Выбрать главу

Mit großen Augen beugte Phoebe sich gespannt vor. »Wirklich? Ältere Männer erwecken bei Euch Gefühle des Verlangens?«

Verna hielt ihre Zunge im Zaum. »Mit ›älter‹, Phoebe, meine ich Männer, die älter sind als ich. Die Männer, die zur Zeit dein Interesse erregen — vor fünfzig Jahren wärst du nicht auf die Idee gekommen, mit einem Mann in deinem heutigen Alter auszugehen.

Doch jetzt kommt dir das ganz natürlich vor, weil du selbst in diesem Alter bist und dir die Männer in deinem Alter von damals unreif erscheinen. Verstehst du jetzt, was ich meine?«

»Na ja … ich denke schon.«

Verna sah ihren Augen an, daß das nicht stimmte. »Als wir als junge Mädchen hierherkamen, so wie die beiden im Gewölbekeller gestern abend, die Novizinnen Helen und Valery, was hast du da von Frauen gedacht, die so alt waren wie du heute?«

Phoebe verbarg das Kichern hinter ihrer Hand. »Ich fand sie unglaublich alt. Ich hätte nie gedacht, selber mal so alt zu werden.«

»Und jetzt, wie erscheint dir dein Alter jetzt?«

»Ach, ich fühle mich überhaupt nicht alt. In diesen jungen Jahren war ich wahrscheinlich einfach dumm. Es gefällt mir, so alt zu sein, wie ich jetzt bin. Ich bin noch jung.«

Verna zuckte die Achseln. »Bei mir verhält es sich ganz ähnlich. Ich betrachte mich auch noch als jung. Doch kommen mir alte Menschen nicht mehr so alt vor, denn ich weiß jetzt, daß sie genauso sind wie du oder ich — sie sehen sich selbst genauso, wie du oder ich uns sehen.«

Die junge Frau rümpfte die Nase. »Ich glaube, ich weiß, was Ihr meint, aber alt will ich trotzdem nicht werden.«

»Phoebe, in der Welt draußen hättest du mittlerweile fast drei Leben gelebt. Dir — uns — ist durch den Schöpfer ein großes Geschenk zuteil geworden, da uns durch das Leben hier im Palast so viele Jahre zur Verfügung stehen. So haben wir die nötige Zeit, um die jungen Zauberer im Gebrauch ihrer Gabe auszubilden. Würdige das, was man dir geschenkt hat. Es ist eine seltene Wohltat, die nur wenigen Menschen vergönnt ist.«

Phoebe nickte langsam, und an ihren leicht zusammengekniffenen Augen konnte Verna erkennen, wie angestrengt die Schwester nachdachte. »Das ist sehr weise, Verna. Ich wußte gar nicht, daß Ihr so weise seid. Ich wußte immer, daß Ihr klug seid, aber weise fand ich Euch vorher nie.«

Verna lächelte. »Das ist einer der weiteren Vorzüge. Die Jüngeren halten einen für weise. Unter den Blinden ist die Einäugige Königin.«

»Aber das ist eine so schreckliche Vorstellung, mitansehen zu müssen, wie das Fleisch erschlafft und faltig wird.«

»Es geschieht allmählich, man gewöhnt sich langsam an das Alterwerden. Für mich ist die Vorstellung erschreckend, noch einmal in deinem Alter zu sein.«

»Warum denn das?«

Verna wollte sagen, weil es ihr angst machte, mit einem so unterentwickelten Verstand herumzulaufen, doch dann erinnerte sie sich ein weiteres Mal daran, wie lange sie und Phoebe schon Freundinnen waren. »Ach, vermutlich deshalb, weil ich durch einige Dornenhecken gegangen bin, die du noch vor dir hast, und ich weiß, wie sehr sie stechen.«

»Was für Dornen?«

»Ich glaube, sie sind für jeden Menschen anders. Jeder muß seinen eigenen Weg gehen.«

Phoebe faltete die Hände und beugte sich noch weiter vor. »Was waren die Dornen auf Eurem Pfad, Verna?«

Verna stand auf und drückte den Stöpsel wieder auf das Tintenfaß. Sie starrte auf ihren Schreibtisch, ohne ihn eigentlich wahrzunehmen. »Der schlimmste Dorn«, sagte sie mit entrückter Stimme, »war wohl der, zurückzukehren und erleben zu müssen, wie Jedidiah mich mit Augen wie den deinen ansah, Augen, die ein faltiges, vertrocknetes, unattraktives Weib erblickten.«

»Oh, bitte, Verna, ich wollte damit nicht sagen, daß ich —«

»Verstehst du, welcher Dorn sich dahinter verbirgt, Phoebe?«

»Na ja, weil man für alt und häßlich gehalten wird, natürlich, auch wenn Ihr eigentlich gar nicht so…«

Verna schüttelte den Kopf. »Nein.« Sie hob den Kopf und sah der anderen in die Augen. »Nein, der Dorn war der, herauszufinden, daß Äußerlichkeiten alles sind, was jemals zählt, und daß das, was innen ist« — sie tippte sich an die Schläfe —, »keinerlei Bedeutung für ihn hatte, nur die äußere Hülle.«

Schlimmer noch als bei ihrer Rückkehr diesen Blick in Jedidiahs Augen zu sehen, war es gewesen, entdecken zu müssen, daß ihr Geliebter sich dem Hüter verschrieben hatte. Um Richard das Leben zu retten, da Jedidiah ihn töten wollte, hatte sie ihm ihren Dacra in den Rücken gestoßen. Jedidiah hatte nicht nur sie verraten, sondern auch den Schöpfer. Mit ihm war auch ein Teil von ihr gestorben.

