Und was das Ergebnis anbetrifft, daß manchmal aus diesen wahllosen Paarungen jemand mit der Gabe hervorgeht, so gibt es keinen Hinweis darauf, ob dieses Verhalten dem zuträglich ist. Wer will behaupten, daß ein verantwortungsvolleres und beherrschteres Handeln sowie sinnvolle Paarungen nicht sogar mehr als diesen trostlosen Prozentsatz an Nachkommen mit der Gabe hervorbringen würde? Soweit wir wissen, kann diese lüsterne Unbedachtheit ihrer Fähigkeit, die Gabe weiterzugeben, möglicherweise sogar abträglich sein.«
»Oder sie entwickelt sich dadurch erst zur größtmöglichen Wahrscheinlichkeit, so gering diese auch ist.«
Verna zuckte die Achseln. »Vielleicht. Ich weiß jedoch, daß die Fischer draußen auf dem Fluß nicht ihr ganzes Leben lang an genau derselben Stelle ihre Netze auswerfen, nur weil sie dort einmal einen Fisch gefangen haben. Uns gehen nur wenige Fische ins Netz, also wird es für uns Zeit, weiterzuziehen.«
Schwester Dulcinia hakte ihre Hände ineinander und bemühte sich, die Fassung zu bewahren. »Prälatin, der Schöpfer hat die Menschen mit ihrer Natur gesegnet, so wie sie ist, und wir haben keine Möglichkeit, sie zu verändern. Männer und Frauen werden auch weiterhin tun, was ihnen Vergnügen bereitet.«
»Natürlich werden sie das, aber solange wir die Kosten der Folgen tragen, ermutigen wir sie auch noch dazu. Wenn alles ohne Folgen bleibt, geht die Selbstbeherrschung verloren. Wie viele Kinder sind ohne einen Vater aufgewachsen, weil wir den Schwangeren Gold gegeben haben? Ersetzt dieses Gold die Erziehung? Wie viele Leben haben wir mit unserem Gold zum Nachteil hin beeinflußt?«
Dulcinia breitete verzweifelt die Hände aus. »Unser Gold hilft ihnen.«
»Unser Gold ermutigt die Frauen in der Stadt zu leichtfertigem Handeln und dazu, mit unseren jungen Burschen ins Bett zu gehen, denn das trägt ihnen ohne jede Mühe lebenslangen Unterhalt ein.« Verna deutete mit ihrer freien Hand auf die Stadt. »Wir entwürdigen die Menschen mit unserem Gold. Wir haben sie zu wenig mehr als Zuchtvieh degradiert.«
»Aber wir benutzen diese Methode seit Tausenden von Jahren, um die Zahl derer mit der Gabe zu vergrößern. Es wird fast niemand mehr geboren, der die Gabe hat.«
»Dessen bin ich mir bewußt, aber unser Geschäft ist die Ausbildung von Menschen, nicht ihre Zucht. Unser Gold erniedrigt sie zu Geschöpfen, die aus Goldgier handeln, statt sie zu Menschen zu machen, die ein Kind aus Liebe zeugen.«
Schwester Dulcinia verschlug es die Sprache, doch nur kurz. »Wie können wir so herzlos erscheinen, jemandem die Hilfe von ein wenig unseres Goldes zu verweigern? Menschenleben sind wichtiger als Gold.«
»Ich habe die Berichte gesehen. Es handelt sich wohl kaum um ›ein wenig‹ Gold. Aber darum geht es gar nicht. Es geht vielmehr darum, daß wir die Kinder unseres Schöpfers heranzüchten wie Vieh, was eine Herabwürdigung aller Werte bewirkt.«
»Aber wir bringen unseren jungen Burschen doch Werte bei! Die Menschen, als Krönung der Schöpfung, sprechen auf die Lehre der Werte an, denn sie haben das nötige Urteilsvermögen, ihre Bedeutung zu erkennen.«
Verna seufzte. »Schwester, angenommen, wir predigten Aufrichtigkeit und verteilten gleichzeitig einen Penny für jede Lüge, die man uns erzählt. Was glaubst du, wäre das Ergebnis?«
Schwester Phoebe hielt sich die Hand vor den Mund, als sie loslachte. »Ich wußte nicht, daß Ihr so herzlos seid, Prälatin, die neugeborenen Kinder des Schöpfers hungern zu lassen.«
»Der Schöpfer hat ihren Müttern Brüste gegeben, damit sie ihre Kinder säugen können, nicht damit sie dem Palast Gold entlocken.«
Schwester Dulcinias Gesicht wurde karminrot. »Aber Männer haben nun einmal unkontrollierbare Gelüste!«
Verna senkte aufgebracht die Stimme. »Die Gelüste eines Mannes sind nur dann wirklich unkontrollierbar, wenn eine Magierin einen Betörungsbann ausspricht. Keine Schwester hat je auch nur über eine einzige Frau der Stadt einen Betörungsbann ausgesprochen. Muß ich dich daran erinnern, daß eine Schwester, wenn sie dies tut, sich glücklich schätzen könnte, wenn sie aus dem Palast gewiesen oder gar gehenkt würde? Wie du sehr wohl weißt, ist der Betörungsbann die moralische Entsprechung einer Vergewaltigung.«
Dulcinia erblaßte. »Ich sage nicht, daß —«
Verna blickte nachdenklich an die Decke. »Ich erinnere mich, daß die letzte Schwester, die einen Betörungsbann ausgesprochen hat vor … wieviel? Vor fünfzig Jahren erwischt wurde.«
Schwester Dulcinias Blick schien einen Ausweg zu suchen, fand aber keinen. »Das war eine Novizin, Prälatin, keine Schwester.«
Verna funkelte Dulcinia noch immer an. »Du warst im Tribunal, wie ich mich ebenfalls erinnere.« Dulcinia nickte. »Und du hast dafür gestimmt, sie aufzuhängen. Ein armes junges Ding, das erst ein paar Jahre hier war, und du hast dafür gestimmt, sie aufzuhängen.«
»So lautete das Gesetz«, erwiderte sie, ohne aufzusehen.
