Sie runzelte die Stirn. »Das Vorrecht der Mächtigen?«
»Nicht ganz«, meinte Warren. »Wenn sie verliert, werden sie alle enthauptet.«
Verna ließ die Enden ihres Tuches los. »Wieso sollte der Kaiser ein solches Spiel fördern?«
Warren lächelte geheimnistuerisch. »Ich weiß es nicht, Verna, aber ich habe meine Theorien.«
»Und die wären?«
»Nun ja, wenn man ein Land erobert hat, welche Probleme könnten sich da Eurer Ansicht nach ergeben?«
»Du meinst eine Rebellion?«
Warren strich sich eine Locke seines blonden Haars aus dem Gesicht. »Tumulte, Proteste, Unruhen, Aufstände und, ja, auch eine Rebellion. Erinnert Ihr Euch noch an die Zeit, als König Gregory regierte?«
Verna nickte, während sie eine alte Frau beobachtete, die, ein gutes Stück eine Seitenstraße hoch, Wäsche über ein Balkongeländer hängte. Sie war der einzige Mensch, den sie während der letzten Stunde zu Gesicht bekommen hatte. »Was war mit ihm?«
»Nicht lange nach Eurer Abreise übernahm die Imperiale Ordnung die Macht, und das war das Letzte, was wir von ihm hörten. Der König war beliebt, und Tanimura blühte damals, genau wie die anderen Städte im Norden unter seiner Herrschaft. Seit damals sind die Zeiten für die Mannschaft hart geworden. Der Kaiser ließ zu, daß die Korruption aufblühte, gleichzeitig ignorierte er wichtige Angelegenheiten der Wirtschaft und Justiz. All die Menschen, die Ihr hier gesehen habt, und die im Elend leben, sind Flüchtlinge aus kleineren Ortschaften, Dörfern und Städten, die damals geplündert wurden.«
»Für Flüchtlinge kommen sie mir recht ruhig und zufrieden vor.«
Warren zog die Augenbrauen hoch. »Ja’La.«
»Was soll das heißen?«
»Unter der Imperialen Ordnung haben sie nur wenig Hoffnung auf ein besseres Leben. Das einzige, auf das sie hoffen, von dem sie träumen können, ist es, ein Ja’La-Spieler zu werden.
Die Spieler werden nach Talent ausgewählt, nicht nach Rang und Namen. Die Familie eines Spielers braucht nie mehr Not zu leiden — er sorgt für sie — im Überfluß. Eltern halten ihre Kinder dazu an, Ja’La zu spielen, in der Hoffnung, daß sie bezahlte Spieler werden. Amateurmannschaften, nach Altersgruppen eingeteilt, fangen bereits mit Fünfjährigen an. Jeder, ganz gleich, aus welcher Gesellschaftsschicht er stammt, kann bezahlter Ja’La-Spieler werden. Sogar aus den Reihen der Sklaven des Kaisers sind schon Spieler hervorgegangen.«
»Aber das erklärt doch immer noch nicht diese Leidenschaft.«
»Mittlerweile gehört jeder zur Imperialen Ordnung. Treue der ehemaligen Heimat gegenüber ist verboten. Ja’La erlaubt den Menschen, sich über ihre Mannschaft mit irgend etwas verbunden zu fühlen — ihren Nachbarn oder ihrer Stadt. Der Kaiser hat das Ja’La-Spielfeld bezahlt — als Geschenk an die Menschen. Die Menschen werden von ihren Lebensumständen abgelenkt, auf die sie keinerlei Einfluß haben. So bietet der Kaiser ihnen ein Ventil, das ihn jedoch nicht gefährdet.«
Verna wedelte wieder mit den Zipfeln ihres Tuches. »Ich glaube, deine Theorie hat einen Haken, Warren. Von früher Jugend an spielen Kinder gerne Spiele. Die Menschen haben immer schon Spiele gespielt. Wenn sie älter werden, halten sie Wettbewerbe mit dem Bogen, Pferden und Würfeln ab. Spiele zu spielen ist ein Teil der menschlichen Natur.«
»Hier entlang.« Warren bekam ihren Ärmel zu fassen, deutete mit dem Daumen in eine enge Gasse, und führte sie dort hinein. »Und der Kaiser lenkt diese Neigung auf etwas um, das über diese Natur hinausgeht. Er muß sich keine Sorgen machen, daß die Menschen auch nur einen Gedanken an Freiheit oder auch nur einfach Gerechtigkeit verschwenden. Ihre Leidenschaft gilt jetzt Ja’La. Für alles andere sind sie blind.
