Kahlan wußte, was er meinte, und nickte. Wenn sie den Sitz der Krone von Galea wieder für sich beanspruchen wollten, hatten sie noch eine Menge Arbeit vor sich. Und zuerst mußten sie sich um die Tausende von Toten kümmern, die überall in der Stadt herumlagen. Bestimmt kein Anblick, auf den man mitten in der Nacht nach einem harten Tagesmarsch stoßen wollte. Sie freute sich nicht darauf, an den Ort dieses Gemetzels zurückzukehren, aber dort würde sie niemand vermuten, und sie wären für eine Weile sicher. Von diesem Ausgangspunkt aus konnten sie sich an die Arbeit machen, die Midlands wieder zu vereinen.
Sie drehte sich zu Hauptmann Ryan um. »Gibt es hier in der Nähe eine Stelle, wo wir für die Nacht ein Lager aufschlagen können?«
Der Hauptmann deutete die Straße hinauf. »Die Späher meinten, es gebe nicht weit vor uns ein kleines, hoch gelegenes Tal. Dort liegt eine verlassene Farm, wo Cyrilla es über Nacht bequem hat.«
Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hakte sie hinters Ohr. Ihr fiel auf, daß Cyrilla nicht mehr als ›Königin‹ bezeichnet wurde. Kahlan war jetzt Königin, und Prinz Harold hatte dafür gesorgt, daß jeder es wußte. »Also gut, schickt also eine Nachricht voraus. Laßt das Tal sichern und schlagt das Lager auf. Stellt Posten auf und erkundet das Gelände. Wenn die umliegenden Hänge verlassen sind und das Tal von Blicken abgeschirmt liegt, dann laßt die Männer Feuer anzünden, aber haltet sie klein.«
Hauptmann Ryan lächelte und tippte seine Faust zum Gruß gegen sein Herz. Feuer waren ein Luxus, und warmes Essen würde den Männern guttun. Sie waren fast zu Hause. Morgen würden sie dort eintreffen. Dann begann der schlimmste Teil der Arbeit: die Beseitigung der Toten, die Wiederherstellung der Ordnung in Ebinissia. Kahlan duldete nicht, daß der Sieg der Imperialen Ordnung über Ebinissia Bestand hatte. Die Midlands würden die Stadt zurückgewinnen, und sie würde Wiederaufleben und zurückschlagen.
»Habt Ihr Euch um Stephens gekümmert?« fragte sie den Hauptmann.
»Zedd hat uns geholfen, eine Stelle zu finden, und die Männer erledigen das Begräbnis gerade. Der arme Stephens. Erst kämpft er die gesamte Schlacht gegen die Imperiale Ordnung, in die wir mit fünftausend Mann gingen, muß mitansehen, wie vier von fünf seiner Kameraden getötet werden, und am Ende, als alles vorbei ist, kommt er bei einem Unfall ums Leben. Ich weiß, er wäre lieber bei der Verteidigung der Midlands gefallen.«
»Das ist er auch«, sagte Kahlan. »Es ist noch nicht vorbei. Wir haben nur eine Schlacht gewonnen, wenn auch eine wichtige. Wir befinden uns immer noch im Krieg mit der Imperialen Ordnung, und in diesem Krieg war er Soldat. Er hat uns geholfen und starb in Erfüllung seiner Pflicht, genau wie die Männer, die im Kampf gefallen sind. Da gibt es keinen Unterschied. Er starb als Held der Midlands.«
Hauptmann Ryan stopfte die Hände in die Taschen seiner schweren braunen Wolljacke. »Ich denke, die Männer würden es zu schätzen wissen, wenn sie diese Worte hörten. Sie würden ihnen Mut machen. Könntet Ihr, bevor wir weiterziehen, ein paar Worte über seinem Grab sprechen? Es würde den Männern viel bedeuten, wenn sie wüßten, daß ihre Königin ihn vermißt.«
Kahlan lächelte. »Selbstverständlich, Hauptmann. Es wäre mir eine Ehre.«
Kahlan blickte dem Hauptmann hinterher, als er ging, um sich um verschiedene Dinge zu kümmern. »Ich hätte nach Einbruch der Dunkelheit nicht so auf Eile drängen sollen.«
Zedd strich ihr beruhigend mit der Hand über den Hinterkopf. »Unfälle können auch am hellichten Tag passieren. Hätten wir haltgemacht, wäre es sehr wahrscheinlich morgen früh passiert. Und dann hätte man es darauf geschoben, daß alle noch im Halbschlaf waren.«
»Ich habe trotzdem das Gefühl, es sei meine Schuld. Es scheint einfach so ungerecht.«
Sein Lächeln hatte nichts Freudvolles. »Das Schicksal fragt uns nicht nach unserer Meinung.«
33
Wenn es auf der Farm irgendwelche Leichen gab, dann hatten die Soldaten sie vor Kahlans Eintreffen fortgeräumt. In dem aus unbehauenem Stein erbauten Kamin hatten sie ein Feuer angezündet, aber das brannte noch nicht lange genug, um die unerbittliche Kälte aus dem verlassenen Haus zu vertreiben.
