Richard wischte sich die schweißnassen Hände an den Knien ab. »Herzogin, Ihr habt gehört, was ich zu sagen hatte. Wir kämpfen für die Freiheit. Wenn Ihr Euch uns ergebt, werdet Ihr nichts verlieren, sondern etwas gewinnen. Unter unserer Herrschaft wird es zum Beispiel ein Verbrechen sein, wenn ein Mann seiner Frau Gewalt antut. Genauso, als würde er einem Fremden auf der Straße Gewalt antun.«
Ihr Lächeln hatte etwas belustigt Tadelndes. »Lord Rahl, ich bin nicht sicher, ob selbst Ihr genügend Macht besitzt, um ein solches Gesetz zu verkünden. An manchen Orten der Midlands gilt die Tötung einer Frau durch ihren Mann nur als symbolische Strafe, vorausgesetzt, sie hat ihn durch eine Missetat, von denen es eine ganze Liste gibt, provoziert. Die Freiheit würde den Männern nur überall das gleiche Recht einräumen.«
Richard fuhr mit dem Finger über den Rand seines Bechers. »Es ist falsch, einem Unschuldigen Gewalt anzutun, wer es auch sein mag. Freiheit bedeutet nicht, daß Fehlverhalten hingenommen wird. Menschen mancher Länder dürfen nicht Taten erdulden müssen, die in anderen Ländern als Verbrechen gelten. Wenn wir vereint sind, wird es solche Ungerechtigkeiten nicht mehr geben. Alle Menschen werden die gleichen Freiheiten haben, die gleiche Verantwortung tragen und nach einem gerechten Gesetz leben.«
»Aber Ihr könnt doch sicher nicht erwarten, daß solche allgemein anerkannten Gebräuche allein deshalb ein Ende haben, weil Ihr sie für gesetzeswidrig erklärt.«
»Moral kommt stets von oben, wie bei Eltern gegenüber einem Kind. Der erste Schritt ist es also, gerechte Gesetze schriftlich niederzulegen und zu zeigen, daß wir alle nach ihren Grundsätzen leben müssen. Man kann nicht jedes Verbrechen unterbinden, aber wenn man es nicht bestraft, nimmt es Überhand, bis die Anarchie schließlich im Gewand von Toleranz und Verständnis daherkommt.«
Sie strich mit den Fingern durch die zarte Vertiefung an ihrem Halsansatz. »Lord Rahl, was Ihr sagt, erfüllt mich mit Hoffnung für die Zukunft. Ich werde für Euren Erfolg zu den Guten Seelen beten.«
»Ihr schließt Euch uns also an? Ihr werdet Kelton übergeben?«
Flehentlich bittend hob sie ihre sanften, braunen Augen. »Unter einer Bedingung.«
Richard schluckte. »Ich habe geschworen: keine Bedingungen. Jeder wird gleich behandelt, wie ich es Euch erklärt habe. Wie kann ich Gleichheit geloben, wenn ich mich selbst nicht nach meinen Worten und Regeln richte?«
Sie befeuchtete sich erneut die Lippen, während Angst in ihre Augen trat. »Ich verstehe«, sagte sie so leise, daß es in der Stille fast verlorenging. »Vergebt mir die Eigennützigkeit, mit der ich mir einen Vorteil zu verschaffen suche. Ein Ehrenmann wie Ihr wird unmöglich verstehen, daß eine Frau wie ich auf ein solches Niveau herabsinken kann.«
Richard hätte sich am liebsten sein Messer in die Brust gestoßen, weil er zuließ, daß Angst sie quälte.
»Wie lautet Eure Bedingung?«
Sie senkte den Blick in ihren Schoß, auf die gefalteten Hände. »Mein Gatte und ich waren nach Eurer Ansprache fast schon zu Hause, als…« Sie verzog das Gesicht und schluckte. »Wir waren fast schon sicher zu Hause, als wir von diesem Monster überfallen wurden. Ich habe es überhaupt nicht kommen sehen. Ich hatte mich bei meinem Gatten eingehakt. Plötzlich blitzte Stahl auf.« Ein Stöhnen entfuhr ihrer Kehle. Richard mußte sich zwingen, sitzenzubleiben. »Die Eingeweide meines Gatten liefen mir vorne am Körper herunter.« Sie unterdrückte ein Stöhnen. »Das Messer, das ihn tötete, streifte meinen Ärmel und hinterließ dabei drei Schnitte.«
»Herzogin, ich verstehe. Es ist nicht nötig, daß…«
Mit zitternder Hand bat sie ihn flehentlich zu schweigen, damit sie zu Ende sprechen konnte. Sie zog den seidenen Ärmel ihres Kleides hoch, so daß man drei Striemen auf ihrem Unterarm sehen konnte. Richard erkannte den dreifachen Schnitt einer Mriswithklinge. Nie zuvor hatte er sich so sehr gewünscht zu wissen, wie man seine Gabe zum Heilen benutzt. Er hätte alles getan, um die bösartigen roten Wundmale auf ihrem Arm zu entfernen.
