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Er machte ein schmatzendes Geräusch mit seinen Lippen. »Und das wäre?«

Lunetta lächelte verschlagen. »Erstens hat sie gelogen, als sie behauptete, die Mutter Konfessor sei tot.«

Tobias schlug mit der Hand auf den Tisch. »Wußte ich’s doch! Als sie es sagte, wußte ich, daß es gelogen war!« Er schloß die Augen und schluckte, während er dem Schöpfer ein kurzes Dankgebet schickte. »Und das andere?«

»Sie hat gelogen, als sie sagte, die Mutter Konfessor sei nicht geflohen. Sie weiß, daß die Mutter Konfessor lebt, und daß sie nach Südwesten gegangen ist. Alles, was sie sonst erzählt hat, war wahr.«

Tobias gute Laune war zurückgekehrt. Er rieb sich die Hände und spürte die Wärme, die das hervorrief. Das Glück des Jägers war ihm abermals hold. Er hatte die Witterung aufgenommen.

»Habt Ihr gehört, was ich gesagt habe, Lord General?«

»Was? Ja, ich habe es gehört. Sie lebt und ist nach Südwesten. Das hast du gut gemacht, Lunetta. Der Schöpfer wird dich segnen, wenn ich ihm von deiner Hilfe berichte.«

»Ich meine, daß alles sonst die Wahrheit war.«

Er runzelte die Stirn. »Wovon redest du?«

Lunetta raffte ihre Stoffetzen fest um ihren Körper. »Sie sagte, daß der Rat aus toten Männern und aufrührerischen Heuchlern besteht. Wahr. Daß die Imperiale Ordnung nur jene Lügen hören will, die ihrem Ziel dienlich sind, und daß ihr Ziel Eroberung und Herrschaft ist. Wahr. Daß man ihr die Fingernägel ausgerissen hat, um sie zu zwingen, Lügen zu erzählen. Daß der Lebensborn auf Gerüchte hin handelt, solange nur als Ergebnis ein frisches Grab dabei herauskommt. Wahr.«

Brogan sprang auf. »Der Lebensborn bekämpft das Böse! Wie kannst du es wagen, etwas anderes zu behaupten, du dreckige streganicha

Sie zuckte zusammen und biß sich auf die Unterlippe. »Ich behaupte diese Dinge nicht, ich behaupte nur, Lord General, daß es die Wahrheit ist, so wie diese Frau sie sieht.«

Er zog seine Schärpe zurecht. Er wollte sich seinen Triumph nicht durch Lunettas Gerede verderben lassen. »Das beurteilt sie falsch, und das weißt du.« Er zeigte mit dem Finger auf sie. »Ich habe mehr Zeit, als dir zustünde, mehr Zeit, als du wert bist, damit verschwendet, dir den Unterschied zwischen Gut und Böse beizubringen.«

Lunetta starrte den Boden an. »Ja, mein Lord General, Ihr habt mehr Zeit damit verbracht, als ich wert bin. Vergebt mir. Es waren ihre Worte, nicht meine.«

Schließlich löste Brogan seinen wütenden Blick von ihr und nahm das Kästchen von seinem Gürtel. Er legte es hin, stieß es mit dem Daumen zurecht, bis es parallel zur Tischkante lag und setzte sich wieder hin. Er verbannte Lunettas Unverschämtheit aus seinen Gedanken und überlegte sich seinen nächsten Zug.

Gerade wollte er nach seinem Abendessen rufen, als ihm einfiel, daß noch ein weiterer Zeuge wartete. Er hatte gefunden, wonach er gesucht hatte, weitere Befragungen waren nicht erforderlich … aber es war immer klug, gründlich zu sein.

»Ettore, bring den nächsten Zeugen rein.« Brogan warf Lunetta einen wütenden Blick zu, während sie wieder mit der Wand zu verschmelzen schien. Sie hatte ihre Sache gut gemacht, es dann jedoch verdorben, indem sie ihn provoziert hatte. Er wußte zwar, daß das Böse in ihr war, trotzdem verärgerte es ihn, daß sie sich nicht mehr Mühe gab, es zu unterdrücken. Vielleicht war er in letzter Zeit zu freundlich mit ihr umgegangen — in einem schwachen Augenblick hatte er ihr ein hübsches Stückchen Stoff geschenkt, weil er wollte, daß sie an seiner Freude teilhatte. Vielleicht schloß sie daraus, er würde ihr Unverschämtheiten durchgehen lassen. Aber das würde er ganz bestimmt nicht.

Tobias setzte sich in seinem Sessel zurecht, faltete die Hände auf dem Tisch, dachte noch einmal über seinen Triumph nach, über den Fang der Fänge. Diesmal mußte er sich nicht zum Lächeln zwingen.

