In der Alten Welt war diese Ansicht nicht sehr weit verbreitet, und es gab viele Orte, an denen die Magie kontrolliert wurde, damit die Menschen nicht durch Dinge, die dem Verstand nicht zugänglich waren, Verletzungen erlitten oder gar den Tod fanden. Magie hatte oft etwas ›Lästiges‹ an sich. In vielerlei Hinsicht war die Neue Welt immer noch ein wilder Ort, so wie die Alte Welt vor Tausenden von Jahren, bevor der Mensch sie mit seinem Ordnungssinn in einen sicheren, wenn auch ein wenig sterilen Ort verwandelt hatte.
Verna vermißte die Neue Welt. Nirgendwo hatte sie sich je so zu Hause gefühlt wie dort.
Enten, die Köpfe unter ihre Flügel gesteckt, tanzten am Rand des Teiches neben dem Pfad auf dem Wasser auf und ab, während nicht zu sehende Frösche aus dem Schilf heraus quakten. Gelegentlich sah Verna eine Fledermaus auf die Wasseroberfläche herabstürzen, um einen Käfer aus der Luft zu schnappen. Schatten und Mondlicht spielten über das grasbewachsene Ufer, während der sanfte Wind liebkosend durch die Bäume strich.
Gleich hinter dem Teich bog ein schmaler Seitenweg zu einer Baumgruppe inmitten eines dichten Gebüsches ab, in das kaum ein Strahl des Mondlichts fiel. Irgendwie beschlich Verna das Gefühl, dies sei der Ort, den sie suchte. Sie verließ den Hauptweg und schlenderte auf die wartenden Schatten zu. In diesem Bereich schien noch die Wildheit der Natur zu herrschen, im Gegensatz zu der Kultiviertheit großer Teile des übrigen Gartens.
Hinter einer Wand aus Stechhand entdeckte sie ein zauberhaftes, kleines verputztes Häuschen mit vier Giebeln, deren schindelgedeckte Dachschräge sich in sanftem Schwung zu Traufen senkten, die nicht höher waren als ihr Kopf. Vor jedem Giebel stand ein hoch aufragender Ginkgobaum, deren Kronen sich hoch oben verflochten, Zaunrosen schmiegten sich dicht bei den Wänden an den Boden und erfüllten die gemütliche Einfriedung mit wohlriechendem Duft. In jede Giebelspitze war ein rundes Fenster eingelassen, zu hoch, um hindurchzuschauen.
An der Giebelwand, vor der der Pfad endete, entdeckte Verna eine grob gezimmerte, oben runde Tür, in deren Mitte das Sonnenaufgangssymbol eingeschnitzt worden war. Es gab einen Knauf, aber kein Schloß. Ein Ruck daran bewirkte keinerlei Bewegung, nicht mal ein Wackeln. Die Tür war abgeschirmt.
Verna strich mit den Fingern am Rand entlang und versuchte die Art des Schildes oder seinen Schlüssel zu ertasten. Sie spürte nichts als eine Eiseskälte, die sie bei der Berührung zurückschaudern ließ.
Sie öffnete sich ihrem Han, ließ sich von dem süßen Licht und seinem wohligen, vertrauten Trost durchfluten. Ihr stockte fast der Atem angesichts der Herrlichkeit, dem Schöpfer um dieses kleine Stückchen näher zu sein. Plötzlich roch die Luft nach tausend Düften, auf der Haut fühlte sie sich nach Feuchtigkeit an, nach Staub, nach Pollen und dem Salz des Ozeans, in Vernas Ohren tönten die Laute einer Welt voller Insekten, kleiner Tiere und Wortfetzen, die die Luft meilenweit in ihren ätherischen Fingern trug. Sorgfältig lauschte sie auf Geräusche, die ihr vielleicht verrieten, ob jemand in der Nähe war, zumindest jemand, der nur Additive Magie besaß. Sie hörte nichts.
Verna richtete ihr Han auf die Tür. Ihre Untersuchung ergab, daß das gesamte Häuschen von einem Netz umgeben war, allerdings von einem, wie sie es nie zuvor ertastet hatte: Es enthielt Elemente aus Eis, die mit Geist durchwoben waren. Sie wußte nicht einmal, daß Eis mit Geist durchwoben werden konnte. Die beiden bekämpften sich wie zwei Katzen in einem Sack, doch siehe an: Hier schnurrten die beiden zufrieden, als gehörten sie zusammen. Sie hatte absolut keine Ahnung, wie ein solcher Schild durchbrochen, geschweige denn aufgehoben werden konnte.
Immer noch eins mit ihrem Han, hatte sie eine Eingebung und hielt das Sonnenaufgangssymbol auf ihrem Ring an das auf der Tür. Lautlos ging diese auf.
