Warren sah sie schief an. »Meint Ihr wirklich, das würde sie daran hindern?«
Verna mußte gegen ihren Willen schmunzeln. »Vielleicht hast du recht. Vielleicht haben wir das andere mit ihr zusammen verbrannt, und sie hatte die Absicht, mein Leben aus der Welt der Toten zu bestimmen.«
Warren zog wieder ein mürrisches Gesicht. »Und wer hat nun das andere?«
Verna strich das Kleid hinter ihren Knien glatt, schob den Stuhl näher heran und setzte sich. »Ich weiß es nicht. Ich befürchte, es könnte sich um eine Warnung handeln. Vielleicht wollte sie, daß ich das andere finde und auf diese Weise unseren Feind erkenne.«
Warrens glatte Stirn legte sich in Falten. »Das ergibt keinen Sinn. Wie kommt Ihr darauf?«
»Ich weiß es nicht, Warren.« Verna wischte sich mit der Hand durchs Gesicht. »Das war das einzige, was mir einfiel. Kannst du dir etwas vorstellen, was mehr Sinn ergibt? Warum sonst sollte sie mir nicht verraten, wer das andere hat? Wenn es jemand ist, der uns helfen soll, jemand, der auf unserer Seite steht, dann hätte sie mir doch den Namen verraten, oder wenigstens, daß es sich um einen Freund handelt.«
Warren richtete seinen starren Blick wieder auf den Tisch. »Kann schon sein.«
Verna mäßigte ihren Ton, bevor sie weitersprach. »Was ist los, Warren? Ich habe dich noch nie so gesehen.«
Sie sah ihm lange in seine sorgenvollen blauen Augen. »Ich habe ein paar Prophezeiungen gelesen, die mir nicht gefallen.«
Verna musterte prüfend sein Gesicht. »Was besagen sie?«
Nach einer langen Pause blätterte er mit zwei Fingern ein Blatt Papier um und schob es ihr hin. Schließlich nahm sie es auf und las es laut vor.
»Wenn die Prälatin und der Prophet im heiligen Ritual dem Licht übergeben werden, werden die Flammen einen Kessel voller Arglist zum Sieden bringen und einer falschen Prälatin zum Aufstieg verhelfen, die über den Tod des Palastes der Propheten herrschen wird. Im Norden wird der, der im Bunde mit der Klinge steht, diese zugunsten eines silbernen Doms eintauschen, denn er wird sie wieder zum Leben erwecken, und sie wird ihn in die Arme des Unheils treiben.«
Verna mußte schlucken und hatte Angst, Warren in die Augen zu sehen. Sie legte das Blatt auf den Tisch und legte die gefalteten Hände in den Schoß, damit das Zittern aufhörte. Stumm saß sie da, starrte auf sie herab und wußte nicht, was sie sagen sollte.
»Es handelt sich um die Prophezeiung eines wahren Astes«, meinte Warren schließlich.
»Das ist eine verwegene Behauptung, Warren, selbst für jemanden, der, was Prophezeiungen anbetrifft, so talentiert ist wie du. Wie alt ist diese Prophezeiung?«
»Noch keinen Tag.«
Sie hob ihre großen Augen. »Was?« sagte sie leise. »Warren, soll das heißen … sie ist über dich gekommen? Du hast endlich eine Prophezeiung gemacht?«
Warren erwiderte ihren Blick mit seinen starren, geröteten Augen. »Ja. Ich fiel in eine Art Trance, und in diesem Zustand der Verzückung hatte ich eine Vision von Teilen aus dieser Prophezeiung, zusammen mit den Worten. So ist es auch bei Nathan passiert, glaube ich. Wißt Ihr noch, wie ich Euch erzählte, allmählich begänne ich, die Prophezeiungen auf eine Weise zu verstehen wie noch nie zuvor? Es sind die Visionen, in denen sich die Prophezeiungen wahrhaft offenbaren sollen.«
Verna machte eine fahrige Handbewegung. »Aber die Bücher enthalten Prophezeiungen, keine Visionen. Die Worte sind es, die die Prophezeiungen ausmachen.«
»Die Worte sind nur der Weg, auf dem sie weitergegeben werden. Sie sollen nichts weiter als ein Hinweis sein, welcher die Vision in demjenigen auslöst, der die Gabe der Prophezeiung besitzt. All die Studien, die die Schwestern während der letzten dreitausend Jahre unternommen haben, haben nur zu einem begrenzten Verständnis geführt. Die geschriebenen Worte sollen das Wissen mittels Visionen an Zauberer weitergeben. Das habe ich gelernt, als diese Prophezeiung über mich kam. Es war, als hätte sich eine Tür in meinem Geist geöffnet. All die Zeit habe ich gesucht, und der Schlüssel befand sich in meinem eigenen Kopf.«
