Zedd packte sie bei den Schultern. »Glaubst du, Kahlan, er wird die Burg betreten?«
»Ich weiß es nicht, Zedd. Du hast ihn erzogen. Du müßtest das besser wissen als ich.«
»Er wird dort nicht hineingehen. Er weiß, wie gefährlich Magie sein kann. Er ist ein kluger Junge.«
»Es sei denn, er hätte irgend etwas vor.«
Er schaute sie mit einem Auge an. »Er hätte irgend etwas vor? Was willst du damit sagen?«
Kahlan wischte sich die letzte Träne von der Wange. »Na ja, als wir bei den Schlammenschen waren, wollte er, daß eine Versammlung abgehalten wird. Der Vogelmann warnte ihn, das sei gefährlich. Eine Eule überbrachte eine Botschaft der Seelen. Sie traf ihn genau am Kopf, riß seine Kopfhaut auf und fiel tot zu Boden. Der Vogelmann meinte, dies sei eine äußerst ernste Warnung der Seelen vor der Gefahr, in die Richard sich begeben wolle. Richard berief die Versammlung trotzdem ein. Damals kehrte Darken Rahl aus der Unterwelt zurück. Wenn Richard sich etwas in den Kopf gesetzt hat, hält ihn nichts zurück.«
Zedd zuckte zusammen. »Aber im Augenblick hat er sich nichts in den Kopf gesetzt. Er muß nicht dort hinein.«
»Du kennst doch Richard, Zedd. Er lernt gerne etwas dazu. Vielleicht möchte er einfach nur mal einen Blick hineinwerfen, aus Neugier.«
»Ein solcher Blick kann ebenso tödlich sein.«
»In dem Brief schreibt er, einer seiner Leibwächter sei getötet worden.« Kahlan runzelte die Stirn. »Genaugenommen sprach er sogar von einer ›sie‹. Wieso ist sein Leibwächter eine Frau?«
Zedd fuchtelte ungeduldig mit den Armen herum. »Das weiß ich doch nicht. Was wolltest du gerade sagen, über diesen Leibwächter, der getötet wurde?«
»Soweit wir wissen, könnte es durchaus sein, daß sich bereits jetzt jemand von der Imperialen Ordnung in der Burg aufhält und sie mit Hilfe der Magie aus der Burg getötet hat. Vielleicht befürchtet er aber auch, daß die Mriswiths die Burg einnehmen wollen, und geht dorthin, um sie zu sichern.«
Zedd rieb mit dem Daumen über das glattrasierte Kinn. »Er hat keine Vorstellung von den Gefahren in Aydindril. Aber was noch schlimmer ist, er hat nicht den geringsten Schimmer vom tödlichen Wesen der Dinge in der Burg. Ich erinnere mich, ihm irgendwann einmal erklärt zu haben, daß dort magische Gegenstände, wie das Schwert der Wahrheit oder Bücher, aufbewahrt werden. Ich vergaß zu erwähnen, wie gefährlich viele davon sind.«
Kahlan umklammerte seinen Arm. »Bücher? Du hast ihm erzählt, daß es dort Bücher gibt?«
Zedd knurrte. »War ein großer Fehler.«
Kahlan ließ einen Seufzer ab. »Das würde ich allerdings auch sagen.«
Zedd warf die Arme in die Luft. »Wir müssen sofort nach Aydindril!« Er packte Kahlan bei den Schultern. »Richard hat keine Kontrolle über seine Gabe. Sollte die Imperiale Ordnung tatsächlich Magie benutzen, um die Burg einzunehmen, wird Richard sie nicht aufhalten können. Möglicherweise verlieren wir diesen Krieg, bevor wir überhaupt Gelegenheit finden zurückzuschlagen.«
Kahlan ballte die Fäuste. »Ich glaube es einfach nicht. Wochen haben wir damit zugebracht, aus Aydindril zu fliehen, und jetzt müssen wir schnellstens wieder dorthin zurück. Das wird wieder Wochen dauern.«
»Die Tage, an denen wir diese Entscheidung gefällt haben, gehören längst der Vergangenheit an. Wir sollten uns darauf konzentrieren, was wir morgen tun müssen. Das Gestern können wir nicht noch einmal durchleben.«
Kahlan betrachtete Gratch nachdenklich. »Richard hat uns einen Brief geschickt. Wir könnten ihm einen zurückschicken und ihn warnen.«
»Das wird ihm nicht helfen, die Burg zu halten, wenn sie Magie benutzen.«
Angesichts all dieser Gedanken und anstehenden Entscheidungen drehte sich Kahlan der Kopf. »Könntest du einen von uns zu Richard bringen?«
Gratch sah sie nacheinander an, am längsten verweilte sein Blick auf dem Zauberer. Schließlich schüttelte er den Kopf.