Verna trat ein und legte den Ring an das Sonnenuntergangssymbol auf der Innenseite der Tür. Sie schloß sich folgsam. Mit ihrem Han spürte sie, wie der Schild sich fest um sie legte. Verna hatte sich noch nie so isoliert gefühlt, so allein, so sicher.
Kerzen fingen plötzlich Feuer. Sie nahm an, daß sie mit dem Schild verbunden waren. Der Schein der zehn Kerzen, jeweils fünf in zwei mehrarmigen Kerzenhaltern, beleuchtete das Innere des kleinen Heiligtums ausreichend. Die Kerzenhalter standen zu beiden Seiten eines kleinen Altars, über dem ein weißes, mit einem Goldfaden verziertes Tuch lag. Darauf stand eine durchbrochene Schale, in der vermutlich Duftharze abgebrannt wurden. Ein rotes, brokatbezogenes Kniebänkchen mit Goldquasten an den Ecken stand auf dem Fußboden vor dem Alter.
In einem der vier, von den Giebeln gebildeten Alkoven fand gerade ein bequemer Sessel genug Platz. Einer der anderen enthielt den Altar, ein weiterer ein winziges Tischchen mit einem dreibeinigen Schemel, und der letzte, abgesehen von der Tür, eine Truhenbank mit einer säuberlich zusammengefalteten Steppdecke. Der freie Platz in der Mitte war nicht viel größer als die Alkoven.
Verna drehte sich um und fragte sich, was sie hier wohl sollte. Prälatin Annalina hatte ihr eine Nachricht hinterlassen, damit sie diesen Ort aufsuchte, aber warum? Was sollte sie hier machen?
Sie ließ sich in den Sessel fallen, während ihre Augen die facettenartigen Wände absuchten, die dem Vor und Zurück der Giebelenden folgten. Vielleicht hatte sie nur hierherkommen sollen, um sich zu entspannen. Annalina wußte, wie anstrengend die Arbeit der Prälatin war. Vielleicht wollte sie einfach, daß ihre Nachfolgerin einen Ort kannte, wo sie alleine sein und vor den Menschen fliehen konnte, die ihr unablässig Berichte brachten. Verna trommelte mit den Fingern auf die Sessellehne. Wohl kaum.
Ihr war nicht nach Herumsitzen zumute. Es gab Wichtigeres zu tun. Berichte warteten, und die würden sich kaum von selbst lesen.
Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, ging Verna in dem winzigen Raum auf und ab, so gut es ging. Das war sicher Zeitverschwendung. Schließlich stieß sie einen verzweifelten Seufzer aus, hatte die Hand schon fast an der Tür, hielt dann aber inne, bevor sie den Ring auf das Sonnenaufgangssymbol legte.
Verna machte kehrt, starrte einen Augenblick, dann raffte sie ihre Röcke zusammen und kniete auf dem Bänkchen nieder. Vielleicht wollte Annalina, daß sie um Unterweisung bat. Von einer Prälatin wurde Frömmigkeit erwartet, wenn auch die Vorstellung absurd war, daß man einen besonderen Ort benötigte, um zum Schöpfer zu beten. Der Schöpfer hatte alles erschaffen, warum sollte man dann einen besonderen Ort benötigen, wenn man Unterweisung suchte? Kein Ort kam dem eigenen Herzen auch nur nahe. Kein Ort ließ sich damit vergleichen, wenn man mit seinem Han eins wurde.
Mit einem gereizten Seufzer faltete Verna die Hände. Sie wartete, war aber nicht in der Stimmung, an einem Ort zum Schöpfer zu beten, an dem sie sich dazu verpflichtet fühlte. Die Vorstellung, daß Annalina tot war und sie noch immer beeinflußte, ärgerte sie. Vernas Augen wanderten zu den kahlen Wänden, während sie mit den Zehen auf den Boden tippte. Die Frau streckte ihre Hand aus dem Jenseits aus und erfreute sich eines letzten bißchens Macht. Hatte sie davon in all den Jahren als Prälatin nicht genug gehabt? Man mochte meinen, es hätte reichen sollen, aber nein, sie mußte alles so planen, daß sie selbst nach ihrem Tod noch…
Vernas Blick fiel auf die Schale. Unten drin lag etwas, und Asche war es nicht.
Sie griff hinein und holte ein kleines, in Papier gewickeltes Päckchen heraus, daß mit einem Stück Bindfaden zusammengeschnürt war. Sie drehte es in ihren Fingern, begutachtete es. Das mußte es sein. Das war der Grund, weshalb sie hierhergeschickt worden war. Aber warum es hier liegenlassen? Der Schild — niemand außer der Prälatin käme hier herein. Dies war der einzige Ort, wo man etwas verstecken konnte, wenn man nicht wollte, daß es einem anderen als der Prälatin in die Hände fiel.
Verna zog an den Enden der Schleife, zog die Schnur durch die Schlaufe. Sie legte es in ihre Hand, faltete das Papier auseinander und starrte auf das, was sich darin befand.