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»Alles bereit, Prälatin«, meinte Schwester Phoebe in würdevollem Ton. Phoebe deutete mit einem Nicken auf den dahinterliegenden Gewölbekeller. »Der eine, den Ihr treffen wolltet, befindet sich in einem der kleineren Räume.«

Verna nickte ihrer Assistentin zu, dann wandte sie sich den Novizinnen zu, die sie mit großen Augen ehrfürchtig anschauten. »Und wie kommen eure Studien voran?«

Zitternd wie Espenlaub, machten die beiden einen Knicks. Eine schluckte. »Sehr gut, Prälatin«, piepste sie und wurde rot im Gesicht.

Verna mußte daran denken, wie die Prälatin zum ersten Mal das Wort direkt an sie gerichtet hatte. Es war, als hätte der Schöpfer selbst gesprochen. Sie wußte noch, wieviel ihr das Lächeln der Prälatin bedeutet hatte, wie es sie aufgebaut und inspiriert hatte.

Verna ging in die Hocke, nahm die beiden Mädchen rechts und links in den Arm und drückte sie an sich. Sie gab jeder einen Kuß auf die Stirn.

»Sollte euch jemals etwas fehlen, habt keine Angst, zu mir zu kommen, dafür bin ich da. Ich liebe euch wie alle Kinder des Schöpfers.«

Die beiden Mädchen strahlten und machten erneut einen Knicks, der beim zweiten Mal ein wenig sicherer ausfiel. Mit großen Augen starrten sie auf den goldenen Ring an ihrem Finger. Als hätte er sie an etwas erinnert, küßten sie ihren Ringfinger und sprachen dabei leise ein Gebet an den Schöpfer. Verna tat dasselbe. Als sie das sahen, rissen sie abermals die Augen auf.

Sie hielt ihnen die Hand entgegen. »Wollt ihr den Ring küssen, der das Licht symbolisiert, dem wir alle folgen?« Sie nickten ernst und gingen nacheinander auf ein Knie, um den Ring mit dem Sonnenaufgangssymbol zu küssen.

Verna drückte die beiden schmächtigen Schultern. »Wie lauten eure Namen?«

»Helen, Prälatin«, meinte die eine.

»Valery, Prälatin«, die andere.

»Helen und Valery« Verna vergaß nicht, ein Lächeln aufzusetzen. »Denkt daran, Novizinnen Helen und Valery, zwar gibt es andere, zum Beispiel die Schwestern, die mehr wissen als ihr und die euch vieles lehren werden, trotzdem ist niemand dem Schöpfer näher als ihr, nicht einmal ich. Wir sind alle seine Kinder.«

Verna fühlte sich mehr als nur ein wenig unbehaglich, das Ziel der Verehrung zu sein, trotzdem lächelte sie, als die Gruppe weiterging, den steinernen Flur entlang.

Nachdem sie um die Ecke gebogen waren, legte Verna ihre Hand auf die kalte, in die Wand eingelassene Metallplatte, jene Platte, die den Schlüssel zu dem Schild bildete, der die Gewölbekeller abschirmte. Der Boden bebte unter ihren Füßen, als sich die riesige, runde Tür in Bewegung setzte. Es geschah selten, daß die Haupttür geschlossen wurde. Von besonderen Umständen abgesehen, war die Prälatin die einzige, die den Eingang je versiegelte. Sie trat in das Gewölbe, als sich die Tür hinter ihr mit einem Knirschen schloß und sie in einer grabesähnlichen Stille zurückließ.

Verna ging an den alten, abgenutzten, mit Papieren und einigen der einfacheren Bücher mit Prophezeiungen übersäten Tischen vorbei. Die Schwestern hatten gerade unterrichtet. Die Lampen an den Wänden aus behauenem Stein taten wenig, um das Gefühl endloser Nacht zu mildern. Lange Reihen von Bücherregalen erstreckten sich zu beiden Seiten zwischen massigen Säulen, die die Gewölbedecke stützten.

Warren befand sich in einem der hinteren Räume. Die kleinen, ausgehöhlten Nischen unterlagen der Geheimhaltung und hatten daher gesonderte Türen und Schilde. Der Raum, in dem er sich befand, gehörte zu denen mit den ältesten, noch in Hoch-D’Haran geschriebenen Prophezeiungen. Nur wenige Menschen, darunter Warren und Vernas Vorgängerin, beherrschten Hoch-D’Haran.

Als sie in den Schein der Lampe trat, hob Warren, der lässig vor dem Tisch hockte und die verschränkten Arme darauf gelegt hatte, kurz den Kopf. »Phoebe meinte, Ihr wolltet die Gewölbe aufsuchen«, meinte er besorgt.

