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Sie bewegte den Zeigefinger hin und her, und der biegsame Faden aus glühendem Stahl geriet vor seinen Augen ins Schwanken und tanzte zum Rhythmus ihres Fingers. Sie ließ den Finger kreisen, und der Stahl wickelte sich um den Mann, nur wenige Zentimeter von seiner Haut entfernt.

»Ein Zucken meines Fingers, Meister Sproul, und ich wickele dich in deiner Feile ein.« Sie öffnete die Hand, die Handfläche nach oben. Eine Flamme entzündete sich heulend und schwebte folgsam in der Luft. »Und wenn ich dich gefesselt habe, dann werde ich dich Zentimeter auf Zentimeter garen, bis du mir die ganze Wahrheit sagst. Bei deinen Füßen fange ich an.«

Seine schiefen Zähne klapperten. »Bitte…«

Sie nahm die Münze in die andere Hand und lächelte ihn kalt an. »Oder, wie gesagt, du kannst dich entscheiden, mir im Tausch gegen diesen Beweis meiner Wertschätzung die ganze Wahrheit zu erzählen.«

Er schluckte, betrachtete das heiße Metall, das ihn umgab, und die zischende Flamme in ihrer Hand. »Ich glaube, ich erinnere mich doch noch an ein wenig mehr. Ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr mich den Rest der Geschichte, der mir gerade eingefallen ist, auch noch erzählen laßt.«

Verna löschte die Flamme in ihrer Hand und ließ die Hitze ihres Han mit einem heftigen Ruck ins Gegenteil umschlagen, zu bitterer Kälte. Die Glut schwand aus dem Metall, als hätte man die Flamme einer Kerze ausgedrückt. Der Stahl wechselte von rotglühend zu eisigem Schwarz und zersprang, daß die Splitter rings um den erstarrten Totengräber wie Hagel niedergingen.

Verna packte seinen Arm, drückte ihm das Goldstück in die Hand und schloß seine Finger um die Münze. »Tut mir leid. Es scheint, als hätte ich deine Feile zerbrochen. Ich bin sicher, dies wird den Schaden mehr als decken.«

Er nickte. Wahrscheinlich war dies mehr Gold, als der Mann in einem Jahr verdiente. »Ich hab’ noch mehr Feilen. Das macht nichts.«

Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Also gut, Meister Sproul, warum erzählst du mir jetzt nicht, was dir sonst noch zu dieser Rechnung einfällt.« Sie packte fester zu. »Und zwar bis in die letzte Einzelheit, egal, für wie unwichtig du sie hältst. Verstanden?«

Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ja. Ich werde Euch jede Einzelheit erzählen. Wie ich schon sagte, Ham hat die Arbeit gemacht. Ich wußte gar nichts davon. Er meinte, er müsse irgendwelche Grabarbeiten für den Palast erledigen, sonst nichts. Ham ist ein mundfauler Bursche, und ich hab’ nicht weiter darauf geachtet.

Gleich danach hat er mir davon erzählt, ganz plötzlich, daß er sich aus dem Geschäft zurückziehen und fortgehen will, um bei seiner Tochter zu wohnen, wie ich Euch gesagt hab’. Er hat immer davon geredet, daß er fortgehen und bei seiner Tochter leben will, bevor er sich sein eigenes Loch schaufeln muß, aber er hatte kein Geld, und sie ist auch nicht besser dran, daher hab’ ich nie darauf gehört. Dann hat er diesen Esel gekauft, sogar ein gutes Tier, daher wußte ich, diesmal ist’s keine Träumerei. Er sagte, er will das Geld für die Arbeit im Palast nicht. Meinte, ich soll einen neuen anheuern, der mir hilft.

Tja, und am nächsten Abend, bevor er loszog, da hat er eine Flasche Schnaps mitgebracht. Ein gutes Tröpfchen, das mehr gekostet hatte als das, was wir sonst immer kaufen. Ham kann nie ein Geheimnis für sich behalten, wenn er mit Trinken anfängt. Das weiß jeder hier! Er erzählt aber nicht überall rum, was er nicht erzählen soll — versteht das nicht falsch, meine Dame —, er ist ein Mann, dem man schon was anvertrauen kann. Aber mir erzählt er alles, wenn er getrunken hat.«

Verna zog ihre Hand zurück. »Verstehe. Ham ist ein guter Kerl und dein Freund. Ich möchte nicht, daß du dir Sorgen machst, weil du etwas verrätst, was man dir anvertraut hat, Milton. Ich bin eine Schwester. Du tust nichts Falsches, wenn du dich mir anvertraust, und du brauchst auch keine Angst zu haben, daß ich dir deswegen Schwierigkeiten mache.«

Er nickte sichtlich erleichtert und brachte ein dünnes Lächeln zuwege. »Also, wie gesagt, wir haben uns diese Flasche vorgenommen und über alte Zeiten geredet. Er wollte weg, und ich wußte, daß ich ihn vermissen würde. Ihr wißt schon. Wir waren lange Zeit zusammen, nicht daß wir keine…«

