»Die Abenteuer von Bonnie Day. Glaube ich.«
Richard drehte sich um und sah, daß Berdine über seine Schulter auf den Tisch blickte. Sie trat zurück und wandte ihre blauen Augen ab, als glaubte sie, etwas Unrechtes getan zu haben.
»Was habt Ihr gesagt?« fragte er leise.
Berdine zeigte auf das Buch. »Fuer Ulbrecken ost Brennika Dieser. Ihr sagtet, Ihr würdet gerne wissen, was das bedeutet. Ich glaube, es bedeutet Die Abenteuer von Bonnie Day. Es ist ein alter Dialekt.«
Die Abenteuer von Bonnie Day war der Titel eines Buches, das Richard seit seiner frühesten Kindheit besessen hatte. Damals war es sein Lieblingsbuch gewesen, und er hatte es so oft gelesen, daß er es praktisch auswendig kannte.
Erst nach seinem Eintreffen im Palast der Propheten in der Alten Welt hatte er herausgefunden, daß Nathan Rahl, ein Prophet und Richards Vorfahr, das Buch geschrieben hatte. Nathan hatte das Buch, wie er sagte, als Leitfaden für Prophezeiungen geschrieben und vielversprechenden jungen Burschen geschenkt. Nathan hatte Richard erzählt, bis auf Richard hätte alle Besitzer des Buches ein tödliches Schicksal ereilt.
Bei Richards Geburt waren die Prälatin und Nathan in die Neue Welt gekommen und hatten Das Buch der gezählten Schatten aus der Burg der Zauberer entwendet, um zu verhindern, daß es Darken Rahl in die Hände fiel. Sie hatten es an Richards Stiefvater, George Cypher, weitergegeben und ihm das Versprechen abgenommen, Richard das ganze Buch Wort für Wort auswendig lernen zu lassen und es dann zu vernichten. Das Buch der gezählten Schatten wurde benötigt, um die Kästchen der Ordnung in D’Hara zu öffnen. Richard kannte dieses Buch noch immer auswendig — jedes einzelne Wort.
Richard erinnerte sich gerne an die glücklichen Zeiten seiner Jugend, als er noch zu Hause bei seinem Vater und seinem Bruder gelebt hatte. Er hatte seinen älteren Bruder sehr gerne gemocht und zu ihm aufgesehen. Wer hätte damals geahnt, welche heimtückischen Wendungen das Leben nehmen würde? Doch zu diesen Zeiten der Unschuld gab es kein Zurück.
Nathan hatte ihm damals ebenfalls eine Ausgabe von Die Abenteuer der Bonnie Day dagelassen. Auch die Ausgaben hier, in den anderen Sprachen, mußte er bei seinem Aufenthalt unmittelbar nach Richards Geburt hier in der Burg zurückgelassen haben.
»Woher wißt Ihr, was dort steht?« fragte Richard.
Berdine schluckte. »Es ist in Hoch-D’Haran, allerdings in einem alten Dialekt.«
An der Art, wie sie die Augen aufriß, merkte Richard, daß er offenbar eine furchteinflößende Miene aufgesetzt hatte. Er gab sich alle Mühe, seine Züge zu glätten.
»Soll das heißen, daß Ihr Hoch-D’Haran versteht?« Sie nickte. »Ich habe gehört, es sei eine tote Sprache. Ein Gelehrter, ein Bekannter von mir, der Hoch-D’Haran versteht, meinte, daß fast niemand mehr diese Sprache spricht. Woher könnt Ihr sie?«
»Von meinem Vater«, sagte sie. Ihre Stimme wurde ausdruckslos. »Das war einer der Gründe, weshalb mich Darken Rahl als Mord-Sith ausgewählt hat.« Ihr Gesicht war erstarrt. »Es gab nur noch wenige, die HochD’Haran verstanden. Mein Vater war einer von ihnen. Darken Rahl benutzte Hoch-D’Haran für seine Magie, und er mochte es nicht, wenn auch noch andere diese Sprache verstanden.«
Richard brauchte nicht zu fragen, was aus ihrem Vater geworden war.
»Das tut mir leid, Berdine.«
Er wußte, daß diejenigen, die man als Mord-Sith in die Leibeigenschaft preßte, während ihrer Ausbildung gezwungen wurden, ihre Väter zu Tode zu foltern. Man nannte dies das dritte Brechen. Es war ihre letzte Prüfung.
