Es war ein Reisebuch.
Schließlich kam wieder Bewegung in ihrer Finger, und sie nahm das Buch aus dem Papier, um darin zu blättern. Es war leer.
Reisebücher waren Gegenstände der Magie, wie der Dacra, der von denselben Zauberern erschaffen worden war, die auch den Palast der Propheten sowohl mit Additiver als auch Subtraktiver Magie ausgestattet hatten. Seitdem war dreitausend Jahre lang außer Richard niemand mehr geboren worden, der Subtraktive Magie besaß. Einige hatten sie durch ihre Berufung erlernt, aber niemand außer Richard war damit geboren worden.
Reisebücher hatten die Fähigkeit, Nachrichten zu übermitteln. Was man in das eine schrieb, mit dem in seinem Rücken aufbewahrten Stift, erschien durch Magie in seinem Gegenstück. So weit sich dies feststellen ließ, tauchte die Nachricht sogar gleichzeitig in seinem Gegenstück auf. Da man den Stift auch dazu benutzen konnte, alte Nachrichten auszuradieren, waren die Bücher niemals vollgeschrieben und konnten immer wieder verwendet werden.
Sie wurden von Schwestern mitgeführt, die auf Reisen gingen, um junge Burschen mit der Gabe aufzuspüren. Meist mußten die Schwestern dafür durch die Barriere reisen, durch das Tal der Verlorenen, um in die Neue Welt zu gelangen, den Jungen zu finden und ihm einen Rada’Han um den Hals zu legen, damit ihm die Gabe keinen Schaden zufügen konnte, während er lernte, die Magie zu beherrschen. Hatten sie die Barriere einmal hinter sich gelassen, gab es kein Zurück mehr, um sich Anweisungen oder Ratschläge zu holen. Eine einzige Reise hin und wieder zurück — mehr war keiner Schwester möglich. Bis jetzt — Richard hatte die Türme und ihre Unwetter aus Bannen zerstört.
Ein junger Bursche, der kein Verständnis für die Gabe hatte, konnte diese unmöglich beherrschen. Seine Magie sandte verräterische Zeichen aus, die von jenen Schwestern im Palast, die für derartige Störungen im Fluß der Kraft empfänglich waren, wahrgenommen wurden. Es gab nicht genug Schwestern, die diese Fähigkeit besaßen, als daß man hätte riskieren können, sie auf Reisen zu schicken, daher entsandte man andere, und diese führten ein Reisebuch mit sich, um mit dem Palast in Verbindung bleiben zu können. Wenn Schwestern einen Jungen verfolgen sollten, und es kam etwas dazwischen — zum Beispiel, er zog um — dann benötigten sie die Anweisungen, um ihn an seinem neuen Aufenthaltsort zu finden.
Natürlich konnte auch ein Zauberer dem Jungen beibringen, wie man die Gabe beherrschte, um so ihren zahlreichen Gefahren aus dem Weg zu gehen, und tatsächlich war dies die bevorzugte Methode. Doch Zauberer standen weder stets zur Verfügung noch waren sie immer dazu bereit. Die Schwestern hatten vor langer Zeit eine Übereinkunft mit den Zauberern in der Neuen Welt getroffen. War kein Zauberer zur Stelle, war es den Schwestern des Lichts gestattet, das Leben eines jungen Burschen zu retten, indem sie ihn für seine Ausbildung im Gebrauch der Gabe zum Palast der Propheten brachten. Die Schwestern hatten ihrerseits gelobt, niemals einen jungen Burschen mitzunehmen, zu dessen Ausbildung sich ein Zauberer bereiterklärt hatte.
Diese Übereinkunft wurde dadurch untermauert, indem man, für den Fall, daß dieses Abkommen gebrochen wurde, jeder Schwester, die jemals wieder die Neue Welt betrat, mit der Todesstrafe drohte. Prälatin Annalina hatte diese Übereinkunft gebrochen, um Richard in den Palast zu holen. Verna war unwissentlich zum Werkzeug dieses Bruchs geworden.
Zu jedem beliebigen Zeitpunkt konnten mehrere Schwestern auf Reisen sein, um einen Jungen aufzuspüren. Verna hatte in ihrem Arbeitszimmer eine ganze Kiste mit Reisebüchern gefunden, die jeweils zu zusammengehörenden Paaren zusammengebunden waren. Die Reisebücher wurden verdoppelt, und jedes funktionierte nur mit seinem korrekten Gegenstück. Vor jeder Reise wurden Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Man brachte die beiden Bücher an zwei verschiedene Orte und probierte sie aus, nur um sicherzugehen, daß keine Schwester mit dem falschen Buch losgeschickt wurde. Reisen war gefährlich, deshalb trugen die Schwestern zusätzlich einen Dacra in ihrem Ärmel.