»Ich muß mit dir reden, Warren. Es ist etwas passiert.«

Er schlug eine Seite in dem Buch vor sich um, sah aber nicht auf. »Ja, also schön.«

Sie runzelte die Stirn, dann zog sie neben ihm einen Stuhl an den Tisch, setzte sich jedoch nicht. Mit einem Ruck ihres Handgelenks ließ Verna den Dacra in ihre linke Hand schnellen. Der Dacra, der anstelle der Klinge einen silbernen Stab besaß, wurde wie ein Messer benutzt, doch es war nicht die durch ihn hervorgerufene Wunde, die tötete. Der Dacra war eine Waffe, die uralte Magie besaß. Wurde sie in Verbindung mit dem Han ihres Trägers benutzt, beraubte sie, unabhängig von der Art der Wunde, das Opfer seiner Lebenskraft. Gegen seine Magie gab es kein Heilmittel.

Warren sah aus müden, roten Augen auf, als sie sich näher zu ihm beugte. »Warren, ich möchte, daß du dies an dich nimmst.«

»Das ist die Waffe der Schwestern.«

»Du besitzt die Gabe, dir wird er ebenso gute Dienste leisten wie mir.«

»Was soll ich damit tun?«

»Dich schützen.«

Er runzelte die Stirn. »Wie meint Ihr das?«

»Die Schwestern der…« Sie warf einen Blick nach hinten in den Hauptsaal. Selbst wenn er leer war, ließ sich unmöglich sagen, wie weit jemand mit Subtraktiver Magie hören konnte. Sie hatten sogar mitbekommen, wie Prälatin Annalina sie beim Namen genannt hatte. »Du weißt schon.« Sie senkte die Stimme. »Warren, du besitzt zwar die Gabe, nur wird sie dich nicht vor ihnen schützen. Aber das hier. Dagegen gibt es keinen Schutz. Keinen.« Sie ließ die Waffe mit geübter Eleganz in der Hand kreisen und dabei über die Fingerrücken wandern. Die mattsilberne Farbe war ein verwischter Fleck im Schein der Lampe. Sie fing ihn an der stabähnlichen Klinge auf und hielt ihm den Griff hin. »Ich habe oben weitere Dacras gefunden. Ich möchte, daß du einen bei dir trägst.«

Er machte eine unsichere Handbewegung. »Ich weiß nicht, wie man mit diesem Ding umgeht. Ich weiß nur, wie man in den alten Büchern liest.«

Verna packte ihn am Kragen seines violetten Gewandes und zog sein Gesicht heran. »Du stichst ihn ihnen einfach in den Leib. Bauch, Brust, Hals, Arm, Hand, Fuß — völlig egal. Stech ihnen den Dacra einfach in den Körper, während du in dein Han gehüllt bist, und sie sind tot, bevor du mit der Wimper zucken kannst.«

»Meine Ärmel sind nicht so eng wie Eure. Er wird nur herausfallen.«

»Warren, der Dacra weiß nicht, wo du ihn aufbewahrst, und es kümmert ihn auch nicht. Schwestern üben stundenlang und tragen ihn im Ärmel, damit sie ihn griffbereit haben. Wir machen das zu unserem Schutz, wenn wir auf Reisen gehen. Es ist egal, wo du ihn trägst, nur tragen mußt du ihn. Bewahr ihn in einer Tasche auf, wenn du willst. Nur setz dich nicht auf ihn drauf.«

Er nahm den Dacra seufzend entgegen. »Wenn es Euch glücklich macht. Aber ich glaube nicht, daß ich jemand erstechen könnte.«

Sie ließ sein Gewand los und blickte fort. »Du wirst überrascht sein, zu was man fähig ist, wenn man muß.«

»Seid Ihr deswegen gekommen? Weil Ihr einen Ersatzdacra gefunden habt?«

»Nein.« Sie zog das kleine Buch aus dem Beutel hinter ihrem Gürtel und warf es vor ihm auf den Tisch. »Gekommen bin ich deswegen.«

Er betrachtete sie aus den Augenwinkeln. »Plant Ihr eine Reise, Verna?«

Sie blickte ihn finster an und versetzte ihm einen Stoß gegen die Schulter. »Was ist los mit dir?«

Er schob das Buch von sich. »Ich bin einfach müde. Was ist an einem Reisebuch so wichtig?«

Sie senkte die Stimme. »Prälatin Annalina hat mir eine Nachricht hinterlassen, ich solle ihr privates Heiligtum aufsuchen, in ihrem Garten. Es war mit einem Schild aus Eis und Geist abgeschirmt.« Warren runzelte die Stirn. Sie zeigte auf den Ring. »Hiermit kann man es öffnen. Im Inneren fand ich dieses Reisebuch. Es war in ein Stück Papier eingeschlagen, auf dem nichts weiter stand als: ›Behüte dies mit deinem Leben.‹«

Warren nahm das Reisebuch in die Hand und blätterte die leeren Seiten durch. »Wahrscheinlich will sie Euch noch Anweisungen schicken.«

»Sie ist tot!«