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Verna war außer sich gewesen, als sie feststellte, daß die Prälatin ihr wichtige Informationen vorenthielt. Die Prälatin hatte sie benutzt, ihr aber nie die Gründe dafür verraten. Die Prälatin hatte sich erkundigt, ob Verna wußte, weshalb sie auserwählt worden war, um Richard suchen zu gehen. Verna sagte, sie halte es für ein Vertrauensvotum. Die Prälatin meinte, es sei, weil sie vermutete, daß die Schwestern Grace und Elisabeth, die sie auf der Reise begleitet hatten und die als erste auserwählt worden waren, Schwestern der Finsternis waren, und sie im Besitz vertraulicher Informationen aus den Prophezeiungen sei, in denen es hieß, die ersten beiden Schwestern würden sterben. Die Prälatin meinte, sie habe von ihrem Vorrecht Gebrauch gemacht, Verna als dritte Schwester auszuwählen.

Verna fragte: »Ihr habt mich ausgewählt, weil Ihr darauf vertraut habt, daß ich nicht eine von ihnen bin?«

»Ich habe dich ausgewählt, Verna«, sagte die Prälatin, »weil du ganz unten auf der Liste standest, und weil du im großen und ganzen recht unauffällig bist. Du bist ein Mensch, von dem man wenig Notiz nimmt. Sicher haben die Schwestern Grace und Elisabeth es deshalb bis an die Spitze der Liste geschafft, weil, wer immer die Schwestern der Finsternis anführt, sie für verzichtbar hielt. Ich habe Euch aus demselben Grunde ausgesucht.

Es gibt Schwestern, die für unsere Sache wertvoll sind. Ich konnte sie für eine solche Aufgabe nicht aufs Spiel setzen. Möglicherweise erweist sich der junge Bursche für uns als wertvoll, aber er ist nicht so wichtig wie andere Angelegenheiten im Palast. Es war schlicht eine Gelegenheit, die zu ergreifen ich mich entschloß.

Hätte es Schwierigkeiten gegeben, und keine von euch wäre zurückgekehrt, nun, ich bin sicher, du verstehst, daß ein General seine besten Offiziere nicht bei einer Mission von geringer Dringlichkeit verlieren möchte.«

Die Frau, die sie angelächelt und mit Anregungen erfüllt hatte, als sie klein war, hatte ihr das Herz gebrochen.

Verna zog die Steppdecke hoch und blickte durch ihre Tränen blinzelnd auf die Wände des Heiligtums. Sie hatte niemals etwas anderes sein wollen als eine Schwester des Lichts. Sie hatte eine von diesen wunderbaren Frauen sein wollen, die ihre Gabe dazu benutzten, hier in dieser Welt das Werk des Schöpfers zu tun. Sie hatte ihr Leben und ihr Herz dem Palast der Propheten geschenkt.

Verna wußte noch genau den Tag, als sie kamen, um ihr zu sagen, daß ihre Mutter gestorben sei. An hohem Alter, wie es hieß.

Ihre Mutter besaß die Gabe nicht und war daher für den Palast ohne Wert. Ihre Mutter lebte nicht in der Nähe, und Verna sah sie nur selten. Als ihre Mutter in den Palast kam, um Verna zu besuchen, war sie erschrocken, daß ihre Tochter nicht alterte wie ein normaler Mensch. Sie hatte das nie verstehen können, egal, wie oft Verna versuchte, ihr diesen Bann zu erklären. Verna wußte, der Grund lag darin, daß ihre Mutter sich davor fürchtete, wirklich zuzuhören. Magie machte ihr angst.

Auch wenn die Schwestern keinerlei Versuch unternahmen, die Existenz des Banns rings um den Palast zu verheimlichen, der ihren Alterungsprozeß verlangsamte, die Menschen, die die Gabe nicht besaßen, hatten trotzdem Schwierigkeiten, sich einen Reim darauf zu machen. Dies war Magie, die keine Bedeutung für ihr Leben hatte. Die Menschen waren stolz darauf, in der Nähe des Palastes zu leben. Und wenn sie den Palast auch voller Ehrerbietung betrachteten, so grenzte die Ehrerbietung doch an ängstliche Vorsicht. Sie wagten es nicht, ihre Gedanken auf Dinge zu richten, denen soviel Macht innewohnte, etwa so, wie sie die Wärme der Sonne genossen, es aber nicht wagten, direkt hineinzusehen.

Als ihre Mutter starb, war Verna seit siebenundvierzig Jahren im Palast, und doch war sie dem Aussehen nach gerade erst zu einer jungen Frau herangewachsen.

Verna erinnerte sich an den Tag, als man kam und ihr mitteilte, daß Leitis, ihre Tochter, gestorben sei. An Altersschwäche, hieß es.