Normalerweise dauerte eine Reise einige wenige Monate, und manchmal, wenn auch selten, dauerten sie bis zu einem Jahr. Vernas Reise hatte über zwanzig Jahre gedauert. Nie zuvor war etwas Vergleichbares vorgekommen, andererseits war es auch über dreitausend Jahre her, daß jemand wie Richard geboren worden war. Verna hatte zwanzig Jahre verloren, die sie nie würde wiederaufholen können. Sie war draußen in der Welt gealtert. Diese gut zwanzig Jahre des Alterns, die ihr Körper durchgemacht hatte, hätten im Palast der Propheten an die dreihundert Jahre gedauert. Sie hatte für Prälatin Annalinas Auftrag nicht nur einfach zwanzig Jahre geopfert, sondern in Wirklichkeit an die dreihundert Jahre.
Schlimmer noch, Annalina hatte die ganze Zeit gewußt, wo Richard sich befand. Auch wenn sie es getan hatte, damit sich die richtigen Prophezeiungen erfüllten und der Hüter aufgehalten werden konnte, es schmerzte trotzdem, daß sie Verna nie gesagt hatte, sie werde losgeschickt, um einen so großen Teil ihres Lebens als Lockvogel zu verschwenden.
Verna tadelte sich selbst. Sie hatte überhaupt nichts verschwendet. Sie hatte das Werk des Schöpfers getan. Nur weil sie damals nicht alle Fakten gekannt hatte, wurde die Bedeutung dessen nicht geschmälert. Viele Menschen rackerten sich ihr ganzes Leben lang sinnlos ab. Verna hatte sich für etwas abgerackert, das die Welt der Lebenden gerettet hatte.
Davon abgesehen waren diese zwanzig Jahre vielleicht die besten ihres Lebens gewesen. Sie war draußen in der Welt auf sich gestellt gewesen, zusammen mit zwei Schwestern des Lichts, hatte etwas über fremde Orte und fremde Völker gelernt. Sie hatten unter den Sternen geschlafen, ferne Bergzüge gesehen, Ebenen, Flüsse, endlose Hügellandschaften, Dörfer, Orte und Städte, die nur wenige andere je zu Gesicht bekamen. Sie hatte ihre eigenen Entscheidungen getroffen und die Folgen akzeptiert. Niemals hatte sie Berichte lesen müssen — sie hatte den Stoff gelebt, aus dem Berichte waren. Nein, ihr war nichts entgangen. Sie hatte mehr Erfahrungen gesammelt als jede der Schwestern, die hier festsaßen, in dreihundert Jahren sammeln würde.
Verna fühlte, wie ihr eine Träne auf die Hand tropfte. Sie wischte über ihre Wange. Sie vermißte ihre Reise. Die ganze Zeit über war sie überzeugt gewesen, sie zu hassen, und erst jetzt erkannte sie, wieviel sie ihr bedeutet hatte. Sie drehte das Reisebuch in ihren zitternden Fingern um, spürte die vertraute Größe, das Gewicht — die vertrauten Narben des Leders, die vertrauten drei winzigen Erhebungen oben auf dem Deckblatt.
Plötzlich riß sie das Buch hoch und betrachtete es im Schein der Kerzen. Die drei kleinen Erhebungen, der tiefe Kratzer unten am Rücken — es war dasselbe Buch. Sie konnte ihr Reisebuch unmöglich verwechseln, nicht, nachdem sie es zwanzig Jahre bei sich getragen hatte. Es war ganz genau dasselbe Buch. Sie hatte sich, geistesabwesend nach diesem einen suchend, alle Bücher aus der Kiste in ihrem Büro angesehen, und es nicht gefunden. Es war hier gewesen.
Aber warum? Sie hielt das Papier in die Höhe, in das es eingeschlagen gewesen war, und sah, daß etwas darauf geschrieben stand. Im Kerzenlicht las sie:
Behüte dies mit deinem Leben.
Sie drehte das Papier um, doch das war alles, was dort stand. Behüte dies mit deinem Leben.
Verna kannte die Handschrift der Prälatin. Unterwegs, als sie Richard gesucht, und später, als sie ihn gefunden hatte, man ihr jedoch verbot, ihn in irgendeiner Weise zu behelligen oder seinen Halsring zur Hilfe zu nehmen, um ihn zu kontrollieren, sie ihn aber trotzdem mitbringen sollte, ihn, einen erwachsenen Mann, der anders war als alle anderen, die sie je aufgespürt hatten, da hatte sie eine verärgerte Nachricht an den Palast geschickt. Ich bin die Schwester, die für diesen Jungen verantwortlich ist. Diese Anweisungen sind ungerechtfertigt, wenn nicht gar absurd. Ich verlange, daß man mir die Bedeutung dieser Anweisungen erklärt. Ich verlange zu wissen, auf wessen Geheiß sie gegeben wurden.