Выбрать главу

Richard hatte unvorstellbare Kräfte benutzt, nicht nur Additive Magie, sondern auch Subtraktive, um die Türme zu zerstören, das Tal zu befreien und es den Baka Ban Mana zurückzugeben. Anschließend hatte er sich auf seine verzweifelte Mission begeben, den Hüter der Toten daran zu hindern, durch das Tor zur Unterwelt in die Welt der Lebenden zu entkommen. Die Wintersonnenwende war gekommen und gegangen, daher wußte sie, daß er dabei erfolgreich gewesen war.

Plötzlich drehte sich Verna zu Millie um. »Das ist fast einen Monat her. Lange bevor sie starb.«

Millie nickte. »Ja, ich glaube, das könnte in etwa stimmen.«

»Willst du damit sagen, daß sie dir den Ring fast drei Wochen vor ihrem Tod gegeben hat?« Millie nickte. »Warum so lange vorher?«

»Sie sagte, sie wolle ihn bei mir wissen, bevor es ihr noch schlechter ginge und sie nicht mehr in der Verfassung wäre, sich von mir zu verabschieden oder mir die richtigen Anweisungen zu geben.«

»Verstehe. Und als du danach noch einmal zurückkamst, vor ihrem Tod, ging es ihr da noch schlechter, so wie sie es vermutet hatte?«

Millie zuckte die Achseln und seufzte. »Das war das einzige Mal, daß ich sie gesehen habe. Als ich wiederkam, um sie zu besuchen und sauberzumachen, meinten die Wachen, Nathan und die Prälatin hätten strikten Befehl erlassen, daß niemand hineingelassen werden dürfe. Nathan sollte wohl nicht gestört werden, während er sein Bestes gab, um sie zu heilen. Also hab’ ich mich, so leise wie ich konnte, auf Zehenspitzen davongeschlichen.«

Verna seufzte. »Nun, danke für deine Auskunft, Millie.« Verna warf einen Blick auf ihren Schreibtisch und die wartenden Stapel mit Berichten. »Ich sollte wohl auch am besten wieder an die Arbeit gehen, sonst denken alle noch, ich sei faul.«

»Ach, das ist aber schade, Prälatin. So eine wundervolle, warme Nacht. Ihr solltet den Garten ein wenig genießen.«

Verna knurrte. »Ich habe soviel Arbeit zu erledigen, daß ich nicht einmal meine Nase hinausgesteckt habe, um mir den Garten der Prälatin anzusehen.«

Millie war schon auf dem Weg zu ihrem Eimer, als sie sich plötzlich noch einmal umdrehte. »Prälatin! Mir ist gerade noch etwas eingefallen, was Ann zu mir gesagt hat.«

Verna zog sich die Schultern ihres Kleides zurecht. »Sie hat dir noch etwas erzählt? Etwas, das du den anderen erzählt hast, aber vergessen hast, mir zu sagen?«

»Nein, Prälatin«, flüsterte Millie und eilte herbei. »Nein, sie erzählte es mir und meinte, ich solle es niemandem weitererzählen, außer der neuen Prälatin. Aus irgendeinem Grund ist es mir bis zu diesem Augenblick völlig entfallen.«

»Vielleicht hat sie die Nachricht zusammen mit allem übrigen mit einem Bann belegt, damit du dich bei allen anderen außer der neuen Prälatin nicht daran erinnerst.«

»Das könnte sein«, sagte Millie und rieb sich die Lippe. Sie sah Verna in die Augen. »Ann hat solche Sachen häufiger gemacht. Manchmal konnte sie ganz schön heimlichtuerisch sein.«

Verna lächelte freudlos. »Ja, ich weiß, ich habe auch gelegentlich unter ihren Machenschaften leiden müssen. Wie lautet die Nachricht?«

»Sie meinte, ich soll Euch sagen, daß Ihr darauf achten sollt, nicht zuviel zu arbeiten.«

Verna stemmte eine Hand in ihre Hüfte. »Das ist die Nachricht?«

Millie nickte, beugte sich vor und senkte die Stimme. »Außerdem meinte sie, daß Ihr Euch gelegentlich im Garten entspannen sollt. Aber als sie das sagte, zog sie mich am Arm zu sich, sah mir direkt in die Augen und meinte, ich solle Euch auch sagen, daß Ihr auf jeden Fall das Heiligtum der Prälatin aufsuchen sollt.«

»Heiligtum? Welches Heiligtum?«

Millie drehte sich um und zeigte durch die offene Tür. »Draußen im Garten gibt es zwischen den Bäumen und Büschen ein kleines Häuschen. Sie nannte es ihr Heiligtum. Ich war niemals drin. Sie hat mir nie erlaubt, dort sauberzumachen. Sie mache es selbst sauber, sagte sie, weil ein Heiligtum ein unantastbarer Raum sei, wo jemand alleine sein könne und in den niemand sonst einen Fuß setzen dürfe. Sie ging dort manchmal hin, ich glaube, um zu beten und um Unterweisung durch den Schöpfer zu erbitten, vielleicht aber auch nur, um alleine zu sein. Sie meinte, ich soll Euch unbedingt sagen, daß Ihr es aufsuchen sollt.«

