»Da gebe ich dir recht«, sagte sie tonlos. »Auf dem Ding klebt genug Wachs für ein Dutzend Briefe. Wir müssen Richard beibringen, wie man ein Schriftstück versiegelt.« Sie hielt ihn ins Licht. »Es ist das Schwert. Er hat das Heft des Schwertes der Wahrheit ins Wachs gedrückt.«
»Damit wir wissen, daß der Brief wirklich von ihm stammt«, bemerkte Zedd, während er ein Stück Holz ins Feuer legte.
Als sie das Siegel aufgebrochen hatte, zog Kahlan den Brief auseinander und drehte sich mit dem Rücken zum Feuer, um ihn lesen zu können.
»›Meine verehrteste Königin«, las sie laut vor, »ich bete zu den guten Seelen, daß dieser Brief in Eure Hände gelangt…‹«
Zedd war augenblicklich auf den Beinen. »Das ist eine Nachricht.«
Kahlan sah ihn verwundert an. »Na ja, natürlich ist es das. Das ist ein Brief von ihm.«
Er winkte mit seiner winzigen Hand ab. »Nein, nein. Ich meinte, er will uns damit etwas sagen. Ich kenne Richard — ich weiß, wie er denkt. Er sagt uns, daß er befürchtet, wenn der Brief jemandem in die Hände fällt, könnte er uns verraten … oder ihn. Deshalb macht er uns darauf aufmerksam, daß er nicht alles sagen kann, was er vielleicht sagen möchte.«
Kahlan biß sich auf die Unterlippe. »Ja, das ergäbe Sinn. Normalerweise überlegt sich Richard, was er tut.«
Zedd gab ihr einen Wink und blickte kurz hinter sich, um mit seinem knochigen Hinterteil beim Setzen auch sicher den Stuhl zu treffen. »Lies weiter.«
»›Meine verehrteste Königin, ich bete zu den guten Seelen, daß dieser Brief in Eure Hände gelangt und er Euch und Eure Freunde wohlbehalten und in Sicherheit antrifft. Vieles ist geschehen, und ich muß Euch um Verständnis bitten.
Der Bund der Midlands ist aufgelöst. Von oben starren mich Magda Searus, die erste Mutter Konfessor, und ihr Zauberer Merritt erbost an, weil sie Zeugen seines Endes wurden und weil ich es war, der ihn aufgekündigt hat.
Bitte versteht, daß ich mir vollkommen über die Bedeutung der jahrtausendelangen Geschichte bewußt bin, die von oben auf mich herabblickt. Aber bitte begreift doch — hätte ich nicht gehandelt, hätte unsere Zukunft darin bestanden, Sklaven der Imperialen Ordnung zu werden, und diese Geschichte wäre in Vergessenheit geraten.‹«
Kahlan legte die Hand auf ihr klopfendes Herz und hielt inne, um schnell zu schlucken, bevor sie weiterlas.
»›Vor Monaten bereits begann die Imperiale Ordnung mit der Auflösung des Bündnisses, indem sie Abtrünnige für sich gewann und die Auflösung jener Einheit betrieb, die die Midlands einst darstellten. Während wir gegen den Hüter kämpften, kämpften sie darum, uns die Geborgenheit unserer Heimat zu nehmen. Vielleicht hätte es eine Möglichkeit gegeben, die Einheit wiederherzustellen, hätten wir genügend Zeit gehabt, doch die Imperiale Ordnung treibt ihr Vorhaben rasch voran. Jetzt, da die Mutter Konfessor nicht mehr lebt, war ich gezwungen, zu tun, was getan werden mußte, um die Einheit wiederherzustellen.‹«
»Was? Was hat er bloß angestellt?« krächzte Zedd.
Kahlan brachte ihn mit einem knappen Blick über den Rand des Briefes zum Schweigen und fuhr fort.
»›Zögern bedeutet Schwäche, und Schwäche bedeutet den Tod durch die Hand der Imperialen Ordnung. Unsere geliebte Mutter Konfessor kannte den Preis des Scheiterns und hat uns aufgetragen, diesen Krieg siegreich zu beenden. Sie hat ihn zu einem erbarmungslosen Krieg gegen die Imperiale Ordnung erklärt. Ihre Weisheit in diesem Punkt war unfehlbar. Das Bündnis jedoch war aus eigennützigen Interessen zerfallen. Dies war der Beginn des Untergangs. Ich war gezwungen zu handeln.
Meine Truppen haben Aydindril genommen.‹«
Zedd explodierte. »Verdammt und noch einmal verdammt! Was redet er da bloß! Er hat überhaupt keine Truppen! Er hat gerade mal sein Schwert und diesen fliegenden Teppich mit Zähnen!«
Gratch richtete sich knurrend auf. Zedd zuckte zusammen.
Kahlan verkniff sich mit Mühe ihre Tränen. »Seid still, alle beide.«
Zedds Blick wanderte von ihr zum Gar. »Tut mir leid, Gratch. Ich wollte dich nicht kränken.«
Die beiden lehnten sich wieder zurück, und sie las weiter.
