Verna blickte in eine Seitenstraße und sah sich prüfend um, in die Richtung, aus der sie gekommen waren. »Und was ist das für ein Spiel?«
Warren zuckte die Achseln. »Ich war bislang noch nie bei einem Spiel, da ich den größten Teil meiner Zeit in den Gewölbekellern verbringe, doch ich habe mich ein wenig in die Angelegenheit vertieft. Für Spiele habe ich mich schon immer interessiert und dafür, wie sie in das Gefüge der verschiedenen Kulturen passen. Ich habe alte Völker und ihre Spiele studiert, aber hier bekomme ich endlich die Gelegenheit, ein lebendiges Spiel mit eigenen Augen zu beobachten, also habe ich darüber nachgelesen und Erkundungen eingeholt.
Ja’La wird von zwei Mannschaften auf einem quadratischen Spielfeld gespielt, über das ein Schachbrettmuster gelegt wird. In jeder Ecke befindet sich ein Tor, zwei für jede Mannschaft. Die Mannschaften versuchen, den ›Broc‹ — einen schweren, mit Leder überzogenen Ball, ein wenig kleiner als ein Menschenkopf — in eines der Tore ihres Gegners zu befördern. Gelingt ihnen das, erhalten sie einen Punkt, und die andere Mannschaft kann sich ein Feld des Schachbrettmusters aussuchen, von dem aus sie ihrerseits nun einen Angriff starten kann.
Die Strategie ist mir nicht recht klar, sie wird ziemlich kompliziert, trotzdem scheinen Fünfjährige sie im Nu zu begreifen.«
»Wahrscheinlich, weil sie Spaß am Spielen haben und du nicht.« Verna band ihr Tuch auseinander und wedelte mit den Enden, um sich Luft zuzufächeln. »Was ist so interessant daran, daß sich alle dicht gedrängt in die pralle Sonne stellen, um es sich anzuschauen?«
»Wahrscheinlich, daß sie dafür ihre schwere Arbeit liegenlassen und einen Tag lang feiern können. Es bietet ihnen eine Entschuldigung dafür, zu jubeln und zu schreien, zu trinken und zu feiern, wenn die eigene Mannschaft gewinnt, oder zu trinken und sich gegenseitig zu trösten, wenn sie verliert. Alle geraten darüber ziemlich außer Rand und Band. Vielleicht mehr, als ihnen guttut.«
Verna spürte, wie eine erfrischende Brise ihren Nacken kühlte und dachte einen Augenblick darüber nach. »Das klingt doch alles recht harmlos.«
Warren sah sie aus den Augenwinkeln an. »Es ist ein blutiges Spiel.«
»Blutig?«
Warren wich einem Kothaufen aus. »Der Ball ist schwer, und die Regeln sind locker. Die Männer, die Ja’La spielen, sind wüst. Natürlich, sie müssen geschickt im Umgang mit dem Broc sein, doch hauptsächlich werden sie wegen ihrer Muskelkraft und ihrer brutalen Aggressivität ausgesucht. Kaum ein Spiel geht vorbei, ohne daß wenigstens ein paar Zähne ausgeschlagen werden oder sich jemand die Knochen bricht. Nicht selten bricht sich sogar jemand den Hals.«
Verna starrte ihn ungläubig an. »Und den Menschen gefällt es, sich so etwas anzusehen?«
Warren bestätigte dies mit einem freudlosen Brummen. »Nach dem, was die Wachen mir erzählen, wird die Menge ungehalten, wenn kein Blut fließt, weil sie dann denken, ihre Mannschaft strenge sich nicht genügend an.«
Verna schüttelte den Kopf. »Also, das klingt nicht so, als würde ich mir das gerne ansehen.«
»Das ist noch nicht das Schlimmste.« Warren hielt den Blick nach vorn gerichtet, während er forschen Schritts die schattige Straße entlangging. Rechts und links waren die schmalen Fenster mit Läden verschlossen, die so verblichen waren, daß man kaum sagen konnte, ob man sie je gestrichen hatte. »Die Verlierermannschaft wird auf das Feld geholt, wenn das Spiel vorüber ist, und dann wird jeder einzelne ausgepeitscht. Ein Schlag mit einer großen Lederpeitsche für jeden gegen sie erzielten Punkt, verabreicht von der Siegermannschaft. Zwischen den Mannschaften herrscht eine erbitterte Rivalität. Es kann passieren, daß Männer durch das Auspeitschen zu Tode kommen.«
Verna schwieg wie betäubt, als sie um eine Ecke bogen. »Die Menschen bleiben, um sich das Auspeitschen anzuschauen?«
»Ich glaube, darauf haben sie es überhaupt nur abgesehen. Die gesamte Menge feuert die Siegermannschaft an und zählt die Zahl der Peitschenhiebe ab, während sie verabreicht werden. Dabei schlagen die Wellen der Gefühle ziemlich hoch. Die Menschen geraten über Ja’La richtig in Erregung. Manchmal kommt es zu Tumulten. Trotz Zehntausender Soldaten, die versuchen, Ordnung zu halten, kann es passieren, daß die Dinge außer Kontrolle geraten. Manchmal fangen die Spieler selbst die Schlägerei an. Die Männer, die Ja’La spielen, sind brutale Kerle.«
»Es gefällt den Menschen tatsächlich, eine Mannschaft von Rohlingen anzufeuern?«
»Die Spieler gelten als Helden. Ja’La-Spieler haben die Stadt praktisch in der Hand und können sich alles erlauben. Regeln und Gesetze gelten für Ja’La-Spieler nur selten. Massen von Frauen folgen den Spielern überall hin, und nach einem Spiel findet gewöhnlich eine Massenorgie statt. Frauen kämpfen darum, wer sich einem Ja’La-Spieler hingeben darf. Die Ausschweifungen ziehen sich tagelang hin. Mit einem Spieler zusammengewesen zu sein, ist eine hohe Ehre, um die so heftig gestritten wird, daß man für das Recht, sich damit zu brüsten, Zeugen braucht.«
»Warum?« war alles, was ihr dazu einfiel.