»So lautete die Höchststrafe.«
»Andere haben ebenso gestimmt wie ich.«
Verna nickte. »Ja, das haben sie. Es war ein Unentschieden, sechs gegen sechs. Prälatin Annalina hat dieses Patt überwunden, indem sie dafür stimmte, die junge Frau zu verbannen.«
Schwester Dulcinia hob endlich den Blick. »Ich bleibe dabei, sie hatte unrecht. Valdora schwor unsterbliche Rache. Sie schwor, den Palast der Propheten zu zerstören. Sie spie der Prälatin ins Gesicht und versprach, sie eines Tages umzubringen.«
Verna legte die Stirn in Falten. »Ich habe mich immer gefragt, Dulcinia, weshalb man dich ins Tribunal berufen hat.«
Schwester Dulcinia schluckte. »Weil ich ihre Ausbilderin war.«
»Tatsächlich. Ihre Lehrerin.« Verna schnalzte mit der Zunge. »Von wem hat diese junge Frau wohl den Betörungsbann gelernt?«
Die Farbe schoß zurück in Dulcinias Gesicht. »Das konnte niemals mit Sicherheit festgestellt werden. Wahrscheinlich von ihrer Mutter. Mütter bringen jungen Magierinnen oft solche Dinge bei.«
»Ja, das habe ich auch schon gehört, aber damit kenne ich mich nicht aus. Meine Mutter hatte nicht die Gabe, sie war eine Aussetzerin. Deine Mutter hatte die Gabe, wenn ich mich recht erinnere…«
»Ja, das stimmt.« Schwester Dulcinia küßte ihren Ringfinger und sprach dabei leise ein Gebet an den Schöpfer, ein sehr persönlicher Akt der Hingabe, wie er häufig durchgeführt wurde, aber selten nur in Gegenwart von anderen. »Es wird spät, Prälatin. Wir möchten Euch nicht länger aufhalten.«
Verna lächelte. »Ja. Also dann gute Nacht.«
Schwester Dulcinia verneigte sich förmlich. »Wie Ihr befehlt, Prälatin, werde ich mich morgen um die Angelegenheit mit der schwangeren Frau und dem jungen Zauberer kümmern, nachdem ich das mit Schwester Leoma geklärt habe.«
Verna zog eine Braue hoch. »Ach? Schwester Leoma steht im Rang jetzt über der Prälatin, ja?«
»Äh, nein, Prälatin«, stammelte Schwester Dulcinia. »Es ist nur so, Schwester Leoma möchte, daß ich … ich dachte nur, Ihr wolltet, daß ich Eure Beraterin von Eurer Entscheidung unterrichte … damit es sie nicht … unvorbereitet trifft.«
»Schwester Leoma ist meine Beraterin, Schwester, und ich unterrichte sie von meinen Entscheidungen, wenn ich es für notwendig halte.«
Phoebes rundliches Gesicht neigte sich mal zur einen, mal zur anderen Frau, während sie schweigend den Wortwechsel verfolgte.
»Wie Ihr wünscht, Prälatin, so wird es geschehen«, sagte Schwester Dulcinia. »Bitte verzeiht mir den … Übereifer, meiner Prälatin helfen zu wollen.«
Verna zuckte die Achseln, so gut dies unter der Last der Berichte möglich war. »Natürlich, Schwester. Gute Nacht.«
Heilfroh verabschiedeten sich die beiden ohne weitere Widerworte. Vor sich hin murmelnd, schleppte Verna den Stapel Berichte in ihr Büro und ließ ihn auf ihren Schreibtisch fallen, neben die anderen, mit denen sie sich noch befassen mußte. Sie betrachtete Millie, die ein Stück entfernt in einer Ecke mit einem Putzlappen einen Flecken bearbeitete, den nie jemand bemerken würde, und bliebe er die nächsten hundert Jahre dort.