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»Bist du müde, Gratch? Willst du dich ausruhen, oder kannst du sofort aufbrechen?«

Als Antwort schlug Gratch mit den Flügeln.

Zedd blickte mit wachsender Besorgnis von einem zum anderen. »Verdammt. Das ist die größte Torheit, die ich je begangen habe. Wenn ich hätte fliegen sollen, wäre ich als Vogel geboren worden.«

Kahlan sah ihn milde lächelnd an. »Jebra meinte, sie habe dich in einer Vision mit Flügeln gesehen.«

Zedd stemmte die Fäuste in seine knochigen Hüften. »Sie meinte auch, sie habe gesehen, wie man mich in einen Feuerball fallen läßt.« Er tippte ungeduldig mit dem Fuß. »Also schön, machen wir uns auf den Weg.«

Adie erhob sich und riß ihn zu einer Umarmung an sich. »Du bist ein tapferer alter Narr.«

Zedd brummte entrüstet. »Ein Narr, das stimmt.« Schließlich erwiderte er die Umarmung. Plötzlich jaulte er laut auf, als sie ihn ins Hinterteil kniff.

»Du siehst gut aus in deinem feinen Gewand, alter Mann.«

Ein hilfloses Grinsen überkam Zedd. »Na ja, kann schon sein.« Sein finsteres Gesicht kehrte zurück. »Ein wenig jedenfalls. Paß auf die Mutter Konfessor auf. Wenn Richard dahinterkommt, daß ich sie alleine zurückreisen lasse, macht er womöglich noch ganz etwas anderes mit mir, als mich zu zwicken.«

Kahlan schlang die Arme um den abgemagerten Zauberer und kam sich plötzlich sehr alleine vor. Zedd war Richards Großvater, und sie hatte sich zumindest ein klein wenig besser gefühlt, wenigstens ihn bei sich zu wissen, wenn Richard schon so weit fort war.

Beim Abschied zwinkerte Zedd dem Gar zu. »Tja, Gratch, ich denke, wir sollten uns jetzt auf den Weg machen.«

Die Nachtluft war kalt. Kahlan packte Zedd am Ärmel. »Zedd, du mußt Richard zur Vernunft bringen.« Ihre Stimme wurde hitziger. »Das kann er mir nicht antun. Er benimmt sich unvernünftig.«

Zedd betrachtete ihr Gesicht im schwachen Licht. Schließlich sprach er, leise. »Geschichte wird nur selten von vernünftigen Männern gemacht.«

35

»Faßt nichts an«, warnte Richard sie mit einem tadelnden Blick über die Schulter. »Das meine ich ernst.«

Die drei Mord-Sith antworteten nicht. Sie drehten sich und blickten hinauf zu der hohen Decke des Gewölbes über dem Eingang und betrachteten die riesigen, fein verfugten Blöcke aus dunklem Granit gleich hinter den hochgezogenen, schweren Fallgittern, die den Eingang zur Burg der Zauberer markierten.

Richard blickte an Ulic und Egan vorbei und sah sich kurz nach der breiten Straße um, die sie die Bergflanke hinauf und schließlich über eine steinerne, zweihundertfünfzig Schritte lange Brücke geführt hatte, die einen Abgrund mit fast lotrechten Wänden überspannte, der, so schien es, Hunderte von Metern in die Tiefe reichte. Er konnte den Boden des gähnenden Abgrundes nicht erkennen, denn ganz weit unten schmiegten sich Wolken an die eisglatten Seiten, so daß der Boden fast nicht zu sehen war. Beim Überschreiten der Brücke und beim Blick hinab in diesen dunklen, zerklüfteten Schlund war ihm schwindlig geworden. Er fand es unvorstellbar, wie man die Steinbrücke über ein solches Hindernis hinweg hatte erbauen können.

Wenn man nicht gerade Flügel besaß, gab es nur diesen einen Weg hinein ins Innere der Burg.

Die offizielle Eskorte des Lord Rahl, fünfhundert Mann, wartete hinten, auf der anderen Seite der Brücke. Sie hatte ihn ursprünglich in die Burg hinein begleiten wollen. Doch dann hatten sie schließlich nach einer scharfen Spitzkehre diese Stelle erreicht, und aller Augen, seine eingeschlossen, hatten hinaufgesehen zu der gewaltigen Anlage der Burg, den hochaufragenden Mauern aus Gebirgsgestein, den Brustwehren, Bollwerken, Türmen, Verbindungsgängen und Brücken, die einem in ihrer Gesamtheit, wie sie aus dem Fels des Berges herausragten, ein Gefühl düsterer Bedrohlichkeit vermittelten und die irgendwie lebendig wirkten, so als sähen sie einen an. Richard hatte bei dem Anblick weiche Knie bekommen, und als er den Befehl gab, hier zu warten, war kein einziges Wort des Protestes laut geworden.