Warren warf die Hände in die Luft. »Ihr seid eine Frau, sagt Ihr es mir! Mir hat keine Frau die Hände um den Hals geschlungen, mir wollte keine Frau das Blut vom Rücken lecken, als ich nach dreitausend Jahren als erster wieder eine Prophezeiung entschlüsselt hatte.«
»Das tun sie?«
»Sie schlagen sich darum. Ist der Kerl mit ihrer Zunge zufrieden, kann es sein, daß er sie erwählt. Wie ich gehört habe, sind die Spieler ziemlich selbstherrlich, und es gefällt ihnen, daß sie die nur zu willigen Frauen zwingen können, sich die Ehre, unter ihnen zu liegen, zu verdienen.«
Verna schaute hinüber und sah, daß Warrens Gesicht rot glühte. »Sie wollen sogar mit den Spielern zusammen sein, die verloren haben?«
»Das spielt keine Rolle. Der Mann ist ein Ja’La-Spieler und damit ein Held. Je brutaler, desto besser. Die, die mit dem Ja’La-Ball einen Gegner getötet haben, genießen höchstes Ansehen und sind bei den Frauen äußerst begehrt. Die Leute nennen ihre Neugeborenen nach ihnen. Ich versteh’ das auch nicht.«
»Du hast nur mit einer kleinen Gruppe von Menschen Kontakt, Warren. Wenn du in die Stadt gingest, statt all deine Zeit unten in den Gewölben zu verbringen, würden Frauen auch mit dir Zusammensein wollen.«
Er tippte an den nackten Hals. »Würden sie, wenn ich noch einen Halsring hätte. Denn dann würden sie das Gold des Palastes an meinem Hals sehen, das ist alles. Sie würden nicht mit mir Zusammensein wollen, weil ich der bin, der ich bin.«
Verna schürzte die Lippen. »Manche Menschen finden Macht attraktiv. Wenn man selbst keine besitzt, kann Macht sehr verführerisch sein. So ist das Leben nun mal.«
»Das Leben«, wiederholte er mit einem mürrischen Brummen. »Ja’La, so nennen es alle, aber sein voller Name lautet Ja’La dh Jin — das Spiel des Lebens, in der alten Sprache der Heimat des Kaisers, Altur’Rang. Aber alle nennen es einfach nur Ja’La: das Spiel.«
»Was bedeutet Altur’Rang?«
»›Altur’Rang‹ stammt ebenfalls aus der alten Sprache. Es läßt sich nicht gut übersetzen, aber es bedeutet ungefähr ›die Erwählten des Schöpfers‹ oder die ›Menschen des Schicksals‹, irgendwas in dieser Art. Wieso?«
»Die Neue Welt wird von einem Gebirgszug mit dem Namen Rang’Shada geteilt. Das klingt, als sei es dieselbe Sprache.«
Warren nickte. »Ein Shada ist ein gepanzerter Kampfhandschuh mit Dornen. Rang’Shada würde in etwa bedeuten ›Kampffaust der Erwählten‹.«
»Ein Name aus dem alten Krieg vermutlich. Dornen, das träfe durchaus auf diese Berge zu.« Verna drehte sich der Kopf von Warrens Erzählung. »Ich kann kaum glauben, daß man ein solches Spiel erlaubt.«
»Erlaubt? Es wird gefördert. Der Kaiser hat seine eigene, persönliche Ja’La-Mannschaft. Heute morgen wurde bekanntgegeben, daß er seine Mannschaft bei seinem Besuch mitbringen und sie gegen die beste Mannschaft aus Tanimura antreten lassen wird. Nach allem, was ich mir zusammenreimen konnte, ist das eine ziemlich große Ehre. Alle sind deswegen völlig aus dem Häuschen.« Warren ließ den Blick schweifen, dann drehte er sich wieder zu ihr um. »Die Mannschaft des Kaisers wird nicht ausgepeitscht, wenn sie verliert.«