Man trug Cyrilla vorsichtig zu den Überresten einer Strohmatratze in einem der hinteren Zimmer. Es gab ein weiteres, kleines Zimmer mit zwei Strohlagern, wahrscheinlich für Kinder, dann den Wohnraum mit einem Tisch und wenig mehr. An den zerbrochenen Trümmern eines Küchenschranks, einer Truhe und den Überresten persönlicher Gegenstände erkannte Kahlan, daß die Imperiale Ordnung auf ihrem Weg nach Ebinissia hier durchgekommen war. Sie fragte sich erneut, was die Soldaten mit den Leichen gemacht hatten. Sie wollte nicht des Nachts über sie stolpern, falls sie nach draußen mußte, um ihre Notdurft zu verrichten.
Zedd sah sich im Raum um und rieb sich den Bauch.
»Wie lange bis zum Abendessen?« fragte er gutgelaunt.
Er trug einen schweren kastanienbraunen Umhang mit schwarzen Ärmeln und verstärkten Schultern. Die Manschetten seiner Ärmel waren mit drei Streifen Silberbrokat besetzt. Dickeres Goldbrokat lief um den Hals herum und dann an der Vorderseite herab, an der Hüfte war das Kleidungsstück mit einem roten Samtgürtel gerafft, der mit einer goldenen Schnalle besetzt war. Zedd konnte die protzige Aufmachung nicht ausstehen, auf deren Kauf Adie bestanden hatte, damit er sich verkleiden konnte. Ihm waren seine einfacheren Gewänder lieber, doch die waren längst dahin, genau wie sein eleganter Hut mit der langen Feder, den er irgendwo unterwegs ›verloren‹ hatte.
Kahlan mußte gegen ihren Willen schmunzeln. »Ich weiß es nicht. Was willst du kochen?«
»Kochen? Ich? Nun, vermutlich könnte ich…«
»Gütige Seelen, erspart uns die Kocherei dieses Mannes«, meinte Adie von der Tür aus. »Uns wäre besser gedient, wenn wir Rinde und Käfer verspeisten.«
Adie kam ins Zimmer gehinkt, gefolgt von Jebra, der Seherin, und Ahern, dem Kutscher, der Zedd und Adie auf ihren letzten Reisen gefahren hatte. Chandalen, der Kahlan vor Monaten vom Dorf der Schlammenschen aus hierher begleitet hatte, hatte sich nach jener wunderbaren Nacht, die Kahlan an dem Ort zwischen den Welten verbracht hatte, verabschiedet. Er wollte zurück in seine Heimat und zu seinem Volk. Sie konnte ihm keinen Vorwurf machen. Sie wußte, was es hieß, seine Freunde und Lieben zu vermissen.
Wenn Zedd und Adie da waren, hatte sie fast das Gefühl, als wären sie alle vereint. Sobald Richard sie eingeholt hatte, wäre es tatsächlich so. Kahlan konnte immer noch nichts dagegen machen. Mit jedem Atemzug stieg ihre Aufgeregtheit, denn jeder Atemzug brachte sie dem Augenblick näher, in dem sie die Arme um ihn schließen konnte.
»Meine Knochen sind zu alt für dieses Wetter«, meinte Adie, als sie das Zimmer durchquerte.
Kahlan fand einen einfachen Holzstuhl und nahm ihn mit, faßte Adie am Arm und führte sie ans Feuer. Sie stellte den Stuhl nahe ans Feuer und forderte die Magierin auf, sich hinzusetzen und aufzuwärmen. Im Gegensatz zu Zedds ursprünglicher Kleidung hatte Adies einfaches Flachsgewand mit dem gelben und roten Perlenbesatz am Hals in den uralten Symbolen ihres Berufes die Reise überlebt. Zedd machte jedesmal ein finsteres Gesicht, wenn er sie sah. Er fand es mehr als nur ein wenig seltsam, daß ihr einfaches Gewand die Reise überstanden hatte und seines verlorengegangen war.
Adie lächelte dann stets, meinte, es sei ein Wunder, und beharrte darauf, er sehe ausgezeichnet aus in seinen eleganten Kleidern. Vermutlich gefiel er ihr in seiner neuen Aufmachung tatsächlich besser, dachte Kahlan, und sie fand selbst, daß Zedd großartig aussah, auch wenn er nicht ganz so wie ein Zauberer wirkte wie in seiner gewohnten Kleidung. Zauberer seines hohen Ranges trugen normalerweise sehr schlichte Gewänder. Einen höheren Rang als den von Zedd gab es nicht: Erster Zauberer.
»Danke, mein Kind«, meinte Adie und wärmte sich die Hände am Feuer.
»Orsk«, rief Kahlan.
Der große Kerl kam herbeigeeilt. Die Narbe über seinem fehlenden Auge leuchtete weiß im Schein des Feuers. »Ja, Herrin?« Er stand da, bereit, ihre Anweisungen auszuführen. Was immer das war, für ihn war es ohne Belang, denn seine einzige Sorge war, Gelegenheit zu bekommen, sie zufriedenzustellen.