Phoebe richtete sich auf, wirkte leicht verwirrt. »Ja, ich glaube, ich weiß, was Ihr meint, wenn Männer…«

Verna winkte ab. »Hoffentlich habe ich dir ein wenig helfen können, Phoebe. Mit einer Freundin zu sprechen, tut immer gut.« Sie verfiel in einen autoritären Ton. »Sind Bittsteller da, die mich sprechen wollen?«

Phoebe blinzelte. »Bittsteller? Nein, heute nicht.«

»Gut. Ich möchte beten und den Schöpfer um Unterweisung bitten. Du und Dulcinia, würdet ihr bitte die Tür abschirmen? Ich wünsche nicht gestört zu werden.«

Phoebe machte einen Knicks. »Natürlich, Prälatin.« Sie lächelte freundlich. »Danke, daß Ihr mit mir gesprochen habt, Verna. Es war wie in alten Zeiten auf unserem Zimmer vorm Einschlafen.« Ihr Blick wanderte zu den Stapeln mit Papieren. »Aber was wird aus den Berichten? Ihr geratet immer mehr in Rückstand.«

»Als Prälatin kann ich das Licht, das die Geschicke des Palastes und der Schwestern lenkt, nicht ignorieren. Ich muß auch für uns beten und Ihn um Seine Unterweisung bitten. Schließlich sind wir die Schwestern des Lichts.«

Der ehrfurchtsvolle Blick kehrte in Phoebes Augen zurück. Ihre alte Freundin schien zu glauben, daß Verna mit der Übernahme des Postens irgendwie übermenschlich geworden war und auf wundersame Weise mit dem Wirken des Schöpfers in Berührung stand. »Natürlich, Prälatin. Ich werde mich um den Schild kümmern. Niemand wird die Meditation der Prälatin stören.«

Bevor Phoebe durch die Tür war, rief Verna sie in ruhigem Tonfall noch einmal zurück. »Hast du schon etwas über Christabel in Erfahrung gebracht?«

Phoebe wandte plötzlich nervös den Blick ab. »Nein. Niemand weiß, wo sie hingegangen ist. Wir haben auch noch nichts darüber gehört, wohin Amelia oder Janet verschwunden sind.«

Die fünf, Christabel, Amelia, Janet, Phoebe und Verna, waren Freundinnen gewesen, waren im Palast zusammen aufgewachsen, Verna jedoch war Christabel am vertrautesten gewesen, auch wenn alle ein wenig neidisch auf sie waren. Der Schöpfer hatte sie mit wunderschönen blonden Haaren und einem hübschen Gesicht gesegnet, aber auch mit einem freundlichen und warmherzigen Wesen.

Es war beunruhigend, daß ihre drei Freundinnen offenbar verschwunden waren. Manchmal, wenn ihre Familien noch lebten, verließen die Schwestern den Palast für einen Besuch zu Hause, aber dafür benötigten sie zuerst eine Erlaubnis, außerdem waren die Eltern dieser drei sicher längst verstorben. Gelegentlich gingen Schwestern auch für eine Weile fort, nicht nur, um ihren Geist in der Welt draußen aufzufrischen, sondern auch, um nach endlosen Jahrzehnten im Palast etwas Abwechslung zu finden. Selbst dann erzählten sie den anderen fast immer, daß sie für eine Weile fort müßten und wohin sie gingen.

Von ihren drei Freundinnen hatte keine dies getan. Nach dem Tod der Prälatin hatte man nur plötzlich ihr Fehlen bemerkt. Verna tat das Herz vor Sorge weh, daß sie sie vielleicht einfach nicht als Prälatin akzeptieren konnten und sich statt dessen entschieden hatten, den Palast zu verlassen. Doch sosehr dies auch schmerzte, betete sie, daß es das war, was sich ihrer bemächtigt hatte, und nicht etwas Finstereres.

»Solltest du irgend etwas hören, Phoebe«, sagte Verna und versuchte, sich ihre Besorgnis nicht anmerken zu lassen, »bitte komm und erzähle es mir.«

Als die Frau gegangen war, errichtete Verna ihren eigenen Schild an der Türinnenseite, einen Kontrollschild, den sie eigenständig entworfen hatte. Die zarten Fäden waren aus ihrem eigenen, einzigartigen Han gesponnen — eine Magie, die sie als die eigene erkennen würde. Wenn jemand versuchte, einzudringen, würde er den durchsichtigen Schild vermutlich nicht bemerken. Selbst wenn es ihm gelang, ihn zu entdecken, würde er die Fäden durch die bloße Suche nach einem Schild unvermeidlich zerreißen. Und wenn er dann versuchte, das Gewebe mit seinem eigenen Han zu reparieren, würde Verna auch das feststellen.