Als Kahlan in dem plötzlich grellen Licht den Blick senkte, erkannte sie das Ausmaß des Problems und spürte, wie schlagartig eine heiße Welle der Übelkeit in ihr hochstieg.
Zedd ließ den Blick kurz über die Szene vor sich schweifen, um sich ein Bild zu machen, dann kniete er sich auf der anderen Seite von Stephens nieder.
»Der Karren hat einen eingerammten Baumstamm gestreift, der das Geröll zurückhielt«, erklärte sie.
Der Pfad war schmal und trügerisch, und in der Dunkelheit, in der Kurve, hatten sie den Pfahl im Schnee übersehen. Der Stamm mußte alt und verfault gewesen sein. Als die Radnabe dagegenstieß, war das Holz gebrochen, und der Querbalken, den er stützte, war heruntergestürzt, so daß eine Geröllawine über sie hereingebrochen war.
Als das Geröll den hinteren Teil des Karrens zur Seite drückte, hatte sich der Eisenring des Hinterrades in einer gefrorenen Spur unter dem Schnee verfangen, und die Speichen des Hinterrades waren gebrochen. Die Nabe hatte Stephens von den Beinen gerissen und war dann auf ihn gekippt.
Jetzt, bei Licht, konnte Kahlan sehen, daß eine der zersplitterten Speichen, die von der schief auf der gebrochenen Achse sitzenden Nabe hervorstanden, den jungen Mann durchbohrt hatte. Beim Versuch, den Karren anzuheben, wurde er mitsamt der Speiche hochgerissen, die sich schräg unter seine Rippen gebohrt hatte.
»Tut mir leid, Kahlan«, meinte Zedd.
»Was soll das heißen, tut dir leid? Du mußt…«
Kahlan merkte, daß ihre Hand zwar noch pochte, der Griff jedoch erschlafft war. Sie sah hinunter und blickte in die Maske des Todes. Der junge Mann befand sich jetzt in der Obhut der Seelen.
Die Aura des Todes ließ sie erschaudern. Sie wußte, wie es war, den Hauch des Todes zu spüren. In diesem Augenblick spürte sie ihn. Sie spürte ihn jeden wachen Augenblick. Im Schlaf erfüllte er ihre Träume mit seiner gefühllosen Berührung. Ihre Reaktion darauf war, sich mit ihren eiskalten Fingern über das Gesicht zu streichen, zu versuchen, das allgegenwärtige Kribbeln — fast wie ein Haar, das auf ihrer Haut kitzelte — fortzuwischen, aber da war nie etwas, das man hätte fortwischen können. Es war der quälende Hauch der Magie, des Todesbanns, den sie spürte.
Zedd stand auf, ließ die Flamme zu einer Fackel hinüberschweben, die ein Mann in der Nähe hinhielt, und entzündete sie. Zedd streckte eine Hand aus, als wollte er dem Karren einen Befehl erteilen, während er mit der anderen die Soldaten fortwinkte. Vorsichtig nahmen sie ihre Schultern zurück, hielten sich aber nach wie vor bereit, den Karren aufzufangen, sollte er plötzlich wieder kippen. Zedd drehte seine Handfläche nach oben, und der Karren begann im Einklang mit seinen Armbewegungen ein paar Fuß hoch in die Luft zu steigen.
»Zieht ihn heraus«, befahl Zedd mit düsterer Stimme.
Die Soldaten packten Stephens bei den Schultern und zerrten ihn von der Speiche. Als er unter der Achse heraus war, drehte Zedd seine Hand herum, so daß der Karren wieder zu Boden sinken konnte.
Ein Soldat fiel neben Kahlan auf die Knie. »Es ist meine Schuld!« jammerte er gequält. »Es tut mir leid. Oh, bei den Seelen, es ist meine Schuld.«
Kahlan packte den Fahrer beim Mantel und drängte ihn aufzustehen. »Wenn es überhaupt jemandes Fehler ist, dann muß man mir die Schuld geben. Ich hätte nicht versuchen sollen, in der Dunkelheit voranzukommen. Ich hätte … Dich trifft keine Schuld. Es war ein Unglücksfall, weiter nichts.«
Sie wandte sich ab, schloß die Augen und hörte noch immer den Nachhall seiner Schreie. Wie üblich hatten sie keine Fackeln benutzt, um ihre Anwesenheit nicht zu verraten. Man konnte nie vorhersagen, wessen Augen einen Trupp Soldaten erspähten, der über die Pässe zog. Es gab zwar keinerlei Anzeichen dafür, daß sie verfolgt wurden, trotzdem wäre es töricht, sich allzu sicher zu fühlen. Heimlichkeit bedeutete Überleben.
»Begrabt ihn, so gut es geht«, sagte Kahlan zu den Soldaten. In dem gefrorenen Boden war graben völlig ausgeschlossen, aber wenigstens konnten sie ihn mit den Gesteinsbrocken aus der Geröllhalde bedecken. Seine Seele war jetzt bei den Seelenbrüdern und in Sicherheit. Sein Leiden hatte ein Ende.