Vernas Tochter, Jedidiahs Tochter, besaß die Gabe nicht, und war daher ohne Wert für den Palast. Es wäre besser, hieß es, wenn sie von einer Familie aufgezogen würde, die sie liebte und ihr ein ganz normales Leben möglich machte. Ein Leben im Palast sei für jemanden ohne die Gabe kein Leben. Verna hatte das Werk des Schöpfers zu erledigen und fügte sich stillschweigend.

Besaßen sowohl Mann und Frau die Gabe, so erhöhte sich die Chance, wenn auch kaum, daß die Nachkommen ebenfalls mit der Gabe geboren wurden. Daher konnten Schwestern und Zauberer mit Zustimmung, wenn nicht gar offizieller Ermunterung rechnen, wenn sie ein Kind zeugten.

Einer Übereinkunft zufolge, die der Palast stets unter solchen Umständen traf, wußte Leitis nicht, daß die Menschen, die sie aufzogen, nicht ihre leiblichen Eltern waren. Verna vermutete, daß dies zu ihrem Besten war. Was für eine Mutter hätte eine Schwester des Licht schon sein können? Der Palast hatte für ihre Familie gesorgt, so brauchte sich Verna wegen des Wohlergehens ihrer Tochter keine Sorgen zu machen.

Mehrere Male war Verna zu Besuch gekommen — als Schwester, die einer Familie ehrlicher, hart arbeitender Menschen den Segen des Schöpfers brachte —, und Leitis hatte stets glücklich ausgesehen. Bei Vernas letztem Besuch war Leitis grau und gebeugt gewesen und hatte nur noch mit Hilfe eines Stockes laufen können. Für Leitis war Verna nicht mehr dieselbe Schwester, die sie besucht hatte, als sie, sechzig Jahre zuvor, ›Fangt den Fuchs‹ mit ihren jungen Freundinnen gespielt hatte.

Leitis hatte Verna angelächelt, aus Freude über den Segen, und hatte gesagt: »Ich danke Euch, Schwester. So jung und schon so begabt.«

»Wie geht es dir, Leitis? Hattest du ein gutes Leben?«

Vernas Tochter lächelte bescheiden. »Aber ja, Schwester, ich hatte ein langes und glückliches Leben. Mein Mann ist vor fünf Jahren gestorben, doch davon abgesehen hat der Schöpfer mich gesegnet.« Dann hatte sie stillvergnügt gelacht. »Ich wünschte nur, ich hätte noch mein braunes, lockiges Haar. Es war einmal so wunderschön wie Eures. Ja, das war es — das schwöre ich.«

Beim Schöpfer, wie lange war es her, daß Leitis gestorben war? Es mußte an die fünfzig Jahre her sein. Leitis hatte Kinder gehabt, doch Verna hatte nicht einmal ihre Namen erfahren wollen.

Der Kloß in ihrem Hals schnürte ihr beim Weinen fast die Kehle zu.

Sie hatte soviel dafür gegeben, eine Schwester zu sein. Sie hatte den Menschen einfach nur helfen wollen. Nie hatte sie etwas verlangt.

Und war zum Narren gehalten worden.

Sie hatte nicht Prälatin werden wollen, doch jetzt fing sie gerade an zu glauben, sie könnte die Stellung vielleicht dazu benutzen, den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen und das Werk zu tun, für das sie alles andere geopfert hatte. Statt dessen war sie ein weiteres Mal zum Narren gehalten worden.

Verna hielt die Decke fest umklammert und schüttelte sich unter Weinkrämpfen, bis das Licht vor den kleinen Fenstern in den Giebeln längst erloschen war, und ihre Kehle rauh wurde.

Mitten in der Nacht beschloß sie schließlich, ins Bett zu gehen. Sie wollte nicht im Heiligtum der Prälatin bleiben, der Raum schien sie nur zu verhöhnen. Sie war nicht die Prälatin. Endlich hatte sie alle ihre Tränen vergossen und spürte nichts als ein betäubendes Gefühl der Erniedrigung.

Sie bekam die Tür nicht auf und mußte auf dem Fußboden herumkriechen, bis sie den Ring der Prälatin fand. Nachdem sie die Tür verschlossen hatte, steckte sie sich den Ring wieder auf den Finger, als Erinnerung, als weithin sichtbares Zeichen dafür, wie leichtgläubig sie gewesen war.

Mit ausdrucksloser Miene schlich sie zurück ins Büro der Prälatin, unterwegs ins Bett der Prälatin. Die Kerze hatte getropft und war ausgegangen, also zündete sie eine andere auf dem Schreibtisch an, auf dem sich noch immer die Berichte stapelten. Was würde Phoebe denken, wenn sie herausfand, daß sie in Wirklichkeit nicht die Verwalterin der Prälatin war? Daß sie von einer recht unbedeutenden Schwester von nur geringem Ansehen ernannt worden war?