Sie hätte niemals für möglich gehalten, daß solch furchteinflößende Kraft zusammengetragen werden könnte. Außer dem Schöpfer oder dem Hüter gab es auf der Erde keine Kraft, die der, über die sie jetzt verfügten, auch nur nahekam.
Ulicia war der beherrschende Knoten der Verbindung und die einzige, die die Energie befehligen und lenken konnte. Ständig mußte sie das im Innern lodernde Feuer ihres Han kontrollieren. Worauf ihr Blick auch fiel, es schrie danach, entfesselt zu werden. Bald würde es soweit sein.
In der Verbindung besaßen das weibliche und das männliche Han, die Additive und die Subtraktive Magie, genug zerstörerische Energie, um ein Zaubererfeuer im Vergleich dazu wie eine Kerze aussehen zu lassen. Mit einem einzigen Gedanken könnte sie den Hügel, auf dem die Festung stand, dem Erdboden gleichmachen. Mit einem einzigen Gedanken könnte sie überhaupt alles in ihrem Blickfeld dem Erdboden gleichmachen, und womöglich noch darüber hinaus.
Wenn sie sicher gewesen wäre, daß Jagang sich in der Festung befand, hätte sie längst ihren alles vernichtenden Zorn freigesetzt. Wenn er jedoch nicht dort war und es ihnen nicht gelang, ihn zu finden und zu töten, bevor sie wieder einschliefen, dann würde er sich ihrer bemächtigen. Zuerst mußten sie feststellen, ob er sich dort befand. Anschließend würde sie eine Kraft freisetzen, wie man sie in dieser Welt noch nicht gesehen hatte, und Jagang in Staub verwandeln, bevor er auch nur mit der Wimper zucken konnte. Ihr Meister würde dann seine Seele bekommen und Jagang bis in alle Ewigkeit büßen lassen.
Am Ende des Fallreeps stellten sich die vier Matrosen um sie herum auf, um sie vor dem Regen zu schützen. Ulicia fühlte, wie sich die Muskeln bei allen ihren Schwestern anspannten, als sie den Kai entlanggingen. Über die Verbindung konnte sie jeden kleinen Schmerz, jede Pein und jede Freude spüren, die sie empfanden. In ihrem Geist waren sie eins. In ihrem Geist waren sie beseelt von einem Gedanken, einem Wunsch: sich von diesem Blutsauger zu befreien.
Schon bald, Schwestern, schon bald.
Und dann jagen wir den Sucher?
Ja, Schwestern, dann jagen wir den Sucher.
Während sie den Kai entlang marschierten, trabte ein Trupp schauerlich aussehender Soldaten mit klirrenden Waffen in der entgegengesetzten Richtung vorbei. Sie liefen, ohne anzuhalten, das glatte Fallreep hinauf. Der Corporal des Trupps blieb vor dem empörten Kapitän des Schiffes stehen. Sie verstand nicht, was der Soldat sagte, aber sie sah, wie Captain Blake die Arme in die Höhe riß, und konnte hören, wie er brüllte: »Was!« Der Kapitän warf wütend seine Mütze auf den Boden und setzte zu einem Wortschwall aus Einwänden an, den sie nicht verstand. Hätte sie die Verbindung ausgeweitet, hätte sie es gekonnt, aber sie wollte das Risiko nicht eingehen. Noch nicht. Die Soldaten zogen ihre Schwerter blank. Captain Blake stemmte die Fäuste in die Hüften und wandte sich kurz darauf an die Männer auf dem Kai.
»Macht die Leinen fest, Männer«, brüllte er zu ihnen hinunter. »Wir stechen heute abend nicht mehr in See!«
Als Ulicia die Kutsche erreichte, streckte ein Soldat seine Hand aus und befahl ihnen einzusteigen. Ulicia ließ die anderen zuerst hineinklettern. Sie spürte die Erleichterung der beiden älteren Frauen, als sie endlich auf dem dünn gepolsterten Ledersitz Platz nehmen konnten. Der Soldat befahl den vier Matrosen, die sie begleitet hatten, zur Seite zu treten und zu warten. Als Ulicia einstieg und die Tür hinter sich zuzog, sah sie, wie die Soldaten auf dem Schiff sämtliche Matrosen von der Lady Sefa das Fallreep hinuntertrieben.
Wahrscheinlich wollte Kaiser Jagang alle Zeugen zum Schweigen bringen, die ihn mit den Schwestern der Finsternis in Zusammenhang brachten. Jagang tat ihr damit einen Gefallen. Er würde natürlich keine Gelegenheit erhalten, die Besatzung des Schiffes zu töten. Sie dagegen schon, da man den Seeleuten nicht erlaubte, in See zu stechen. Sie lächelte ihren Schwestern zu. Durch die Verbindung wußten alle, was sie dachte. Jede der anderen fünf antwortete mit einem zufriedenen Lächeln. Die Seereise war entsetzlich gewesen. Dafür würden die Matrosen bezahlen.
