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»Ich glaube, das Schlimmste haben wir hinter uns. Hier entlang.«

Am Ende des goldenen Tunnels befand sich ein Turmzimmer von wenigstens einhundert Fuß im Durchmesser, mit Treppen, die spiralförmig an der Innenseite der Außenmauer nach oben führten. In unregelmäßigen Abständen befand sich anstelle einer Stufe ein Absatz, dort gab es jeweils auch eine Tür. Oben, in der düsteren Weite, durchbohrten Lichtbalken die Dunkelheit. Die meisten der Fenster waren klein, eines jedoch schien riesig zu sein. Richard konnte nicht mit Gewißheit sagen, wie weit der Turm sich in die Höhe reckte, aber es mußten an die zweihundert Fuß sein. Nach unten stieg der kreisrunde Schacht hinab in feuchte, Ungewisse Niederungen.

»Das gefällt mir überhaupt nicht«, meinte Berdine nach einem Blick über den Rand des eisernen Geländers auf dem Treppenabsatz.

Richard glaubte, im Dunkeln unten eine Bewegung erkennen zu können. »Bleibt ganz nah bei mir und haltet die Augen offen.« Er heftete seinen Blick auf die Stelle, wo er glaubte, die Bewegung entdeckt zu haben, und versuchte, sie noch einmal zu sehen. »Wenn irgend etwas passiert, müßt Ihr versuchen, nach draußen zu kommen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele Schilde wir passiert haben. Wenn Euch irgend etwas zustößt, bin ich ebenfalls tot.«

Richard wog die Alternativen ab. Vielleicht wäre es besser, wenn er sich in sein Mriswithcape hüllte. »Wartet hier. Ich gehe nachsehen.«

Berdine packte sein Hemd an der Schulter und riß ihn herum, so daß er in ihre feurig-blauen Augen blickte. »Nein. Ihr werdet nicht alleine gehen.«

»Berdine —«

»Ich bin Eure Beschützerin. Ihr werdet nicht alleine gehen. Verstanden?«

Sie hatte diesen durchdringenden, unerbittlichen Blick in den Augen, der ihn fürchten ließ, er könnte etwas Falsches sagen. Schließlich gab er sich seufzend geschlagen. »Also schön. Aber Ihr bleibt in der Nähe und tut, was ich sage.« Sie hob herausfordernd den Kopf. »Ich tue immer, was Ihr sagt.«

37

Während das Pferd sich wiegend unter ihm bewegte, betrachtete Tobias Brogan in aller Ruhe die fünf Boten des Schöpfers, die nicht weit voraus und ein Stück seitlich gingen. Es war ungewöhnlich, daß man sie sah. Seit ihrem unerwarteten Auftauchen vier Tage zuvor waren sie stets in der Nähe, aber nur selten zu erkennen, und selbst wenn sie sichtbar waren, konnte man sie schwer entdecken, denn sie waren vollkommen weiß wie der Schnee oder im Dunkeln vollkommen schwarz wie die Nacht. Verwundert fragte er sich, wie sie es schafften, einfach vor seinen Augen zu verschwinden. Die Macht des Schöpfers war in der Tat erstaunlich.

Die Boten jedoch hinterließen bei Tobias ein bedrückendes Gefühl. In seinen Träumen hatte der Schöpfer Tobias aufgetragen, seine Pläne nicht in Frage zu stellen, und dankenswerterweise endlich Tobias demütige Bitten um Vergebung für die Unverschämtheit einer Nachfrage erhört. Alle rechtschaffenen Kinder des Schöpfers fürchteten ihn, und rechtschaffen war Tobias Brogan allemal. Trotzdem, diese schuppigen Geschöpfe schienen kaum die angemessene Wahl für göttliche Unterweisung.

Plötzlich richtete er sich im Sattel auf. Natürlich. Es war sicher nicht die Absicht des Schöpfers, den Nicht-Eingeweihten seine Absicht zu enthüllen, indem er ihnen Jünger zeigte, die auch wie welche aussahen. Böse Menschen erwarteten, von der Schönheit und der Pracht des Schöpfers verfolgt zu werden, der Anblick von Jüngern in einer solchen Gestalt dagegen würde sie gewiß nicht so in Angst und Schrecken versetzen, daß sie sich verkrochen.

Tobias seufzte erleichtert, während er beobachtete, wie die Mriswiths die Köpfe zusammensteckten und sich untereinander und mit der Magierin tuschelnd besprachen. Sie selbst bezeichnete sich als Schwester des Lichts, trotzdem war sie immer noch eine Magierin, eine streganicha, eine Hexe. Daß der Schöpfer die Mriswiths als Boten einsetzte, konnte er verstehen, allerdings entzog sich ihm, wieso Er einer streganicha solche Machtbefugnis gab.

