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Mit aufdringlicher Beharrlichkeit streichelte Cathryn seine Schulter mit ihrer freien Hand. Die Hitze ihrer Haut ließ ihn bis in die Knochen erglühen. Er wußte nicht, ob seine Beine den Weg überstehen würden.

Als er den Flügel mit den Gästezimmern gefunden hatte, winkte er Ulic und Egan zu sich. »Teilt euch in Schichten auf. Ich will, daß zu jeder Zeit einer von euch Wache hält. Außerdem soll nichts und niemand heute nacht diesen Gang betreten.« Er sah zu den beiden Mord-Siths hinüber, die am anderen Ende warteten. »Das gilt auch für die beiden dort.« Sie stellten keine Fragen und versprachen zu gehorchen. Dann bezogen sie ihren Posten.

Richard führte Cathryn bis zur Mitte des Ganges. Sie liebkoste weiter seinen Arm. Ihre Brust drückte sich noch immer gegen ihn.

»Ich denke, dieses Zimmer wird genügen.«

Ihre Lippen teilten sich, ihre Brust wogte. Mit zarten Fingern packte sie sein Hemd. »Ja«, hauchte sie, »dieses Zimmer.«

Richard nahm seine ganze Kraft zusammen. »Ich nehme das gleich nebenan. Hier seid Ihr sicher.«

»Was?« Das Blut wich aus ihrem Gesicht. »Oh, bitte, Richard…«

»Schlaft gut, Cathryn.«

Ihr Griff um seinen Arm wurde fester. »Aber … aber Ihr müßt mit hineinkommen. Oh, bitte, Richard. Ich werde mich fürchten.«

Er drückte ihre Hand, als sie seinen Arm losließ. »Euer Zimmer ist sicher, Cathryn. Seid unbesorgt.«

»Drinnen könnte eine Gefahr lauern. Bitte, Richard, kommt Ihr mit hinein?«

Richard lächelte besänftigend. »Dort drinnen ist nichts. Ich würde es spüren, wenn irgendwo in der Nähe eine Gefahr lauerte. Ich bin ein Zauberer, ist das Euch schon entfallen? Hier seid Ihr vollkommen sicher, außerdem werde ich nur wenige Schritte entfernt sein. Nichts wird Eure Ruhe stören, das schwöre ich.«

Er öffnete die Tür, reichte ihr eine Lampe aus einer Halterung gleich neben der Tür, legte ihr seine Hand auf den Rücken und schob sie sachte hinein.

Sie drehte sich um und strich mit einem Finger über seine Brust. »Werde ich Euch morgen sehen?«

Er nahm ihre Hand von seiner Brust und küßte sie mit aller Höflichkeit, die aufzubieten er imstande war. »Verlaßt Euch drauf. Gleich morgen früh als erstes haben wir eine Menge zu erledigen.«

Er zog ihre Tür zu und ging zur nächsten. Die zwei Mord-Siths ließen ihn nicht aus den Augen. Er sah zu, wie sie mit dem Rücken an der Wand hinabglitten und sich auf den Boden setzten. Die beiden schlugen die Beine übereinander, als wollten sie damit ausdrücken, sie hätten die Absicht, die ganze Nacht dort zu bleiben, und umfaßten ihren Strafer mit beiden Händen.

Richard sah zur Tür von Cathryns Zimmer hinüber. Sein Blick verweilte dort einen Augenblick lang. Die Stimme in seinem Hinterkopf schrie verzweifelt. Er riß die Tür zu seinem Zimmer auf. Nachdem er sie hinter sich zugemacht hatte, lehnte er sich mit dem Gesicht daran und rang nach Atem. Er zwang sich, den Riegel vorzuschieben.

Auf der Bettkante sank er nieder, vergrub das Gesicht in den Händen. Was war nur los mit ihm? Sein Hemd war schweißdurchtränkt. Wieso brachte ihn diese Frau auf solche Gedanken? Aber es war so. Bei den Seelen, es war so. Er mußte daran denken, daß die Schwestern des Lichts glaubten, die Gelüste der Männer seien unkontrollierbar.

Wie benommen zog er mühevoll das Schwert der Wahrheit aus seiner Scheide, ließ das leise, klare Klirren in dem dunklen Zimmer erklingen. Richard setzte die Spitze auf den Boden, hielt das Heft mit beiden Händen an die Stirn und ließ sich vom Zorn durchfluten. Er spürte, wie dessen Wildheit durch seine Seele toste, und er hoffte nur, daß es ausreichen würde.

In einem dunklen Winkel seines Verstandes wußte Richard, daß er sich im Tanz mit dem Tod befand, und diesmal konnte ihn das Schwert nicht retten. Und er wußte, daß er keine Wahl hatte.

21

Schwester Philippa brachte ihre ohnehin bereits stattliche Größe so gut es ging zur Geltung, indem sie den Rücken durchdrückte. Dabei gelang es ihr, ihre lange, gerade Nase zu rümpfen, ohne daß es so aussah, als würde sie tatsächlich die Nase rümpfen. Doch genau das tat sie.