Anstatt sich zu fragen, wieso der Kaiser kommt, und was dies für ihr Leben bedeutet, sind alle wegen Ja’La völlig aus dem Häuschen.«
Verna spürte, wie ihr flau im Magen wurde. Sie hatte sich bereits gefragt, wieso der Kaiser überhaupt kam. Es mußte einen Grund dafür geben, daß er den weiten Weg hierher machte, und sie glaubte nicht, daß er nur seiner Mannschaft beim Ja’La zusehen wollte. Er wollte irgend etwas anderes.
»Haben die Menschen eigentlich keine Angst, einen so mächtigen Mann oder seine Mannschaft zu besiegen?«
»Die Mannschaft des Kaisers ist sehr gut, hab’ ich gehört. Aber sie hat weder Privilegien noch erhält sie irgendeinen Vorteil. Der Kaiser fühlt sich nicht in seinem Stolz verletzt, wenn seine Mannschaft verliert, außer natürlich durch seine Spieler. Besiegt ein Gegner sie, würdigt der Kaiser ihr Geschick und gratuliert ihnen und ihrer Stadt. Die Menschen sind ganz versessen auf diese Ehre, die hochgelobte Mannschaft des Kaisers zu besiegen.«
»Ich bin seit ein paar Monaten zurück, und ich habe nie zuvor gesehen, daß die Stadt wegen dieses Spiels wie leergefegt war.«
»Die Saison hat gerade erst begonnen. Offizielle Spiele dürfen nur während der Ja’La-Saison gespielt werden.«
»Das widerspricht dann aber deiner Theorie. Wenn Ja’La von wichtigeren Dingen des Lebens ablenken soll, warum läßt man sie dann nicht die ganze Zeit über spielen?«
Warren bedachte sie mit einem selbstzufriedenen Lächeln. »Die Vorfreude verstärkt die Leidenschaft. Die Chancen in der kommenden Saison werden endlos diskutiert. Fängt die Saison dann endlich an, befinden sich die Menschen in einer aufgeheizten Stimmung wie ein junges Liebespaar, das sich nach einer Zeit der Trennung in die Arme fällt — ihr Verstand ist blind für alles andere. Würden die Spiele ständig fortgesetzt werden, würde das Verlangen abkühlen.«
Warren hatte offenbar lange und gründlich über seine Theorie nachgedacht. Verna glaubte zwar nicht recht daran, aber da er auf alles eine Antwort zu wissen schien, wechselte sie das Thema.
»Von wem hast du gehört, daß er seine Mannschaft mitbringt?«
»Von Meister Finch.«
»Warren, ich habe dich in die Stallungen geschickt, damit du dich nach den Pferden erkundigst, und nicht, damit du über Ja’La plauderst.«
»Meister Finch ist ein begeisterter Anhänger des Ja’La und war ganz aufgeregt wegen des heutigen Eröffnungsspiels, also hab’ ich ihn einfach reden lassen, um herauszufinden, was Ihr wissen wolltet.«
»Und? Hast du es herausgefunden?«
Sie blieben abrupt stehen und sahen hoch zu einem Schild, in das ein Grabstein, eine Schaufel und die Namen BENSTENT und SPROUL geschnitzt waren.
»Ja. Zwischen seinen Geschichten über die Zahl der Peitschenhiebe, die die andere Mannschaft erhalten würde, und darüber, wie man mit Wetten gutes Geld verdienen kann, verriet er mir, daß die fehlenden Pferde schon seit einiger Zeit verschwunden sind.«
»Gleich nach der Wintersonnenwende, möchte ich wetten.«
Warren legte die Hand an die Augen und sah durch das Fenster. »Die Wette würdet Ihr gewinnen. Vier seiner kräftigsten Pferde sind verschwunden, Zaumzeug aber nur für zwei. Die Pferde sucht er noch immer und schwört, daß er sie finden wird, aber das Zaumzeug, glaubt er, wurde gestohlen.«
Hinter der Tür, aus dem Hintergrund des dunklen Raumes, hörte sie eine Feile über Stahl kreischen.
Warren nahm die Hand vom Gesicht, sah sich auf der Straße um.
»Klingt, als gäbe es dort jemand, der kein begeisterter Anhänger des Ja’La ist.«
»Gut.« Verna verknotete das Tuch unter ihrem Kinn und zog die Tür auf. »Gehen wir rein und lassen uns von dem überraschen, was dieser Totengräber zu erzählen hat.«
25
Nur das kleine, zur Straße hin gelegene, mit uraltem Dreck verschmierte Fenster und eine offene Tür im Hintergrund beleuchteten den dunklen, staubigen Raum, doch das genügte, um einen Pfad zwischen den übereinandergeworfenen Haufen schlampig zusammengerollten Leichentuchs, wackeligen Werkbänken und schlichten Särgen zu finden. Ein paar rostige Sägen, Hobel und verschiedenes anderes Werkzeug hingen an einer Wand, und ein unordentlicher Stapel Fichtenbretter lehnte an einer anderen.