Tobias hätte gerne gewußt, was sie die ganze Zeit zu bereden hatten. Seit die streganicha sich ihnen tags zuvor angeschlossen hatte, war sie fast ausschließlich bei diesen fünf Schuppenwesen gewesen und hatte für den Lord General des Lebensborns aus dem Schoß der Kirche nur herzlich wenig Worte übrig gehabt. Die sechs blieben unter sich, so als reisten sie nur zufällig in die gleiche Richtung wie Tobias Brogan und sein Begleittrupp von eintausend Mann.

Tobias hatte gesehen, wie gerade mal eine Handvoll Mriswiths Hunderte d’Haranischer Soldaten ins Jenseits befördert hatte, daher war ihm ein wenig unwohl dabei, daß er nur zwei Abteilungen seiner Soldaten bei sich hatte. Der Rest seiner Streitmacht von über einhunderttausend Mann wartete wenig mehr als eine Woche vor Aydindril. In jener ersten Nacht bei der Armee, als Er ihm erschienen war, hatte der Schöpfer Tobias erklärt, sie sollten zurückbleiben, um bei der Eroberung Aydindrils mitzuwirken.

»Lunetta«, meinte er mit leiser Stimme, während er verfolgte, wie die Schwester sich gestenreich mit den Mriswiths unterhielt.

Sie lenkte ihr Pferd näher an seine rechte Seite. Sie verstand seinen Wink und senkte ebenfalls die Stimme. »Ja, mein Lord General?«

»Lunetta, hast du gesehen, wie die Schwester ihre Kraft angewendet hat?«

»Ja, Lord General. Als sie den Windbruch aus dem Weg räumte.«

»Daran konntest du erkennen, welche Kräfte sie besitzt?« Lunetta nickte ihm kaum merklich zu. »Besitzt sie ebensoviel Kraft wie du, meine Schwester?«

»Nein, Tobias.«

Er lächelte sie an. »Gut zu wissen.« Er blickte nach hinten, um sich zu vergewissern, daß niemand in der Nähe und die Mriswiths noch sichtbar waren. »Einige der Dinge, die mir der Schöpfer in den letzten paar Nächten eingegeben hat, versetzen mich mehr und mehr in Verwirrung.«

»Möchtet Ihr Lunetta davon erzählen?«

»Ja, aber nicht jetzt. Wir reden später darüber.«

Sie strich gedankenverloren über ihre ›hübschen Sachen‹. »Vielleicht, wenn wir alleine sein können. Es ist bald Zeit, haltzumachen.«

Tobias war weder das gezierte Lächeln noch das Angebot entgangen. »Heute nacht werden wir nicht früh haltmachen.« Er reckte die Nase in die Höhe und nahm einen tiefen Zug der kalten Luft. »Sie ist so nah, daß ich sie fast riechen kann.«

Auf dem Weg nach unten zählte Richard die Treppenabsätze, damit er den Weg zurück wiederfinden konnte. An alles übrige glaubte er sich wegen der Eindrücke von unterwegs erinnern zu können, das Innere des Turmes jedoch war irreführend. Es stank nach Fäulnis wie in einer tiefen Sickergrube, wahrscheinlich, weil das Wasser, das durch die offenen Fenster hereinlief, sich unten sammelte.

Auf dem nächsten Treppenabsatz bemerkte Richard beim Näherkommen ein Schimmern in der Luft. Im Schein der Kugel in seiner Hand konnte er erkennen, daß an der Seite etwas stand. Dessen Umrisse glommen im summenden Licht. Obwohl dieses Etwas nicht gegenständlich war, sah er, daß es sich um einen Mriswith handelte, der sich in sein Cape gehüllt hatte.

»Willkommen, Hautbruder«, zischte der Unsichtbare.

Berdine zuckte zusammen. »Was war das?« bedrängte sie ihn flüsternd.

Richard bekam ihr Handgelenk zu fassen, als sie versuchte, sich — den Strafer in der Hand — vor ihn zu schieben, und zog sie im Weitergehen auf seine andere Seite. »Das ist bloß ein Mriswith.«

»Ein Mriswith!« flüsterte sie mit rauher Stimme. »Wo?«

»Direkt hier auf dem Treppenabsatz, am Geländer. Habt keine Angst, er wird Euch nichts tun.«

Sie krallte sich in sein schwarzes Cape, nachdem er ihren Arm mit dem Strafer heruntergedrückt hatte. Sie traten auf den Absatz.

»Bist du gekommen, um die Sliph zu wecken?« wollte der Mriswith wissen.

Richard runzelte die Stirn. »Die Sliph?«

Der Mriswith öffnete sein Cape und zeigte mit dem dreiklingigen Messer in seiner Kralle die Treppe hinunter. Dabei wurde sein Körper fest und vollkommen sichtbar, eine Gestalt voller dunkler Schuppen in einem Cape. »Die Sliph befindet sich dort unten, Hautbruder.« Seine kleinen, runden Augen kamen wieder hoch. »Endlich ist der Weg zu ihr wieder frei. Bald ist es an der Zeit, daß die Yabree singen.«