Schwester Philippa stand einen Augenblick lang schweigend da. Vermutlich überlegte sie, welchen Sinn es hatte, noch länger zu widersprechen. Widerstrebend verbeugte sie sich schließlich. »Ein sehr weiser Entschluß, Prälatin. Vielen Dank, daß Ihr mich erleuchtet habt.«
Sie machte kehrt und wollte gehen, doch Verna rief sie zurück. »Ich weiß, wie du dich fühlst, Schwester. Mich hat man das gleiche gelehrt wie dich. Ich habe das gleiche geglaubt. Ein junger Mann von gerade mal gut zwanzig Jahren hat mir gezeigt, wie sehr ich mich geirrt habe. Manchmal beschließt der Schöpfer, uns Sein Wissen auf eine Weise zu vermitteln, auf die wir nicht vorbereitet sind. Er erwartet aber, daß wir bereit sind, Seine Weisheit zu empfangen, wenn er sie uns darbietet.«
»Sprecht Ihr von dem jungen Richard?«
Verna ließ den Daumennagel über die unordentlichen Kanten der Stapel mit Berichten gleiten, die ihrer Erledigung harrten. »Ja.« Sie gab ihren offiziellen Tonfall auf. »Philippa, ich habe gelernt, daß diese jungen Männer, diese Zauberer, in eine Welt hinausgeschickt werden, in der sie auf die Probe gestellt werden. Der Schöpfer will, daß wir entscheiden, ob wir ihnen genug beigebracht haben, damit sie den Schmerz dessen, was sie zu sehen und zu spüren bekommen, schadlos überstehen.« Sie klopfte sich auf die Brust. »Hier drinnen. Wir müssen entscheiden, ob sie in der Lage sind, die schmerzhaften Entscheidungen zu fällen, die die Erleuchtung des Schöpfers manchmal verlangt. Das ist die Bedeutung der Schmerzensprüfung. Ihre Fähigkeit, Qualen auszuhalten, verrät uns nichts über ihr Herz, ihren Mut oder ihr Mitgefühl.
Du selbst, Philippa, hast eine Schmerzensprüfung bestanden. Du wolltest darum kämpfen, Prälatin zu werden. Hunderte von Jahren hast du auf das Ziel hingearbeitet, wenigstens ernsthaft an dem Wettstreit teilzunehmen. Die Ereignisse haben dich um diese Chance gebracht, und dennoch hast du mir gegenüber nie ein böses Wort verloren, obwohl dich dieser Schmerz jedesmal überkommen muß, wenn du mich siehst. Statt dessen hast du in der Vergangenheit dein Bestes gegeben, um mich in diesem Amt zu beraten, und hast stets im Interesse des Palastes gehandelt — trotz dieses Schmerzes.
Wäre mir besser damit gedient gewesen, wenn ich darauf bestanden hätte, dich durch Folter darauf zu prüfen, ob du meine Beraterin werden kannst? Hätte das irgendwas bewiesen?«
Schwester Philippas Wangen hatten sich gerötet. »Ich will nicht lügen und so tun, als sei ich mit Euch einer Meinung, aber zumindest sehe ich jetzt, daß ihr tatsächlich Erde aus dem Brunnen geschaufelt und ihn nicht einfach als trocken aufgegeben habt, nur weil Ihr nicht schwitzen wolltet. Ich werde Eure Anweisung augenblicklich ausführen, Verna.«
Verna lächelte. »Danke, Philippa.«
Auf Philippas Gesicht zeigte sich ein leiser Anflug eines Lächelns. »Durch Richard hat sich bei uns einiges verändert. Ich dachte, er wollte uns alle umbringen, und dann stellt sich heraus, daß er ein größerer Freund des Palastes ist als alle anderen Zauberer in den letzten dreitausend Jahren.«
Verna lachte schallend. »Wenn du wüßtest, wie oft ich um die Kraft beten mußte, ihn nicht zu erwürgen.«
Als Philippa ging, konnte Verna durch die Tür zum Vorzimmer erkennen, daß Millie auf die Erlaubnis wartete, eintreten und saubermachen zu dürfen. Verna räkelte sich gähnend, nahm den Bericht, den sie zur Seite gelegt hatte, und ging zur Tür. Sie winkte Millie in ihr Büro und richtete ihr Augenmerk auf die beiden Verwalterinnen, die Schwestern Dulcinia und Phoebe.