Sie zeigte keinerlei Regung. Sie hatte sich hinter die eiserne Maske ihrer Ausbildung zurückgezogen. »Darken Rahl wußte, daß mein Vater mir ein wenig der alten Sprache beigebracht hatte, aber als Mord-Sith war ich für ihn keine Bedrohung. Er fragte mich gelegentlich, wie ich bestimmte Worte auslegen würde. Hoch-D’Haran ist eine Sprache, die schwer zu übersetzen ist. Viele Worte, besonders in den älteren Dialekten, weisen Bedeutungen auf, die nur im Zusammenhang verstanden werden können. Ich bin alles andere als eine Expertin, trotzdem verstehe ich etwas. Darken Rahl beherrschte Hoch-D’Haran meisterhaft.«
»Und wißt Ihr, was fuer grissa ost drauka bedeutet?«
»Das ist ein sehr alter Dialekt. In diesen alten Versionen bin ich nicht sehr beschlagen.« Sie dachte einen Augenblick lang nach. »Ich glaube, die wörtliche Übersetzung lautet ›Der Bringer des Todes‹. Wo habt Ihr das gehört?«
Über die Schwierigkeiten der anderen Bedeutungen wollte er im Augenblick nicht weiter grübeln. »In einer alten Prophezeiung. Darin wird mir dieser Name gegeben.«
Berdine verschränkte die Hände hinter dem Rücken. »Zu Unrecht, Lord Rahl. Es sei denn, er bezieht sich auf Euer Geschick im Umgang mit Euren Feinden und nicht Euren Freunden.«
Richard mußte lächeln. »Danke, Berdine.«
Ihr Lächeln kehrte zurück wie die Sonne hinter abziehenden Sturmwolken.
»Sehen wir mal, was wir hier sonst noch Interessantes finden«, sagte er und steuerte auf die überwölbte Öffnung am anderen Ende des Raumes zu.
Beim Durchschreiten der Öffnung spürte Richard, wie ein kribbelndes, kitzelndes Gefühl in einer rasiermesserscharfen Linie über seine Haut hinwegstrich. Nach Passieren der Öffnung war es verschwunden. Er hörte Raina seinen Namen rufen und drehte sich um.
Die übrigen auf der anderen Seite preßten ihre Hände gegen die Luft, als wäre sie eine Scheibe aus undurchdringlichem Glas. Ulic schlug mit der Faust dagegen, ohne jeden Erfolg.
»Lord Rahl!« rief Cara. »Wie kommen wir hier durch?«
Richard ging zu dem Durchgang zurück. »Ich bin nicht sicher. Ich besitze Magie, die es mir ermöglicht, Schilde zu passieren. Hier, Berdine, gebt mir Eure Hand. Mal sehen, ob das funktioniert.«
Er steckte seine Hand durch die unsichtbare Barriere, und sie ergriff ohne Zögern sein Handgelenk. Langsam zog er ihre Hand auf sich zu, bis sie in den Schild eindrang.
»Oh, kalt ist das«, beklagte sie sich.
»Alles in Ordnung? Wollt Ihr es jetzt ganz wagen?«
Daraufhin nickte sie, und er zog sie weiter. Als sie durch war, fröstelte sie und schüttelte sich, als wäre sie über und über mit Käfern bedeckt.
Cara streckte ihre Hand Richtung Durchgang. »Jetzt ich.«
Richard wollte schon die Hand nach ihr ausstrecken, hielt dann aber inne. »Nein. Ihr übrigen wartet hier, bis wir zurückkommen.«
»Was!« kreischte Cara. »Ihr müßt uns mitnehmen!«
»Es gibt Gefahren, von denen ich nicht das geringste weiß. Ich kann unmöglich die ganze Zeit auf Euch aufpassen. Berdine genügt, für den Fall, daß ich Schutz benötige. Ihr übrigen wartet hier. Sollte irgend etwas passieren, wißt Ihr, wie Ihr hier wieder rauskommt.«
»Aber Ihr müßt uns mitnehmen«, flehte Cara ihn an. »Wir dürfen Euch nicht ohne Schutz lassen.« Sie drehte sich um. »Erkläre du es ihm, Ulic.«
»Sie hat recht, Lord Rahl. Es wäre besser, wenn wir Euch begleiten.«
Richard schüttelte den Kopf. »Eine ist genug. Wenn mir irgend etwas zustößt, kommt Ihr nicht mehr durch den Schild zurück. Falls etwas passiert und wir nicht zurückkommen, bin ich darauf angewiesen, daß Ihr unsere Sache weiterführt. Dann übernehmt Ihr die Führung, Cara, und holt Hilfe für uns, wenn Ihr könnt. Wenn nicht, nun, dann kümmert Ihr Euch um alles, bis mein Großvater Zedd und Kahlan hier eintreffen.«
»Tut es nicht!« Er hatte Cara noch nie so verzweifelt gesehen. »Lord Rahl, wir können es uns nicht erlauben, Euch zu verlieren.«
»Es wird schon gutgehen, Cara. Wir kommen zurück, das verspreche ich. Zauberer halten stets ihr Versprechen.«
Cara schnaubte verärgert. »Und warum gerade sie?«
Berdine warf ihr welliges, braunes Haar über die Schulter und blitzte Cara selbstzufrieden lächelnd an. »Weil Lord Rahl mich am liebsten mag.«