Während der langsamen Fahrt zur Festung, am Ende einer Steigung, sah Ulicia im Aufleuchten eines Blitzes das Ausmaß der Armee, die Jagang versammelt hatte, und war überrascht. Immer wieder, wenn ein Blitz die Hügel erhellte, konnte sie Zelte sehen, so weit das Land reichte. Grashalmen im Frühling gleich, bedeckten sie die hügelige Landschaft. Ihre Anzahl ließ die Stadt Tanimura wie ein Dorf erscheinen. Sie hatte nicht gewußt, daß in der gesamten Alten Welt überhaupt so viele Soldaten unter Waffen standen. Nun, vielleicht würden sie sich ebenfalls als nützlich erweisen.
Wenn die verästelten Blitze unter den brodelnden Wolken aufflackerten, konnte sie auch die schauerliche Festung erkennen, in der Jagang auf sie wartete. Über die Verbindung konnte sie die Festung auch mit den Augen ihrer Schwestern sehen und ihre Angst fühlen. Sie alle wollten diese Hügelkuppe in die Vergessenheit sprengen, aber jede einzelne von ihnen wußte, daß sie dies nicht konnten. Noch nicht.
Es war ausgeschlossen, daß sie Jagang nicht erkannten, wenn sie vor ihm standen — es war ausgeschlossen, daß auch nur eine von ihnen dieses aufgesetzt grinsende Gesicht nicht wiedererkannte —, aber zuerst mußten sie ihn sehen, um ganz sicher zu sein.
Wenn wir ihn sehen, Schwestern, und wissen, daß er dort ist, dann wird er sterben.
Ulicia wollte die Angst in den Augen dieses Mannes erspähen, dieselbe Angst, die er in ihre Herzen gepflanzt hatte, aber sie wagte nicht, ihm irgendeinen Hinweis auf ihr Vorhaben zu geben. Ulicia wußte nicht, wozu er fähig war. Schließlich waren sie im Traum, der keiner war, noch nie von einem anderen als ihrem Meister, dem Hüter, besucht worden, und sie hatte nicht die geringste Absicht, Jagang, nur um der Genugtuung willen, ihn zittern zu sehen, durch irgend etwas zu warnen.
Sie hatte absichtlich gewartet, bis sie in den Hafen von Grafan einfuhren, bevor sie den Schwestern ihren Plan enthüllte — nur um sicherzugehen. Ihr Meister würde für Jagangs Bestrafung sorgen. Ihre Aufgabe war es nur, seine Seele an die Unterwelt zu liefern, in den Machtbereich des Hüters.
Der Hüter würde mehr als erfreut sein, wenn sie seine Macht in dieser Welt wiederhergestellt hätten, und würde sie mit einem Einblick in Jagangs Qualen belohnen, falls sie dies wünschten. Und wie sie es sich wünschten.
Die Kutsche kam mit einem Ruck vor dem beeindruckenden Tor der Festung zum Stehen. Ein stämmiger Soldat, der einen Fellumhang trug und genug Waffen, um alleine eine Armee von beträchtlicher Größe niederzumetzeln, befahl ihnen auszusteigen. Die sechs marschierten schweigend durch Regen und Matsch und betraten unter dem gewölbten Dach hinter dem eisernen Fallgitter hindurch die Festung. Man führte sie in einen dunklen Eingang, wo es hieß, sie sollten stehenbleiben und warten — so als hätte eine von ihnen die Absicht, sich auf den schmutzigen, kalten Steinfußboden zu setzen.
Schließlich hatten sie alle ihre feinste Kleidung angelegt: Tovi, die ein dunkles Kleid trug, das ihrer Figur schmeichelte, Cecilia, deren gebürstetes und ordentliches graues Haar einen schönen Kontrast zu ihrem tiefgrünen, am Kragen mit Spitzen besetzten Kleid bildete, Nicci in einem schlichten Kleid, schwarz wie stets und am Oberteil auf eine Weise mit Spitzen besetzt, die die Form ihres Busens betonte, Merissa in einem roten Kleid, der Farbe, die sie bevorzugte, und das aus gutem Grund, da es sich von der dichten Mähne dunklen Haares abhob, ganz zu schweigen davon, daß es ihre ausgezeichnete Figur hervorhob, Armina, die ein dunkelblaues Kleid anhatte, das ihren durchaus wohlgeformten Körper erkennen ließ und gut zu ihren himmelblauen Augen paßte, und Ulicia in ihrer kleidsamen Aufmachung, einen Ton heller im Blau als Arminas und im Dekollete sowie an den Handgelenken mit geschmackvollen Rüschen abgesetzt und in der Taille schmucklos, um ihre wohlgeformten Hüften nicht zu verbergen.