Wohlhabende Menschen gingen zu Bestattungsunternehmern, die ihnen bei der Auswahl prächtiger Särge für ihre lieben Verstorbenen mit Rat und Tat zur Seite standen, Leute mit sehr wenig Geld dagegen konnten sich nichts anderes leisten als die Dienste eines Totengräbers, der ihnen eine simple Kiste anbot sowie ein Loch, um den Toten darin zu versenken. Zwar waren die lieben Dahingeschiedenen jener Menschen, die zum Totengräber gingen, diesen nicht weniger teuer, aber die Mäuler der Lebenden wollten gestopft sein. Die Erinnerungen an die Verstorbenen waren bei ihnen allerdings nicht weniger verbrämt.
Verna und Warren blieben in der Tür stehen, die hinaus in einen winzigen Hinterhof führte, dessen Seiten steil und hoch voll Bauholz standen, das man senkrecht hinten an einen Zaun sowie an die verputzten Häuser zu den Seiten gestapelt hatte. In der Mitte, mit dem Rücken zu ihnen, stand ein schlaksiger, barfüßiger Mann in zerlumpter Kleidung, der die Blätter seiner Schaufeln mit einer Feile bearbeitete.
»Mein Beileid für den Verlust Eures lieben Anverwandten«, meinte er mit rauher, aber überraschend ernster Stimme. Dann nahm er die Arbeit mit Feile und Stahl wieder auf. »Kind oder Erwachsener?«
»Weder noch«, sagte Verna.
Der Mann mit den eingefallenen Wangen warf einen Blick über die Schulter. Er trug keinen Bart, sah aber so aus, als würde er sich so selten rasieren, daß er kurz davor stand, die Grenze zu überschreiten. »Dazwischen also? Wenn Ihr mir die Größe des Verstorbenen verratet, kann ich ihm eine passende Kiste zimmern.«
Verna hakte die Hände ineinander. »Wir haben niemanden zu begraben. Wir sind hier, um dir ein paar Fragen zu stellen.«
Er ließ seine Hände zur Ruhe kommen, drehte sich ganz um und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. »Tja, wie ich sehe, könnt Ihr Euch etwas anderes leisten als mich.«
»Interessierst du dich nicht für Ja’La?« fragte Warren.
Die niedergeschlagenen Augen des Mannes wurden ein wenig aufmerksamer, als er Warrens violettes Gewand ein zweites Mal betrachtete. »Die Leute mögen es nicht, wenn meinesgleichen bei Festlichkeiten in der Nähe ist. Verdirbt ihnen den Spaß, wenn sie mein Gesicht sehen, so als wäre es das Antlitz des Todes höchstpersönlich, der sich unter sie gemischt hat. Scheuen auch nicht davor zurück, mir zu sagen, daß ich nicht willkommen bin. Aber wenn sie mich brauchen, dann kommen sie. Dann kommen sie und tun, als hätten sie nie zuvor die Augen abgewendet. Ich könnte sie für einen reichverzierten Sarg zahlen lassen, den die Toten ohnehin nicht sehen, aber das können sie sich nicht leisten, und ihre Münzen nützen mir nichts, wenn ich ihnen ihre Ängste übelnehme.«
»Welcher von beiden bist du«, fragte Verna, »Meister Benstent oder Meister Sproul?«
Seine schlaffen Lider verzogen sich zu einem Gewirr von Falten, als er sie von unten herauf ansah. »Ich bin Milton Sproul.«
»Und Meister Benstent? Ist er auch hier?«
»Ham ist nicht da. Worum geht es?«
Verna setzte eine unbekümmerte Miene auf. »Wir sind aus dem Palast und wollten uns nach einer Rechnung erkundigen, die man uns geschickt hat. Wir wollen uns lediglich vergewissern, daß sie korrekt ist, dann ist alles in Ordnung.«
Der knochige Mann wandte sich wieder seiner Schaufel zu und strich mit der Feile über deren Kante. »Die Rechnung stimmt. Wir betrügen die Schwestern nicht.«
»Wir wollen selbstverständlich nichts dergleichen unterstellen. Es ist nur so, daß wir keinen Beleg darüber finden können, wer es war, den du begraben hast. Wir wollen lediglich herausfinden, wer verstorben ist, dann können wir die Zahlung veranlassen.«
»Weiß ich nicht. Ham hat das gemacht und auch die Rechnung geschrieben. Er ist ein ehrlicher Mann. Er würde nicht mal einen Dieb betrügen, um zurückzukriegen, was man ihm gestohlen hat. Er hat die Rechnung geschrieben und mir gesagt, ich soll sie Euch schicken. Das ist alles, was ich weiß.«
»Verstehe.« Verna zuckte die Achseln. »Dann, schätze ich, werden wir Meister Benstent sprechen müssen, um die Sache aufzuklären. Wo können wir ihn finden?«
Sproul zog die Feile noch einmal übers Blech. »Weiß ich nicht. Ham wurde langsam alt. Er meinte, das bißchen Zeit, das ihm noch bleibt, wolle er bei seiner Tochter und seinen Enkeln verbringen. Er ist fort, um bei ihnen zu wohnen. Sie leben irgendwo unten im Süden.« Er ließ die Feile in der Luft kreisen. »Hat mir seine Hälfte von dem Laden hier vermacht, so wie er ist. Seine Hälfte der Arbeit auch. Wahrscheinlich muß ich für die Buddelei noch einen Jüngeren einstellen. Ich werde selber langsam alt.«
»Aber du mußt doch wissen, wo er hin ist, und was es mit der Rechnung auf sich hat.«
»Hab’ ich doch schon gesagt, ich weiß es nicht. Hat seinen Kram zusammengepackt, nicht daß es viel gewesen wäre, und sich einen Esel für die Reise gekauft, schätze also, daß es eine stattliche Entfernung ist.« Er zeigte mit der Feile über die Schulter Richtung Süden. »Wie gesagt, irgendwo da unten.