Sie zog den Ärmel herunter, schien ihm seine Besorgnis im Gesicht anzusehen. »Es ist nichts. Ein paar Tage, und es ist verheilt.« Sie tippte sich auf die Brust, auf ihren Busen. »Was sie mir hier drinnen angetan haben, das ist es, was nicht verheilen will. Mein Gatte war ein ausgezeichneter Schwertkämpfer, aber seine Chancen gegen diese Kreaturen standen nicht besser, als meine gewesen wären. Das Gefühl seines warmen Blutes auf meinem Körper werde ich nie vergessen. Es ist mir peinlich zuzugeben, daß ich untröstlich geschrien habe, bis ich mir das Kleid vom Leib reißen und das Blut von meiner nackten Haut waschen konnte. Aus Angst, ich könnte aufwachen und noch immer in diesem Kleid stecken, habe ich seitdem ganz ohne Nachtkleid schlafen müssen.«
Richard wünschte, sie hätte andere Worte benutzt, die keine so lebhafte Vorstellung in seinem Kopf erzeugten. Er beobachtete das sanfte Auf und Ab ihres seidenen Kleides und zwang sich, einen Schluck Tee zu trinken, nur um unerwartet mit ihrem Lippenabdruck konfrontiert zu werden. Er wischte sich eine Schweißperle hinter dem Ohr fort.
»Ihr spracht von einer Bedingung?«
»Verzeiht mir, Lord Rahl. Ich wollte, daß Ihr meine Angst versteht, damit Ihr meinen Zustand berücksichtigen könnt. Ich hatte solche Angst.« Sie schlang die Arme um ihren Körper, wobei das Kleid zwischen ihren Brüsten Falten warf.
Richard richtete den Blick auf das Tablett und rieb sich mit den Fingerspitzen über die Stirn. »Verstehe. Und die Bedingung?«
Sie nahm ihren Mut zusammen. »Ich werde Kelton übergeben, wenn Ihr mir Euren persönlichen Schutz gewährt.«
Richard sah auf. »Was?«
»Ihr habt diese Kreaturen draußen vor dem Palast getötet. Es heißt, niemand außer Euch kann sie töten. Ich habe eine entsetzliche Angst vor diesen Bestien. Wenn ich mich mit Euch verbünde, hetzt die Imperiale Ordnung sie womöglich auf mich. Wenn Ihr mir erlaubt, hierzubleiben, unter Eurem Schutz, bis die Gefahr vorüber ist, gehört Kelton Euch.«
Richard beugte sich vor. »Ihr wollt nichts weiter, als Euch in Sicherheit fühlen?«
Sie nickte und zuckte dabei leicht zusammen, so als fürchtete sie, er würde ihr den Kopf abschlagen für das, was sie als nächstes sagen würde. »Man muß mir ein Zimmer in der Nähe von Eurem geben, damit Ihr nahe genug seid, um mir zur Hilfe zu eilen, falls ich schreien sollte.«
»Und…«
Schließlich schöpfte sie den Mut, um ihm in die Augen zu blicken.
»Und weiter nichts. Das ist die Bedingung.«
Richard mußte lachen. Das beklemmende Gefühl in seiner Brust verflog. »Ihr wollt nur beschützt werden, so wie meine Wachen mich beschützen? Herzogin, das ist keine Bedingung, das ist bloß eine einfache Gefälligkeit — der verständliche und legitime Wunsch nach Schutz vor unseren gnadenlosen Feinden. Es sei Euch gewährt.« Er zeigte in Richtung der Gästezimmer. »Ich wohne in diesen Räumen, ein Stück den Gang hinunter. Sie stehen alle leer. Als Verbündete seid Ihr ein willkommener Gast und könnt Euch eines aussuchen. Ihr könnt eines gleich neben meinem haben, wenn Ihr Euch dort sicherer fühlt.«
Im Vergleich zu dem Strahlen, das jetzt auf ihrem Gesicht erschien, hatte sie vorher nicht einmal gelächelt. Sie faltete die Hände vor der Brust und stieß einen mächtigen Seufzer aus, als hätte man ihr eine riesengroße Last abgenommen. »Oh, ich danke Euch, Lord Rahl.«
Richard strich sich die Haare aus der Stirn. »Gleich morgen früh als erstes wird eine Delegation, begleitet von unseren Truppen, nach Kelton aufbrechen. Eure Streitkräfte müssen unserem Kommando unterstellt werden.«
»Unter … ja, natürlich. Morgen. Sie werden ein persönliches Schreiben von mir bei sich tragen, sowie die Namen all unserer Beamten, die in Kenntnis gesetzt werden sollen. Hiermit ist Kelton ein Teil D’Haras.« Sie neigte den Kopf, daß ihre dunklen Locken über ihre rosigen Wangen fielen.