Es hatte Richard eine beträchtliche Überwindung gekostet, weiterzugehen. Die Vorstellung jedoch, all diese Soldaten könnten Zeuge werden, wie ihr Lord Rahl, ihr Zauberer, vor dem Betreten der Burg der Zauberer zurückschreckte, hatte seine Füße vorangetrieben, obwohl ihm alles andere lieber gewesen wäre. Richard nahm seinen Mut zusammen und erinnerte sich daran, daß Kahlan ihm erzählt hatte, die Burg sei von Bannen geschützt, und es gebe dort Orte, die nicht einmal sie betreten könne, weil diese Banne einem so sehr den Mut raubten, daß man einfach nicht weitergehen könne. Das war alles, beruhigte er sich, nur ein Bann, der die Neugierigen abschreckte, nur ein Gefühl, keine wirkliche Bedrohung.

»Warm ist es hier«, bemerkte Raina, die sich mit ihren dunklen Augen erstaunt umschaute.

Sie hatte recht, stellte Richard fest. Nach dem Passieren des eisernen Fallgitters hatte die Luft mit jedem Schritt an Kälte verloren, bis sie drinnen einem angenehmen Frühlingstag glich. Der düstere, stahlgraue Himmel, in den die jähe Bergflanke oberhalb der Burg hinaufragte, und der bitterkalte Wind auf der nach oben führenden Straße hatten dagegen überhaupt nichts Frühlingshaftes.

Der Schnee auf seinen Stiefeln begann zu schmelzen. Sie alle zogen ihre schweren Umhänge aus und warfen sie auf einen Haufen seitlich an der Steinmauer. Richard prüfte, ob sein Schwert locker in der Scheide saß.

Die hohe, überwölbte Öffnung, unter der sie hindurchgingen, war gut fünfzig Fuß lang. Richard erkannte, daß es nicht mehr war als eine Bresche in der äußeren Ummauerung. Dahinter führte die Straße über offenes Gelände, bevor sie sich tunnelartig in das Fundament einer hohen Steinmauer bohrte und in der Dunkelheit dahinter verschwand. Wahrscheinlich ging es dort bloß zu den Ställen, redete er sich ein. Kein Grund, dort hineinzugehen.

Richard mußte seinem Drang widerstehen, sich in sein schwarzes Mriswithcape zu hüllen und unsichtbar zu machen. In der letzten Zeit hatte er dies immer häufiger getan und nicht nur in dem Alleinsein Trost gefunden, das sich dadurch erzielen ließ, sondern in dem seltsamen, unerklärlich angenehmen Gefühl, das fast vergleichbar war mit dem Gefühl der Sicherheit der Magie des Schwertes an seiner Hüfte, welches immer da war, stets auf den leisesten Wink von ihm gehorchte, immer sein Verbündeter und Fürsprecher war.

Die feinen Fugen der Quader ringsum verwandelten den trostlosen Innenhof in einen schroffen Canyon, dessen Wände von einer Anzahl Türen durchbrochen war. Richard beschloß, einem Pfad aus Trittsteinen über den Schotter aus Granitsplittern zu der größten der Türen zu folgen.

Plötzlich packte Berdine seinen Arm so fest, daß er vor Schmerz zusammenzuckte und der Tür den Rücken zukehrte, um ihre Finger zu lösen.

»Berdine«, sagte er, »was tut Ihr da? Was ist los?«

Er befreite seinen Arm aus ihrem Griff, aber sie schnappte erneut danach. »Seht doch«, meinte sie schließlich in einem Ton, daß sich ihm die Nackenhaare sträubten. »Was glaubt Ihr, was das ist?«

Alles drehte sich um und blickte in die Richtung, in die sie mit ihrem Strafer gezeigt hatte.

Irgend etwas versetzte die Gesteinssplitter und Steine in wellenförmige Bewegungen, so als schwämme unter der Oberfläche ein gewaltiger Fisch aus Stein. Als das unsichtbare, unterirdische Etwas näher kam, rückte jeder in die Mitte seines Trittsteins. Der Schotter knirschte und wogte wellenförmig wie das Wasser eines Sees.

Berdine verstärkte schmerzhaft ihren Griff an seinem Arm, als der Wellenkamm heranrollte. Selbst Ulic und Egan stockte, wie den anderen, der Atem, als er unter den Trittsteinen zu ihren Füßen vorbeizuziehen schien und die Wellen Steinsplitter auf die Felsen spülten, auf denen sie standen. Als die Woge vorüber war, verebbte die Bewegung, und schließlich war alles wieder ruhig.

»Na schön, und was war das?« stieß Berdine hervor. »Und was wäre mit uns passiert, hätten wir statt dieses Weges zu der Tür dort einen anderen gewählt, zu einer der anderen Türen?«