Sie hatte eine Nachricht zurückerhalten. Du wirst tun, was man dir aufgetragen hat, oder du mußt die Konsequenzen tragen. Wage nicht, die Befehle des Palastes erneut in Frage zu stellen — höchstselbst, die Prälatin.
Der Verweis, den die Prälatin geschickt hatte, hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Die Handschrift war in ihr Gedächtnis eingraviert. Die Handschrift auf dem Stück Papier war die gleiche.
Diese Nachricht war ihr ein Stachel im Fleisch gewesen, denn sie verbot ihr gerade eben jenes, worin man sie ausgebildet hatte. Erst nach ihrer Rückkehr in den Palast war sie dahintergekommen, daß Richard Subtraktive Magie besaß, und er sie, hätte sie den Halsring benutzt, sehr wahrscheinlich getötet hätte. Die Prälatin hatte ihr das Leben gerettet, aber es ärgerte sie, daß man sie wieder einmal nicht informiert hatte. Wahrscheinlich war es das, was sie am meisten ärgerte: daß die Prälatin ihr das Warum nicht erklärte.
Natürlich hatte sie Verständnis. Schwestern der Finsternis befanden sich damals im Palast, und die Prälatin durfte kein Risiko eingehen, sonst wäre die ganze Welt untergegangen. Vom Gefühl her war sie dennoch verstimmt. Vernunft und Leidenschaft stimmten nicht immer überein. Als Prälatin wurde ihr allmählich klar, daß man die Menschen manchmal einfach nicht von einer Notwendigkeit überzeugen konnte. Die einzige Alternative bestand darin, einfach einen Befehl zu erteilen. Manchmal mußte man die Menschen benutzen, um das zu tun, was getan werden mußte.
Verna ließ das Papier in die Schale fallen und setzte es mit einem Strom ihres Han in Brand. Sie sah zu, wie es verbrannte, nur um sicherzugehen, daß es vollkommen zu Asche wurde.
Dann schloß sie die Hand fest um das Reisebuch, ihr Reisebuch. Es tat gut, es zurückzuhaben. Natürlich gehörte es nicht wirklich ihr, es gehörte dem Palast. Aber sie hatte es so viele Jahre bei sich getragen, daß es so gut wie ihres war — wie ein alter, vertrauter Freund.
Der Gedanke kam ganz plötzlich — wo war das andere? Dieses Buch hatte ein Gegenstück. Wer hatte es?
Plötzlich betrachtete sie das Buch mit einem Gefühl der Beklommenheit. Sie hielt etwas in der Hand, was möglicherweise gefährlich war, und wieder einmal verriet ihr Annalina nicht die ganze Wahrheit. Durchaus möglich, daß sich das Gegenstück in der Hand einer Schwester der Finsternis befand. Vielleicht war dies Annalinas Art, ihr mitzuteilen, sie solle das Gegenstück suchen, und dabei würde sie eine Schwester der Finsternis finden. Aber wie? Sie konnte schlecht einfach in das Buch hineinschreiben: »Wer bist du, und wo steckst du?«
Verna küßte ihren Ringfinger, ihren Ring, dann erhob sie sich.
Behüte dies mit deinem Leben.
Reisen war gefährlich. Gelegentlich waren Schwestern gefangengenommen und umgebracht worden, von feindseligen, durch ihre eigene Magie geschützten Völkern. In solchen Fällen konnte nur ihr Dacra sie beschützen, eine messerähnliche Waffe mit der Fähigkeit, Leben augenblicklich auszulöschen, vorausgesetzt, man war schnell genug. Verna trug ihren immer noch im Ärmel. Und vor langer Zeit hatte Verna einen Beutel hinten in ihren Gürtel genäht, in dem sie das Reisebuch verstecken und sicher aufbewahren konnte.
Sie ließ das kleine Buch in den handschuhartigen Beutel gleiten und klopfte darauf. Es war ein gutes Gefühl, das Reisebuch wieder dort zu wissen.
Behüte es mit deinem Leben.
Beim Schöpfer, wer hatte nur das andere?
Als Verna durch die Tür zu ihrem Vorzimmer stürmte, sprang Schwester Phoebe auf, als hätte ihr jemand einen spitzen Stock ins Hinterteil gepiekst.
Ihr rundliches Gesicht verfärbte sich rot. »Prälatin … habt Ihr mich erschreckt. Ihr wart nicht in Eurem Büro … ich dachte, Ihr wärt schlafen gegangen.«
Verna überflog den mit Papieren übersäten Schreibtisch. »Ich dachte, ich hätte dir gesagt, daß du genug Arbeit für einen Tag getan hast und dich ein wenig ausruhen sollst.«
Phoebe rang die Hände und wand sich. »Das habt Ihr, aber dann fielen mir noch ein paar Abrechnungen ein, die ich vergessen hatte, auf ihre Richtigkeit zu prüfen, und ich hatte Angst, Ihr würdet sie sehen und mich zur Rechenschaft ziehen, also lief ich rasch zurück, um die Zahlen eben durchzugehen.«
Verna mußte an einen ganz bestimmten Ort, überlegte sich aber noch einmal, wie sie das bewerkstelligen sollte.
