»Woher soll ich das wissen?«
Sie sah ungläubig zu ihm auf. »Ihr seid ein Zauberer. Ihr solltet so etwas wissen.«
Berdine hätte eigenhändig gegen Ulic und Egan gekämpft, hätte er den Befehl dazu gegeben, aber gespenstische Magie, das war etwas ganz anderes. Keiner der fünf fürchtete sich vor Stahl, aber sie scheuten nicht im geringsten davor zurück, ihm ihre Ängstlichkeit gegenüber Magie ganz offen zu zeigen. Unzählige Male hatten sie es ihm erklärt: Sie waren der Stahl gegen den Stahl, damit er die Magie gegen die Magie sein konnte.
»Hört zu, Ihr alle. Ich habe Euch schon einmal erklärt, ich weiß nicht viel darüber, was es heißt, ein Zauberer zu sein. Ich bin noch nie hier gewesen. Ich weiß nichts über diesen Ort. Ich weiß nicht, wie ich Euch beschützen kann. Werdet Ihr jetzt also tun, was ich verlange, und bei den Soldaten auf der anderen Seite der Brücke warten? Bitte?«
Ulic und Egan verschränkten als Antwort darauf nur die Arme.
»Wir werden Euch begleiten«, beharrte Cara.
»Ganz recht«, fügte Raina hinzu.
»Ihr könnt uns nicht daran hindern«, meinte Berdine, als sie endlich seinen Arm losließ.
»Aber es könnte gefährlich werden!«
»Und dann müssen wir Euch beschützen«, sagte Berdine.
Richard blickte wütend auf sie herab. »Und wie? Indem ihr mir das Blut aus dem Arm preßt?«
Berdine wurde rot. »Verzeiht.«
»Hört zu, ich weiß nichts über die Magie hier. Ich kenne die Gefahren nicht, und noch weniger weiß ich, wie man dagegen vorgeht.«
»Deswegen müssen wir ja mitkommen«, erklärte Cara übertrieben geduldig. »Ihr wißt nicht, wie Ihr Euch selbst schützen könnt. Vielleicht können wir helfen. Wer will behaupten, daß ein Strafer« — sie zeigte mit dem Daumen auf Ulic und Egan — »oder Muskeln nicht gerade das sind, was Ihr braucht? Was, wenn Ihr einfach in ein Loch stürzt, in dem es keine Leiter gibt, und es ist niemand da, der Eure Hilferufe hört? Ihr könntet schließlich auch durch etwas verletzt werden, das nichts mit Magie zu tun hat.«
Richard seufzte. »Na schön, also gut. Vermutlich habt Ihr nicht ganz unrecht.« Er drohte ihr mit dem Finger. »Aber beschwert Euch nicht bei mir, wenn Euch irgendein steinerner Fisch oder sonstwas den Fuß abreißt.«
Die drei Frauen lächelten zufrieden. Selbst Ulic und Egan mußten schmunzeln. Richard stieß einen matten Seufzer aus.
»Also dann kommt.«
Er wandte sich der zwölf Fuß hohen Tür zu, die sich ein wenig zurückversetzt in einer Nische befand. Das Holz war grau und verwittert und wurde von einfachen, aber massiven Eisenbändern zusammengehalten, aus denen abgesägte Nägel, so dick wie seine Finger, hervorragten. Oberhalb der Tür hatte man Worte in den steinernen Sturz gehauen, in einer Sprache, die keiner von ihnen kannte. Richard wollte gerade nach der Klinke greifen, als die Tür begann, an geräuschlosen Angeln nach innen zu schwenken.
»Und er behauptet, nicht zu wissen, wie er seine Magie benutzen soll«, meinte Berdine amüsiert.
Richard vergewisserte sich ein letztes Mal der Entschlossenheit in ihren Augen. »Nicht vergessen, faßt nichts an.« Sie nickten. Er atmete tief durch und drehte sich zum Eingang um. Dabei kratzte er sich hinten am Hals.
»Hat Euch meine Salbe nicht gegen den Ausschlag geholfen?« erkundigte sich Cara, als sie durch die Tür in den dahinterliegenden, trostlosen Raum traten. Es roch nach feuchtem Stein.
»Nein. Jedenfalls bislang noch nicht.«
Ihre Stimmen hallten in der riesigen Eingangskammer von der gut dreißig Fuß hohen Balkendecke wider. Richard verlangsamte seine Schritte, sah sich in dem beinahe leeren Raum um und blieb dann stehen.
»Die Frau, von der ich sie gekauft habe, versprach mir, sie werde Euren Ausschlag heilen. Sie erzählte, sie sei aus gewöhnlichen, üblichen Bestandteilen hergestellt, wie weißem Rhabarber, Lorbeersaft, Butter und weichgekochtem Ei. Als ich ihr dann aber sagte, es sei äußerst wichtig, gab sie noch ein paar besondere, kostspielige Zutaten hinzu. Sie sagte, sie habe rote Betonie, ein Schweinegeschwür und das Herz einer Schwalbe hinzugegeben. Und weil ich Eure Beschützerin bin, mußte ich ihr mein Mondblut bringen. Sie rührte es mit einem rotglühenden Nagel unter. Ich blieb und sah zu, um sicherzugehen.«
»Das hättet Ihr mir sagen sollen, bevor ich sie benutzt habe«, brummte Richard und machte sich auf, tiefer in die düstere Kammer vorzudringen.