Bevor Verna ein Wort herausbringen konnte, erhob Schwester Dulcinia sich mit einem Stapel von Berichten. »Wenn Ihr soweit seid, Prälatin, wir haben das hier für Euch vorbereitet.«
Verna nahm den Stapel entgegen, der ungefähr soviel wog wie ein kleines Kind und legte ihn sich halb auf die Hüfte. »Ja, gut, danke. Es ist spät. Warum macht ihr zwei nicht Schluß?«
Schwester Phoebe schüttelte den Kopf. »Mich stört das nicht, Prälatin. Die Arbeit bereitet mir Spaß, und —«
»Und morgen ist wieder ein langer, arbeitsreicher Tag. Ich werde nicht zulassen, daß du bei der Arbeit einnickst, weil du nicht genügend Schlaf bekommst. Und nun geht schon, alle beide.«
Phoebe raffte ein Bündel Papiere zusammen, wahrscheinlich, um sie in ihr Zimmer mitzunehmen und weiter daran zu arbeiten. Phoebe schien zu glauben, daß sie sich in einer Art Papierwettrennen befanden. Wann immer sie vermutete, es könnte auch nur eine entfernte Chance bestehen, daß Verna tatsächlich aufholte, fing sie wie besessen an zu arbeiten und produzierte — fast wie durch Magie — immer mehr von diesem Zeug. Dulcinia schnappte sich ihren Teebecher vom Schreibtisch und ließ die Papiere liegen. Sie arbeitete in einem gemessenen Tempo, ging nie soweit, sich anzustrengen, um Verna vorauszubleiben, trotzdem gelang es ihr fast nach Belieben, stapelweise sortierte und mit Anmerkungen versehene Berichte abzuliefern.
Keine der beiden mußte befürchten, daß Verna sie einholte — mit jedem Tag geriet sie weiter ins Hintertreffen.
Die beiden Schwestern verabschiedeten sich und gaben ihrer Hoffnung Ausdruck, der Schöpfer möge der Prälatin einen erholsamen Schlaf gewähren.
Verna wartete, bis sie die Tür erreicht hatten. »Ach, Schwester Dulcinia, da wäre eine kleine Angelegenheit, um die du dich bitte morgen kümmern möchtest.«
»Natürlich, Prälatin. Um was geht es?« Verna legte den Bericht, den sie mitgebracht hatte, auf Dulcinias Schreibtisch, wo sie ihn gleich als erstes sehen würde, wenn sie sich am Morgen hinsetzte. »Um die Bitte um Unterstützung von einer jungen Frau und ihrer Familie. Einer unserer Zauberer wird Vater.«
Phoebe quiekte. »Oh, das ist ja wunderbar! Beten wir, daß es mit dem Segen des Schöpfers ein Junge wird und er die Gabe hat. In der Stadt ist niemand mehr mit der Gabe geboren worden seit … nun, ich kann mich nicht einmal an das letzte Mal erinnern. Vielleicht wird dieses Mal…«
Vernas finstere Miene brachte sie endlich zum Schweigen. Verna wandte ihre Aufmerksamkeit Schwester Dulcinia zu. »Ich möchte mir diese junge Frau ansehen und auch den jungen Mann, der für ihren Zustand verantwortlich ist. Morgen wirst du einen Termin vereinbaren. Vielleicht sollten die Eltern auch dabeisein, schließlich bitten sie um Unterstützung.«
Schwester Dulcinia beugte sich ein wenig vor, einen leeren Ausdruck im Gesicht. »Gibt es ein Problem damit, Prälatin?«
Verna schob den Stapel Berichte auf ihrer Hüfte zurecht. »Das will ich meinen. Einer unserer jungen Männer hat eine Frau geschwängert.«
Schwester Dulcinia stellte ihren Tee auf der Schreibtischecke ab und kam einen Schritt näher. »Aber Prälatin, aus eben diesem Grund erlauben wir unseren Schützlingen doch, in die Stadt zu gehen. Dadurch können sie nicht nur ihre zügellosen Anwandlungen ausleben, damit sie sich ihren Studien widmen können, gelegentlich bringt uns das auch ein Kind mit der Gabe ein.«
»Ich werde nicht zulassen, daß der Palast sich in die Schöpfung und in das Leben unschuldiger Menschen einmischt.«
Schwester Dulcinia musterte Verna in ihrem schlichten, dunkelblauen Kleid von oben bis unten. »Prälatin, Männer haben solche unkontrollierbaren Gelüste.«
»Die habe ich auch, aber mit des Schöpfers Hilfe ist es mir bislang gelungen, niemanden zu erwürgen.«
Ein stechender Blick von Schwester Dulcinia machte Phoebes Lachen ein Ende. »Männer sind anders, Prälatin. Sie können sich nicht beherrschen. Wenn wir ihnen diese kleine Ablenkung zugestehen, stärkt das ihre Konzentration beim Unterricht. Die Entschädigung kann der Palast sich durchaus leisten. Es ist ein geringer Preis, wenn man bedenkt, daß uns dies gelegentlich zudem einen jungen Zauberer einbringt.«
»Die Aufgabe des Palastes ist es, unseren jungen Männern beizubringen, ihre Gabe auf verantwortungsbewußte Weise einzusetzen, mit Zurückhaltung, und sich dabei vollauf der Konsequenzen bewußt zu sein, die mit der Ausübung ihrer Fähigkeit einhergehen. Wenn wir sie ermuntern, sich in anderen Bereichen des Lebens auf genau entgegengesetzte Weise zu verhalten, untergräbt das die Ziele unserer Ausbildung.