Verna seufzte verzweifelt. »Klingt, als wollte sie mir auf diesem Weg mitteilen, daß ich die Unterstützung des Schöpfers brauche, um mich durch all die Schreibarbeiten zu quälen. Sie hatte manchmal einen eigenartigen Sinn für Humor.«

Millie lachte still in sich hinein. »Ja, Prälatin, den hatte sie allerdings. Einen eigenartigen Sinn für Humor.« Millie legte ihre Hände auf ihre errötenden Wangen. »Möge der Schöpfer mir vergeben. Sie war eine gütige Frau. Ihr Humor war niemals verletzend gemeint.«

»Nein, das wohl nicht.«

Verna rieb sich die Schläfen und wollte zum Schreibtisch. Sie war müde, und die Vorstellung, noch mehr geisttötende Berichte zu lesen, machte ihr angst. Sie blieb stehen und drehte sich noch einmal zu Millie um. Die Tür zum Garten stand weit offen und ließ die frische Nachtluft herein.

»Millie, es ist spät, warum gehst du nicht etwas zu Abend essen und ruhst dich ein wenig aus. Ruhe tut den müden Knochen gut.«

Millie feixte. »Wirklich, Prälatin? Es macht Euch nichts aus, daß Euer Büro im Schmutz versinkt?«

Verna lachte leise. »Millie, ich habe so viele Jahre unter freiem Himmel gelebt, daß mir der Schmutz ans Herz gewachsen ist. Das ist in Ordnung, wirklich. Ruh dich ein wenig aus.«

Verna stand in der Tür zu ihrem Garten und schaute hinaus in die Nacht, auf die mit Mondlichttupfern übersäte Erde unter den Bäumen und den Reben, während Millie ihre Lappen und den Eimer zusammensuchte. »Dann gute Nacht, Prälatin. Viel Vergnügen bei Eurem Besuch im Garten.«

Sie hörte, wie die Tür geschlossen und es still im Zimmer wurde. Sie spürte die milde feuchte Brise und sog den wohlriechenden Duft der Blätter, Blumen und der Erde ein.

Verna warf einen letzten Blick zurück in ihr Büro, dann trat sie hinaus in die wartende Nacht.

22

Verna sog die feuchte, belebende Nachtluft tief in sich ein, wie ein Lebenselixier. Sie spürte, wie ihre Muskeln sich entspannten, als sie den gewundenen schmalen Pfad zwischen Beeten voller Lilien, blühendem Hartriegel und üppigen Heidelbeersträuchern hinunterschlenderte und darauf wartete, daß sich ihre Augen an das Mondlicht gewöhnten. Ausladende Bäume reichten bis über das dichte Gestrüpp, schienen ihr die Äste zum Berühren entgegenzustrecken oder den süßen Duft ihrer Blätter und Blüten zum Inhalieren anzubieten.

Obwohl es für die meisten Bäume viel zu früh war, um zu blühen, gab es im Garten der Prälatin doch ein paar seltene Immerblüher — gedrungene, knorrige, weit gefächerte Bäume, die das ganze Jahr über in Blüte standen, auch wenn sie nur in der Erntezeit Früchte trugen. In der Neuen Welt war sie auf einen kleinen Wald aus Immerblühern gestoßen und hatte herausgefunden, daß sie der Lieblingsplatz der Irrlichter waren — zarter Geschöpfe, die nicht mehr zu sein schienen als ein Funken Licht und die nur nachts zu sehen waren.

Als die Irrlichter von ihren guten Absichten überzeugt waren, hatten sie und die beiden Schwestern, die sie zu jener Zeit begleiteten, mehrere Nächte bei ihnen verbracht und sich mit ihnen über einfache Dinge unterhalten. Dabei hatte sie von der Gutartigkeit der Zauberer und Konfessoren erfahren, die das Bündnis der Midlands regierten. Verna hatte zu ihrer Freude gehört, daß die Völker der Midlands Orte der Magie beschützten und die Geschöpfe, die dort wohnten, in ungestörter Abgeschiedenheit leben ließen.

Zwar gab es auch in der Alten Welt Orte, an denen magische Geschöpfe wohnten, doch die waren nicht annähernd so zahlreich oder mannigfaltig wie diese wundersamen Orte in der Neuen Welt. Von einigen dieser Geschöpfe hatte Verna viel über Toleranz gelernt — daß der Schöpfer die Welt mit vielen zarten Wunderdingen übersät habe und es manchmal die höchste Pflicht des Menschen sei, sie einfach in Frieden zu lassen.