»Was?« Er tat ihre Frage mit einer Handbewegung ab. »Also, jedenfalls habe ich ihr erklärt, bei dem Preis, den ich gezahlt habe, sollte es auch wirken. Denn wenn nicht, würde ich wiederkommen, und sie würde den Tag bereuen, an dem sie versagt hatte. Sie versprach, es werde wirken. Ihr habt doch daran gedacht, ein wenig auf die linke Ferse zu reiben, wie ich Euch gesagt habe, oder?«
»Nein, ich habe sie nur auf den Ausschlag aufgetragen.« Jetzt wünschte er, er hätte es nicht getan.
Cara warf die Hände in die Höhe. »Na, kein Wunder: Ich habe Euch doch erklärt, daß Ihr sie auch auf die linke Ferse reiben müßt. Die Frau meinte, der Ausschlag sei vermutlich ein Riß in Eurer Aura, und Ihr müßtet auch die linke Ferse damit einreiben, um die Verbindung zur Erde zu schließen.«
Richard hatte nur halb zugehört. Er wußte, daß sie sich nur mit dem Klang ihrer Stimme Mut machen wollte.
Hoch oben zu ihrer Rechten fiel das Tageslicht in langen, steilen Balken durch kleine Fenster in den Raum. Zu beiden Seiten einer überwölbten Öffnung am gegenüberliegenden Ende hielten reich verzierte Holzstühle Wache. Unter der Fensterscheibe hing ein Wandteppich, dessen Bild zu verblichen war, um es zu erkennen. Eine Reihe von Kerzen steckte in einfachen Haltern an der gegenüberliegenden Wand. Ein schwerer, von Böcken gestützter Tisch stand, getaucht in einen strahlend hellen Lichtbalken, fast genau in der Mitte des Raumes. Ansonsten war der Raum leer.
Sie gingen voran, begleitet vom Echo der Schritte auf den Fliesen. Richard sah, daß auf dem Tisch Bücher lagen. Seine Hoffnung stieg. Bücher waren der Grund, weshalb er hergekommen war. Es konnte noch Wochen dauern, bis Kahlan und Zedd wieder zurück waren, und er fürchtete, daß er gezwungen war, schon vorher etwas zum Schutz der Burg zu unternehmen. Die Warterei machte ihn rastlos und setzte ihm zu.
Da die d’Haranische Armee Aydindril besetzt hielt, bestand im Augenblick die größte Gefahr in einem Angriff auf die Burg der Zauberer. Er hoffte, Bücher zu finden, die ihm irgendwelches Wissen vermittelten, ihm vielleicht sogar erläuterten, wie er Teile seiner Magie benutzen konnte, damit er, falls ihn jemand mit Magie angriff, möglicherweise den Schlüssel fand, ihn abzuwehren. Er befürchtete, die Imperiale Ordnung könnte einen Teil der in der Burg aufbewahrten Magie rauben. Auch Mriswiths spielten in seinen Überlegungen eine Rolle.
Auf dem Tisch lag nahezu ein Dutzend Bücher, alle von derselben Größe. Die Worte auf den Einbänden waren in einer Sprache verfaßt, die er nicht kannte. Ulic und Egan stellten sich mit dem Rücken zum Tisch, während Richard mit dem Finger ein paar Bücher zur Seite schob, um die darunterliegenden besser sehen zu können. Irgend etwas an ihnen kam ihm vertraut vor.
»Sieht aus, als wären es alles dieselben Bücher, aber in verschiedenen Sprachen«, meinte er, halb zu sich selbst.
Eines, das ihm auffiel, drehte er um und warf einen Blick auf den Titel. Und plötzlich wurde ihm bewußt, daß er, obwohl er ihn nicht lesen konnte, die Sprache irgendwo schon einmal gesehen hatte. Dann erkannte er die beiden Worte wieder. Das erste, fuer, und das dritte, ost, waren Worte, die er nur zu gut kannte. Der Titel war in Hoch-D’Haran.
In den Gewölbekellern im Palast der Propheten hatte Warren ihm eine Prophezeiung gezeigt, die sich auf ihn bezog und ihn als fuer grissa ost drauka bezeichnete: der Bringer des Todes. Das erste Wort in diesem Titel war der bestimmte Artikel, und das dritte, ost, stand für die Verknüpfung der beiden Teile.
»Fuer Ulbrecken ost Brennika Dieser.« Richard stieß einen verzweifelten Seufzer aus. »Ich wüßte zu gerne, was das bedeutet.«