»›Ich habe heute die Vertreter der Länder hier in Aydindril zusammenkommen lassen und sie davon in Kenntnis gesetzt, daß das Bündnis der Midlands aufgelöst wurde. Meine Truppen haben ihre Paläste umstellt und werden ihre Soldaten in Kürze entwaffnen. Ich erklärte ihnen, so wie ich es Euch erklären werde, daß es in diesem Krieg nur zwei Seiten gibt: die unsere — und die der Imperialen Ordnung. Es wird keine Neutralität geben. Wir werden eine Einheit bekommen, so oder so. Alle Länder der Midlands müssen sich D’Hara ergeben.‹«
»D’Hara! Verdammt!«
Kahlan sah nicht auf. Die Tränen strömten ihr über das Gesicht. »Wenn ich dich noch einmal ermahnen muß, still zu sein, wirst du draußen warten, bis ich diesen Brief vorgelesen habe.«
Adie packte Zedds Gewand mit der Faust und zog ihn hinunter auf seinen Stuhl. »Lies weiter.«
Kahlan räusperte sich. »›Ich erklärte den Vertretern, daß Ihr, die Königin von Galea, mich heiraten würdet, um mit Eurer Kapitulation und unserer Vermählung zu beweisen, daß dieser Bund in Frieden geschlossen wurde — mit gemeinsamen Zielen und gegenseitigem Respekt — und nicht als Folge einer Eroberung. Den Ländern wird gestattet sein, ihr Erbe und ihre rechtmäßigen Traditionen beizubehalten, nicht aber ihre Eigenständigkeit. Magie in allen Erscheinungsformen wird geschützt werden. Wir werden ein Volk sein, mit einer Armee, unter einem Kommando und unter einem Gesetz. Alle Länder, die sich uns durch ihre Kapitulation anschließen, werden bei der Formulierung dieser Gesetze ein Mitspracherecht haben.‹«
Kahlans Stimme brach. »›Ich muß Euch bitten, sofort nach Aydindril zurückzukehren und Galea zu übergeben. Ich muß mich um die Angelegenheiten der unterschiedlichsten Länder kümmern, und Euer Wissen und Eure Hilfe wären von unschätzbarem Wert.
Ich setzte die Vertreter davon in Kenntnis, daß die Kapitulation Pflicht ist. Es wird keinerlei Begünstigungen geben. Jeder, der die Kapitulation verweigert, wird belagert werden. Den Betreffenden wird es nicht erlaubt sein, mit uns Handel zu treiben — bis sie sich ergeben. Tun sie dies nicht freiwillig, bei allen Vorteilen, die darin liegen, sind wir genötigt, die Kapitulation mit Waffengewalt zu erzwingen. Dadurch werden sie nicht nur diese Vorteile verlieren, sondern sich auch einer Bestrafung aussetzen. Wie bereits erwähnt, wird es keine Unbeteiligten geben. Wir werden eins sein.
Meine Königin, ich gäbe mein Leben für Euch und wünsche nichts weiter, als Euer Gemahl zu werden. Sollte aber mein Vorgehen Euer Herz gegen mich wenden, so werde ich Euch nicht zwingen, mich zu ehelichen. Versteht aber bitte, daß die Kapitulation Eures Landes notwendig und lebenswichtig ist. Wir müssen nach einem Gesetz leben. Ich kann es mir nicht erlauben, irgendeinem Land besondere Vorrechte einzuräumen, denn dann sind wir verloren, noch bevor wir überhaupt begonnen haben.‹«
Kahlan mußte innehalten, um ein Schluchzen zu unterdrücken. Die Worte verschwammen vor ihren Augen, sie konnte kaum noch weiterlesen.
»›Mriswiths haben die Stadt angegriffen.‹« Zedd pfiff leise durch die Zähne. Sie ging darüber hinweg und las weiter. »›Mit Gratchs Hilfe habe ich ihre Überreste auf Lanzen aufgespießt, damit alle sehen können, welches Schicksal unsere Feinde erwartet. Mriswiths können sich nach Belieben unsichtbar machen. Außer mir selbst kann nur Gratch sie entdecken, wenn sie in ihre Capes gehüllt sind. Ich befürchte, daß sie Euch angreifen werden, deshalb habe ich Gratch zu Eurem Schutz geschickt.
Vor allem an eines müssen wir stets denken: Die Imperiale Ordnung will die Magie vernichten. Sie schreckten allerdings nicht davor zurück, sie selbst einzusetzen. Unsere Magie ist es, die vernichtet werden soll.
Bitte teilt meinem Großvater mit, daß auch er augenblicklich zurücckommen muß. Sein angestammtes Zuhause schwebt in Gefahr. Dies ist der Grund, weshalb ich Aydindril einnehmen mußte und unabkömmlich bin. Ich fürchte, dem Feind könnte dadurch das angestammte Zuhause meines Großvaters in die Hände fallen, mitsamt allen entsetzlichen Folgen, die das mit sich brächte.‹«