunter, landete und rollte sich im Schnee ab. Sie rappelte sich auf und kroch auf die Schreie zu, während ringsum immer noch krachend Steine niedergingen, Äste abknickten und mit dumpfem Schlag gegen die Stämme der alten Fichten prallten.
Sie stemmte sich mit dem Rücken gegen die Seitenwand des Karrens. »Helft mir!« schrie sie den Soldaten zu, die bereits in höchster Eile auf sie zugerannt kamen.
Nur Sekunden nach ihr trafen sie ein, warfen sich gegen die Seitenwand des Karrens, um dessen Gewicht aufzufangen. Die Schreie des Mannes wurden immer lauter.
»Wartet, wartet, wartet!« Es klang, als brächten sie ihn um. »Haltet ihn einfach so. Hebt ihn nicht noch höher.«
Das halbe Dutzend junger Soldaten hielt den Karren mit letzter Kraft in seiner jetzigen Stellung. Die Felsbrocken, die sich von oben auf ihn geschichtet hatten, trugen beträchtlich zu dem Gewicht bei.
»Orsk!« rief sie.
»Ja, Herrin?«
Kahlan erschrak. In der Dunkelheit hatte sie nicht bemerkt, daß der große, einäugige d’Haranische Soldat direkt hinter ihr stand.
»Orsk, hilf ihnen, den Karren hochzuhalten. Hebt ihn nicht an — haltet ihn einfach still.« Sie drehte sich zu dem dunklen Pfad um, während Orsk sich zu den anderen gesellte und seine mächtigen Hände unter die Unterkante des Karrens stemmte. »Zedd! Irgend jemand soll Zedd holen! Beeilt euch!«
Kahlan schob ihr langes Haar über ihren Umhang aus Wolfspelz nach hinten und kniete neben dem jungen Soldaten unter der Achse nieder. Es war zu dunkel, um zu erkennen, wie schwer er verletzt war, aber seinem atemlosen Stöhnen nach befürchtete sie, daß es ernst um ihn stand. Sie konnte sich nicht erklären, wieso er lauter schrie, sobald man begann, die Last von ihm zu nehmen.
Kahlan fand seine Hand und ergriff sie mit beiden Händen. »Halte durch, Stephens. Hilfe ist unterwegs.«
Sie verzog schmerzhaft das Gesicht, als er ihre Hand fast zerdrückte und einen klagenden Laut ausstieß. Er hielt ihre Hand, als hinge er an einer Klippe und ihre Hand sei alles, was seinen Sturz in die dunklen Arme des Todes verhindere. Sie schwor sich, ihre Hand selbst dann nicht zurückzuziehen, wenn er sie ihr brach.
»Verzeiht mir … meine Königin … daß ich uns aufhalte.«
»Es war ein Unfall. Es war nicht deine Schuld.« Seine Beine traten in den Schnee. »Versuche, dich nicht zu bewegen.« Mit ihrer freien Hand strich sie ihm das Haar aus der Stirn. Er wurde ein wenig ruhiger, als sie ihn berührte, also legte sie ihre Hand an seine eiskalte Wange. »Bitte, Stephens, versuche stillzuliegen. Ich werde nicht zulassen, daß sie das Gewicht auf dich herunterlassen. Das verspreche ich. Einen kleinen Augenblick noch, dann holen wir dich da unten raus, und der Zauberer richtet dich wieder.«
Sie fühlte, wie er unter ihrer Hand nickte. Niemand in der Nähe hatte eine Fackel, und im schwachen Licht des Mondes, das gespenstisch durch das dichte Geäst fiel, konnte sie nicht erkennen, wo das Problem lag. Es schien, als bereite ihm das Anheben des Karrens größere Schmerzen, als wenn dieser auf ihm lag.
Kahlan hörte ein Pferd, das galoppierend näherkam, und sah, wie eine dunkle Gestalt heruntersprang, als es rutschend stehenblieb und mit dem Kopf an den Zügeln riß. Als der Mann auf dem Boden landete, fing eine Flamme in der Fläche seiner astdürren Hand Feuer und beleuchtete sein schmales Gesicht und das Gewirr krauser, zerzaust hervorstehender Haare.
»Beeil dich, Zedd!«