»Ihr wart Freunde, verstehe. Was hat er gesagt?«

Er lockerte seinen Kragen. »Na ja, wir haben getrunken und ganz feuchte Augen gekriegt, weil wir uns trennen würden. Dieses Zeug war stärker als das, was wir gewohnt waren. Ich hab’ ihn gefragt, wo seine Tochter wohnt, damit ich ihm das Geld von der Rechnung schicken und ihm ein wenig unter die Arme greifen kann. Ich hab’ schließlich diesen Laden und komme zurecht. Ich hab’ Arbeit. Aber Ham hat nein gesagt, er braucht es nicht. Braucht es nicht! Also danach war ich mächtig neugierig. Ich hab’ ihn gefragt, wo er das Geld herhat, und er meint, er hat es gespart. Ham hat nie etwas gespart. Wenn er etwas hatte, dann hatte er es gerade bekommen und noch nicht ausgegeben, das war alles.

Ja, und da hat er zu mir gesagt, ich soll die Rechnung auf jeden Fall an den Palast schicken. Er war richtig hartnäckig. Wahrscheinlich, weil er mich ohne Hilfe zurückgelassen hat. Also frag’ ich ihn: ›Ham, wen hast du für den Palast unter die Erde gebracht?‹«

Milton beugte sich zu ihr hinüber und senkte die Stimme zu einem rauhen Flüstern. »›Hab’ gar keinen unter die Erde gebracht‹, sagt Ham da, ›hab’ einen rausgeholt.‹«

Verna packte den Mann an seinem schmutzigen Kragen. »Was? Er hat jemanden ausgegraben? Hat er das damit gemeint? Er hat jemanden ausgegraben?«

Milton nickte. »So ist es. Habt Ihr so was je gehört? Einen Toten ausgraben? Sie unter die Erde zu bringen macht mir nichts aus, das ist meine Arbeit. Aber die Vorstellung, einen wieder auszubuddeln, da läuft’s mir kalt den Rücken runter. Das ist wie eine Grabschändung. Klar, damals haben wir auf die alten Zeiten getrunken und so und haben uns kaputtgelacht.«

Vernas Gedanken rasten in alle Richtungen gleichzeitig. »Wen hat er exhumiert? Und auf wessen Anordnung?«

»Alles, was er gesagt hat, war, ›für den Palast‹.«

»Wie lange ist das her?«

»Eine ganze Weile. Ich weiß nicht mehr … wartet, das war nach der Wintersonnenwende, aber nicht lange danach, vielleicht bloß ein paar Tage.«

Sie rüttelte ihn am Kragen. »Wer war es? Wen hat er ausgegraben?«

»Ich hab’ ihn gefragt. Ich hab’ ihn gefragt, wer das war, den sie wiederhaben wollten. Er meinte: ›Das war denen egal, ich sollte sie nur einfach bringen, schön ordentlich eingewickelt in ein sauberes Leichentuch.‹«

Verna krallte ihre Finger in seinen Kragen. »Weißt du das ganz genau? Du hattest getrunken — vielleicht hat er dir nur einen Bären aufgebunden?«

Er schüttelte den Kopf, als fürchtete er, sie würde ihn abreißen. »Nein. Ich schwöre es. Ham denkt sich keine Geschichten oder Lügen aus, wenn er trinkt. Wenn er trinkt, erzählt er mir immer nur die Wahrheit. Egal, welche Sünde er begeht, wenn er trinkt, dann beichtet er sie mir. Und ich weiß noch ganz genau, was er mir erzählt hat — es war das letzte Mal, daß ich meinen Freund gesehen hab’. Ich weiß noch ganz genau, was er gesagt hat.

Er hat gesagt, ich soll die Rechnung auf jeden Fall an den Palast schicken, aber ein paar Wochen damit warten, weil sie soviel Arbeit haben, hätte man ihm dort erzählt.«

»Was hat er mit der Leiche gemacht? Wohin hat er sie gebracht? Wem hat er sie übergeben?«

Milton versuchte, ein Stückchen von ihr abzurücken, aber das ließ ihr Griff an seinem Kragen nicht zu. »Weiß ich nicht. Er hat gesagt, er hat sie in den Palast gefahren, auf einem Karren, richtig gut zugedeckt. Sie haben ihm einen Paß gegeben, damit die Wachen seine Ladung nicht durchsuchen. Er hat seine besten Kleider anziehen müssen, damit die Leute nicht merken, wer er ist, und er die feinen Leute im Palast nicht erschreckt und vor allem nicht das feine Empfinden der Schwestern verletzt, die sich mit dem Schöpfer unterhalten. Er hat gesagt, er hat getan, was man ihm aufgetragen hat. Und er war stolz, daß er alles richtig gemacht hat, weil er niemanden gestört hat, als er mit den Leichen da reingefahren ist. Das ist alles, was er mir darüber erzählt hat. Mehr weiß ich nicht, das schwöre ich bei meiner Hoffnung auf das Licht des Schöpfers, wenn mein Leben hier zu Ende ist.«