»Phoebe, was würdest du davon halten, eine Aufgabe zu übernehmen, die Prälatin Annalina stets ihren Verwalterinnen anvertraut hat?«
Schwester Phoebes Finger beruhigten sich. »Wirklich? Was denn?«
Verna deutete mit einer Handbewegung hinter sich auf ihr Büro. »Ich war draußen in meinem Garten und bat um Unterweisung, und da kam mir die Idee, daß ich in diesen schwierigen Zeiten die Prophezeiungen zu Rate ziehen sollte. Wann immer Prälatin Annalina dies tat, ließ sie die Gewölbekeller stets von ihren Verwalterinnen räumen, damit sie sich nicht von neugierigen Augen belästigt fühlen mußte, die mitbekamen, was sie las. Wie würde es dir gefallen, wenn du die Gewölbekeller für mich räumen lassen würdest, so wie ihre Verwalterinnen es für sie getan haben?«
Die junge Frau sprang vor Freude in die Höhe. »Wirklich, Verna? Das wäre großartig.«
Junge Frau — von wegen, dachte Verna gereizt. Sie waren im gleichen Alter, auch wenn es nicht so aussah. »Dann laß uns gehen, ich habe noch Palastgeschäfte vor mir, denen ich mich widmen muß.«
Schwester Phoebe griff nach ihrem weißen Tuch und warf es sich über die Schultern, während sie durch die Tür eilte.
»Phoebe.« Das rundliche Gesicht lugte um den Türpfosten. »Sollte Warren in den Gewölbekellern sein, dann laß ihn bleiben. Ich habe ein paar Fragen, und er kann mich besser zu den richtigen Bänden führen als die anderen. Das spart mir Zeit.«
»Wird gemacht, Verna«, sagte Phoebe mit gehetzter Stimme. Die Schreibarbeit gefiel ihr, wahrscheinlich weil sie sich dabei nützlich fühlte, was sonst frühestens nach weiteren hundert Jahren Erfahrung der Fall gewesen wäre. Durch die Ernennung zur Beraterin der Prälatin hatte Verna diese Zeit jedoch verkürzt. Die Aussicht, Befehle zu erteilen, war aber offenbar noch verlockender als die Schreibarbeit. »Ich laufe voraus und werde alle hinausgeschickt haben, bis Ihr dort seid.« Sie schmunzelte. »Ich bin froh, daß ich hier war, und nicht Dulcinia.«
Verna erinnerte sich, wie sehr sie und Phoebe sich damals geähnelt hatten. Verna fragte sich, ob sie wirklich so unreif gewesen war, als Annalina sie auf die Reise geschickt hatte. Ihr schien, sie war in den Jahren ihrer Abwesenheit nicht nur äußerlich älter geworden. Vielleicht hatte sie draußen in der Welt einfach mehr gelernt als im klösterlichen Leben des Palastes der Propheten.
Verna lächelte. »Fast wie eine von unseren alten Possen, was?«
Phoebe mußte kichern. »Aber ja, Verna. Nur wird es jetzt nicht damit enden, daß wir eintausend Gebetsketten aufziehen müssen.« Sie flitzte los, den Gang hinunter, und Röcke und Tuch flatterten ihr hinterher.
Verna war gerade erst bis in das Kernstück des Palastes vorgedrungen, bis vor die riesige, sechs Fuß dicke Steintür, die in den aus dem Muttergestein geschlagenen Gewölbekeller führte, auf dem der Palast stand, da kam ihr Phoebe bereits mit sechs Schwestern, zwei Novizinnen und drei jungen Männern im Geleit entgegen. Novizinnen und junge Männer wurden zu allen Tages- und Nachtzeiten unterrichtet. Manchmal wurden sie mitten in der Nacht zum Unterricht geweckt, zum Beispiel für Lektionen in den Gewölbekellern. Der Schöpfer kannte keine festen Stunden — und natürlich galt das auch für die, die in seinen Diensten standen. Sie verneigten sich alle miteinander wie ein Mann.
»Der Segen des Schöpfers sei mit euch«, sagte Verna zu ihnen; Fast hätte sie sich dafür entschuldigt, daß sie sie aus dem Keller vertrieben hatte, unterließ das jedoch und ermahnte sich, daß sie Prälatin war und es nicht nötig hatte, sich gegenüber irgend jemandem zu rechtfertigen. Das Wort der Prälatin war Gesetz und wurde ohne Frage befolgt. Trotzdem fiel es ihr schwer, sich nicht zu erklären.