Kahlan biß sich verzweifelt auf die Unterlippe. Zedd lief vor dem Feuer auf und ab und murmelte vor sich hin. Adie starrte gedankenversunken in die Ferne. Plötzlich hielt Kahlan den Atem an.
»Könntest du nicht Magie benutzen, Zedd?«
Zedd blieb abrupt stehen und hob den Kopf. »Was für eine Art von Magie?«
»So wie bei dem Karren heute. Als du ihn mit Magie hochgehoben hast.«
»Fliegen kann ich nicht, Liebes. Ich kann nur Gegenstände hochheben.«
»Aber könntest du uns nicht leichter machen, so wie den Karren, damit Gratch uns tragen kann?«
Zedd verzog sein faltiges Gesicht. »Nein. Es wäre viel zu anstrengend, das durchzuhalten. Bei seelenlosen Gegenständen funktioniert es, bei Felsen oder Karren. Aber bei lebendigen Wesen ist das etwas völlig anderes. Ich könnte uns alle ein kleines Stück in die Höhe heben, aber nur für ein paar Minuten.«
»Könntest du es nicht nur bei dir tun? Könntest du dich nicht so leicht machen, daß Gratch dich tragen kann?«
Zedds Miene hellte sich auf. »Ja, vielleicht. Es würde zwar recht anstrengend werden, das so lange durchzuhalten, aber ich glaube, es wäre zu schaffen.«
»Könntest du das auch, Adie?«
Adie sank auf ihrem Stuhl zusammen. »Nein. Mir fehlt die Kraft, die er besitzt. Ich kann das nicht.«
Kahlan versuchte, ihre Sorgen zu verdrängen. »Dann mußt du es tun, Zedd. Du könntest Wochen vor uns in Aydindril sein. Richard braucht dich sofort. Wir dürfen nicht länger warten. Jede Minute der Verzögerung bedeutet eine Gefahr für unsere Seite.«
Zedd warf die dürren Arme in die Höhe. »Ich kann euch doch nicht schutzlos zurücklassen.«
»Ich habe doch noch Adie.«
»Und wenn die Mriswiths auftauchen, wie Richard befürchtet?
Dann würde Gratch dir fehlen. Gegen die Mriswiths kann Adie dir nicht helfen.«
Kahlan packte seinen schwarzen Ärmel. »Wenn Richard die Burg der Zauberer betritt, wird er vielleicht getötet. Wenn die Burg und die Magie darin der Imperialen Ordnung in die Hände fallen, sind wir alle des Todes. Diese Angelegenheit ist wichtiger als mein Leben. Jetzt geht es darum, was mit all den Menschen in Ebinissia passiert ist. Wenn wir der Imperialen Ordnung den Sieg überlassen, werden sehr viele Menschen sterben, und wer überlebt, wird zur Sklaverei verdammt sein. Die Magie wird ausgelöscht werden. Dies ist eine Kampfentscheidung.
Außerdem sind bis jetzt noch keine Mriswiths aufgetaucht. Daß sie Aydindril angegriffen haben, heißt noch lange nicht, daß sie irgendwo anders auch angreifen. Außerdem ist meine Identität durch den Bann verborgen. Kein Mensch weiß, daß die Mutter Konfessor noch lebt, geschweige denn, daß ich es bin. Sie haben keinen Grund, mich zu verfolgen.«
»Makellose Logik. Jetzt verstehe ich, wieso man dich zur Mutter Konfessor auserwählt hat. Ich halte es trotzdem nach wie vor für riskant.« Zedd wandte sich an die Magierin. »Wie denkst du darüber?«
»Ich denke, die Mutter Konfessor hat recht. Wir müssen uns überlegen, was der wichtigste Schritt ist, den wir tun können. Wir dürfen nicht die gesamte Menschheit aufs Spiel setzen, nur weil ein paar von uns in Gefahr geraten könnten.«
Kahlan stand vor Gratch. So wie er jetzt dahockte, stand sie ihm Auge in Auge gegenüber. »Gratch, Richard schwebt in großer Gefahr.« Gratchs zottige Ohren zuckten. »Zedd muß ihm helfen. Und du auch. Ich bin in Sicherheit, noch sind keine Mriswiths hier gewesen. Kannst du Zedd nach Aydindril bringen? Er ist ein Zauberer und kann sich leicht machen, damit du ihn tragen kannst. Wirst du das für mich tun? Für Richard?«
Gratchs glühende Augen wanderten zwischen den dreien hin und her, er dachte nach. Schließlich stand er auf. Er spreizte die ledrigen Flügel und nickte. Kahlan drückte den Gar an sich, und er erwiderte die zärtliche Umarmung.