Das letzte, was er zu mir sagte war, ich soll die Rechnung auf jeden Fall an den Palast schicken, denn er hätte die Arbeit gemacht und es wäre nur fair, wenn sie bezahlen für das, was gemacht wurde. Ich hab’ ihn gefragt, wohin ich das Geld schicken soll, schließlich war das seine Arbeit, aber er meinte, ich soll es dafür nehmen, einen Neuen anzuheuern. Sagte, das wär’ nur fair, wo er mich doch so kurzfristig verläßt.«
Verna überlegte. »Verstehe.« Sie sah ihm zu, wie er die Feile ein dutzendmal über die Schaufel zog, dann wandte sie sich an Warren. »Geh nach draußen und warte auf mich.«
»Was!« zischelte er aufgebracht. »Warum wollt Ihr —«
Verna hob einen Finger und brachte ihn zum Schweigen. »Tu, was ich sage. Mach einen kleinen Spaziergang um den Häuserblock und vergewissere dich … daß unsere Freunde nicht nach uns suchen.« Sie beugte sich ein wenig näher und warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Sie fragen sich womöglich schon, ob wir keine Hilfe brauchen.«
Warren richtete sich auf und sah zu dem Mann hinüber, der an seiner Schaufel feilte. »Oh. Ja, also gut. Ich gehe nachsehen, wo unsere Freunde geblieben sind.« Er nestelte am Silberbrokat seines Ärmels herum. »Ihr werdet doch nicht lange brauchen, oder?«
»Nein. Ich bin in Kürze draußen. Geh jetzt und sieh nach, ob du sie finden kannst.«
Verna hörte, wie die Vordertür geschlossen wurde, als Sproul einen Blick über die Schulter warf. »Die Antwort ist immer noch dieselbe. Ich sagte Euch doch, was…«
Verna hielt plötzlich ein Goldstück in den Fingern. »So, Meister Sproul, wir beide werden jetzt ganz offen miteinander reden. Mehr noch, du wirst mir meine Fragen wahrheitsgemäß beantworten.«
Er sah sie mißtrauisch an. »Wozu habt Ihr ihn rausgeschickt?«
Sie machte sich nicht mehr die Mühe, ihn freundlich anzulächeln. »Der Junge hat einen schwachen Magen.«
Er zog unbeeindruckt seine Feile über die Schaufel. »Ich hab’ Euch die Wahrheit gesagt. Wenn Ihr wollt, daß ich Euch anlüge, sagt es nur und ich denke mir etwas aus, ganz wie’s Euch paßt.«
Verna blitzte ihn bedrohlich an. »Wage nicht einmal daran zu denken, mich anzulügen. Du hast vielleicht die Wahrheit gesagt, aber nicht die ganze. Und jetzt wirst du mir den Rest erzählen, entweder im Tausch gegen diesen Beweis meiner Wertschätzung« — Verna benutzte ihr Han, um ihm die Feile zu entreißen und sie in die Luft zu schleudern, bis sie nicht mehr zu sehen war — »oder als Anerkennung dafür, daß ich dir Unannehmlichkeiten erspare.«
Die Feile kam pfeifend aus dem Himmel geschossen, schlug krachend kaum zwei Zentimeter von den Zehen des Totengräbers in den Boden ein. Nur der Griff schaute noch heraus, und der glühte rot. Voller Wut und mit großer geistiger Anstrengung zog sie den heißen Stahl zu einem dünnen Faden geschmolzenen Metalls aus. Dessen weiße Glut beleuchtete das schockierte Gesicht des Mannes, und auch sie spürte die sengende Hitze auf ihrer Haut.