Er war ein wenig überrascht, als er aufblickte und ein kleines Mädchen vor zwei der Wachen den Saal betreten sah. Der alte Mantel, den sie trug, schleifte auf dem Boden. Hinter dem Mädchen, zwischen den Wachen, humpelte schlingernden Schritts eine untersetzte alte Frau in einem zerlumpten Umhang aus einer braunen Decke.

Als die Gruppe vor dem Tisch anhielt, lächelte das Mädchen ihn an. »Ihr habt ein schönes, warmes Zuhause, Mylord. Wir haben unseren Tag hier genossen. Dürfen wir Eure Gastfreundschaft erwidern?«

Die Alte steuerte ebenfalls ein Lächeln bei.

»Es freut mich, daß ihr Gelegenheit hattet, euch aufzuwärmen, und ich wäre dankbar, wenn du und deine…« Er zog fragend eine Augenbraue hoch.

»Großmutter«, sagte das Mädchen.

»Ja. Großmutter. Ich wäre dankbar, wenn du und deine Großmutter ein paar Fragen beantworten würdet, das ist alles.«

»Aha«, sagte die Alte. »Fragen, darum geht es, ja? Fragen können gefährlich sein, Mylord.«

»Gefährlich?« Tobias rieb sich mit zwei Fingern die Furchen auf seiner Stirn. »Ich suche nur nach der Wahrheit, meine Dame. Wenn Ihr ehrlich antwortet, wird Euch nichts geschehen. Ihr habt mein Wort darauf.«

Sie grinste, daß man die Lücken zwischen ihren Zähnen sah. »Ich meinte, für Euch, Mylord.« Sie lachte keckernd leise vor sich hin, dann beugte sie sich mit harter Miene zu ihm vor. »Vielleicht gefallen Euch die Antworten nicht, oder Ihr schlagt sie in den Wind.«

Tobias tat ihre Bedenken mit einer Handbewegung ab. »Die Sorge überlaßt mir.«

Sie richtete sich, wieder lächelnd, auf. »Wie Ihr wollt, Mylord.« Sie kratzte sich die Nase. »Wie lauten also Eure Fragen?«

Tobias lehnte sich zurück und musterte die Augen der wartenden Frau. »In letzter Zeit befanden sich die Midlands in Aufruhr, und wir wollen herausfinden, ob die Günstlinge des Hüters bei dem Zwist, der jetzt die Länder überschattet, ihre Hände im Spiel haben. Habt ihr gehört, ob Ratsmitglieder Reden gegen den Schöpfer geführt haben?«

»Räte lassen sich selten auf dem Markt blicken, um theologische Diskussionen mit alten Damen zu führen, Mylord. Ich nehme auch nicht an, daß sie so töricht wären, öffentlich Verbindungen zur Unterwelt bekanntzugeben, wenn sie welche hätten.«

»Und was habt Ihr sonst über sie gehört?«

Sie zog eine Augenbraue hoch. »Ihr wünscht Gerüchte aus der Stentorstraße zu hören, Mylord? Sagt nur, an welcher Art Gerücht Ihr interessiert seid, und ich erzähle Euch eines, das Eurem Wunsch entspricht.«

Tobias trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Gerüchte interessieren mich nicht, meine Dame. Nur die Wahrheit.«

Sie nickte. »Natürlich, Mylord, und die sollt Ihr auch erfahren. Manchmal interessieren sich die Menschen für die törichtesten Dinge.«

Er räusperte sich geplagt. »Ich habe bereits jede Menge Gerüchte gehört und an weiteren keinen Bedarf. Ich muß die Wahrheit über das erfahren, was in Aydindril geschehen ist. Wie ich hörte, hat man sogar den Rat hingerichtet und die Mutter Konfessor auch.«

Ihr verschlagenes Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück. »Wieso macht ein Mann von Eurem hohen Rang bei seiner Ankunft nicht am Palast halt und bittet darum, den Rat zu sprechen? Wäre das nicht sinnvoller, als alle möglichen Leute heranzuschleppen, die selbst nichts gesehen haben, und diese auszufragen? Die Wahrheit läßt sich mit eigenen Augen besser beurteilen. Mylord.«

Brogan preßte die Lippen aufeinander. »Ich war nicht hier, als die Mutter Konfessor den Gerüchten zufolge hingerichtet wurde.«

»Ah, die Mutter Konfessor ist es also, um die es Euch geht. Warum habt Ihr das nicht gleich gesagt? Ich hörte, sie sei hingerichtet worden, aber gesehen habe ich es nicht. Aber meine Enkelin hat es gesehen, nicht wahr, mein Liebling?«

Das kleine Mädchen nickte. »Ja, Mylord, ich habe es selbst gesehen. Sie haben ihr den Kopf abgeschlagen, jawohl.«

Brogan seufzte übertrieben. »Das hatte ich befürchtet. Sie ist also tot?«

Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Das hab’ ich nicht gesagt, Mylord. Ich sagte, ich hätte gesehen, wie man ihr den Kopf abgeschlagen hat.« Sie sah ihm offen in die Augen und lächelte.