»Soll das heißen, du kannst irgendeine von diesen Prophezeiungen lesen und hast dabei eine Vision, die ihre wahre Bedeutung offenbart?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich bin ein Kind, das gerade seine ersten Schritte macht. Ich habe noch einen langen Weg vor mir, bis ich über Zäune springen kann.«
Sie sah auf das Blatt, das auf dem Tisch lag, dann wandte sie den Blick ab und drehte den Ring an ihrem Finger. »Und bedeutet diese eine Prophezeiung, die über dich gekommen ist, nun das, was ich vermute?«
Warren befeuchtete sich die Lippen. »Wie der erste noch recht unsichere Schritt eines Kindes, so ist dies auch eine recht unklare Prophezeiung. Man könnte sagen, es handelt sich um eine Prophezeiung zum Üben. Ich habe noch weitere entdeckt, die ich für ähnliche Erstlingsversuche halte, wie zum Beispiel diese hier —«
»Warren, ist sie nun wahr oder nicht!«
Er zog sich die Ärmel herunter. »Es stimmt alles, nur sind die Worte, wie in allen Prophezeiungen, zwar wahr, bedeuten aber nicht unbedingt das, was sie zu bedeuten scheinen.«
Verna beugte sich dicht zu ihm vor und biß die Zähne aufeinander. »Beantworte die Frage, Warren. Wir sitzen in dieser Angelegenheit im selben Boot. Ich muß es wissen.«
Er winkte ab, so wie er es häufig tat, wenn er versuchte, die Wichtigkeit von etwas herunterzuspielen. Für Verna jedoch kam diese Handbewegung einer Warnung gleich. »Hört zu, Verna, ich werde Euch sagen, was ich weiß und was ich in der Vision gesehen habe. Aber das ist alles neu für mich und ich begreife noch nicht alles, auch wenn es meine eigene Prophezeiung ist.«
Sie funkelte ihn an. »Sag es mir, Warren.«
»Die Prälatin in der Prophezeiung, das seid nicht Ihr. Ich weiß nicht, wer es ist, aber Ihr seid es nicht.«
Verna schloß die Augen und seufzte. »Warren, dann ist es nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Wenigstens bin nicht ich es, die diese fürchterlichen Dinge tun muß. Wir können uns bemühen und die Prophezeiung in einen falschen Ast verwandeln.«
Warren wandte sich ab. Er steckte das Blatt Papier mit seiner Prophezeiung in ein offenes Buch und klappte es zu. »Verna, eine andere Frau kann erst Prälatin sein, wenn Ihr tot seid.«
23
Als plötzlich eine Woge süß quälenden Verlangens seinen Körper durchflutete, da wußte er, daß sie den Raum betreten hatte, obwohl er sie nicht sehen konnte. Ihr unverkennbarer Duft füllte seine Nase, und schon sehnte er sich danach, sich ihr hinzugeben. Einer verstohlenen Bewegung im Nebel gleich konnte er das Wesen der Bedrohung nicht klar erkennen, irgendwie, in den entlegensten Winkeln seines Bewußtseins, wußte er jedoch ohne jeden Zweifel, daß dort eine lauerte, und diese köstliche Gefahr erregte ihn zusätzlich.
Mit der Verzweiflung eines Mannes, der von einem übermächtigen Feind bestürmt wird, tastete er nach dem Heft seines Schwertes, in der Hoffnung, seine Entschlossenheit zu bestärken und der Macht der Unterwerfung Einhalt zu gebieten. Aber es war nicht blanker Stahl, wonach er trachtete, sondern blanke Wut, ein Zorn, der ihn aufrechterhalten und ihm die Kraft geben würde, zu widerstehen. Er konnte es schaffen. Er mußte es schaffen — alles hing davon ab.
Seine Hand schloß sich fest um das Heft an seinem Gürtel, und er spürte, wie die Raserei einer Flut gleich durch seinen Geist und Körper strömte.
Als Richard aufsah, erblickte er über dem Menschenknäuel die Köpfe von Ulic und Egan, die sich ihm näherten. Auch wenn er sie nicht gesehen hätte, die Lücke zwischen ihnen, wo die Frau sein würde, verriet ihm, daß sie hier war. Soldaten und Würdenträger begannen, den Weg freizumachen für die beiden großen Männer und ihren Schützling. Die Woge aus Köpfen, die tuschelnd zusammengesteckt wurden, um Bemerkungen weiterzugeben, erinnerte ihn an das Kräuseln eines Teiches. Richard mußte daran denken, daß ihn die Prophezeiungen auch als ›Kiesel im Teich‹ bezeichnet hatten — den Erzeuger eines Kräuselns in der Welt der Lebenden.