»Prälatin, bestimmt habt Ihr die Angelegenheit nicht mit genügend Sorgfalt betrachtet. Wenn Ihr vielleicht noch ein wenig länger darüber nachdenkt, werdet Ihr erkennen, daß die Ergebnisse aus dreitausend Jahren diese dringende Notwendigkeit bestätigen.«

Den Ellbogen auf den Tisch gestützt, das Kinn in die Fläche ihrer geöffneten Hand gelegt, überflog Verna einen Bericht und bewirkte dadurch, daß man sie unmöglich ansehen konnte, ohne ihren Amtsring mit dem Symbol der aufgehenden Sonne zu bemerken. Sie hob kurz den Kopf, um sich zu vergewissern, ob Schwester Philippa sie auch tatsächlich anschaute.

»Vielen Dank, Schwester, für deinen Rat, aber ich habe die Angelegenheit bereits ausgiebig überdacht. Es ist nicht erforderlich, noch tiefer in einem ausgetrockneten Brunnen zu graben. Man wird davon nur durstiger — dadurch kommt vielleicht Hoffnung auf, aber man findet kein Wasser.«

Schwester Philippas dunkle Augen und exotische Gesichtszüge verrieten nur selten eine Regung, trotzdem bemerkte Verna ein Anspannen der Muskeln an ihrem schmalen Kiefer.

»Aber Prälatin … wir werden nicht in der Lage sein festzustellen, ob ein junger Mann die erforderlichen Fortschritte macht oder ob er genug gelernt hat, um von seinem Rada’Han befreit zu werden. Es ist die einzige Möglichkeit.«

Verna verzog das Gesicht über den Bericht, den sie gerade las. Sie legte ihn zur späteren Bearbeitung zur Seite und widmete sich nun voll und ganz ihrer Beraterin. »Wie alt bist du, Schwester?«

Schwester Philippas finstere Miene blieb unbeirrt. »Vierhundertneunundsiebzig Jahre, Prälatin.«

Verna mußte gestehen, daß sie ein wenig Neid verspürte. Die Frau sah kaum älter aus als sie, und doch war sie in Wirklichkeit gut dreihundert Jahre älter. Die über zwanzigjährige Abwesenheit aus dem Palast hatte Verna Zeit gekostet, die sie niemals würde aufholen können. Sie würde niemals über die Lebenszeit verfügen, um das gleiche zu lernen wie diese Frau.

»Wie viele Jahre davon im Palast der Propheten?«

»Vierhundertundsiebzig, Prälatin.« Daß sie diesmal Vernas Titel ein wenig anders betonte, war nicht leicht herauszuhören, es sei denn, man achtete darauf. Verna hatte darauf geachtet.

»So. Du behauptest also, der Schöpfer habe dir eine Zeitspanne von vierhundertsiebzig Jahren gewährt, um sein Werk kennenzulernen, um mit jungen Männern zu arbeiten und ihnen beizubringen, wie man seine Gabe beherrscht und Zauberer wird, und während all dieser Zeit sei es dir angeblich nicht gelungen, zu einer Entscheidung über das Wesen deiner Schüler zu gelangen?«

»Nun ja, Prälatin, das war nicht genau das, was —«

»Willst du mir etwa weismachen, Schwester, ein ganzer Palast voller Schwestern des Lichts sei nicht gescheit genug, um zu entscheiden, ob ein junger Mann, der seit über zweihundert Jahren unserer Obhut und Vormundschaft unterliegt, zur Beförderung bereit ist — ohne daß man ihn einer brutalen Schmerzensprüfung unterzieht? Hast du so wenig Vertrauen in die Schwestern? Oder in die Weisheit des Schöpfers, der uns auserwählt hat, um sein Werk zu tun? Willst du mir vielleicht erzählen, der Schöpfer habe uns, uns allen zusammen, Tausende von Jahren der Erfahrung geschenkt, und wir seien immer noch zu unwissend, um sein Werk zu tun?«

»Ich denke, Prälatin, vielleicht seid Ihr —«

»Die Erlaubnis wird verweigert. Jemandem solche Schmerzen zuzufügen, ist ein abscheulicher Mißbrauch des Rada’Han. Der Verstand eines Menschen kann daran zerbrechen. Es ist sogar schon vorgekommen, daß junge Männer bei diesen Prüfungen gestorben sind.

Geh und erkläre diesen Schwestern, ich würde von ihnen erwarten, daß sie sich ein Verfahren überlegen, wie diese Aufgabe ohne Blutvergießen, Erbrechen und Geschrei zu bewerkstelligen ist. Du könntest sogar etwas Revolutionäres vorschlagen, wie … ach, was weiß ich … wie vielleicht mit den jungen Männern zu reden? Es sei denn, die Schwestern befürchten, sie könnten überlistet werden. In diesem Fall will ich, daß sie mir dies eingestehen und einen Bericht darüber schreiben, für die Akten.«