Zedd bat die Offiziere, den Pfad räumen zu lassen, dann begleitete er die Männer, um einen Platz zu finden, wo man Stephens zur Ruhe betten konnte.
Inmitten des lauter werdenden Lärms und der zunehmenden Geschäftigkeit mußte Kahlan plötzlich an Cyrilla denken und kletterte zurück auf die Ladefläche des Karrens. Ihre Halbschwester war in eine schwere Schicht Decken gehüllt und lag eingebettet zwischen Bergen von Gerät. Der größte Teil der Gesteinsbrocken war in den hinteren Teil des Wagens gefallen und hatte sie verfehlt, und die Decken hatten sie vor den kleineren Steinen geschützt, die die Stapel mit Gerät nicht hatten zurückhalten können. Es war ein Wunder, daß niemand von den größeren Felsen, die in der Dunkelheit herabgestürzt waren, erschlagen worden war.
Man hatte Cyrilla in den Karren und nicht in die Kutsche gelegt, weil sie immer noch bewußtlos war und man glaubte, sie im Karren hinlegen zu können, damit es bequemer für sie war. Der Karren war vermutlich nicht mehr zu reparieren. Jetzt würde man sie in die Kutsche setzen müssen, aber es war nicht mehr weit.
Die Männer begannen, sich im Engpaß auf dem Pfad zu sammeln. Einige drückten sich auf Anweisung der Offiziere vorbei und marschierten weiter in die Nacht hinein, andere dagegen holten Äxte heraus, um Bäume zu fällen und die Stützmauer zu reparieren, während wieder andere den Auftrag bekamen, die kleineren und die größeren Steine vom Weg zu räumen, damit man die Kutsche hindurch fahren konnte.
Kahlan war erleichtert, als sie sah, daß keiner der Felsen Cyrilla verletzt hatte und daß sie sich noch immer in ihrem Zustand nahezu ununterbrochener Benommenheit befand. Auf Cyrillas entsetztes Geschrei, auf ihr Kreischen, konnten sie im Augenblick gut verzichten. Es gab viel zu tun.
Kahlan war mit ihr im Karren gefahren, für den Fall, daß sie zufällig aufwachte. Nach dem, was man ihr in Aydindril angetan hatte, geriet Cyrilla beim Anblick von Männern in Panik und bekam eine entsetzliche Angst, die nichts lindern konnte, es sei denn, Kahlan, Adie oder Jebra waren zur Stelle, um sie zu beruhigen.
In ihren seltenen klaren Augenblicken hatte sich Cyrilla von Kahlan immer wieder versprechen lassen, daß sie Königin werden würde. Cyrilla sorgte sich um ihr Volk und wußte, daß sie nicht in der Verfassung war, ihm zu helfen. Sie liebte Galea genug, um es nicht mit einer Königin zu belasten, die nicht in der Lage war, es zu führen. Widerstrebend hatte Kahlan diese Verantwortung übernommen.
Kahlans Halbbruder, Prinz Harold, wollte nichts mit der Bürde eines Monarchen zu schaffen haben. Er war Soldat, so wie sein und Cyrillas Vater, König Wyborn. Nach Cyrillas und Harolds Geburt hatte Kahlans Mutter König Wyborn zum Gatten genommen und Kahlan zur Welt gebracht. Sie war als Konfessor zur Welt gekommen — und die Magie der Konfessoren hatte Vorrang vor den unbedeutenden Angelegenheiten der königlichen Erbfolge.
»Wie geht es ihr?« fragte Zedd und riß sein Gewand von einem vorstehenden Stück Holz los, als er in den Karren hineinkletterte.
»Unverändert. Sie wurde durch den Steinschlag nicht verletzt.«
Zedd legte ihr kurz die Finger an die Schläfen. »Körperlich fehlt ihr nichts, aber die Krankheit beherrscht immer noch ihren Verstand.« Er schüttelte seufzend den Kopf und stützte sich mit einem Arm auf sein Knie. »Ich wünschte, die Gabe könnte auch die Krankheiten des Geistes heilen.«
Kahlan sah die Verzweiflung in seinen Augen. Sie mußte lächeln. »Sei froh. Wenn du dazu in der Lage wärst, hättest du niemals Zeit zum Essen.«
Zedd lachte stillvergnügt in sich hinein. Kahlan sah zu den Männern hinüber, die um den Karren herumstanden, und entdeckte Hauptmann Ryan. Sie winkte ihn zu sich.
»Ja, meine Königin?«
»Wie weit ist es bis nach Ebinissia?«
»Vier, vielleicht sechs Stunden.«
Zedd beugte sich zu ihr. »Das ist kein Ort, an dem man mitten in der Nacht eintreffen möchte.«